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Neue jüdische Presse · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gerte 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 8. Ende der Tage bedeutet nicht das Ende der Menschheit, sondern vielmehr den Anfang einer neuen Menschheit: einer neuen Zeit, einer neuen Welt. Das Ende der Tage bedeutet bas Ende des Krieges unter de» Völkern, das Ende der Feindseligkeiten unter den Menschen. Ter Krieg Mer gegen Mte muß aufhören: Die Schwerter müssen umgeschmiedet werden in Winzermesser. Friede soll auf Erden werden: Der Weltfriedc — das ist das Zukunftsbild des Messianismus. „Diese Zukunft bezeichnen die Propheten, indem sic die Befreiung der Menschen vom Kriege der Völker an die politische Sehnsucht auf die Freiheit des eigenen Volkes anknüpfen, mit demjenigen Ausdruck, unter welchem die eigene Sprache und die eigene Politik den höchsten Vertreter des Staates dachte: als Messias." Me Politik soll auf diese Zukunft hinstreben; alle Politik soll diese Zukunft als ihrem Leitstern ansehen. Die Weltpolitik soll den Weltfrieden erstreben. In dieser politischen Bedeutung Me sianismus besteht vorzugsweise sein ethischer Wert. Im politischen Denken reift so die Religion der Propheten: er ist ja selbst Politiker, Patriot und Märtyrer. „Er ist der Anwalt der Armen, die von der Herrschaft am Staate ausgeschlossen sind. Er ist der fteie Redner, der mit der Geissel seines Enthusiasmus auftritt gegen die Könige, die Fürsten, die Neichen und die Priester. Aber er begnügt sich nicht damit, Liebe zu predigen gegen die Armen; gegen die Witwe und Waise, sondern in seinem Horizonte erhebt sich der Fremdling. Und der Frenidling bleibt nicht der Gastfremde, für den auch Zeus ein besonderes Ressort hätte, sondern er wird zum Vertrete rdesMcnschen unter den Völkeru." Hier ist wohl die Uebereinstiimnung zu erkennen zwischen der politischen Geschichte des jüdischen Volkes und der inneren Logik jenes Gedankens, den sein Nationalgeist erzeugte: zwischen der monotheistischen Sittlichkeft der Propheten und der Wandelungen und Leiden, die ihrem Volke schieden waren. Sie lernten im Exil fremde Völker zu schätzen; und so ivurdc der Einzige Gott de» Schranken eines Nationalgotlcs entrissen. Ter Partikularismus wurde von den Propheten in eine» Univerjalismus ausgelöst. Ter Einzige Gott ist der Einzige Gott der Eine» Menschheit. „Tie Einheit Gottes bedeutet von Anfang an nichts Anderes als die Einheit der Menschheit": Gott ist der Vater aller Menschen. Tic Propheten entdeckten den Einzige» Gott an ihrer messianischen Idee von der einstigen Einigung der Menschheit. Es gibt zu denke» — sagt Cohen — das; die Idee des Menschen bei dem Juden Philo als solche bezeilbnct ist. Tie Einheit des Menschen an der Vielheit bildet bei ihm ein fundamentales Problem angesichts der Vielheit der Menschen. Tie Einheit des Menschen bedeutet ihm die Einheit des Menschengeschlechts. Dies ist der in e s s i a n i s ch e Gedanke, den er von den Propheten ererbt hat. Sie traten dem parlikularistischen Patriotismus durch den Gedanken des Kosmopolitismus entgegen. „Ihr Patriotismus war der edelste, der erhabenste; aber die Menschheit ging ihnen über ihr Volk. Und so traten sie ans wider die Könige und die Fürsten, die Priester und die Adligen; sie gingen in Kerker und Exil; alle tragischen Leiden nahmen sie auf sich, die bitterer sind als der Tod. Sie wurden Märtyrer nicht eigentlich, was man so nennt, für eine Glaubenslehre; sondern das ist das rein Menschliche an ihnen, das; sie für ihre Politik sich opfern; daß diese Politik nichts Anderes ist, als was wir heutzutage jS o z i a l i s m u s nennen." Ter Messianismus bildet also das Problem der sozialen Gleichheit und somit das Problem der Geschichte: er ist das Ideal, das Zuknnstsbild der menschlichen Gesellschaft. 'Ist es denn nicht eine Utopie? Nein! — lautet die Antwort des Messianismus. Tie ethischen Ideen würden sich doch endlich den Weg zu einer neuen Menschheit bahnen: dies ist der Glaube des Messianismus, an die . Macht des Guten. Glaube und arbeite, glaube an das Sittliche und arbefte am Sittlichen: so spricht zu uns der Messianismus. Und das ist der echte Opttmismus: der Glaube an die sittliche Arbeit. Es ist aber ein falscher Optimismus, wenn man sagt: Alles in der Wett ist gut, da es doch von Gott kommt. Tqs ist kein Glaube an die sittliche Arbeit, an das sittliche Werden; sondern an bas starre, tote Sei». Nicht: cs ist gut, sondern: es wird gut sein — sagt der Messianismus. Das Leiben ist da; das muß anerkannt werden: und darum muß eifrig: für das Heil der Menschheit gearbeitet werde». Tsr- Glaube an den Sieg des Sittlichen setzt bereits die sittlichen Kämpfe voraus: kein-Sieg ohne Kampf! Daher dürfen uns all die Rcaktionsströmungen nicht entmuttgen, die Sackgassen der Geschichte unser» Weg nicht verdunkeln; sie sind uns ein Ansporn zum Kampf, zu einem begeisterten Kampf: weil schwierigen. Und: „mag die Realität des Sittlichen noch so arg verschleiert, verlästert und verschränkt werden, der sittliche Geist kann an ihrem unverlierbarem Besitzer nicht verzweifle»." So ist der Messianismus zu verstehen. Das ist der Optimismus des Judentums: der Glaube an das. Gute. „Ter Glaube an das Böse ist die Wurzel des Bösen im Menschen. Ten Pessimismus deklariert er damit als das radikale Böse." * * * „Tiefe Hoffnuiigsfreudigkeit, diese Lebens- und Siegeszuversicht hat die .Messiasidee durch die Geschichte getragen. Mit diesem messianischcm Ideal, das die Zähigkeit, die Ansdauer, die Zuversicht glorifiziert, sind die Bekenner des Monismus seit dreitausend Jahren erzogen worden. Und dieser Zähigkeit, dieser Lenkung durch optimistische Lebenideale danken sic es, daß sie durch die trüben Flntenwcllen der Geschichte, an denen Hunderte von Stämmen und Nationen zerschellt sind, hindurchgerungen, hindurchgebissen haben."^) Tiefe kernigen Sätze Steins dürfen hier wohl ini Sinne Cohens angeführt werden, wie sehr sie auch sonst in ihren Anschauungen über de» Messianismus auseinandergeheii mögen. Wir haben nun die Grundprinzipien der jüdischen Sitteulehrc, wie sie von Eohen begriffen und verwertet werde», dargelcgt. Wir werden noch vielleicht in einem anderen Zusammenhänge — über die jüdische R e l i g i o n s p h i l o s o p h i'e — noch manche Gedanken Cohens über die Lehren des Judentums auseinandersetzen und kritisch beleuchten. Im nächsten Kapitel — dem letzten dieser Serie — soll nun die Würdigung der Persönlichkeit Cohens gegeben werden neben einer Kritik seiner Anschauungen über das Jüdische, die soloohl mit der Religion Vom Standpunkte des überlieferten Indent n m s als auch mit der Nationalität in manchen prinzipiellen Fragen nicht übereinstjninien. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Unter der Spihmarke »Der liebenswürdige Kriegs m ini st c r" erzählt die „Welt am Montag" aus Königsberg: „Für die orthodoxen Inden gibt cs eine Vorschrift, daß sie am Sonnabend nur im geschlossene» Raum etwas tragen dürfen. Nun legten sich die Königsberger frommen Juden die Sache so aus: Tie Festung ist ein geschlossener dlautn, also dürfen unsere Kinder am Sonnabend die Mappen zur Schule tragen. Daher große Verlegenheit, als kürzlich ein Teil der Mauer fiel, um eine Straße nach einer außenliegenden Villenkolonie anzulegen. Man wandte sich an den kommandierenden General, der die Mauer wieder schließen lassen sollte. Vergebens! Tann an den Kriegsminister und das hatte Erfolg. Tie Mauer wurde zwar nicht wieder aufgebaut, aber man hat die Lücke durch einen Draht geschlossen und dadurch sind die frommen Gemüter beruhigt. Gewiß ei» freundliches Entgegenkommen des Herrn Kricgsministers, der wohlwollend einer kleinen orthodoxen Minderheit Gewährung genickt hat. Wichtiger aber, als solcher Gnadenakt iväre cs, wenn er ernstlich den Vorschriften und den Geist der Verfassung in der Armee Geltung zu verschaffen vermöchte und deshalb allen Angehörigen der Armee, zu ivelchen Glauben sie sich auch bekennen, die gleichen Rechte für gleiche Pflichten und gleiche Leistungen durchsetzen würde. Daran aber hapert cs bekanntlich seit langem in der preußischen Armee." M.! Tie Königsbcrger orthodoxen Juden haben sich nichts ausgelegt, sondern sie 'haben genau »ach den Vorschriften des jüdischen Gesetzes gehandelt. Berlin. Nachdem GrafPückler., der bekannte Judenfresser, vorige Woche wegen Aufreizung zu Ge waltätig leiten, zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden ist — er hat gegen ->) Mid. dieses Urteil Revision eingelegt —, ist nunmehr gegen ihn wegen verschiedener Wendungen, die er in seiner letzten, in Potsdam gehaltenen öffentlichen Rede gc-- brauchte, ein M a j e st ä t s b c l e i d i g n n g S v ersah r e n eingeleitet worden. c Halberstadt. Da weite Kreise sich für Verbesserungen in den Vorbereitungen z u m Schächten interessieren, so dürste cs für die Leser Ihres Blattes, namentlich für die Rabbiner mrd Gemeindeverwaltungen', ebenso für die Schächter selbst, von Wichtigkeit sein, zu erfahren, daß vor etwa 10 Tagen hier im städtischen Schlachthause der Lege- und Fesselapparat von S. Goldberg in Herford versuchsweise in Gegenwart des Erfinders angewendet wurde. Das Resultat war glänzend. Innerhalb zwei bis drei Minuten, nachdem ein Tier das Schlachthaus betreten hat, ist der Apparat angelegt, das Tier sanft niedergelassen und der Schächtschnitt vollzogen, Schnelligkeit, Handhabung und Wirkung lassen nichts zu wünschen übrig. Kn Verbindung mit dein hier seit Jahren eingcsührten Kopfhalter dürfte das Verfahren eine so wesentliche Verbesserung erfahren haben, daß böswillige Entstellungen unserer Gegner verstummen sollten. Unser Rabbiner und der Vorstand werden, wie wir annehmen, gern bereit sein, Auskunft zu geben, auch es vermitteln, daß, falls eine jüdische Gemeinde sich hier durch Augenschein eines Bevollmächtigten überzeugen lassen will, ihr hier dazu Gelegenheit geboten wird. Gotha. Im abgelausenen Jahre wurden im hiesigen Krematorium 8 jüdische Leichen verbrannt. Altona. Eine furchtbare Bluttat wurde in der Kirchenallee bei Hellem lichten Tage begangen. Ter 70jähr. Synagogenangestellte Rendsburg wurde von einem elegant gekleideten Herrn angesallen; ehe man es verhindern konnte, zog der Unbekannte einen Revolver hervor und gab hintereinander vier Schüsse auf Rendsburg ab, der zu Tode verletzt ins Kranlenhaus geschasst wu-de, wo er nach wenigen Stunden verstarb. Der Täter, ein Elektrotechniker Heim, stellte sich am Nachinittage der Polizei und erzählte dort in durchaus ruhiger Weise den Hergang, sodaß man zunächst keinen Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit hegen konnte. Erst als er davon sprach, daß er stets von Juden verfolgt würde und sich von diesem Zwange durch Beseitigung des Rendsburg habe befreien müssen, erkannte man, daß man es mit einem a ii Verfolgungswahn Leidenden zu tim habe. Tie traurige Tat kennzeichnet sich als eine Folge der Pücklerschen Hetzreden. Ter Täter war eifriger Leser der Pücklerschen Reden nnd führte solche auch bei seiner Festnahme mit. sich. Zwickau (Sachsen). Die neuerrichtete israelitische Gemeinde für die amtshanptmannschaftlichen Bezirke Zwickau nnd Schivarzenberg errichtet hier eine A n d a ch t s st ä t t c. Tie Gemeinde zählt etwa 180 Glieder. Friedland (Rieder-Lausitz). In der Gubener Zeitung finden ioir unter der Spitzinarke Versteigerung einer Synagoge die folgende interessante Notiz: „Bei der Versteigerung des früheren jüdischen Gotteshauses erhielt Maurermeister Busch aus Liebe--' rose mit 260 JL Angebot den Zuschlag. Der Tempel wurde ans Abbruch verkauft. Vor ungefähr ISO Jahren wurde diese Audachtsstätte unter schweren Opfern der damals in Friedland' ansässigen, meist unbemittelten Juden erbaut. 80 Jahre lang war dann dieser Tempel für die vielen in jener Gegend wohnhaften Juden eine Stätte der Erbauung, und eine Reihe tüchtiger Männer amtierten als Rabbiner. Die unbemittelte Gemeinde konnte aber schließlich nicht länger. die erforderlichen Beiträge aufbringen, das Rabbinat mußte eingehen und der Gottesdienst von einem Kantor der zugleich Schächter war, geleitet werden. Dies währte jedoch auch nur bis zum Jahre 1866. Die Gemeinde wurde immer kleiner und die wenigen Mitglieder waren nicht mehr in der Lage, den Kantor zu unterhalten. Im Tempel fand nur noch an den allerhöchsten Festtagen Gottesdienst statt, die von auswärtige» Borbctern geleitet wurden. Dies ging bis zum Jahre 1876. Von da ab stand der Tempel gänzlich verwaist; die zwei darin bcsindlicheil Wohnungen wurden vernichtet. Ein strenggläubiger Rabbiner, der auf dem jüdischen Friedhofe in Friedland beerdigt ist, hatte einst aus seinem Sterbebette die harten Worte ausgesprochen : „Es . wird die Zeit kommen, wo sich in Friedland kein Jude mehr halten wird." Ihm waren bei einem großen Brande in Friedland (1628), wobei auch der Tempel zu Grunde gegangen war, Frau und Tochter mit verbrannt. Seine Prophezeihung sollte in Erfüllung gehen, heute lebt kein Jude mehr in Friedland. So mußte man sich mit dem Gedanken vertraut machen, den Teyipel gänzlich abzubrechen. Die Abbruchsverhandlungen datieren schon vom Jahre 1895, und da auch die wenigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Lieberose die Erhaltung des Gebäudes nicht mehr durchführen konnten, wurde endgültig beschlossen,' den Tempel zum Abbruch zu verkaufen. . Der Platz, worauf der Tempel 'auf Erbpacht gebaut ist> fällt an den Besitzer Gastwirt Oberstüdt zurück. Die innere (Sin-

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