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Neue jüdische Presse · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Seine Gattin, die ziemlich abgespannt aussah, blickte auf die Uhr und sagte seufzend: „Lieber Mann, ich muß Dich leider bald verlassen. Ich werde Toilette nLlchcn, der Maler Küppers bat uns. sein Atelier zu besichtigen und erwartet :u:s heute." Eine Unmutswolke überflog das Gesicht ihres Mannes. „Liebe Iba, willst Tu Dich nicht einmal einen halben Tag ausruhen?" „ES ermüdet mich nicht, wenn ich mit den Kindern das Atelier eines befreundeten Künstlers besuche, außerdem sind wir unserer Stellung schuldig, unser Interesse'für die Kunst durch die Tat zu beweisen." „Es geht unbedingt das vor, was wir unserer Familie schuldig sind. Wenn Tu müde und abgespannt bist, so ruhe Dich aus und laß die Kunst mit den Künstlern zum Kuckuck gehen. Jti der Gesellschaft hältst Tu Tich künstlich aufrecht, und im Hause, in der Familie bist Tu total erschöpft; dadurch sündigst Tu an Mann und Kindern. Ist denn alles vergessen. was Toktvr Weil Dir vorausgesagt?" Beim Beginn der Auseinandersetzung halten die Kinder das Zimmer verlassen. „Komm, Erna," sagte Heinrich, „tvir ivollen Musik machen". Sie schleuderten ins Musikzimmer.. Erna setzte sich ans Klavier, Heinrich nah», seine Violine, und bald ertönten die herrlichen Klänge der Beethovenschen erste» Biolimönate durch den Raum. Als Herr Berger geendet, erhob sich seine grau und sagte dorthin deutend, woher die Musik ertönte: „Für diese opfere ich mich. Unsere Tochter soll vornehm heiraten, dann ist unserm.Sohn der Weg gebahnt." „Unsere Tochter ist so unnvorbe», daß wir diese ' Mittelchen entbehren können." „Das gebe ich zu, wenn ich nur au die jüdischen Kaufleutc und wenigen studierten Herren denke, die bei uns verkehren, und bei denen unsere Tochter eine einfache Frau Koh» oder Itzig wäre, allenfalls niit dem Doktortitcl vor dem Namen. Wir Zndcnsrauen sind ja alle nichts anderes." Er erwiderte sarkastisch: »Ich glaube. Du hast Tich als einfache Judenfrau nicht zu beklagen, besonders wenn Du Dich erinnern willst, daß Deine Eltern den Bauern einen Schnaps für fünf Pfennige einschänkteu." Sie überhörte diesen Einwurf. „Ich verlange nicht, daß Erna einen Juden heiratet. Ein Gatte unseres Glaubens kann ihr niemals eine Stellung geben, und die moderne Erziehung hat in ihr eine gewisse Abneigung gegen das alttestainentarische groß gezogen. Lieber Mann," fuhr sie eindringlich fort/„alle unsere Glaubensgenossen bleibe» Juden, heiraten jüdisch nur so lange, bis sie einen gewissen Grad des Reichtums erlangt. Sobald sie diesen erworben, werfen sic den veralteten Glauben, der ihnen schon längst zur Last geworden, über Bord und treten nun erst in die Kulturwelt ein. Sollte unsere schöne, geistreiche Erna nicht der vornehmsten Stellung zur Zierde gereichen?" Er antwortete nachdenklich: „Im Prinzip bin ich nicht gegen eine Heirat mit einem Christen, obgleich das Kind »ns dadurch entfremdet werden könnte. Da ich selbst meine Religion niemals wechsele, wäre ' ich doch glücklicher mit einem jüdischen Schwiegersohn, und ich bitte Dich dringend, Erna nicht nach der anderen Seite hin zu beeinflussen. Es ist doch ein getvagtes Spiel mit dem Glück. Oder hat das Kind schon sein Ideal?" „Keineswegs, sic ist mit ihren »cunzehn Jahre»' iwch ganz kindlich. Eben weil ihr so viel gehuldigt wird, spottet'sie aller Verehrer, aber der Rechte wird schon kommen." Er furchte seine Stirn. „Behüte Deine Tochter, damit sie nicht das Opfer einer Spekulation wird. Ich kann meinen Sohn leiten, aber ein Mädchen kann nur von seiner Miüier, ihrer Vertrauten, beschirmt und behütet werden." Kapitel 13. Doktor Weil war Vertrauensarzt der Versicherungsgesellschaft des Inspektor Meyer nnd deshalb mit diesem gut bekannt. Mittags fand er eine Einladung auf feinem Schreibtische, er möchte an der Verlobuiigsfeier des Fräulein Selma Meyer mit Herrn Max Jonassohn am Sylvesterabcnd teilnehmen. Er brummte: .„Das kann Meyer ivirklich niit Pauken und Trompeten feiern, wenn er die Vogelscheuche los toird. Wer aber ist der Mutige, der diese Schwiegermutter nicht fürchtet?" Er erinnerte sich des Herrn Jonassohn als eines Jünglings mit häßlichen: Ansdruck, Inhaber eines Herrenkleidcrmagazins. Er seufzte. „Schon des Mteu tvcgen muß ich hingchen. Vielleicht kommt sie auch hin." Er lief im Zimmer auf und ob: „Ich üiutz ein Etrdc machen. Das kleine Mädchen macht-mich sonst ganz toll. Hätte sie doch nicht so viel Geld! So Kalten sie es alle sur Spekulation. 2lch was, ich bin Doktor Weil und kenne meinen Wert." Heinrich, der mit der ganzen Familie eingeladen war, freute sich sehr auf das Fest. „Lieber Vater, dort sind auch jedenfalls die alten Herren, Eure Freunde. Dann lenke das Gespräch bitte ans die früheren Zeiten, ich höre so gerne Frankfurter Israelitisches Familienblatt. davon reden, besonders wenn die Jargonwitze dazwischen kommen." Sein Vater.lächelte und versprach es, die Mutter aber seufzte bekümmert über die plebejischen Neigungen des Jungen. Erna meinte nascrümpfend: „Dies Milieu ist mir ganz und gar nicht sympathisch, doch Vaters wegen dürfen wir nicht scrnbleiben." Bei Meyers aber war am letzten Tage des Jahres reges Leben. In der Küche schnwrte und brodelte cs. Selma schrieb Tischkärtchen, faltete kunstreich Servietten. Der Vater half im Saal den großen Tisch verlängern, decken, Flaschen entkorken nnd was dieser nützlichen Dinge mehr sind. Frau Meyer kam aus der Küche und sächelte sich mit der großen, blauen Schürze Kühlung zu. Sic ging zu ihrer Tochter. „Run, Selma, mein Kind, wirst Du ohne Hilfe fertig?" fragte sie und küßte sie auf die Stirn. Seltsam, wie diese ewig keifende Frau in: Augenblick durch die Mutterliebe verschönert wurde! Selma seufzte. „Jetzt muß ich die schwerste Aufgabe lösen, die Tischreihc z» ordnen." Herr Meyer warf dazwischen: „Setzt die jungen Leute zusammen und macht sonst, was Ihr ivollt." Abends war alles in der schönsten Ordnung. Ter Saal glich einem Blumengarten. „Alles Ausmerksamkciten fiir unsere Selma," sagte Frau Meyer, mit ihrem Arm einen Halbkreis beschreibend. Selma sah glücklich, strahlend und geputzt aus. Ihr Bräutigani, ei» schwarzlockiger, stämmiger Jüngling, der noch keinen aus der Gesellschaft kannte, schaute ctivas gelangivcikt darein. Dr. Weil, der außergewöhnlich munter war, hatte als Tischdame Erna Berger, die einen stolzen und unzusriedencu Eindruck machte. Heinrich sah mit dem jüngere» Volk unten au der Tafel, mit Entzücke» der Unterhaltung einiger älterer Herren tauschend, die' sich auch in seiner Nähe niedergelassen hatten. Der eine erzählte von seiner Lehrzeit bei einem armen Schneider anno dazumal. „Trotz unserer großen Armut ernährten wir uns ein viertel Jahr taug von Kuchen." „Wie war dies den» möglich?" „Der Bäcker borgte uns nichts mehr, da mußten wir zum Konditor gehen." . Es ertönte allgemeines Gelächter. Ein anderer bemerkte eben seinem Nachbarn: „So soll es Ihnen gut gehen, Rosenberg, tute er mir nur Schkorim erzählt hat." Inzwischen sagte ein älterer Herr mit Nachdruck: „Es ist mir mies." Der so apostrophierte erwiderte: „So sagen Sie immer, Herr Doktor. Es soll Ihnen so mies bis zu hundert Jahren sein." Das gute und überaus reichliche Essen wickelte sich in hergebrachter Weise ab. Die glückliche Frau Meyer nötigte unaufhörlich. „Herr Doktor, uchmen Sie doch »och ein Stückchen Gans. Sie haben zwar schon zweimal genommen, aber es ist Ihnen gegönnt." Diese und ähnliche Bemerkungen hatten laute Freudenansbrüche zur Folge. Doktor Weil und Erna unterhielte» sich crnsthaster. Er schilderte ihr den Beruf eines Arztes mit'beredten Worte». Er sprach auch von der Frau eines Arztes, von deren segensreichen: Wirken, wie sic ihren: Gatten den schwere» Berus erleichtern könne. „Fräulein," sagte er leise, sich zu ihr beugend, „ich lese auch in Ihrem Auge das echt weibliche Mitgefühl »nt fremden Leiden, Sie find der Engel, der einen: Arzt sein schweres Wirken leicht machen könnte." „Ach," antwortete sie leicht, „Sie können mir dies niemals sy:::pathisch machen. Die Tätigkeit eines Arztes ist für :nich so gruselig, daß ich gar nicht hören nröchtc, was damit zusammenhängt. Sie dürfen mir darob nicht zürnen," fuhr sie treuherzig fort, „ich kann meine Natur nicht verleugnen. Ich bin nicht für eine ernsthafte Laufbahn geschaffen." (Fortsetzung folgt). Ein Literatur-Abend in Philippopel. Bon Lehrer I. Kanel. In Ermangelung einer jeden geistigen Anregung fiir die hiesige jüdische Bevölkerung, die keine Literaturvereinc und ähnliche Einrichtungen einen Augenblick von: Materiellen ins Reich des Ideellen erheben, komint es einzig und allein der Schule zu, das Interesse für die Literatur bei den hiesigen Inden zu wecken. Diese Aufgabe erkannte die Schule der zionistischen Gemeinde, von der in diesem Blatte schon die Rede war, und veranstaltete Montag, den 2. Januar, einen musikalisch-literarischen Abend im hiesigen Theater. Trotz des stürmischen Wetters, waren lange vor Beginn der Anfsührungen die Plätze des Theaier? Nr. 8. tark besetzt. Wie waren in spannender Erwartung, was sie auS der Kleinen Mund vernehmen werden. Eingeleitet wurde der literarische Wend durch ein ziveistimmig gesungenes, wohl eingeübtes, hebräisches Lied. Hieraus folgte die Rede des Direktors, Herrn Jaks>b Calew, in spaniolifcher Sprache. Redner wies darauf hin, daß von den beiden Erziehungssaktoren, Schule und Familie, letztere von weit größerer Wichtigkeit für die Jugend ist; deshalb erging feine Mahnung an die Eltern, daß sie der Schule Vorarbeiten mögen. Sodann folgten einige hebräische, spaniolische, bulgarische nnd deutsche Gedichte, die von den Schülern verschiedener Klassen deklamiert lourden. Obgleich nur wenige den Inhalt der beiden deutschen Gedichte verlanden, so war doch das gesamte Publikum enthuiasmiert. Wer hätte sich das' je träumen lassen, in: Philippopeler Theater aus den: Munde jüdischpaniolischer Kinder deutsch zu hören! Alle fühlten ich nun dem Hilfsvcrein der deutschen Inden zum Tanke verpflichtet, da doch nur durch seine Subvention für diese Schule der Unterricht der deutschen Sprache in derselben ermöglicht wurde. Am meisten ivirkte jedoch auf die Anwesenden die dra:::atische Darstellung des Lebens der jüdischen Bauern in Palästina. Tie Zöglinge des Kindergartens und die Schüler der Unterstufe stellten die Bauern vor. Sie ackerten, säten, ernteten und tanzten zuletzt den Banernreigen — alles in Begleitung warmer Worte in hebräischer Sprache. Das unaufhörliche Beifallsklatschen nötigte den Direktor, diese Szene wiederholt aufführeri zu lassen. Es ist nicht möglich, das inhaltsreiche Programm eingehend zu besprechen. Tie spaniolische::, bulgarischen und hebräischen dramatischen Szenen hatten alle neben dem Ziele der Belustigung und Unterhaltung auch den Zweck der Belehrung, wie auch den, das jüdische Ratioualgesühl im Publikum zu eriveckcn. Eine dramatische Szene jedoch verdient eine besondere Betrachtung. Sic war einen: Hestc der hebräischen Jugendzcitung „Olam katan" entnommen ::»d ,,Iuda::::d Julil" betitelt. Zwei Knaben stehen sich hier gegenüber, der eine genießt eine echt jüdische Erziehung, der andere hingegen lernt von seinen Eltern, sich des Judentums zu schäme::. Sein Name Julik weist schon darauf hin, baß er in: nichtjüdischen Sinne erzogen wird. Den: auf seinen Namen, seine Nation ::::d seine hebräische Sprache stolzen Inda gelingt es, in dem anfangs wie Stein harten Julik, der Juda nnd alles Jüdische verhöbnt, doch südische Gesühlc wach werden zu lassen. Julik dringt, nun in seine Eltern; ihn hebräisch lernen zu lassen, damit er auch den Olan: tatan lesen könne. Umsonst suchen ihn die Eltern durch eine andere Fngendzeitung, den. Kinderfrennd, zu beschwichtigen. Julik ist von Inda schon so beeinflußt, daß er den Kinderfcrnnd als speziell für christliche Kinder bestimlnt, verwirft. Bald kann er Inda gegenüber triumphieren, baß ihn: seine Elter» einen hebräischen Lehrer gemietet haben. Doch Inda geht in seinen: Werke noch weiter. U:n die Rätsel in: Olan: kätan lösen zu können, genügt die bloße Kenntnis der hebräischen Sprache nicht. Julik wirb also auch' animiert, die Bibel zu lernen. Ebenso darf er als richtiger Jude keinen christlichen Namen führen. In Erörterung seines Namens setzte Juda seinen Gegner davon in Kenntnis, daß wir auch einmal ein Land besessen, nnd in kindlicher Gläubigkeit versicherte er ihm, daß wir bald wieder in dessen Besitz sein werden. Diese Szene, die hier bloßes Kinderspiel war, wiederholt sich oft in: jüdischen Leben, seitdem die zionistische Bewegung im Gange ist. Gegen Mitternacht war der Literatnrabend zu Ende Und alle verließen das Theater mit dem Wunsche, solche Wende öfters zu tvieberholen, was auch im Interesse der Schule und der Gemeinde geschehen wird. Die lang bestrittene Frage, wie Schule und Haus in der Erziehung Hand in Hand gehen können, ist hier leichterdings gelöst. Außer der lokalen Bedeutung des Literaturabenbs, eine geistige Anregung für die hiesigen Juden gewesen zu sein, ist er meines Erachte:^ auch für weitere Kreise von Wichtigkeit, namentlich fiir diejenigen, die hebräisch zu dev toten Sprachen rechnen. Am fließenden und korrekten Sprechen unserer Schüler könnten sie sich überzeugen, daß die jüdische Nationalsprache lebt nnd bei.fortgesetztem gleichem Streben leben wird.

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