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Neue jüdische Presse · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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fümilirnlilatt. 'Hsdakrr-tt mb HefchLft-ftett-r Srankfurt a. M.. LeLigkeuzgaffe 52. Ecke Rlaxperfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). Herausgeber: Salg Heis. 3. Jahrgang. Freitag, den 14. Schwat 5665 (26. Januar 1965). Rn. 3. ,' Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. SämtlichePostanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise flehe Schluß des redaküonellen Teiles). I i Jnsertionspreise: Die viergefpaltene Petitzeile. 25Psg. Die Reklamezeile. 100 ,. Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 .. Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- Inhalt des Hauptblattes: Artikel: „Die Auswanderung steht zur Zeit gewissermaßen vor einer Mauer". — Hermann Cohen. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Gedicht: Zum Chamischo-Osor. — Feuilleton: Kinder unserer Zeit, Roman von Jacob Levy. — Ein Literatur- Abend in Philippopel. — Aus der Geschäftswelt — Bücherschau. — Vakanzen. „Die Auswauderuug steht zur Zeit gewissermatzeu vor einer Mauer". das ist nach Nr. 2 seines Korrespondenzblattes die traurige Wahrheit, welche das vom „Hilfsverein der deutschen Juden" und der „Großloge für Deutschland VIII II. O. B. B." vor kurzem begründete Zentralbureau für jüdische Auswandernngsangelegenheiten konstatieren muß. Das Bureau schreibt: D re 8f u 3 tv a n b c v u it ß n a d) (Sitgta u d. Der Arbeitsmarkt in England, namentlich in London, ist zur Zeit so schlecht, daß viele Tausende von Arbeitern aller Berufe brodlos sind. Sehr schlimm ist auch die Not unter unsere» eingewanderten Glaubensgenossen. Angesichts der überaus traurigen Lage, in der sie sich besindeu, bitten wir unsre Schutzkomitee's, unter a l l e n II m st ä » d e n weiteren Zuzug nach England fern zu halten. Wenn Auswanderer ohne ganz festen Anhalt jetzt nach England gehen, so werden sie unmittelbar in das tiefste Elend gehen, und sie vermehren das Elend der hungernden Massen, die bereits drüben sind. Die Auswanderung nach A m e r i k a. In Amerika und wiederum in den große,: Zentren, nach denen die Auswanderer Hinzuströmen pflegen, steht es nicht viel besser. Auch hier gestalten sich die Arbeitsverhältnisse ungünstiger. Dazu kommt, daß die Preise für Lebensmittel und Wohnung ständig im Wachsen begrisfen sind. Selbstverständlich werden die Einwanderer bei ihrer Ilnerfahrenheit durch die mißlichen Arbeitsverhältnisse am härtesten betroffen. Es wird immer schwerer für sie, Arbeit zu sinken. Die Zahl der Brotlosen wächst von Tag zu Tag: Um sie nicht ins Ungewisse anschwellen zu lassen, prüfen die amerikanischen Einwanderungsbeamten jetzt mit großer Strenge alle Ankömmlinge aus die gesetzlichen Erfordernisse hin.*) Selbst kräftige und arbeitsfähige Leute werden unweigerlich zurückgcwiefen, wenn auch nur der Verdacht vorliegt, daß sie nicht einmal die Mittel zur Ileberfahrt selbst haben bezahlen können. Die Auswanderung nach Canada. Es werden alle Passagiere vom Festland, die keine Verwandten in Canada haben, die sichihrer annehmen, zurückgewiesen, wenn sie nicht im Besitze von 200 JL sind. . *) Laut telegraphischer Nachricht von Newyork vom 17. Januar sind fett dem 1. Januar 1100 Auswanderer, größtenteils russische Juden, zurückgewiesen, worben. Die A u s w a n d e r u n g n ach A r g e n t i » i c n. Angesichts der Unmöglichkeit einer weitere» Emigration nach England und der strenge» Handhabung der Einwanderungsgcsetze in den Vereinigten Staaten und Canada wird sich von selbst der Blick auf Argentinien als Ziel der Auswanderer richten. Hier bestehen allerdings keinerlei erschwerende Eiiiwauderungsgesetzc. Im Gegenteil, die argentinische Regierung ist bemüht, die Einwanderung zu fördern. Trotzdem muß aufs Dringendste davor gewarnt werden, unseren mittellose» jüdischen Glaubensgenossen die Auswanderung nach Argentinien anzuraten. Handwerker finden dort nicht so leicht wie in den Bereinigten Staaten und Canada Beschäftigung. Eine allgemeine Klage ist es, daß in Argentinien die Lebensmittel und die Wohnungen sehr teuer sind. Außerdem kann man ohne Kenntnis der spanischen Sprache dort schwer fortkommen. Für Landwirte stehen - allerdings große Strecken jungsräulichen Bodens billig zur Verfügung, jedoch um als Landwirt irgendwelche Erfolge zu haben, muß man mit Mitteln ausgerüstet sein, um ein Jahr lang und mehr auf eigene Kosten leben zu können und sich mit allen Verhältnissen, die sich ans die Landwirtschaft beziehen, vertraut zu machen. Süd-Afrika, Natal, Transvaal, O r a n j e - F r e i st a a t. Verboten ist die Einwanderung einer jeden Person, die nicht int Besitze von 100 .It. ist, oder von der angenommen werden kann, daß sie der staatlichen Fürsorge zur Last fällt. Nachdem nunmehr auch der letzte Rest jener Selbsttättschung, der sich unser jüdisches Publikum in jüdischen Dingen so gern hingibt, durch die Wucht der Tatsachen zerstört ist, werden unsere führenden streife sich doch endlich einmal bewogen fühlen müssen, an eine radikale Lösung der Judenfrage e r n st l i ch heranzutreten. Oder sollte der unverwüstliche Optimismus unserer führenden Kreise so unverwüstlich blind und taub sein, daß keine Operation ihm das Sehen der hellsten Wahrheit und das Hören der markerschütternsten Notschreie wiedergäbe und er auch fernerhin dem Wohlwollen der Völker die Geschicke des jüdischen Volkes anvertrane? — Wer weiß? — Hermann Cohen. "X v. Die prophetische Messias idee. - Von Jacob ben Elijah. —(Schluß):— Und so bedeutet uns die Ewigkeit der messianischen Zukunft: die Unsterblichkeit des Ideals. Damit wird das Desiderat der Wirflichkeft für das Sitttiche erledigt. Wir sagten bereits: Wirklichkeit des Sittlichen erkennen wir gerade darin, daß sein Ziel unendlich ist; daß seine Ausgaben nie aufhören werden; daß der ethische Wille nie erschlaffen wird. Die Ewigkeit des Sittlichen ist seine Wirklichkett; die rastlose Fortdauer der sittlichen Arbeit ist seine Realität. Somit ist die Art des sittlichen Seins: Ideal. „Das sitttiche Ideal hat keine adäquate Wirklichkeit. Dem Werke der Sittlichkeit haftet das Gebrechen der II n v o l l k o m m e n - heit an." Das Ideal ist nur das Bild der Vollk o in in e » h e i t, hat aber keine adäquate WirUichkeit. Die sittlichen Werke sind nur Stufen des sittlichen Seins, Stufen auf der Leiter der P e r v o l l k o in m - it it it g. Die einzelnen Stusen in dieser Entwicklung stellen keineswegs die Wirklichkeit des Sittlichen dar, aber sie dürfe» nicht als isoliert betrachtet werden: zu jeder einzelnen Stufe gehört der unendlich serne Punkt der Vollkommenheit. „Diesen unendlich fernen Punkt bildet die Ewigkeit für jeden endlichen Punkt": so ist die Ewigkeit das Ideal des Sittlichen, das Ideal der Vollkommenheit. Es ivird also hier die Unvollkommenheit des inenschlichen Daseins nicht verkannt, ebensowenig aber seine Vervollkommnung. Ta» sittliche Ideal bedeutet somit die Realisierung des Sittlichen, nicht aber Realität. Das sittliche Sein ist somit: das Sein i >» sittliche it Werd e n. Es wird also besagt: V e r o o ((k o in m it u it g i it d e in ll ii v o l t k o m in e n e >t. Bedeutet nun die Messiasidee die Idee der Vervollkommnung des Sittlichen, so ist sie mithin die Idee der sittlichen A r b e i t: die Stufen der Vervollkommnung sind die Werke der sittlichen Arbeit. Ohne Arbeit kein Fortschritt. Und der Messianismus verschafst uns Freude an der Arbeit, weil Zuversicht auf den Erfolg. Der Messias koinnit nicht, so lange wir nicht vorbereitet sind: „so lange — um mit Stet it-) zu jpvcd)en — es hölzerne oder papierene Scheiterhaufen gibt, so lange Gemeinheit und Niedertracht im kleinen, soziales Elend und moralischer Defizit im großen vorwalten. Tie Messiasidee ist so der perennierende weltgeschichtliche Protest gegen das Nachtasyl seelischer Finsternis." Es werde Licht — besiehlt uns der Messianismus und verlangt von uns die Tat: die sittliche Arbeit. Also: kein dolce far niente, sondern ein sempre asante.“ „Zu keinem Augenblicke — sagt Cohen — darf ich sagen: verweile doch. Kein Augenblick darf in sich beharren, ohne als Schwungbrett zu dienen sür einen neuen Ritt ins Geisterreich." Kein Stillstand, sondern ein Mlfortschritt. Immer auf die Zukunst den Blick richten, immer nach Zukunst streben: nach immer besserer Zukunft. Und das sittliche Vorwärts kan» ja nur in mühseliger Arbeit erkämpft werden: in sittlicher Arbeit. Ihr Ziel — es ist nun das Ideal der Messiasidee. Worin besteht dieses Ideal? Worin erblickt der Messianismus das Endziel der sittlichen Arbeit? Kurz: wie ist das messianische Zukunftsbild ausgemalt? So fragte» wir bereits oben, aber erst jetzt können wir antlvorten: nachdem wir den Begriff der Zukunft und seine ethische Bedeutung kennen lernten, dürfen wir nun jenes Zukunftsbild näher betrachten und benrteike». * * * Wohl ist der Tag des Herr n, an dem der Messias erscheint, auch ei» Tag des Weltgerichts; aber es ist nicht ein Weltenürand, ein Weltenuntergang. Das

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