Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692411--01376-2695879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4.~ Mission mit Ausarbeitung der Statuten betraut. Es haben sich am gleiche» Abend bereits SO Mitglieder angemcldet. WntgSderg. Bon dem ungemein regen Wohltätigkeitssinn bei uns Juden legt eine „Tabellarische Uebersicht über die Wirksamkeit der Wohltätigkeitsvereinc und -Institute der Kvnigsberger Synagogengemeinde im Jahre 1903, verfaßt von dem Sekretär der Gemeinde, M. Klein" Zeugnis ab. Tie Gemeinde, die 4000 Seelen £1250 Mitglieder) zählt, hat i» ihrer Mitte 15 Vereine mit eine»! Gcsamtvermögen von 1672 994 JL Tie Gesamtsumme der Jahresbeiträge der Mitglieder dieser Vereine betrug 1903. 29 720 JL, die Gesamtsumme der regelmäßigen und außerordentlichen Unterstützungen 102 658 JL Im Einzelnen setzen sich diese Summen wie folgt zusammen: Wohltätige Gesellschaft 229 Mitglieder, Mark 196693 Vermögen, JL 13 853 Beiträge und Spenden; Verein für Krankenpflege und Beerdigung 537 Mitglieder, JL 100 462 Vermögen, JL 9405 Beiträge und Spenden; Frauenverein zur Unterstützung israelitischer Witwen uud Waisen 339 Mitglieder, Mark 37 300 Vermögen, JL 6475 Beiträge und Spenden; Frauenverein für Krankenpflege und Beerdigung 551 Mitglieder, J£ 30566 Vermögen, JL 6074 Beiträge und Spenden; Weiblicher Verein für israelitische Armenpflege 424 Mitglieder, JL 24 700 Vermögen, JL 3784 Beiträge und Spenden; Feuerungsvcrein 109 Mitglieder, JL 10 300 Vermögen, JL 900 Beiträge und Spenden; Lcgatcnkommission JL 1260 Beiträge und Spenden; Tr. Kosch'sche Legatenverwaltung JL 12 000 Vermögen, JL 505 Beiträge und Spenden; Israelitisches Waisenhaus für Stadt und Provinz 324 hiesige und 94 auswärtige Mitglieder, JL 509287 Vermögen, JL 21 075 Beiträge und Spenden; Dr. Kvschsche Waisenerziehungsanstalt Mar! 333160 Vermögen, JL 8517 Beiträge und Spenden: Israelitisches Stift 219 Mitglieder, JL 302 460 Vermögen, .AL 8721 Beiträge und Spenden; Studienbeförderungsverein für Ost- und Westpreußen 148 Mitglieder, JL 63 739 Vermöge», JL 5025 Beitrag: , und Spenden; Bekleidungs-Verein für arme Zöglinge der Religionsschulc 138 Mitglieder, JL 159k Vermögen, JL 858 Beiträge und Spenden; Hilfsverein für kranke russische Israeliten 371 Mitglieder, Marl 2 6918 Vermögen, JL 14 824 Beiträge und Spenden: Pensionskasse sür israelitische Religionslehrer und Kultusbeamte in Ostpreußen 277 hiesige und 262 auswärtige Mitglieder, JL 23 806 Vermögen, Mari 1377 Beiträge und Spenden. , G Feuilleton. G Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levh. (Fortsetzung.) „Mit Vergnüge» werde ich Ihr gastliches Haus besuchen, mich lockt aber nicht der interessante Verkehr, sondern' die liebenswürdigen Damen des Hauses." Mit einer Verbeugung entfernte er sich. -„Liebe Mutter, welch ein Unterschied zwischen wahrhaft gebildeten jungen Herren, die Sinn für Ideales haben, und den Leuten, für die Vater eine solch unbegreifliche Vorliebe besitzt. Mau findet den materiellen Sinn doch nur bei Juden. Tie lvollen nur Geld verdienen und gut essen. Sie würdigen die Gattin zur Köchin herunter, das zartbesaitete Seelenleben der Frau wollen sie nicht verstehen. Wenn ich daran denle, daß mein Leben dereinst an solch materiellen Menschen, der zur Karikatur wird, geknüpft werden soll, so graut mir." Tas Mädchen seufzte. ' „Verzage nicht, mein Kind. Du hast Deine Mutter zur Seite, die ebenso denkt wie Tu. Du sollst ~ nicht der Spielball eines Nechenexeinpels werden; ein Mann, dem es nur um Tein.Geld zu tun ist, soll Dich nicht erringen. Ich habe einen viel vorurteilsfreieren Blick als Tein Vater und werde dies zur Geltung zu bringen wissen." Kapitel 11. ■ .Frau Berger hatte natürlich vergessen,!vas ihr Dr. Weil im Sommer empfohlen, und schwelgte immer weiter in den Genüssen der Großstadt. Ihr Mann, dem die Kraft fehlte, zu widerstehen, hatte fast jeden Abend das Vergnügen, seine Frau in irgend eine Veranstaltung zu begleiten oder bei sich Gäste zu sehen. Die Frau behauptete einfach: „wir sind das unserer Tochter schuldig," und das Mädchen widersprach nicht mehr. Heinrich, der dem Abiturientcnexamen mit gemischten Gefühlen cntgegensah, begleitete die Damen nur, um den geplagten Vater zu entlasten, und dann nur ins Theater oder in ein Konzert. Sonst nahm er am gesellschaftlichen Leben nur teil, wenn bei seinen Wern getanzt wurde; für alles andere hatte er keine Zeit. Seine Mutter seufzte viel über den Jungen. „Du benimmst Dich z» kindisch, Heinrich, Dir fehlt der höhere Schwung!" Doktor Weil, der sein Versprechen gehalten und die Familie Berger besucht hatte, wurde an den Gesellschaftsabenden ein gerngesehener, wenn auch seltener Gast. Frankfurter Israelitisches Fmnilienblatt. Er, den die Mütter heiratsfähiger Töchter als begehrenswerten Schwiegersohn einznfangen suchten, hielt sich von den jungen Mädchen fern. Mit Erna, deren Tischherr er bei der .ersten Einladung war, unterhielt er sich längere Zeit, von da an jedoch prach er nur noch knappe Begrüßungsworte zu ihr. Mit Herrn Berger und Heinrich dagegen-unterhielt er sich außerordentlich gern, und war bald so vertraut mit ihnen, wie ein naher Verwandter. Herr Berger machte ihm einst freundschaftlich- Vorwürfe über die Seltenheit seiner Besuche. „Darf ich ungeniert reden, ohne daß Sie mir grollen?" „Ich bitte darum," wav die einfache Antwort. »Ich finde es alw gemütlichsten bei Ihnen, wenn ich Sie und Ihren «oh» allein 'treffe. Die Allüren Ihrer Damen sind mir zu antisemitisch!" /.Sie scherzen wohl!" „Durchaus nicht. Das verächtliche Hcrabblicken auf alles, was jüdisch heißt und jüdisch ist, imd das damit in engem Zusammenhang stehende Andrängen an andersgläubige Menschen und Einrichtungen ist mir zuwider. Bei Ihrer Frau Gemahlin ist dies krankhast, sie will durchaus in nichtjüdischcn Kreisen glänze», ^und -damit steht dieses maßlose Verlangen nach gesellschaftlichen Zerstreuungen in inniger Verbindung. Schlimm, sehr schlimm ist es, daß Ihre Tochter, ei» Mädchen von so großer Geistes- und Herzensbildung, dadurch mit verdorben wird. Dieses Begünstigen des andersgläubigen Elemente; muß und wird die traurigsten Folgen haben." Herr Berger lächelte gezwungen. „Sie sehen zu schwarz, mein lieber Doktor. In der heutigen gesellschaftliche» Welt kann man sich nicht von den Ehristen trenne», und man soll cs auch nicht. Darin biil ich mit meiner Frau einverstanden. Und in meiner Tochter ist ein zu solider, guter Kern, als daß sie sich durch Aeußerlichkeiten blenden li:ße." , Der Doktor erhob sich. „Sie wissen, Herr Berger, daß nur die- Freundschaft zu Ihnen allen mich so reden ließ; ich mußte Sie warnen. Es ist ferner meine Pflicht als Arzt, Ihnen zu versichern, daß, wenn Ihre Frau noch zwei Jahre den Vergnügungen so nachjagt, ihr Geist lange vor dem Körper ausgebraucht ist. Ich habe scharfe Augen und deshalb bitte ich Sie, achten Sie auf Ihre Tochter und deren Verkehr in Ihrem Hause, damit Sie Ihre so große Toleranz nicht später zu bereuen haben." „Herr Doktor, sollten wir alte Leute wirklich unsere Zeit besser erkennen und duldsamer sein als Sie, junger Mann? Doch wie es auch sei, ich. danke Ihnen. Diese Aussprache bestätigt mir, daß Siein wahrer Freund sind." Cr reichte ihm die Hand mit festem Drucke. — Herr Berger hatte die Wochen vor Weihnachten unermüdlicher gearbeitet als seine, Angestellten. Er schien sich vcrvielsältigen zu können, in seinem Geschäfte war er überall zu sehen, lind wahrlich, Nerven durfte der Mann nicht haben bei dem brausenden Lärm, bei den tollen Farben- und Lichtorgicn, denen er nur während der kurzen Mittagspause entfloh. In den Fächern, aus den Tischen waren die unzählige» Massen von Waren aufgestapelt. In den schmalen Gängen schoben sich, drängten sich die Käufer. Ungeniert stieß der Arbeiter das fein gekleidete junge Mädchen zur Seite. Tie in Pelz gehüllte Dame drängte sich zwischen der Fabrikarbeiterin und dem Bauer, alle die Tausende und abermals Tausende von dem einzigen mächtigen Verlangen getrieben, Geld und viel Geld auszugcben. Und die Kassiererinnen! Hochrot im Gesicht, schweißbedeckt, mechanisch wie ein Automat, nahmen sic den Zettel, das Geld in Empfang, gaben Geld heraus. Während sie einen Käuser abfertigten,.streckten sich ihnen zehn andere Hände entgegen. Mit fieberhaftem Eifer arbeiteten Verkäufer und Verkäuferinnen,, nicht nur, weil die Rayonchess überall zur Hand waren, sondern weil sie wußten, daß die erfolgreichsten Verkänser in der Stellung und ini Gehalt aufrückten. K a p i t e l 12. In dem Erfrischungssaale des Bazars war cs verhältnismäßig ruhiger. Tas Publikum war nicht überwiegend weiblich wie zu anderen Zeiten, es bestand größtenteils aus Herren, die auf ihre einkaufenden Damen'warteten. Man konnte wähnen, in einer Temperenzlerversammlung zu sein, denn im Erfrischungssaal wurde» Alkoholika nicht verabreicht, und so schlürften die Herren mit mehr oder minder sichtbarem Schauder ihre sanften Getränke, und das um die Vesperzeit, da der Mann sich sonst am Glase Bier erquickt! Frau Berger und Heinrich hatten einigen' Herren alle Räume des Bazars gezeigt. Die Gesellschaft freute sich, ein leeres Tischchen zu finden, au' das sic sich nicderlicß. Der Maler Küppers sreute sich, Motive zu modernen Bildern gesunden zu haben . . . „Sie selbst, gnädige Frau, in dem dunklen Pelz, das vornehm blasse Gesicht sich wirkungsvoll von der roten Portiere abhebend, bitte, so möchte ich Sie malen!" „Wir wollen sehen," sagte sie huldvoll lächelnd. Der-Assessor, der jetzt zum erstenmale den Bazar in seiner Riescnausdehnung gesehen und den Eindruck Nr. 2. gewonnen^ daß jetzt mehr Käufer darin ans- und absluteten, als eine mittlere Stadt Einwohner zählt, wurde doch etwas kleinlaut. Er wollte bald zweifeln, ob er dem Schöpfer und Herrn dieses Unternehmens genügen könne. Da ertönte eine laute Stimme: „Erlauben die'Herrschaften, ist da noch ein Plätzchen frei?" Freundlich, pustend und Frau Berger die Hand drückend; stand Herr Meyer da. 'Heinrich stand erfreut auf und inachte Platz, mittlerweile begrüßte Herr Meyer die Herren, die er bei der Poesiemusik kennen' gelernt und denen er erzählte: „Ich warte auf meine Frau, sie willEhanukahkerzchen kaufen." Frau -Berger machte ein Gesicht, als ob sie, körperliches Unbehagen hätte. Heinrich unterhielt sich lebhaft mit Herrn Meyer, und als seine Mutter ihn leise ermahnte, seinen Ueberzieher zu holen, sagte er: „Noch lange nicht liebe, liebe Mutter, ich bin noch zu müde." Während sich nun Frau Berger vom Slssessor vermiedenes erzähle» ließ, schäkerte der Maler verstohlen mit einer schmucken Aufwärterin, lange nach passendem Getränk suchend, und bot ihr an, sie zu malen. Nun erschien auch Frau Meyer, und gab wortreich ihre Freude über das schöne Zusammentreffen zu erkennen. „Frau Berger, Sie feiern Triumphe, die ganze Stadt ist in den Vier Jahreszeiten." Ter Assessor bemerkte: ' „Hier ist die Weihnachtsrepublik. Alle die Tausende werden nur von einer Triebfeder bewegt, Einkäufe für den Festabend zu niachen und den ihrigen Freude zu bereiten. Wieviele guten Wünsche werden die Paketchen begleiten, die von hier aus nach allen Richtungen der Windrose segeln." „Tas sagen Sic sehr hübsch, Herr Assessor. Weihnachten ist wirllich so recht ein Familienfest, um das alle Konfessionen^ die christliche beneiden können." Herr Meyer widersprach ihr. „Sie scheinen doch darüber nicht ganz genau orientiert, Frau Berger. Bei den frommen Juden ist jeder Freitagabend ein Familien- und Frendenabend, von dessen Innigkeit sich der Nichtjude keinen Begriff machen kann. Und erst der Sederabend! Wenn den Inden alles genommen und ihnen nur der Seder gelassen würde, wahrlich, dieser würde genügen, um die jüdische Familie in ihrem Zusammenhang zu halten und zu kräftigen." Heinrich sagte nachdenklich: „Schade, daß ich so gar nichts von unserer Religion kenne. Onkel Bär ist zu früh gestorben:" Tic Mutter warf ihin einen unwilligen Blick zu. „Du brauchst nicht sentimental zu werden; die alten Leute stehen eben auf einem anderen Standpunkt, den man gerade nicht modern nennen kann." Frau Meyer bemerkte spitz: „Erlauben Sie, mein Mann gehört noch nicht zu den alten Leuten, es gibt noch viel jüngere, die ihre Religion nicht mißachten." Frau Berger hüllte sich in eisiges Schweigen. Der Maler Küppers aber machte einen Vorschlag, der von seinem guten Herzen zeugte, und alle wieder versöhnte. „Wir lvollen unsere Sentimentalität ins praktische übersetzen, womit auch Herr Meyer zufrieden sein wird. Wir kaufen unten Süßigkeiten und ver-- teilen sie unter die jüdischen und christlichen Waisenhansinsassen." — (Fortsetzung folgt). Bücherscha«. Uns liegt das erste Heft der neuen Jugendzeitschrift „I u n g - I s r a e l" vor, die vom Januar d. I. an im „Jüdischen Berlage" (Berlin-Charlottenburg, Herder-Str. 3/4) erscheint. Tas -fehr schön auögestattete Heft hat als Umschlag'eichnung die Wappen der zwölf Stämme nach dem Original-Entwurf von Eduard Joel (Hamburg) und sogenden * Inhalt: „Jung Israel", Gedicht; „Ruth" von Martha Wiener (mit cin^r Knnstbeilage); „Ein Märchen aus dem Paradies" .von Eh. D. Nomberg; „Tie Belagerung Jotapatas" von Julius Uprimny; ,;Ter verdiente Groschen", Illustration, von L. Pilichowski, Lodz; „Ter Erzherzog und der Jude"; ,;Mezpah", Gedicht mit Illustration; „Mannhaftigkeit"; Hebräische Tageszeitungen (mit Illustration); Rätsel usw. Wjr können die vorzügliche Zeitschrift. allen Freunden einer jüdischen Erziehung unserer Jugend nur empfehlen. Ter Preis von Mk. 4.— per Jahr (Ml. 1.— per Quartal) ist für eine Halbmonatschrift von solcher Gediegenheit in Inhalt und Ausstat'ung ein sehr mäßiger zu nennen. Probenummern versendet der Verlag auf Verlange» gratis und franko. .Das Kreuz der Juden. Roman von Hermann I a q u c s. Verlag von Carl Meißner, Dresden. 1904. Ter Jude Samuel.Hardenstein, Schweinehändler in der Umgegend von Berlin, hat eine Christin, Tochter eines Krämers, geheiratet und ist dann durch Bauspcknlatioiicii zu immensem Reichtum' gelangt. Sein ganzes Siniicn und Trachten geht nun dahin, die jüdische Abkunst seines sehr jüdisch aussehenden einzigen Sprößlings vergessen zu machen. Moritz-erhält eine ausgezeichnete Erziehung.im Hause eines Majors;