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Neue jüdische Presse · 1905-01-13 · Heft 2 (13.1.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Leite 2,_^_ der, aber wir werden jedoch immer reicher an sittlicher Kultur. Ohne jeden inneren Fortschritt ist die Geschichte nicht verlaufen. „Es ist, daher nicht ein Ausdruck der Wahrhaftigkeit, die geschichtliche Konsequenz zu ziehen, daß es immer so bleiben werde, wie cs immer gewesen ist." Vielmehr darf gesagt werden, daß der sittliche Fonds trotz der heranbrechenden Krise allmählich sich bereichert. Und all diesen Reichtum an sittlicher Kultur — haben ihn denn nicht wir geschaffen, wir armen Sünder! Tie Kultur ist doch nicht das Werk des Teufels. Wir haben nun kein Recht, zu verzweifeln, zu verzagen. Tie Sittlichkeit wird nie bankerott werden, die sittliche Kraft wird nie versiegen. Glaubt an sie, glaubt an das Ideal! — ruft uns der Messianismus zu. Tas Schmachten nach der Vergangenheit ist das Symptom des »Pessimismus und Quietismus. Glaubt an die Zukunft, an euere Zukunft! — dies ist die Parole des prophetischen Opttmismus. Ter Wille soll nicht zur Sehnsucht erschlaffen, sondern in ^der Fernsicht stets wach und wacker sein. Kein seufzendes, traurig-resigniertes „Es war" — wie es Stein treffend ansdrückt') — sondern ein jauchzendes, fteudig-erregtes „Es wird sein"; nicht das Plusquamperfektum soll verherrlicht werden, sondern das Plusquamfuturum. „Tie Propheten — sagt Cohen — sind aber nicht nur die Prediger solcher Sittlichkeit; und sie sind auch nicht nur Tichter, in welchen sich etwa der Mythos fortspinnt. Sie sind die Schöpfer einer neuen Art des Tenkens, die wir eben in einem strengeren Sinne als Religion bezeichnen. Daher begnügen sie sich nicht damit, zu sagen: so soll es sein. Sie sagen zugleich: so wird es sein. Hier wird es nun schwer, die neue Art des Tenkens von der Tichtung zu untersscheiden; denn verwandt muß sie ja unausweichlich sein." In dem Zukunftsbilde der Propheten malt sich ihre Religion; in ihm besteht das sittliche Grundmotiv der prophetischen Poesie. * - * * Tie Zukunft ist aber nicht ein Abschluß, etwa ei» Stillstand in der Zett. Tas Ende der Tage bedeutet nicht ein Ende, sondern ein Ziel. So will der Begriff der Zukunft tiefer erfaßt werden: in dem Begriffe der Ewigkeit. Hier erhält der Messianismus seine ganze Wucht. Tie Ewigkeit bedeutet uns nicht die Allheit der Zett,. die unendliche Summe aller Zukunft; sondern die Allheit des Sittlichen, die unendliche Summe aller Sittlichkeit. Ter echte Begriff der Ewigkeit ist ein ethischer Begriff; er bezieht sich nicht auf die Zett, sondern auf den reinen Willen. Tie Ewigkeit besagt uns nicht ewige Zett, sondern ewige Sittlichkeit; nicht ewige Dauer, sondern ewige Arbeit: ewigen Fortgang der sittlichen Arbeit, ewige Aufgabe. In dieser Ewigkett ist die Garantie für die Wirklichkeit des Sittlichen. „Tas wäre keine Wttklichkeit des Sittlichen, welche den reinen Willen in harmonischen Frieden auflöste und von der Arbeit des Kampfes ablöste. Wirklichkett des Sittlichen erkennen wir vielmehr gerade in dem Ziele, welches der sittlichen Arbeit gesteckt ist: unendlich zu sein." Tic ewige Aufgabe bedeutet also: ihre Lösung, die Wirklichkeit des Sittlichen ist durch die Ewigkeit gesichert. Tie Ewigkeit ist seine Wirklichkeit: es ist das endlose Vorwärtsstreben des reinen Willens. Tas Schmachten der Begierde geht aus Zeitliches. Ter ethische Wille hingegen hat die Ewigkeit zum Zielpuntt; er „entrückt sich dem Endlichen der Zeitlichkeit; er sucht seine Befesttgung in dem unendlichen Turchdenke», Turchstteben der Zett unter dem Lettstern der Ewigkeit.' Daher muß in ihm alles Zeitliche ein Spiegel des Ewigen werden; in Ewiges sich wandeln." „Alles Vergängliche, alles Selbstische geht unter, wird hinfällig und verschwindet in dem Selbstbewußtsein der Ewigkeit": in dem sittlichen Selbstbewußtsein. Ter ethische Wille hat so die Ewigkeit zum Inhalt. „Der reine Wille will die Ewigkeit. Er will nichts Anderes als das.Ewige. Und nur er kann das Ewige erzeugen." So erkennen wir den eminenten Wert der Messiasidec als die Idee der Ewigkeit. Nur das Ende der Tage kann das Ende des Sittlichen sein. Tas will heißen: die sittliche Arbett kann nur dann aufhören, wenn die Prof. Ludwig Stein: Der soziale Optimismus (vor kurzem — 1905 — im Verlage von Hermann Costenoble-Fena, erschienen). Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Zeit aufhört; besser gesagt: wenn das Menschengeschlecht aufhört, ohne welches doch der Begriff der Zeit nicht statthast ist. Wie bereits hervorgehoben: die Ewigkeit bezieht sich hier'nicht auf die Zeit, sondern auf den Willen. Der ethische Wille ist ewig; er wird nie aufhören, Wille zu sein. Mit anderen Worten: solange es einen Willen geben wird, wird es eine Sittlichkeit geben: solange die Menschheit leben wird, wird auch die Menschlichkeit in ihr leben. Himmel und Erde mögen vergehen; die Sittlichkeit bleibt bestehen: die sittliche Arbeit. Nicht das Sein ist ewig, sondern das Tun — sagt Fichte. Darin besteht eben die Wirklichkeit des Sittliche», daß es eine rastlose Aufgabe ist und bleibt. So wird der Begriff der m e s s i a n i s ch e n Zukunft als der Begriff der sittlichen Ewigkeit erweitert und bedeutet somit: die Unsterblichkeit der Sittlichkeit. (Schluß folgt.) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Am 23. dss. Mts. abends 7'/e Uhr wird im Hoch'schen Konservatorium Fräulein Betty Hirsch aus.Hamburg ein Konzert geben. Tie junge und leider blinde Sängerin besitzt eine sehr angenehme lind gut geschulte Sopranstimme. Es liegen uns Krittle» über ihr Können aus dem „Hamburger Fremdcnblatt" und aus dem „Hannoverschen Courier" vor, die voll des Lobes sind. (Karten zu Mk. 4, Mk. 3, Mk. 2 bei Firnberg.) Berlin. Der Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund ist gegenwärtig mit der Sammlung des Materials über die einer großen Anzahl von Gemeinden zugegangene Aufforderung, sich in bas Kataster der Fleischerei-Bernfsgenossenschaft eintragen zu lassen, beschäftigt; auch arbeitet er gegenwärtig eine Musterfriedhossordnung aus. Mülhansen t. Elsaß. Am 1. Januar wurde hier eine esellschaft für die Geschichte der Israeliten in Elsaß-Lothringen gegründet. Ter Jahresbeitrag beträgt Alk. 8, für Gemeindebeamten die Hälfte. Beitrittserklärungen sind an Herrn Mock, Direktor der israclit. Gewerbeschule in Mülhausen, zu lichtem Oesterreich-Ungarn. K. Prag. Die Firma I. P e t s ch e ck in Aussig a. E. errichtete anläßlich des 25jährigen - Bestehens ihrer Etablissements eine Stiftung von 100 000 Kronen zur Einrichtung von Heilstätten für Lungenkranke, und bestimmte ein Kapital von 20000 Kronen für aus dem Außigcr Krankenhaus entlassene Arme. K Budapest. Mischehen. Hier wurden in den Wochen vom 4.-25. Dezember 9 Mischehen und in der letzten Woche 3 Mischehen aufgcboten; jüdischer Abkunft war in 8 .Fällen der Bräutigam, in 4 Fällen die Braut. Budapest. Bei den Otthodoxen stehen gegenwärttg zwei Autonomien auf der Tagesordnung; erstens die politische Autonomie, d. h. das Recht, in Angelegenheiten innerhalb der jüdischen Gemeinden selber durch einen jüdischen Gerichtshof »ach jüdischem Gesetze Recht zu. sprechen und dann eine sogenannte kirchliche Autonomie, die alle Juden unter eine staatlich anerkannte Organisation bringen will, Tie politische Autonomie wurde infolge der Minierarbeit der Neologie durch eine Ministerial- Verordnung vor acht Wochen vernichtet, und die kirchliche Autonomie ist ein Ziel, welches die Neologen unter Führung ihres neuen Präsidenten Mczei mit aller Macht anstreben. Uebcr letztere Bestrebungen schreibt ein Mitarbeiter des „Jüd. Volksbl." in Wien: „Aber auch diese Frage kann wegen der tiefliegenden Verschiedenheiten in der religiösen Auffassung der einzelnen Parteien, trotz der unzähligen Annäherungsversuche beiderseits zu keinem günstigen Resultate geführt werden. Schreiber dieser Zeilen ist wohl kein orthodoxer Jude, steht jedoch nicht an, einzugestehen, daß er in diesem Kanipfe zwischen Orthodoxen und Neologen sich logischerweisc auf Sette der Orthodoxe» stellen muß. Tie Juden sollen als Konfession eine Autononiic erhalten. Ta ist es wahrlich nicht einzusehen, warum hierbei die von den Neuerern zugestutzte jüdische Religion als offizielles Judentum ausgegeben werde, und zwar um so weniger, als die Herren Neologen es heute selbst zugestehen müssen, daß die neologe Richtung eine erschreckliche Anzahl von Abfällen zur Folge hatte. Tie orthodoxen Juden befürchten da-, her mit Recht, daß eine offizielle Vereinheitlichung des orthodoxen und ncologen Judentums die Mfallbewegung auch in die Reihen der Orthodoxen tragenwürde." Kalorsa. In der hiesigen tt e o I o g e n Gemeinde hatte unlängst die Neuwahl der Repräsentanz und des Vorstandes staügefunden, gegen deren Gültigkeit Protest erhoben wurde und zwar nicht bei der konfessionellen Oberbehörde, sondern bei der politi¬ Nr. 2. schen Behörde. Tie zwei unteren Instanzen erklärten die Wahl für ungültig und auch der Kultusminister als dritte Instanz fällte die gleiche Entscheidung. — Es ist dies der erste Fall, bei dem die Ministerialverordnung vom November 1904 betreffend die Vernichtung der Autonomie der jüdischen Gemeinden zur Anwendung gekommen ist, indem in einer stritttgen^lngelegenheit einer jüdischen Gemeinde mit Umgeh'ung der jüdischen Instanzen ausschließlich die politischen Behörden entschieden haben. K. Czernowitz. Landespräsident Dr. Ritter von Llehleben besuchte am Mittwoch in Begleitung des Bczirksoberkoinmissärs Keschmann das jüdische Waisenhaus. Der Landespräsident wurde von Dr. Strancher, dem Vizepräsidenten Herrn Samuel Luttinger jun. und anderen Knltusvorstehern empfangen und in die einzelnen Abteilungen geführt. Dr. Ritter von Blehleben sprach über die musterhafte Ordnung seine höchste Zufriedenheit und Anerkennung ans. Frankreich. Paris. AnatoleLeroy-Beaulieu über das New-Uorker Judenviertel. Ter berühmte Schriftsteller Anatole Leroy-Beaulien, der vergangenen .Sommer Nordamerika besucht hatte, hielt kürzlich im- Auftrag der „Gesellschaft für Studien" im Saale des israelittschen Konsistoriums einen Vortrag über die Einwanderung der Inden in die Vereinigten Staaten. Er begann seinen Vortrag mit der Erklärung, daß er von allem entzückt war, was er in Amerika gesehen. Tie Geschwindigkeit, mit der die Verbannten fteie Menschen werden und die Mittel zu ihren: Lebensbedarf und zu ihrer geistigen Fortbildunggewinnen, habe ihm übenso Bewunderung .eingeflößt wie. die Gewandtheit, mit der sie die politischen Pflichten gegen das gastliche neue Heimatland erfüllen. Tas Ostend von New-Uork wird von' ungefähr 40!) 000 Juden bewohnt. Die früheren Bewohner dieses Stadtteils waren hauptsächlich Iren, sie zogen .'ich in andere Stadtteile zurück, dachdem die Inden sich' hier in größeren Gruppen zusammengesünden hatten. Tie Erwartung, daß das New-Uorker Judenviertel einen ähnlichen Eindruck machen werde, wie,die Ghettos in Rußland öder in der Türkei habe er nicht bestätigt gesunden. Erstens sind die Judentypen hier zahlreicher und mannigfalttger, sodann sind die Häuser von besserem Aussehen, zuweilen sogar ganz amerikanischer Art. Erstaunt sei er auch gewesen über das Geschick, mit dem die amerikanischen Juden die schwierige Ausgabe gelöst haben, für die vielen Tausende neuer .Ankömmlinge die Existenzmittel zu finden. Ihre Hingebung und Selbstlosigkeit hätten aber keinen Erfolg haben können, wären die Einwanderer selbst nicht trotz ihrer anfänglichen Mittellosigkeit verhältnismäßig schnell imstande, jhren Unterhalt selbständig zu verdienen. Es gibt jetzt in New-Uork kaum, ein einziges Gewerbe, in dem nicht jüdische Handwerker arbeiten; allerdings sehen .sie auch allerhand Vorwürfen aus, weil sie bei ihrer Bedürfnislosigkeit zu niedrigen Preisen arbeiten. Viele jüdische Einwanderer wenden sich auch gelehrten Berufen zu, jüdische Studenten sind an der Columbia-Universität in der Majorität. Großen Fleiß und Eifer entwickeln die Einwanderer im Selbstnnterricht. Man findet sie in großer Zahl in den öffent- 'ichen Bibliotheken, und sie lesen dort nicht e'wa Romane, sondern suchen sich nur solche Werke aus, die ihren Geist fördern und ihr Wissen erweitern. Tie Mehrheit der Eingewanderten steht nach Beaulien's Erfahrungen auf dem Standpunkte, daß der nach Amerika eingewanderte Jude auch danach trachten muß, Amerikaner zu werden. Deshalb nehmen Viele regen Anteil am öffentlichen Leben und schmiegen 'ich den Gewohnheiten ihrer Umgebung an. Tas wichtigste Mittel zur Amerika,lisierung ist die Erziehung der Kinder. Es kommt vor, daß junge Leute 'schon nach mehrjährigem Aufenthalt in Amerika nicht gern den Zusammenhang mit ihrem Geburtsland zngestehen. In den öffenttichen Schulen, im gemeinsamen ^Unterricht mit geborenen Amerikanern, erfassen die Kinder schnell den amerikanischen Geist, sind stolz.. auf seine Flagge, seine großen Männer, seine freie Verfassung. Für diese jungen Einwanderer wird 'bas Sternen- und Streifenbanner bald - nun Symbol der Menschenrechte und der Freiheit. Sie können nicht anders als das liberale Land lieben, das ihnen eine Freistatt geöffnet hat. Ter Redner schloß seinen Vortrag mit der Schilderung des Anteils der Juden an dem polittschen Leben der Vereinigten Staaten. Tas Gefühl, das die Worte in dem denkenden Zuhörer Hervorrufen mußten, kann trotz des vielen Lobes doch nur ein sehr gemischtes sein, denn der erfreulichen Begabung und ^em lobenswerten Streben der Eingewanderten steht ihre Amerikanisierung und damit ihre konstante Entfremdung von der Welt- und Lcbensanschauuiig des Judentums gegenüber. Rußland. . Petersburg. Der russische Professor G r e g ö r owitschTruitzkohat von der Akademie der Wissenschaften zu Petersburg he» Titel Ehrendoktor für sein Werk Tie Lehre des Talmuds über die Unsterblichkeit der Seele erhalten.

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