Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IsmIitWs familirnblatt l ——;--- Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. - . Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise stehe Schluß des redaktionellen Teiles). . i—_ .. , Redaktion und Hefchäflsfiette: Zrsnkfurt a. M.. LnligkeuzgaFe 32. Lcke Llaxperfeldstraße (gegenüber der Venen Iril). Heransgever: Aakg Heis. Jnsertionspreise: Die viergespattene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 ., Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 .. Beflagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 3. Jahrgang. Freitag, den 6. 8vdvat 566S (13. Januar 19ÜL). Ra. 2. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Trost in der Untröstlichkeit. — Hermann Cohen. — Aus aller Welt. — Personalien.— Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Kinder unserer Zeit, Roman von Jacob Levy. — Bücherschau. — Kunst. - Trost in der Untröstlichkeit. 75000 russische Juden sind in den letzten fünf Monaten in dem Hafen von' New-Dork gelandet. 75 000 Menschen — Männer, Frauen und Kinder, zittrige Greise und lallende Säuglinge — hat die unbarmherzige Willkür der Frohnvögte und die grausame Gewalt des Hungers aus dem Boden herausgerissen, in den: sie wurzelständig waren und unter dessen Sonne sie Freude und Leid getragen hatten, bis die Freude immer weniger und weniger'ivard, und das Leid immer mehr und mehr wuchs, so das; sie's schließlich nicht länger tragen konnten. — Unb da begann die Volkswanderung, eine Volkswanderung aus Not in dem Jahrhundert der sozialen Fürsorge, eine Bolkswandernng aus moralischer und rechtlicher Unterdrückung in dem Zeitalter der Humanität. ~ <- 75 000 Menschen! Haltet sie fest, diese Zahl; in großen Lettern schreibt sie vor Euch nieder, und Euer . Blick, er sei gebannt an diesen Lettern, bis Ihr begriffen die ganze Größe all' des Jammers Eurer östlichen Brüder und Ihr vor Scham errötet ob des ' gleichgültigen Nichtwissens Euerer westlichen Glaubensgenossen. Und wenn Euch dann kein Lachen, packt, ein Lachen des Wahnsinnes und der Verzweiflung, dann seid Ihr nie Juden gewesen, dann war Euch Euer Judentum nie etwas anderes als eine Almosenkasse, ein Almosen, das Ihr Euerem Gotte und den Manen Euerer Ahnen spendet, wie das Ellmosen, 'das Ihr für jene viele Tausende unglücklicher Wanderer, die doch Euere Brüder sind, übrig habt. ' Tenn der Wahnsinn muß an der Schläfe pochen, ' jeder Nerv vor schmerzlichem Zucken vibrieren, wenn man es in unserer Zeit nur ein ganz klein wenig ehrlich mit Judentum und Judenheit meint. Im Osten das grenzenlose soziale und politische Elend der. jüdischen Massen und im Westen die ideell-jüdische Verarmung durch Assimilation. Und da wandern denn die Oestler nach dem Westen, um von der Scylla in die Charybdis zu geraten, Und nirgends ein Ziel, nirgends ein Ort, wo der Ballen des Fußes wirklich Ruhe findet. Noch sind einige Länder geöffnet für die dem spzialen und politischen Elende Entfliehenden; aber . auch diese werden bald ihre Tore schließen. Bereits melden die Depeschen aus den bisherigen Zuflußländern, England und Nord-Amerika, daß' die einheimische Bevölkerung Front macht gegen eine weitere Einwanderung. Und was dann? Unsere nominellen Führer hatten in' ihrem Philister-Optimismus unsere Fragen stets mit dem -Tröste abzuspeisen, gewußt: „Tie Welt ist groß genug: wenn nicht da,, dann dort; es ist bis jetzt gegangen Und wird auch weiter gehen." — Aber nun heißt es: Weder da noch dort! Und was nun? Bedarf es noch weiterer Beweise, daß alle bisherige Politik verkehrt war und daß das jüdische Volk endlich an eine e r n st e Lösung der Judcnsrage herantrete» muß. Und braucht noch gesagt 511 werden, daß die bisherigen Führer des jüdischen Volkes, die ihre Unfähigkeit zur Evidenz bewiesen haben, nicht noch länger über die Geschicke des jüdischen Volkes entscheiden dürfen? Unsere Massen, die bis noch vor kurzem ihre Augen geschlossen hielten, und das volle Vertrauen ihren Führern geschenkt hatten, beginnen bereits die Äugen zu ösfnen; es wird der Tag kommen, an dem die falschen Propheten erkannt und samt und sonders hinweggefegt werden, um den richtigen Männer» den Platz räumen. Tas ist der einzige Trost bei der gegenwärtigen untröstlichen Situation. Hermann Cohen V.*) Die prophetische Messiasidee. Bon Iac0b ben ElijaI).j - (Fortsetzung.) v> r Ist das Ideal des Sittlichen auf das Sittliche der Zukunft gerichtet, so muh nun unsere Frage nach dem Inhalt dieses Ideals die Frage nach dem Begriffe der Zukunft involvieren. Bedeutet doch ja '-ie messianische Gottesidee den Fortschritt des Sittichen und somit die Sicherung der Zukunft für das Sittliche: die ethischen Ideen machen Fortschritte, den ethischen Ideen gehört die Zukunst: sonst würde ie auch an die Gegenwart keine Ansprüche stellen können: dies wäre bloß eine Anmaßung. Vielmehr bürsten wohl die sittlichen Kämpfe als betrunkene Tollkühnheit verspöttelt werden, wenn sie auf einen Sieg in der Zukunft nicht zu rechnen hätten. Ter Zukunftsbegriff ist also ein Fnndamentalbegriff der Ethik; er muß daher zuvörderst in ihr seine Bestimmung und seinen Wert erlangen. Ehe aber der Wert der Zukunft als Ideal und der Inhalt dieses Ideals untersucht werden soll, muß ihr Begriff bestimmt werden. Wir wissen bereits, wie sehr der Znkunftsbegrisf in der Begründung des reinen Willens sich geltend machte. Ter reine Wille ist rein von Gegebenem, er ist aber erfüllt von Aufgegebenem; er bezieht sich nicht auf das Seiende, sondern auf das Seinsollende. Im Unterschiede von der Starrheit der Begierde wird der reine Wille als das Borwärtsschreiten des Bestrebens charakterisiert; als das Fortgehen von Tendenz zu Tendenz^ von Vorsatz zu Vorsatz. Somit ist der Wille, sofern er rein ist, die Borwegnahme des Inhalts der Handlung. Er hat also die Zukunft zu seinem Inhalt; er nimmt sie vorweg. Auf dieser Antizipation der Zukunft beruht die grundsätzliche Unterscheidung her Physikalischen Belvegung und der Handlungsbewegung des reinen Willens: die erstere wird in ihren Kompositionen von der x*)~Yidft air. 40* Alf 42, 43, 43 und49 v. Jahrg Vergangenheit bestimmt, die letztere hingegen bildet die Spannung auf die Ziiknnst; jene muß in jedem ihrer Ansätze einen neuen Ursprung nehmen, diese aber enthält bereits im Vorsatz die Intensität der Handlung. Tie Handlungsbewegung ist, sozusagen, organisch: das Ganze ist hier vor de» Teilen; sie ist auf eineir Zweck bezogen, sie geht auf die Zukunft. Tie Handlung ist daher Erhaltung ihrer Bewegung, weil Erhaltung der Tendenz auf die antizipierte Zukunft. So bildet die Zukunft als die Fiktion des reinen Willens das Charakteristikum des Zeitbcgriffs. Tie Zukunft wird, vorweggenommen; sie. ist zuerst; erst von der Zukunft hebt sich die Vergangenheit ab. „Angesichts des Noch-nicht taucht das Nicht-mehr auf." Selbst die Sehnsucht nach der Vergangenheit ist nichts anderes als die Sehnsucht nach der Vergangenheit für die Zukunft: man möchte den vergangenen Zeitpunkt in den kommenden Zeitmoment haben. Und wenn man zum Augenblicke betet: verweile doch, du bist so schön — so wünscht man damit das Verweilen des ersehnten Augenblicks in der Zukunft; nur für sie wird gebetet, nur auf sie ist der Wille gerichtet. Tie Gegenwart ist kein fester Punkt; sie schwebt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Dächer hat der infinitesimale Zeitpunkt der Gegenwäxt keine Realität. Ist nun der Wille auf die Gegenwart fixiert, so ist er gelähmt; so wird man von Langweile geplagt. Nur die Zukunst ist das spe- 'ifische Merkmal der Zeit und des Willens. „Ter Wille ist immer Wille der Zukunft." Tiefe Bedeutung des Zukunftsbegriffs erhöht die Bedeutung des Messianismus als das Ideal ^es reinen Willens: dieses Ideal liegt nicht in her Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Ter Mythos verlegt die Sittlichkeit rückwärts, der Messianismus verschiebt sie vorwärts. Ter Mythos schwärmt für ein v.erlorenes Paradies, der Messianismus emanzipiert uns von dieser Romnnlik für das Vergangene; er richtet nnsern Blick auf das Kommende. Ter Prophet projiziert das goldene Zeitalter auf die Zukunft-auf das Ende der Tage. Man tadelt sich selbst, wenn man bie Zu kunft tadelt; man lebt doch ja nur für sie. Und m a n tadelt .sich selbst, wenn man nur seine Vergangenheit zu loben weiß. Es ist ein Mangel an sittlichem Selbstbewußtsein, wenn man die Zukunft aufgibt: es ist Mutlosigkeit. Die sittliche Reife der Propheten ist eben der Genieschwnng auf das koniinende Einst, das freilich mit heißem Schweiß erkämpft werden muß. Es ist dies die feste Hossnung aus den Erfolg der sittlichen Kämpfe, die edle Zuversicht auf den Sieg des Guten; es ist der Glaube an sich selbst, weil an die Menschheit. Der Mensch ist kein Raubtier, kein domo domini lapu»; jedenfalls ist er nicht verurteilt, immer so zu bleiben. Ter M e s s i a n i s m u s besagt also: kein Abstieg, sondern ein Aufstieg; kein Verfall, sonder» ein Emporstcigen; kein Verkommen, sondern ein Vervollkommnen. Ter Mensch ist nicht der ewigen Verdammnis preisgegeben; er ist nicht ein Werkzeug der Erbsünde. Wir sind nicht etwa durch den Sündensall bereits der Sünde verfallen: wir sind nicht Kinder des Teufels, sondern Kinder Gottes. Wir sind fteilich arme Sün-