Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692410--01364-2695864
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 1. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Seite Aus der zionistischen Bewegung. Mainz» 2 Jan. Die hier erscheinende Zeitung „Der Israelit", die in ihrer Nummer vom 29. Dezember in einem „Rückblick au der Jahresw e n b e" konstatiert hatte, daß „für uns d e u i s ch e Israeliten das Jahr 1904 eine kräftige Entwicklung unserer inneren Angelegenheiten gebracht hat", bringt in ihrer heutigen Nummer noch einen „Rückblick", in dem sie über de» Zionismus schreibt: „Unsere Ansicht über die Gefährlichkeit und Verwerflichkeit des Zionismus brauchen wir hier nicht wiederholt auseinanderzusetzen. Die entschiedene Abweisung des Zionismus, gehört 511 den wenigen Punkten, worin wir auch mit anderen Parteien einig gehen, wenn auch nicht auf Grund derselben Erwägungen. Um ein Zusammengehen aller jüdischen philantropischen Bestrebungen zu inszenieren, hat man auch den Zionismus als salonfähig erklärt. Tie höfliche'Verbengnng dazu haben aber nicht die neologen radikalen- Elemente übernommen, sondern ist, damit auch die Komik zur Geltung komme, von einer Seite besorgt worden, die sich gern unter die Orthodoxen zählt, die seiner Zeit den Zionismus auf öffentliche Protesterklärung in Acht und Bann erklärte und nun aus dem Lager der Protestanten in das der modernen Zionswächter übergegangen ist! Esgibt keinen salto mortale, vor dem der zeitgenössische Berbrüderuugs- - dnsel zurückschreckt." Tie Zeitung scheint zu den gloorreichen Taten des Jahres 1904 auch ihre bekannte Bekämpfung des Zionismus zu zählen. Merkwürdig ist auch ihre Auf fassung, daß die Gutniachuiig eines eingesehenen Irr tums „komisch" sei. K. Prag, 28. Dez. Landesparteitag der Zionisten für Böhmen. Sonntag fand hier der Landesparteitag der Zionisten in Böhmen statt. Es waren 35 Delegierte aus der Provinz erschienen. Die rege Diskussion, die von dem aus den Herren R e s e k (Prag), K 0 b l e r (Kolin), Bechert (Teplitz) bestehenden Präsidium geleitet wurde, begann mit einer Trauerkundgebung für Dr. Herzl und beschäftigte sich mit Organisations- und taktischen Fragen. In dem vom Distriktsbureau für Böhm.en erstatteten Rechenschaftsbericht wurde mitgeteilt, daß im abgelaufenen Jahre 4 neue SBeceine gegründet, die Gründung von 3 iveiteren neuen Orts- - gruppen vorbereitet und an 16 neuen Orten Vertrauensmänner nominiert wurden. Die Bewegung sei in Böhmen in fortwährendem Wachstum begriffen. Ten Verhandlungen wohnte auch der Präsident des Landeskomitees für Oesterreich Dr. Kren bergei> Wien bei. Aus Anlaß des Parteitages fand um 8 Ilhr abends im großen Börsensaale eine äußerst zahlreichbesuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher Gg. Prof, und Rabbiner Tr. Kurrein- Teplitz einen Dortrag über „D r. H e r z l s T e st ament" hielt. Bon den drei Werken Herzls I ud c nstaat, neues Ghetto und Altneulaud ausgehend, formulierte der Redner in wirkungsvoller Rede die Enttvicklung und den Beweisgang der zionistischen Idee. Starker Beifall lohnte die glänzende oratorische Tat des ehrwürdigen Rabbiners. Radantz lBukowina). Die hiesigen Zionisten haben einen großen Sieg zu verzeichnen, indem ihre Ge finnungsgenosscn Tr. Samnel Josef Vierer und N. M e.n tz e l zu K u l t u s v 0 r st e.h e r n gewählt wurden. Philippopel (Bulgarien). Nächste Woche findet in Sofia eine dom Großrabbiner Dr. (M. Ehrenpreis ins Feben gerufener Kongreß der jüdischen Gemeinden Bulgariens statt. Das Ziel dieses Kongresses ist die Organisation aller jüdischen Gemeinden in Bulgarien. Tein Bemühen der Präsidenten des hiesigen zionistischen Vereines. Dr. M. Romano und Jakob Calew, ist es Hauptsächlich zu verdanken, daß fast alle Delegierten der Gemeinden Zivnisten sind. Ter Kongreß wird Sonntag, Montag und Dienstag tagen, nachdem ihm Freitag, den 6. Januar, ein-Vorkongreß der Zionisten vorangegangen sein wird. Aus den Vereinen. Frankfurt ä. M. Der Verein Nachlaß Zwi hat in der diesjährigen Wintersaison zum ersten Male Literaturabende cingesührt.,Bereits der erste Literaturabend zeigte, daß der rührige Vorstand in seinem rastlosen Streben nach Vervollkommnung des Vereines mit dieser neuen Einrichtung einen glücklichen Griff gemacht hatte. Ter am Mittwoch,' den 28. Tez., abgehaltene zweite Abend schloß sich. würdig seinem Vorgänger au. Ter erste Redner, Herr Josef B a m b e r g c r hatte sich Jork Stein cr's Buch „Der Tal m u d b a u e r" zum Objekt seines Vortrages genommen. Er gab eine detaillierte Schilderung des Inhaltes und faßte dann sein Urteil wie folgt zusammen: - , 7 - - ' Ter Talmildbauer predigt die Rückkehr ins heilige Land. Ter Verfasser sieht das Heil des jüdischen Volkes nur -im heiligen Laude erblühen, inmitten einer blühenden Kultur soll sich das Volk kräftigen und seine Selbstständigkeit erlangen. Tie We.'t stößt uns Juden zurück, nian will nicht, daß wir uns assimilieren, es bleibt uns nichts anderes übrig, als wieder ein Volk zu werden. Das ist nicht die Auffassung der -Orthodoxie von der Mission des jüdischen Volkes, Auch diese hegt den aufrichtigen Wunsch zur Rückkehr nach Palästina, aber für sie ist diese Rücksehr hoch ctlvas ganz anderes. Für Port Steiner sind Opfer und Priestcrvorschriflen des Talmuds nur noch Zuckungen des Mittelalters. Für ihn bildet Jerualem mcht den einstigen geistigen Mittelpunkt der jüdischen Nation, für ihn handelt es sich nur darum-, daß das jüdische Volk herauskoinmt aus dein Drucke der Jahrhunderte und der Welt zeigt, daß es ein üdisches Volk gibt. Gewiß. Port Steiner meint ce aut mit seinen Brüdern, die in Truck und Armut fch>nachte». Er fühlt mit ihnen und möchte Ihne» helfen. Aber er hat die Mission Israels nicht erfaßt Für Israel ist die Rückkehr ins hei'ige Land doch mehr wie nur eine soziale Frage, für Israel ist das geistige Wohl und die einstige Erlösung aus geistigen Fesseln nicht minder eine Hoffnung, die es -auf die Zukunft sin Lande setzt. Trotzdem bietet das Werk Jork Steiners des Geni'eßbare» gar vieles. Wir freuen uns, wenn ein Mann die Feder führt für. unser Volk. Wir freuen uns, wenn wir sehen, daß man auch in Kreisen, die lange unserem Volke fern gestanden, Interesse für da 'elbe bekundet und daß allenthalben sich fleißige Hände rühren, um die soziale Lage unserer armen Brüder zu verbessern. Zeigt uns doch die lebhafteste jüdi'chr Bewegung seit langer Zeit, der Zionismus, daß man sich in Kreisen aller Schalliernugen mit dem südischen Volksproblem beschäftigt. Aber gerade bei der Mitwirkung so verschiedenster Elemente beißt es, die Augen offen zu halten und sich nicht bestechen zu lassen von Gedanken, die wohl in jüdischem Boden wurzeln, scher doch weit entfernt davon sind, die jüdische Wahrheit zu umfassen und zu verkörpern. Hüten wir un darum, die Allen des Talmud, die in dem »ns vorliegenden Buche schlecht abschnciden. als veraltet zu erklären. Wir tvollcn immer bedenken, daß sie weit tiefer eingedrungcn waren in den Geist der göttlichen Gesetze als wir, die wir diese Gesetze nur durch ihre Erklärungen verstehen können. Tie Verordnungen, die sie uns als heiliges Vermächtnis hiiiterlasscn haben, sind göttlichen Ursprungs und unsere Zeit kann sie weniger entbehren wie je. Mit diesem Bewußtsein ausgerüstet, wollen wir Bork Steiners Buch lesen." Als zweiter Redner sprach dann Herr M a x N e n bergcr über Hilty's „Gedanken" — wir bringen dieses Referat in nächster Nummer als be sonderen Artikel — und dann ergriff Herr Dr. mcd. Joseph Mayer das Work ZU einem Vortrag über Tr. A r t h n r N u p p i n s „D i e Juden der Gegen war t". Redner hob zunächst den scharfen Gegensatz hervor. in welchem sich der Verfasser in diesem Buche nicht nur zur jüdischen Orthodoxie, sondern mehr noch zur jüdischen Religion überhaupt stellt, und bekämpfte insbesondere in wirksamer Weise die in demselben wiederholt anftrctende Anschauung des Verfassers, daß das Judentum, insbesondere das orthodore Judentum/ kulturfeindlich sei. Dr. Ruppin teile d'e Jude» der Gegenwart in zwei Haüptgrupren, die osteuropäich'en und die westeuropäischen ein. und die Verhältnisse rer elfteren seien, was Redner als eine» Vorzug des Buches bezeichncte, in sehr klarer Weise dargestellt sowohl was ihre religiöse, wie wirtschaftliche Seite betreffe. Da. wie natürlich, der Verfasser auch in eingehender Weise mit dein Zionismus sch beschädigt und die Ansicht ansspricht, daß im 20. Jahrhundert die große Entscheidung des Judentums herbeigeiührt werden wird, nahm auch Redner Veranlassung, seinen zionistischen Standpunkt in ausführlicher Weise darzulegen. Einem Zionismus nach der Idee des Herrn Dr. Rupvin, der nur ein national-jüdisches Ttaatsgebäude mit gemeinsamer Sprache ohne jedes religiöse Beiwerk errichten wolle, könne oder dürfe kein orthodoxer Jude das Wort reden. Herr Tr. Ruppin hält jedoch nach richtiger Argumentierung d'e zionistischen Endziele erst nach Viesen, mühsamen Vorarbeiten in ca. 3—4 Jahrzehnten für ausführbar, und bis dahin hofft Redner, werden auch die Widerstrebenden, wie Dr. Rupvin, eingesehen baben, da» ein Judentum ohne Religion und obne Strenggläubigkeit undenchar ist. Zum Schluise beklagte- Redner, daß die jüdische Orthodoxie in ihrer Mehrheit sich noch inimer voin Zionismus fernhaltc, während sie doch nur durch früh zeitige Mitarbeit für die erforderlichen religiösen Ga rantieen Sorge tragen könne. Ter von Herrn Dr Raphael Breuer in einem Aufsätze des ..Israelit" in antizionistischer Tendenz ans Rabb. Hirschs Psa'lmenkommentar zitierten Stelle Kap. 95, Vers 7, hielt Redner diejenige in Kapitel 102. Vers 15 entgegen mögen, und daß Israel einst voll und ganz zu Gotl znrückkehren werde, sei aus Tewvrim, Kap. 30, Vers 1—10 ersichtlich. Diese Zeit werde jetzt durch den Zionismi^ vorbereitet. Frankfurt a. M- Der »Verein zurPflege ü d i s ch e n W i s s e n s (T i f e r e s B a ch u r i in) hat soeben sein z e Hute s Berein-Sjahr beendet. I» der Boransjetziing gegründet, hiesigen gesetzestreuen jüdische» jungen Leuten eine genaue, ans die Quellen zurückgehende Kenntnis der jüdischen Geschichte und des jüdischen SchrifttumeS zu bieten, hat er in der abgelaufeneii Zcitperiode überaus Ersprießliches geleistet. Tie Grundtendenz dieser Vereinsbestrebung, durch eignes, selbsttätiges Eindringen in das reiche Wissensgebiet jüdischer Vergangenheit, den Sinn und damit die rechte Liebe und Hingebung sür die heiligen Güter unseres Volkes zu erwecken, hat sich als eine ' in jeder .Hinsicht nützliche und heilsame erwiesen. Zahlreiche Gebiete jüdischen Wissens wurden behandelt. Kaum mag es wohl eine prinzipielle Frage innerhalb des JiidentiimS gebe», die in diesem Kreise nicht debattiert und somit nach jeder Richtung hin beleuchtet worden wäre. Tiefe Leistungen vollzogen ach stets unter Anwendung bescheidenster Mittel. Vereinsmitglieder, meistens dem Kaiisiiiaiinsstaiide angehörige junge Leute wnrcu die Vortragenden und durch gegenseitige Aneiferung gelang eS ihnen, während all der Jahre hindurch jeden Sonntag Abend im Winter in rüstiger Arbeit lehrend und lernend ihr Wissen zu bereichern. Trotzdem die Erfolge solchen Sirebens bei den einzelnen Mitgliedern klar zu Tage traten, indem äe znm weitaus größte» Teile bewußte Juden, eifrige Förderer aller echtjüdischen Bestrebungen geworden sind, trotzdem sie insbesondere mit dem Bewußtsein der zu leistenden, jüdischen Lebensaufgabe auch deren weitgehendeste Ausübung verbinden, hat in letzter Zeit der Verein über die verhältnismäßig geringfügige Beteiligung zu klagen, wobei er insbesondere die Unterstützung derjenigen Eltern vermehr, die ihre» schnlentlaisenen Söhnen als nberzeugungstreuen Jude» einen festen Halt im Leben bieten wollen. Mögen diese kurzen Ausführungen, dem Vereine Tiseres Bachurim recht viele jugendliche Freunde zusühren. Frankfurt a. M.. 5. Januar. Montefiore- Verein. Ter gestrige musikalisch-deklamatorische Unterhaltungs-Abend erfreute sich eines lebhaften Besuches. Tie ausgezeichneten Tarbietnngen fanden reichen Beifall und es meldete sich eine ganze Anzahl neuer Mitglieder. Am Mittwoch, den II. d. MtS. beginnt Herr Tr. Caro seinen Literatur-Eyklus mit einem Bortrag über „Hebbel". (Nur für Mitglieder.) Am Tonnerstag, den 12. d. MtS. anfangend, veranstaltet der rührige Vorstand einen Sainariter-Unterricht unter Leitung der Herren Dr. Jacob Meyer und Dr. Felix Kraemcr. Tie Beteiligung an diesem Kursus ist gänzlich kostenirei. Eine Anmeldeliste liegt im Bcreinslokal aus. Köln a. Rh.» 30. Dezbr. Am 26. dss. Mts. fand unter sehr zahlreicher Beteiligung die Generalversammlung der C h e w r 0 h S e m i ch a s Ta l i m statt. Nach dem Berichte des Vorsitzenden Herrn M. Falke »stein zählt die Chewroh 700 Mitglieder und balanzieren die Einnahme» und Aus-- gaben mit Mk. 10000. In der Debatte brachte Herr Rabbiner D r. F r a n k in Anregung, daß die Chewroh gegen die unjüdische Sitte der Kranzspenden im Kreise ihrer Mitglieder Vorgehen und als Ablösung für etwaige Kranzspenden eine Wohltätigkeitsspende Vorschlägen solle. Ter Vorstand wird dieser Anregung näher treten. — Herr Moritz Levy j r. hatte den Antrag gestellt, daß Mittel dafür bereit zu stellen seien, nin armen aber würdigen Knaben an ihrem Barmitzwohtage seitens der Chewroh ei» Geschenk zu teil werden zu lassen. Nach den Worte» des Herrn Rabbiners Tr. Fr a n k soll dieses Geschenk nur als Prämie für gtites Betragen gewährt werden. Tie Versammlung beschloß demgemäß. Herr M e i n b e r g interpellierte den Voxstand darüber, warum z. Zt. bei 'der Beisetzung der Aschenreste eines Mitgliedes die Chewroh weder zu der Beisetzung eingeladen noch Wagen gestellt habe. Ter Vorsitzende Herr F a l k e n st e i n begründete diesen Beschluß des Vorstandes damit, daß die Feuerbestattung gegen das Religionsgcsetz verstoße und ein religiöser Verein dabei nicht Mitwirken könne. Herr Rabbiner Dr. Frank teilte mit, daß sich die Mitglieder des Rheinischen Rabbiner-Verbandes nach einer Aussprache über diese Frage gemeinsam daraufhin geeinigt hätten, die zur Verbrennung bestimmte Leiche wohl vonr Sterbehause bis znnr Bahnhof zu begleiten, aber bei der Beisetzung der Aschenreste nicht zu assistieren. — Herr Rabbiner Dr. Rosenthal bespricht ausführlich das llnjüdische und llnreligiöse der Feuer-Berbrcnnung und weist darauf hin, daß er als Referent in der erlvähntcn Sitzung des- Rheinischen Rabbiner-Berbandcs den halachischen Nachweis erbracht habe, daß die Asche ans dem Friedhose (allerdings im Sarge) nicht nur bestattet werden dürfe, sondern bestattet werden müsse: daß aber andererseits bei dieser Bestattung der Äschenresle jede Mitwirkung des Rabbiners — als wie Billigung und stillschweigende Zustimmung zur Fenerbestattnng ausgeschlossen sei. Seinem Ausführungen habe sich die Versammlung nach beiden Seilen damals angeschlossen. Was aber die eigentliche, in Rede stehende Frage, wegen des Verhaltens der Chewroh betrisst: so bedürfe sie hinsichtlich der statutengemäß übernommenen Verpflichtungen des Jnferierens und der Wagengestellung einer gründ-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.