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Neue jüdische Presse · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 1. — da Hab' ich geglaubt, wir müßten uns doch auch einmal erkenntlich zeigen »,Is ja alles Schwindel/' unterbrach Klein-Lenchcn die Erzählung und wandte mir beleidigt den Nucken zu. Donnerwetter! Ich war wirklich verlegen und wußte gar nicht, was ich sagen sollte. Endlich fragte ich: „Warum soll denn das Schwindel sein, Lenchen?" — „Weil die Ehristen keine solchen Assen sind," erwiderte das Kind, drehte mir eine Nase und lief'aus dem Zimmer hinaus. (Aus der Januar-dtummer des „Schleimet") Kinder unserer Zeit. ' Roman von Jacob Levy. Gortsetzung.) Die jungen Mädchen bis zu den mittleren Jahren verhimmelten alle, während die Herren nicht ausnahmslos so glücklich aussahcn. Assessor Rode runzelte die Stirn und versuchte erfolglos, eine selige Miene aufzusetzen. Andcre^Herren rückten unruhig auf den Stühlen. Einer bohrte sich beim Einsetzen der Musik in das Ohr, als ob er ein Insekt enkfernen müsse. Herr Meyer ächzte: „Das halte ich nicht ans. Lass' mich heraus, Mendel!" Dieser lächelte und flüsterte: „Bleib hier, draußen zieht es, und dann bekommst Du wieder Deine Zahnschmerzen/' „Mir sind Zahnschmerzen lieber!" Dann geriet.er in Wut und sagte ziemlich laut: „Meine grau kann sich freue». Ich wollte erst später kommen, und da fabelte sie mir so viel von dem literarischen Genuß vor." ' Kapitel 9. Ter Vortrag nahm. auch sein Ende, und da stürzten die Taiiien zu Doktor Lispek, ihm begeistert dankend. Später wandelten die jungen Mädchen Arm in Arm umher und eine sprach ästhetischer als die andere. Frau Berger bildete den Mittelpunkt der älteren Damen und tat, als ob sic die neuere Literatur gemacht hätte. Ter Einjährige steuerte, auf den Assessor los und fragte init satirischem Ausdruck: „Bist Du auch ein Kommender?" „Quatsch. Wenn ich 'nicht besondere Absichten hätte, wäre ich schon längst verschwunden." - „Ah," pfiff der Einjährige. „Jawohl. Tie Tochter des Hauses' hat sich ja erschreckend-rasch aus einem Backfisch zu eincin bildschönen Weib entwickelt, und ich werde die Festung mit allen erlaubten und unerlaubten Waffen angreifcn. Nur muß sie sich die überschwengliche Bildung abgewöhnen." „Hugo, weißt Du, daß sie Jüdin ist?" „Natürlich. Würde aber eine Christin mit solchen« Reichtum, solcher Schönheit und solchem Geiste mich armen Teufel nehmen? Ta müßte doch ein- Gesandter oder, ein Kavalleriegraf kommen." „Hugo, das Mädchen kann mir leid tun. Hoffentlich ist sic wirklich klug und nimmt Dich nicht." Ter Hausherr näherte sich einer Gruppe Herren, aus der lautes Gelächter ertönte. „Meine Herren, was halten Sie von der Poömusik?" fragte er schmunzelnd. Ein Zeitungsverleger antwortete mit humoristischem Lächeln: „Herr Berger, Ihr Souper muß sehr, sehr vorzüglich sein, denn wir haben es redlich verdient Er lachte laut. „Ganz meine Ansicht. Sic sollen aber befriedigt werden." Mit leiserer Stimme fuhr er fort: „Wenn aber meine Frau und Tochter noch nicht kuriert sind, dann sind sic behext. Aber ich suche meinen Heinrich." , _ Ta kam er eben herbei. „Nun, Tu Wildfang, ich sah Dich ja den ganzen Abend noch nicht." „Ich war' im Hintergründe mit meinen Freunden bei den Herren. Aber Vater, jetzt ist der Assessor Rode viel liebenswürdiger als in Badenweiler. Er ist ein ganz reizender Mensch und will mich fechten lehren.",. „Siehst Tu, mein Sohn, inan soll mit seinem Urteil niemals voreilig sein. Doch da scheint Dich Tein Freund Hans zu suchen, geh zu ihm." Heinrich lief zu einem lang aufgeschossenen blonden Jüngling, der ihm won weitem entgegenricf!" „Du Heinrich, Du sollst zu Deiner Mutter kommen!" Tie Jünglinge faßten sich in deu Arm und schleuderten zu Frau Berger, die den Freund ihres Sohnes gleich einigen Tarnen vorstellte:' „Herr'Hans Lukas, Sohn des Geheimen Negierungsrats Lukas." Heinrich zog nach einer kurzen Weile seinen Freund ungeduldig fort. Dieser sagte: „Du Heinz, Deine Mutter stellt mich nur den Müttern und . Großmüttern vor, jetzt gehen wir zu deu jungen Mädchen und bleiben bei ihnen- Du brauchst aber nicht bei den Vorstellungen die Qualität meines Alten zu verkünden." * Heinrich lachte. „Diese Erinnerung lväre bei mir nicht nötig gewesen. Tu dürftest doch wissen, daß ich daran nicht denke und mir dies höchst gleichgültig ist." „Ja," sagte Hans, den Arm seines Freundes liebevoll drückend,, „ich weiß, daß Tu. ein rechter Kerl und mein Freund bjst." „Hans, solle» wir auch zu den'Kommenden gehen?" „Wir können uns auch Ringe durch die Nase ziehen." ) „Das - wäre jedenfalls gescheiter." Sie fingen den gleichfalls eingetadenen Maler Küppers auf, der leise zu Heinrich sagte: „Du, komm inorgen zu mir, dauu gebe ich Dir eine Bleistiftzeichnung Eurer ästhetischen Vorlesung mit dem übergcschnappten Doktor Lispel. Jetzt gehe ich zu Deiner Schwester, obwohl ich zweifle, daß sie wieder auf der Erde schwebt." - Er tat also und freute sich, das; Erna ihm einen Tanz aufgehoben. „Ich war Ihnen doch die kleine Aufmerksamkeit für die reizenden Skizzen in Badenwciler schuldig, die jetzt den schönsten Schmuck meines 'Zimmers bilden," sagte sie mit lieblichem Lächeln. Ter Maler errötete und'sah sehr glücklich aus. — Auf das Zeichen eines Gongs öffnete sich die Tür zum Speisesaal. Tie Herren suchten ihre Tischdamen und bald erhoben sich die Hände zum lecker bereiteten'Mahle. Tie Unterhaltung wurde laut. Frau Berger versicherte über den Tisch, sie würde ihrem Salon das Gepräge der Literatur ansdrücken, und bat sich die Mitwirkung des Herrn Toktor Lispel und seiner Schule aus, was dieser auch versprach. „Weshalb sehe ich Ihre Frau Gemahlin nicht - hier, wie geht's ihr?" fragte Herr Mendel seinen Nachbarn, der mit einem riesigen Stück Salm beschäftigt war. „Meine Frau," sagte dieser, sich eine Ruhepause gönnend, „ist der reine Ton Juan, sie sucht imnicr Mädchen. Uebrigens ist sie hier, sie sitzt bei Frau Meyer." „Aha, die Ullzertrennlicheii." Frau Meyer erzählte eben von der Unverschämtheit eines Bctteljungcii, der ihren Kneifer gefunden und init cinenl fürstlichen Geschenk nicht zufrieden war. Ihre Nase bog sich nach rechts. „Sie wissen, ich bin die Sanftmut selbst, aber da sagte ich nun doch: heraus! Mein Mann und Sclma konnten mich kaum beruhigen." Unter elegischcin Nasenschlängeln trank sic ein Glas Wein aus. - „Wie geht's Ihrer Tochter, man sieht sic so selten." „Ach, sie nimmt einen Tanzknrsus mit und ist so sehr in Anspruch genommen. Ten ganzen Tag klingelt das Telephon! Fräulein Selma hier, Fräulein Selma. dort." „Ja," fuhr sie vornehm fort, „wenn inan so den Mittelpunkt der Gesellschaft bildet, muß man doch seine Pflichten erfüllen." Tie Damen, welche die gerühmte Selma kannten, wußten ihre Heiterkeit nicht zu unterdrücken. Eine jedoch, welche der Frau Meyer gewachsen zu fciri^ schien, fragte harmlos: „Wie oft hat Fräulein Selma schon tanzen gelernt?" Frau Meyers Nase züngelte dräuend gegen die vorlaute Frau Oppenheimer, sie ignorierte aber erhaben diese Frage. ' Unten am Tische, wo Heinrich präsidierte, ging cs sehr lustig zu. Dort. saßen die Herren und Damen, die noch teilweise kurze Hosen und kurze Kleider trugen, die noch eine nnsagbarc Heiterkeit entwickeln konnten, wenn einem eine Gabel aus der Hand fiel. Philipst Kühl, jetzt ein Schüler des Polytechnikums, war auch anwesend, da er ein Liebling des Hauses geworden.' . Er erzählte eben Heinrich flüsternd sein Abenteuer mit Frau Meyer, ihm die Frau zeigend, worüber sich dieser halbtot lachen wollte. „Philipp!" jubelte er, „Tu mußt sie nachher fragen, ob sie ihren Kneifer lange nicht mehr verloren." Philipp, der gleichfalls etwas sehr munter war, versprach dies und führte es auch später aus. Entsetzt blickte Frau Meyer auf den gut gekleideten Jüngling, in dein sic den betreffenden Lansburschen Ivieder erkannte. Ehe sie sich aber auf eine Antwort besinnen konnte, lvar er ^verschwunden. „Das ist mein Tod!" stöhnte sie, zum ersten Mal seit langer Zeit verblüfft. - Kapitel 10. Plötzlich .ertönten im Nachtisch die lockenden Klänge einer Polonaise aus dem großen Saal. Wie elektrisiert sprangen die. jungen Leute auf. Tie Paare fanden sich, und unter dem Kommando des Tanzordners rollte sich die Schlange der Polonaise durch den Saal und die geöffneten Ncbenräume. Tie Herrin des Hauses cröffncte den Zug mit Toktor Lispel. Tie ältere» Herren beteiligten sich gezwungeuerwcise an der-Polonaise. Als dieselbe sich jedoch zum Schluß in einen Walzer auslöstc, ließen viele ihre Tomen schnöderiveise stehen, sagten auch wohl, heimtückisch: „Sie sind wohl müde, meine Gnädige" und führten sie zu einem Sessel. Herr Berger winkte einem Diener, und dieser eilte zu verschiedenen Herren, ihnen etwas znlüsternd. , „Das erste vernünftige Wort, das, ich heute höre," sagte Herr Meyer befriedigt, „komm Mendel." Tie Herren folgten dem Diener durch den Saal, ein Treppchen herunter in ein gemütlich durchwärmtes Zimmer. Einige Tischchen waren mit' Skatapparatcn versehen. Selbstverständlich fehlten auch eine Flaschenbatterie und Rauchrequisiten nicht. . „Aha!" machten vergnügt die Herren, bald waren einige Partien im Gange. Ter Hausherr war mit dabei, entschuldigte sich aber im voraus für etwaige Störungen, denen er ausgesetzt sei. „Ach was," brummte Toktor Levy, „schließen Sie die Tür,' dann werden Sie nicht gestört. Tie dort oben tanzen oder spreche» über Literatur." „Wer „Tas ist egal, der Vortrag war geistreich." „Eine Karte oder ein Scheit Holz." „Schenken Sie bitte einmal ein, Nllmann." „Tanke verbindlichst." „Spielen wir oder machen wir Komplimente?" „Ich habe zweiundsechzig, Grand ohne vier, danke meine Herren. Donnerwetter, ein Junge liegt im Skat!" „Trösten Sie sich, das kann einem 'passieren, der Frau und Kinder hat." So saßen die Herreil und amüsierten sich und machten einen Tabaksqnalm, daß einer den andern kaum sehen konnte. Es trat eben eine Tanzpause ein. Ter Weißwarenhändler Strauß führte seine Gegnerin von vorhin, Fräulein Bertha Lewin, langsam durch den Saal. Tie beiden senkten ihre leuchtenden Blicke tief ineinander. Tie sonst blassen Wangen des Mädchens waren leicht gerötet, ihr Busen wogte, sie hörte andächtig auf ‘bic eindringlichen Worte ihres Kavaliers. „Also die moderne Vorbildung hast Tw abgestreist nnd kannst mich einfachen Menschen lieben," sagte er eben zärtlich. „Ja," sagte sie innig, „ich bin und werde, wie Du mich haben willst. Ich schämte mich während des Vortrags, daß ich die Kommenden so bewundern konnte. Ich werde die einfache jüdische Hausfrau." „Du entzückst mich, inein Liebling. Wir wollen uns aber nur von den Auswüchsen des Modernen fernhalten. Tas gute neue wollen wir dagegen mit offenem Herzen nnd offenem Geiste ausnehmen, wir sind doch Kinder unserer Zeit." In derselben Panse promenierte auch Erna mit Assessor Rode. Erst bewegte sich die Unterhaltung auf künstlerischem Gebiete, bald jedoch war der Assessor des trockenen Tones satt und begann die Präliminarien zur Fcstüngsbelagernng. Er erzählte von seinen hochsliegendcn Plänen, von seiner Mutter und Schwester, die Erna in ihr Herz geschlossen hätten. Er sprach von der Toleranz in den höheren christlichen Kreisen, die Ehen mit Juden gcradezil ersehnten, um die Assimilation der jüdischen Mitbürger rascher herbeiznführen. Erna hörte gespannt zu. - - Sie konnte auch nicht begreifen, daß die Menschen sich der Religion wegen hassen nnd verfolgen. Und nun gar die gebildeten Menschen! „Was ist denn Religion! Wir sind Juden, iveil es unsere Vorfahren auch waren, was aber weist heute bei uns ans unsere Konfession hin? Tas ist ja abgetan wie bei —" „Ten gebildeten Christen, gnädiges Fräulein," unterbrach er sie. „Bei uns, die wir- Kinder unserer Zeit sind, ist die Religion nur ein leeres Wort/ der Unterschied in der Konfession nur ein Popanz für die unreife Volksmassc." . An den Wänden aber saßen die Mütter und hiellcn furchtbares Gericht über die spazierende Jugend. 'In sehr später Stunde sammelten sich die Väter nnd mahnten zum-Aufbruch, der nun auch ziemlich lärmend, in üblichem Durcheinander erfolgte. Ter Assessor dienerte vor der Herrin des Hauses mit Handkuß: „'Gestatten gnädige Frau nieinen tiefgefühlten Tank." „Ach bitte, Herr Assessor," flötete sie.' . ' Ter Handkuß wurde bei der Tochter viel feuriger; verwirrt wandte sich das Mädchen ab. Am Tage nach der Soiree ließ sich der Assessor Rode im Berger'schen Hause melden. „Wollte nicht verfehlen, mich nach denl Befinden der Damen zu erkundige», der Abend war zu reizend." Tie.Unterhaltung wurde lebhaft. Der Assessor sprach von seinem verstorbenen Vater, dem Gerichtsrat, nnd dann erzählte er von seinen Verwandten,, lauter betitelten und. begüterten Leuten, in Berlin und hinter Berlin, und wie ihm die große Karriere auch nicht äusbleiben könne. Tie Hausfrau gab sich sichtlich Mühe; den Assessor zu fesseln.'. v „Wir empfangen jeden Donnerstag Abend, vergessen Sie nicht, daß Sie auch zu unseren Freunden gehören: Sie finden schöngeistige, interessante Gesellschaft bei uns." ‘ , Gortsetzung folgt).

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