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Neue jüdische Presse · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 1. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Berlin.Der Deutsch-Israelitische Gern einchebund beruft - auf den 12. u. 13. Juni 1905 den 10. ordentlichen Gem-eindetag nach Frankfurt a. M. ein. Auf die vorläufige Tagesordnung hat der Ausschuß folgende Gegenstände gesetzt: 1) Formalien und Bericht. 2) Gründung eines Gesamtarchivs der deutschen Juden. 3) Religionsunterricht uiid die damit zusammenhängenden Fragen. 4) Bezirksrabbinate. , 5) Wanderbettelei und Arbeitsstätte». 6) Fürsorge für geistesschwache Kinder. 7) Satzungsänderungen. - 8) Zusammenschluß jüdischer Handwerkervereine. 9) Propaganda. 10) Religiöse Fürsorge für jüdische Strafgefangene. 11) Wahlen. - Zu Punkt 6 ist zu bemerken, daß der Teutsch- Jsraelit. Gemeindebund nicht in der Lage ist, eine entsprechende Erziehungsanstalt aus eigenen Mitteln zu begründen. Zu Punkt 7 ist zu bemerken, daß es sich nur um eine formale, aber aus. praktischen Gründen erwünschte Abänderung handelt, nämlich um Ergänzung des Paragr. 19 Absatz -2, der lautet: „Urkunden, welche den Bund vermögensrechtlich verpflichten sollen, sind unter dessen Firma vom Vorsitzenden und noch zwei anderen Mitgliedern des Ausschusses zu vollziehen durch Einfügen der Worte „oder dessen Stellvertreter" hinter dem Worte „Vorsitzenden". Berlin. „Mit Ballin unterwegs." Der „Vorwärts" schildert unter diesem Titel im Feuilleton die Schicksale eines seiner Redakteure, der als polnischer Jude verkleidet, sich durch Ballins Agenten von der Grenze aus nach Hamburg hat spedieren lassen. Ter Redakteur, der nicht nur durch seine Tracht, sondern auch durch den jüdisch-russischen Aalekt die Agenten zu täuschen wußte, wurde, als er preußischen Boden betrat, gefragt, ob er einen Gouvernementspaß habe. Als er dies verneinte, ivurde ihn: erwidert, er könne eine Fahrkarte nicht bekommen, sondern er müsse eine Schiffskarte nehmen. AiK die Vorstellung, daß er nur nach Hamburg reisen wolle, wurde ihm gesagt : „Tos ist ganz gleichgiltig Wenn Sie keinen Gouvernementspaß haben, kommen Sie nicht nach Preußen. Sie müssen eine Schiffekarte nehmen." Nach längerer Verhandlung wurde ihm erklärt: »Nehmen Sie nur ruhig eine Schiffskarte nach London. Sie können ja ein paar Tage i" Hamburg bleiben. Wenn Sie eine Schiffskarts von uns haben, fragt niemand nach Ihren 'Papieren. Tann können Sie gehen, wohin Sie-wollen." Berlin. Mischehen. In den 4 Jahren 1899 bis 1902 belief sich nach dem neuen Verwaltungsbericht der Stadt Schöneberg in Berlin die Zahl der evangelisch-iüdischeu Ehen auf 284 und der jüdischevangelischen Ehen auf 432. Mannheim. Im hiesigen Krematorium wurden im abgelaufcnen Jahre n^ben 166 christlichen 25 jüdische Leichen verbrannt. Nach dem dem Verhältnisse der jüdischen zur christlichen Bevölkerung entsprechenden Prozentsätze hätten nicht 25, sondern nur 3 Verbrennungen auf den Anteil der Juden fallen dürfen. Würzburg. Das Gemeindekolegium nahm in seiner letzten Sitzung von der seitens des Ministeriunrs ergangenen Abweisung der Beschwerde der israelitischen Lehrerbildungs-Anstalt gegen die Festsetzung der Baulinie für die Bibrastraße, durch welche etwa 3 Meter tief in ihr Anwesen eingeschnitten wird, Kenntnis. Meiningen. Im „Regierungsblatt" für das HerzogtumMeiningen wurde ein Verzeichnis der Märkte im ganzen Herzogtum für das Jahr 1906 vom Herzogs. Staatsministerium, Abteilung des Innern. veröffentlicht, mit der Aufforderung, Anträge auf Verlegung einzelner Märkte „gehörig begründet" bei-' den Landratsämtern einzureichen. Damit nun kein Markt auf einen jüdischen Feiertag falle, fügt die oben genannte amtliche Stelle außer den christlichen Festtagen auch gleich ein Verzeichnis der „israelitischen Feiertage" für 1906 bei. Bromberg, 30. Dez. Die hiesige Synagö gengemeinde begeht am 1. Januar 1905 eine Toppelseier. An diesem Tage sind es -nämlich 25 Jahre, daß unser Landtagsabgeordneter, der Kommerzienrat Ar o n so-h «, zum Vorsitzenden der Synagogengemeinde gewählt wurde, welches Amt er zur großen Zufriedenheit und zum Segen der jüdischen Gemeinde seit dieser Zeit verwaltet. Ae zweite Feier betrifft den Kaufmann Barnaß, der am Sonntage, -1. Januar, 25 Jahre dein Repräsentanten- Kvllegium als Mitglied angehört. . Oesterreich-Ungar«. Budapest. Zur Wahl des orthodoxen Präses. Als Termin der Einberufung der Lanoes- Generalversammlung ist nunmehr, die zweite Hälfte des Monats War rischaun bestimmt worden. Zu dieser Generalversammlung wird jedestätutengeniäß konstituierte vaterländische orthodox-israelitische Gemeinde und,, jeder orthodoxe Gemeinde-Oberrabbiner eingcladen. In der Einladung soll die Gemeinde ersucht werden, sie möge Linnen 8 Tagen eine Generalversammlung ihrer Mitglieder einberufen, um aus deren Mitte einen Telegierten für die Landesgeneralversanimlung wählen zu lasse». Tie Aufgabe der Landesgeneralversammlung wird, wie wir bereits mittcilten, darin bestehen» den Organisätions-Ergänzungs-Entwurf endlich einmal unter Dach zu bringen und die Wahl des Präses der orthodox-israelit. Landeskanzlei (bisher Präses der Turchführungskommission) sowie . die Wahl der Landesvertretung (40 Rabbiner und 60 weltliche Mitglieder) zu volliehen. X. Brody (Galizien). DieGensdarnierie verhaftele und überstellte dein Gerichte den Auswandcru n g s a g e n t e n Singer, der von russischen Desertenren Geld auf R e i s e k a r t e n bis nach Amerika nahm, sie jedoch nur nach Krakau überführte und dort mittellos im Stiche ließ: die Beschädigten kehrten zu Fuß nach Brody zurück und zeigten den Betrüger an; so wurde er festgenommen und unschädlich gemacht. Frankreich. Paris. Der zur Zeit auf einer Inspektionsreise in Rußland befindliche Direktor Dr. S. Sonnen f e l d von der Jüdischen Kolonisation?gese!l:ch fi („Jca") ist in Petersburg vom Mi n i ste r de c- Innern empfangen worden und hat ihm über di Tätigkeit, die Zwecke und Erfolge der Jca Bericht erstattet. Holland. Amsterdam. Die Finna Max Prins u. Co.. Amsterdam, erhielt in der Ausstellung im Haag die goldene Medaille und ein Ehrendiplom für bemaltes Porzellan. Es wurde dem Herrn Max Prins (Schwiegersohn des hiesigen Direktor Dr. M. Hirsch s. A., die Ehre zu teil, seine Kollektion am Hofe Ihrer Majestäten der Königin" und der Königin-Mutter >lud Sr. Kgl. Hoheit dem Priuz-Gemahl vorlegen zu dürfen. Rußland. Petersburg. Jüdisches Lehrerseminar. In der letzten Sitzung des bekannten weitverzweigten „Vereines für Volksbildung (Mesizei Haskalah)" wurde in der „Kommission zur Gründung bon Schulen" der Entwurf des beauftragten Mitgliedes Bramsohn behufs Gründung eines jüdischen Lehrerseminars vorgelescn und besprochen. Kowel (Polen). (Baterlandsverteidiger l m G e f ä u g » i s. Eine Anzahl jüdischer Reservisten die sich freiwillig zum Dienst in der Mandschurei gestellt hatten, richtete an den Minister des Innern das folgende Schreiben: „Wir Soldaten im Kreise Koivel, die wir eingcsperrt sind in einer Zelle des Polizeigefängnisses, rufen Euere Hoheit an, uns von Erniederung, Schmach und Pein zu retten. Wir sind freiwillig zur Erfüllung unserer heiligen Bürgerpflicht gekommen; trotzdem hat uns die Prüfungskommission unter Bedeckung bewaffneter Soldaten wie Verbrecher nach der Polizei transportieren lassen. Hier sitzen wir nun eingeschlossen in einer kleinen, finsteren Zelle und in erstickender,' unerträglicher Lust, als wären wir große Verbrecher. So wollte es der Vorsitzende der Kommission. Und weswegen? — Sind wirklich diejenigen Männer, welche einberufen wurden, das Vaterland zu verteidigen, gezwungen, körperliche und selische Martern zu ertragen?!- Ter Vorsitzende der Kommission handelt gegen die jüdischen Militärs offenkundig im Widerspruch mit den: Gesetze. Er legt uns Juden Ange auf, die unerträglich und unerhört sind und tritt so mit Füßen die Ehre anderer. Im Namen des Gesetzes und der Menschlichkeit bitten wir Euere Hoheit, uns aus dem Gefängnisse zu befreien und uns dem Militär zu übergeben." Auf dieses Schreiben hin hat der Minister von dem Vorsitzenden der Prüfungskommission Bericht verlangt. Simferopol (Krim). Die.Zeitung »Krim" teilt mit, daß in der letzten Versammlung der S e m st w o der Antrag gestellt wurde, sich bei der Regierung zu bemühen, jüdischen Getreide Händlern dasAufenthaltsrechtimGou verne ment Taurien zu gewähren. Der Antrag wurde genehmigt. _ Dwinsk. Jüdisches Selb st bewußtsei n. In einer hiesigen Mädchenschule, die 400 Schülerinnen — worunter die Hälfte Jüdinnen — zählt, wurden in Gegenwart einer Lehrerin einige Male jüdische Schülerinnen von einigen christlichen Kolleginnen beleidigt. Man warf den Jüdinnen die Rechtlosigkeit der Juden vor und.sagte ihnen, auch sie würden bald ausgeplündert werden. Da die Direktion auf Beschwerden der Eltern nicht einschritt, verließen 60 jüdische Schülerinnen der oberen Klassen demonstrativ die Schule. Homel, 4. Jan. Der Prozeß wegen der I u d e n e x z e s s e. Sämtliche Verteidiger der jüdischen Angeklagten und Vertreter der Zivilklage legten ihr Amt nieder und verließen den Gerichtssaal, da die fortwährenden Unterdrückungen durch den Gerichtshof eine weitere pflichttreue Teilnahme am Krawallprozeß unmöglich machten. Ae Angeklagten derzichteten auf die amtlichen Verteidiger. Ae Gerichtsverhandlung wurde vertagt. Amerika. Montreal(Canada). BaronHirsch-Jnstitut. Ter 41. Jahresbericht des mit dem hiesigen jüdischen Wohlfahrtsverein vereinigten Baron Hirsch-Instituts hebt hervor, daß die jüdische Einwohnerzahl von Montreal sich um fast das Zehnfache rermehrt hat, seitdem vor 15 Jahren Baron Hirsch zum ers enmal Mittel für die nach Kanada kommenden jüdi chcn Einwanderer zur Verfügung stellte. Dama.s lebten in Montreal 2000 Juden, jetzt nahezu 20 600. Tie Hilsstätigkeit des mit dem Hirsch-Institut verbundenen Vereins ist im Berichtsjahre nach einem bessiren System durchgeführt worden. Die von der Verwaltung verhandelten 5458 Fälle betrasen 1491 Ansässige und 3967 Eingewanderte. Mit der alleinigen Ausnahme der von der Jca gestellten Einwandernngs-Kontrollbeamten wird alle 'Arbeit freiwillig und unbesoldet von den Vorstandsmitgliedern geleistet. Im ersten Halbjahr des Berichtsjahres haben 2227, in» zweiten Halbjahr 1690 neu Cingewanderte den Rat und den Beistand des Vereines nachgesucht. Es ist keine geringe Aufgabe, diese neuen Ankömmlinge teils mit geeigneter Arbeit zu versorgen, sie entweder in Montreal selbst oder au anderen Plätzen Kanadas nnterzubriilgen oder sie zu ihre» bereits in de» Bereinigten Staaten ansässigen Verwandten oder Freunden zu schicken. Bon den vom Verein im Berichtsjahre Beratenen, respektive Unterstützten sind 2606 in Montreal geblieben, während 818 nach anderen Teilen Kanadas gegangen, 533 nach verschiedenen Plätzen übersiedelt und 10 nach Europa zurückgekehrt sind. Ter Unterricht im Hirsch-Institut umsaßt Tages¬ und Abendkurse. Im abgelausenen Schuljahr haben 446 Knaben und 437 Mädchen den Tagesnnterricht besucht. Der Zweck der Schule, die fremdsprachigen Kinder in verhältnismäßig kurzer Zeit zum Besuch der öffentlichen Schulen vorzubilden, ist vollständig erreicht worden. Zn den Menbklassen sind im lebten Winter 352 Hörer, 246 männliche und 408 weibliche, zugelassen worden. Tie Lehrkräfte werde» von der Provinzialregierung, die Bücher zum Teil von den städtischen Behörden bezahlt, aber cil'e mit der Erkaltung des Schulgebäudes verbundenen Ausgaben, Beleuchtung, Heizung nsw. müssen vom Verein getragen werden. G Feuilleton. G Das verunglückte Marche«. Klein-Lenchen quälte mich wieder einmal und wollte ein Märchen hören. Tas Kind saß zu meinen Füßen auf einem niedrigen Schemel und hielt die Händchen im Schoß gefaltet. Ich aber fing zu erzählen an: ES war einmal ein reicher, reicher Jude, der hatte ein großes, schönes Hans und hieß Salomon Rübenfeld. Am letzten Mend des Chanukafestes zündete er in feierlicher Stimmung alle Kerzen im silbernen Leuchter an und sang mit seinen Söhnen das fröhliche Weihelied, und seine hübsche Tochter begleitete den Chor am Klavier. Nachdeni der liebliche Gesang verschollen war, setzte sich die Familie zu' Tisch," und " nach dem Mendessen kamen Gäste an, die alle in lustiger Laune waren; man begann sich bei Kartenspielen zu unterhalten und trank Wein und Bier, soviel man nur wollte. Mlmählich wurde der Inhalt der Flaschen natürlich immer kleiner und kleiner, und da klingelte der Hausherr seinem Diener: er sollte nämlich noch welche aus dem Keller holen. Aber wie er auch klingelte, der Diener kam nicht. Ta wurde Salomon Rübenfeld ganz zornig und ries: „Was ist denn mit dem Jean, schockschwerenot —? Hört er den» nicht? Ist er denn auf beiden Ohren taub geworden?" Und als er mit dem Schelten fertig war, drückte er noch einmal mit aller Kraft auf den elektrischen Knopf, aber der Aener kam trotzdem nicht. „Da muß ich doch mal Nachsehen," sagte Salomon, „Ivo der Kerl eigentlich steckt." Er erhob sich und ging in die Ge^ sindestube, und wie er die Tür öffnete, blieb er sprachlos und starr vor Schrecke». Da stand Jean vor einem Channkalcuchter, acht Wachskerzen brannten darin und knatterten wie Raketen, und" der alte Tiener sang dazu: Moauß zur jeschuossi. „Nanu," platzte Rübenfeld schließlich los, „Jean, Mensch, sind Sie denn völlig von Gott verlassen?'Sie als Christ — was soll das heißen? Ich bin ja ganz perplex." „Ach, entschuldigen Sie, gnädiger Herr," sagte Jean, „ich habe geglaubt, weit die Israeliten so tolerant und entgegenkommend sind und das Weihnachtsfest mitfeiern und die Lichtlein am Christbaum anstecken.

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