Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 49 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. grundgesetze, die das gleiche Recht aller Staatsbürger gewährleisten, verstoßen, sondern auch jenen gerichtlichen Entscheidungen znwidergehandelt, welche den Boykott als strafbar nach 8 302 des St.-G. erklären. Nach unseren Statuten dazu berufen, die auf Verschärfung der konfessionellen und Rassengegensätze gerichteten Bestrebungen zu bekämpfen, bezeichnen wir es als tief bedauerlich, dag der Bürgermeister der Reichshanpt- und Residenzstadt, der Chef der Verwaltungsbehörde erster Instanz, durch die Nichtachtung der Gesetze ein solches Beispiel gibt. Noch bedauerlicher aber ist es, daß Sie, Herr Bürgermeister, in Verkennung der Pslichten Ihres Ehrenamtes so sehr Parteimann geblieben sind, daß Sie, statt das friedliche Zusammenleben aller Bürger dieser Stadt und damit die reiche Entfaltung aller wirtschaftlichen Kräfte der Gesamtbevölkerung zu fördern, Haß und Zwietracht säen und jenen Rassenkampf, der ganz Oesterreich dem wirtschaftlichen Verfalle entgegensührt, in die' Rcichshauptstadt verpflanzen. Ter Boykott ist unter allen Umständen eine verdammenswerte Waffe im politischen Parteikampfe. Er ist aber auch für den Angreifer nicht minder gefährlich als für den Angegriffenen. Es kann unnröglich zum wirtschastlicheu Gedeihen der Gesamtbevölkerung Wiens beitragen, wenn der zehnte Teil derselben in Notstand versotzt, wenn einer Bevölkerungsklasse von 160000 Seelen, die durch ihren Gewerbefleiß, ihren Patriotismus und nicht zuletzt durch ihre Steuerleistung eine gewichtige Stütze der staatlichen und städtischen Wirtschaft geworden ist, die Grundlagen der Existenz entzogen würden. Würde die von Ihnen propagierte Absonderung der Christen von den Juden zur Wahrheit werden, dann würden dies allerdings die mittleren und unteren Schichten der jüdischen Bevölkerung schwer empfinden, es würden aber a»ch Tausende von christlichen Gewerbetreibenden, Privatbcamten, Lehrern, Handlungsgehilfen, Arbeitern und Tienstboten. die von Inden und bei Inden Beschäftigung finden ihres Gewerbes verlustig gehen. Zn innig verwebt und verbunden ist die Tätigkeit der jüdischen Bevölkerung Wiens mit der allgemeinen ökonomischen Entwicklung dieser Stadt, als das; sie auf das Geheiß eines wenn auch noch so machtbewußten Bürgermeisters aus derselben ausgeschaltet Ivcrden könnte. Wohl aber ist der von Ihnen erhobene Ruf geeignet, durch die Verschärfung der vorhandenen Gegensätze, durch die Wiederentfachnng und Verewigung dek Nassen- und Klassenkampfes den Frieden der Bürgerschaft dauernd zu untergraben und damit das Gesamtwohl der Stadt schwer zu schädigen. Wir protestieren deshalb gegen die von Ihnen sanktionierte Verhetzung, in der wir eine Nichtachtung der Gesetze, eine» Mißbrauch der büracrmeisterlichen Würde und eine Beeinträchtigung der Wohlfahrt dieser Stadt erblicken." K. Aussig a. d. Elbe. Interkonfessionelle jüdische Stiftung. Ter Kohlcngroßhändler unk Exporteur Kommerzienrat E d. I. W e i n m a n n stiftete zum Zweck der Errichtung e i n e s K i n d e rh o r t c s in Aussig das Kapital von 50 000 Kronen und übermittelte am 14. d. M. den Betrag der Stadtgemeindc behufs Ausfertigung des Sti'tsbriefes. Ten Jtr'entkonen des Sinters gem'ß soll der Zlnsengenuß dazu verwendet werden, eine Anstalt zu erhalt«. in der schulpflichtige Kinder aussichtsunfähiger Eltern (Fabrikarbeiter usw.) ohne Unterschied der Konfession während der Schnlmouate in der schulfreien Zeit durch geeignete Ern-Her beaufsichtigt, nützlich beschäftigt -und in einer Verstand und Gunüt b - lebenden Weise unterhalten werden so'len. Ter Ortsschulrat von Aussig beschloß einstimmig, den freien pädagogischen Verein der Stadt Aussig mit der Verwaltung des Kinderhortes zu betrauen. K Prag. Mansche! schämt sich seines Name n s. Mit Erlaß der Statthalterci vom 2. d. M. wurde dem Siegfried P e r e l e s in Firma S'egfried Pereles Sohn und K o. und dem Eduard P er e l e s, Inhaber der Firma gleiche» Namens die Naiuensänderung in P e r g e r bewilligt. Mauschel, warum hast du dich nicht gleich taufen lassen? Bitt' schön, tritt über und geh' weg — von uns! J-b. Prag. Der Religionsunterricht aus dem Lande in Böhme» ist charakteristisch für die Lage des Judentums. Ter Landjude hat vor allem die Sorge um sein tägliches Brot, ob er nun Kaufmann, Landwirt oder Lehrer ist. Aus diesem Grunde gibt er auch dem Kinde dasjenige Beispiel, welches er an sich selbst gefunden — er hat nämlich aus dem Religionlernen nie eine Krume Brot verdirnt (außer daß er sich dem Rabbinertnm widmet). Wie soll er nun dafür sorgen, daß fein Kind vor allem Religionsunterricht genießt, nachdem dem Kinde aus diesem ' kein wie immer benannter Vorteil zu erwachsen scheint, ja im Gegenteil — soll sein Kind wirklich Religionsunterricht genießen, dann kostet es den Juden auf dem Lande Geld, und leider oft viel Geld — mehr, als er diesem so nötigen Unterrichte widmen kann. Ein Jeder von diesen Leute» hat so viel Judentum geerbt oder -erlernt, daß er mit seinem lieben Gott sich verständigt. Es genügt ihm, wenn er an den großen Feiertagen seine Gebete verrichtet und hie und da noch durch eine Mizwe seine religiösen Gefühle beschwichtigt. Kommt ein Unglück in die Familie, so wird wohl mehr der liebe Gott gesucht und auch gefunden. Tiefe Gefühle werden langsam aber sicher bei der Heranwachsenden Jugend auch schwinde». Tie Juden auf dem Lande verlieren durch den sukzessiven sicheren Fortschritt des Antisemitismus auch sukzessive an Boden — ob es nun bei einem pekuniär, beinr anderen politisch, beim dritten gesellschaftlich sich herauskristallisiert, bestimmt ist, daß aus diesem Grunde der Jude so wenig als möglich als Jude erscheinen mag und die Religion sowie den Religionsunterricht in den 'eltensten Fällen für unerläßlich notwendig für seine Kinder betrachtet. Tie Kultusgemeinden, welche für den Religionsunterricht auf dem Lande in ihrem Rayon zu sorgen haben, stehen auf demselben, wirmöchten sagen pekuniären Standpunkte. Tie merkwürdigste Gesetzgebung existiert in Böhmen in Bezug der Bezahlung der Tiäten der jüdischen Religionslehrer. Es ist bekannt, daß in Bezirken, wo ein nicht antisemitischer Bezirkshauptmann und Schulinspektor sitzt, die kleine staatliche Zusteuer für den außerhalb der Kultusgemeinden erteilten Religionsunterricht dem Relkgionslehrer gerne gewährt wird. Es gibt Knltusgemeinden, wo es trotz aller Gesuche, Rekurse und Beschwerden nicht möglich war, bie nötigsten Vorkehrungen zu treffen, um den anße'- halb des Rabbinatssitzes wohnenden Kindern ResigionSiinlerricht erteilen zu lassen. Ob der Staat debei gewinnt, wenn ihm alljährlich so und so vi-le Bürger ohne Religion Zuwachsen — das zu beurteilen, überlassen wir der Negierung. Rußland. Petersburg, d. 14. Dez. Revolutionäre. Kosaken und Jude». Tie sozialdemokratische Arbeiterpartei 'Rußlands, die sich ihren trotz Gendarmerie, Polizei und dem großen Heere politischer Geheimagenten in tausende» und abertausende» Gremplareu verbreiteten Flugblättern zufolge „Sosialdemokratische Partei des Königreichs Polen und >er Gouvernements Wilna, Witebsk, Podolien usw." nennt, tritt mit ihren Temonstrationen immer offener, immer drohender auf. Tie Vorgänge in War- 'chan, die zahllosen Verhaftungen, Niedermetzelungcn usw. waren augenscheinlich nicht imstande, den Mn' dieser nach Freiheit lechzenden, infolge unerhörter Knechtung und Ausbeutung bis zur Verzweiflung getriebene» Geheimbündler zu brechen. Am verflossenen Sonnabend fanden in Lodz wieder derartige Kundgebungen statt, und sie trugen ünen so ernsten, drohenden Charakter, daß die Einwohnerschaft in Furcht und Schrecken versetzt wurde. Wie beim letzte» Male, rotteten sie sich zuerst in der Altstadt zusammen, plötzlich, ohne irgend welchen vorrn.gegangenen Vorgang. Tie Zahl der Temonstranten betrug etwa 300—400. Voran schritt ein herkulisch gebauter Arbeiter, der eine-blutrote Fahne trug. Im "brigen waren es durchweg Arbeiter im ’JCftcr von n0, 22 bis höchstens 25 Jahre». Was dem Aufzuge aber das Trohende, Erschreckende gab, war. das jeder von ihnen in der Hand ein langes, blitzende- Messer trug. So durchzogen sie die Stadt, ohne irgend jemand zu belästigen, nur an gewissen Stellen machten sie wie auf Kommando Halt, schwangen dir Messer und stießen Rufe aus, wie: „Nieder! Nieder mit der Knechtwirtschaft!" oder „Freiheit! Freiheit!" Ter Polizei kam diese Temonstratiou anscheinend völlig unerlvartet, denn der Zug der Tcmon- 'tranten hatte sich bereits dem Her-'en der Stadt genähert, als die ersten Kosakenpatrouillen und berittenen Pvlizeimannschaften ekntrasen. Im Zentrum ber Stadt, auf der Petrikauerstraße, begannen di- Temonstrante» auch lvieder ihre Flugschriften unter das Publikum zu werfen, das jedoch angesichts der drohenden Haltung der Temonstrante» »ach allen Seiten flüchtete. Hierdurch entstand auf der besonders an Sonnabenden äußerst verkehrsreichen Straße eine fürchterliche Panik. Zahlreiche Spaziergänger. Frauen und Kinder wurden zu Boden getreten: Schmerzens- und Angstschreie, Hilferufe und Verwünschungen erfüllten die Luft. So gelangte der Zug der Temonstranten au die Ecke der Tzielnairaße, >vo lvieder Halt gemacht wurde, von neuem die Rufe: „Nieder init der Kuechtwirtschaft!" er- 'önten und zahllose Revolverschüsse in die Luft abgcfeuert wurden. Dadurch erreichten das Entsetze», die Panik unte" den Straßenpassanten den Höhevunkt. Nun ginge» auch die Kosaken an die Arbeit. Abernichtgegen die Demonstranten richtete sich ihr Vorgehen, sondern gegen die völlig unschuldigen Str atze np a ss ante n, die, wie schon erwähnt, weil es Sonnabend war, vorwirgend aus Israeliten bestanden Hageldicht sausten die Knutenhiebe auf die Leiber der ll»schuldigen nieder. Greise und Kinder, Frauen und Mädchen wurden blutrünstig geschlagen. Hierbei kam es nun zu den ersten Widersetzlichkeiten, denen auch sofort inassenhafte Verhaftungen folgten. Tie Temonstranten hatten inzwischen den Ausgang der Dzielnastraße erreicht, hier zerstoben sie in alle Winde. Wie verlautet, wurden von den Temonstranten nur fünf Personen verhaftet, alle übrigen waren völlig unschuldige Leute. Tie nach den ersten Temonstrationen verbreiteten Gerüchte, daß die sozialdemokratische Partei Rußlands vorwiegend aus Juden, den sogenannten „A ch t u s" b e - st e h e, wurden durch die am Sonnabend veranstalteten Kundgebungen völlig widerlegt. Ter ganze Zug der Demonstranten bestand fast ausnahmslos aus Christen, die den aufgeklärteren Arbeitern zuzuzählen sind. Warum man mit ihnen so rücksichtsvoll verfuhr, läßt sich schlver sagen. Aber es kann angenommen werden, daß höheren Ortes Befehle erteilt wurden, die diese Nachsicht wünschten. Homel, 5. Dez. Zum Prozeß wegen der Judenexzeise. Vor unseren Augen spielt sich ein Prozeß ab, der deutlicher als viele andere politische Prozesse zeigt, wie falsch eine Regierung bandelt, wenn sie, um einen oder niehrere schuldige Staatsbeamte dem Arm der Gerechtigkeit zu entzi Yen. ihre Zuflucht zur Anklage einer sozialen Klasse oder Gesellschaftsschicht nimmt. Gewöhnlich heißt es in solchen Fällen, die Autorität des Staates gegenüber der Gesellschaft müsse unter allen Umständen gewahrt bleiben. Eine solche Begründung ist aber absolut nicht 'tichhaltig, denn in den meisten Fällen, in denen irgend 'ine Staatsregierung versucht hat, ihre Mißratenen Vertreter zu retten, ist das Gegenteil des erstrebten Zieles eingetreten: die öfsentsiche Parteinahme für den des Amtsmißbrauchs schuldigen Staatsbeamten hat immer und überall nicht zur Festigung, sondern zur E i n b u ß e der A u t o r 11 ii t geführt. Auf der Anklagebank in Homel sitzen 44 Chri'ten und 35 Inden; von ihnen befinden sich 2 Christen und 8 Juden in Hast. Tie Anklage lautet gegen alle gleich auf „llebersall eines Teiles der Bevölkerung auf einen ander», hervorgerusen aus religiösen >nd Rassengegens-tzen". Tas Material zur Anklage liefern die an dieser Stelle schon geschilderten Vorgänge, die sich am 29. August und 1. September a. St. abspielten. Kurze Zeit nach den Vorkominnisien erschien in Homel eine staatliche Untersuchungskommission und Zellte fest: Tie Vorgänge von» 29. August stellen sine „alltäglicheMarktPrügele i". jene vom I. September einen „Ueberfall eines Teils berBevölker ungau feine n anderen, hervorgerufen durch Religions- und Rasse »gegen s ätz e", dar. Sie sind aufzusaisen als wei getrennte Handlnngen, von denen die erste durch Spruch des zuständigen Friedensrichters, die zweite aber durch ein Geschwornengeeicht zu erledigen ist. Noch während der Voruntersuchung stellte es sich heraus, daß ein Wort der lokalen Poli-eigewalt genügt hätte, die Geschehnisse vom Montag zu verhindern. Aus Advokaten kreisen wurde der Regierung '»getragen: „Tie Verteidiger der anzuklagenden christsichen Arbeiter würde» den Nachweis erbsingen. daß bas Verhalten der lokalen Gewalten bei d en u ngebildeten Bauern den Glauben erwecken mußte, als täten sie ledt g- ' i ch ihre Pflicht dem Vaterlande gegenüber, wen» sie den Inden das den Bauern auf illoyale Weise fortgenommene Gut wieder abnähmen. Ans die Ankleg-bank gehörten der Chef der lokalen Gendarmerie, 5—6 Offisiere und die gesamte Poli'ei der Stadt Homel". — Aehnsiches hatte eine Verteidigergruppe in Kischinew verlangt. _Solange Herr v. P l e h w e die Riickendecknng des Justizministers bildete, war es selbstverständlich, mtz alles vermieden wurde, was der Posi'ei unangenehm sein konnte; fast ebenso selbstverständlich '-bien es, daß die Jude» und spesiell die jüdische Sosialdemokratie den Sündenbock abgaben. Tarum bätte sich noch vor sechs Monaten niemand im weiten Zarenreiche darüber gewundert, wenn von der urnrünglich als richtig erkannten Teisicng der beiden Vorkommnisse abgegangen worden wäre. Nachdem sich aber S w j a t o p o l k - M i r s k i in so liberaler Weise rn das Volk gewandt und von ihm Vertrauen ge- 'ordert hatte, stand zu erwarten, daß auch der Prozeß wn Homel in einer gegenseitiges Vertrauen belsingenben Weise geführt würde. Tie Anklageschrift, b i e gllein und ausschließlich die Juden für die Vorkommnisse am 1. September verantwortlich machte, deutet aber darauf hin. daß hinter der Regierung noch immer der Schatte«» des verstorbenen v. Plehwe steht. Zur Beruhigung der öffentlichen Meinung hat Mirski wenigstens durchgesetzt, daß der Prozeß bei offenen Türen verhandelt wird. Was aber ist das 'ür eine Oesfentlichkeit, der wir in Homel begegnen, wenn die Zensur aus den Berichten der Zeitungskorrespondenten sogar die protokollarisch festgestellten Zeugenaussagen streicht! Ferner ist die Frage- 't e l l u n g der Verteidiger, die darauf binsie't. die Angeklagten zu entlasten, beschränkt. Tann" aber wird die ganze Oesfentlichkeit zur Spiegelfechterei. Wer den Prozeßverhandlung-n im Saale selbst ■u folgen vermag und ein wenig ausgerüstet ist mit der Kenntnis der heute in Rußland ^wehenden Stimmungen. kommt bald zur Ucberzeugung, daß die 2V verteidigenden Advokaten nicht in erster Linie für die Befreiung ihrer Klienten kämpfen, sondern daß die Mehrzahl für die Freiheit des ganzen Volkes, die Minderzahl für das alte, in seinen Grundfesten erbebende System mit seinem bestechlichen Tschinvwnik und seiner Unduldsamkeit kämpft. Nicht um in er st er Reihe der Sache der Juden zu dienen, sitzen unter den Verteidigern der 35 Juden vier orthodoxe Russen und unter ihnen der Sohn des Schöpfers der Gerichtsresorm von 1864 und früherer Staatsanwalt Sarudny. Tie