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Neue jüdische Presse · 1904-12-23 · Heft 49 (23.12.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 49 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite S. Hermann Cohen. Die prophetische Messiasidee. Von Jacob bcn Elijah. Gortsetzuug). Glaubt aber die Ethik diesen Gottesbegrisf nicht würdigen zu müssen oder gar völlig entbehren zu können, so droht sie in Pantheismus zu geraten; denn tvi-üum noa Satur: mit Atheismus läßt sich eine Ethik schlechterdings nicht anfangen. Tie prophetische Gottesidee bildet daher den Gegensatz zum Pantheismus; wie gesagt: Gott ist nicht in der Physik, sondern in der Ethik zu suchen und zu finden. Aber diese zwei Objekte der Erkenntnis sind nicht zwei isolierte Erkenntnisse; das widerspräche dem Begriff der Erkenntnis. Sic sind zwei selbständige Probleme, doch nicht ohne Zusammenhang; sie sind eben zwei Reiche, aber in diesem Zwei ist bereits die Einheit enthalten: es wehrt sich bloß gegen das Eine des Pantheismus. Diese Einheit von Logik und Ethik vollzieht sich im [ Problem der Wahrheit. „Wahrheit bedeutet den Zu-; smnmenhang und Einklang des theoretischen und prak- \ tischen Problems". Zusammenhang, Einklang — nicht aber Identität. Diese Verbindung in der Trennung ergiebt sich aus dem prophetischen Gottesbcgriff. Tenn er besagte doch uns: Natur ist nicht Sittlichkeit, wie Sittlichkeit nicht Natur; aber sie schließen sich gegenseittg nicht aus: die Sittlichkeit entbehrt nicht der Natur, der Wahrheit bleibt die Wirklichkeit keineswegs entrückt. Tas ist die prophetische Färbung der Gottesidee: keine Immanenz zur Natur, jedoch zum Menschen als sittliches Wesen; kein Pantheismus, jedoch eine Konnexion von Natur und Sittlichkeit. In dieser Beschränkung zeigt sich der Meister: der Prophet. So wird Gott im echten Monotheismus sowohl als Urquell der Sit lichkeit wie auch als Schöpfer der Natur erkannt; ohne aber die eine in die andere zu verlegen oder sogar zu verschieben. Bei dieser Präzisierung des Gottesbegriffs bewahrhettet sich sein methodischer. Wert als die Verbindung von Logik und Ethik, weil von Natur und Sittlichkeit. Tie Gottesidee ist somtt — wie wir bereits im vorigen Kapttel sagten — der Schlußstein der Ethik, welcher nun die Solidität ihres Aufbaues garantiert. . Indessen ist diese Bedeutung des Gottesbegrisfs immer noch nicht in seiner Vollwertigkeit so erkannt, daß. sie ihn beretts erschöpfen könnte; daß die Ethik keine Ansprüche mehr an ihn zu stellen hätte. Vielmehr stellt sich für die Existenzberechtigung der Ethik die Nottvendigkeit ein, das eben angebahnte Verhältnis zwischen Natur und Sittlichkeit — Wirklichkeit und Wahrheit — noch inniger und tiefer zu gestalten. Tenn es kann doch durchaus nicht genügen, wenn nun die Realisierbarkeit des Sittlichen durch den Gottesbegrisf gewährleistet wurde; nur die Sicherung der Realisierung sichert das Sittliche vor dem Verdachte des falschen Scheines. Tie Ethik wäre doch immerhin als ein Machwerk zu verhöhnen, sollte nur ihre Existenz möglich! eit und nicht ihre Existenzialttät proklamiert werden dürfen. Es kann uns nicht genügen, wenn nur die Tisponibilität der Natur für das Sittliche besagt wird: daß die Wirklichkett sich die Wahrheit gefallen lassen kann. Verdient ja denn eine solche Wahrheit, daß man ihr Glauben schenke? Ist sie doch eine bloße Eventtialität. Und der krasse Materialismus dürfte nun Recht behalten: daß die ethische Wahrheit sich nie bewahrheitet Man sieht gleich: es darf dabei sein Bewenden nicht haben, sonst würde es um die Ethik arg bestellt sein. Und die ganze Kultur wäre dann auf's Spiel gesetzt. Das Sittliche gewinitt an Natur, dir Wahrhett an Wirklichkeit — so müßte man sagen dürfen, wenn anders die Ethik in die Realität unseres Lebens umgesetzt werden soll. Taher muß der prophcttschc Gottesbegriff noch >eine erweiterte Bedeutung erlangen. Tiefe erhält er in der prophetischen M e s s i a s i d e e. Sie besagt eben deu F o r tschritt der Kultur. Kein Krebsgang, kein ottculus vitiovus, kein Zickzack, kein ewiges Einerlei, kein Rückwärts; sondern ein stetiges Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Borwärtsmarschieren. Keine atavistischen Rückfälle in der Menschengeschichte, sondern ein sittliches Sichemporheben. Das Sittliche wird Natur, die Wahrheit wird Wirklichkeit. So bestimmt der Messianismus den Begriff der Kulturgeschichte als die Geschichte des ewigen Fortschritts der Menschheit. In diesem Gedanken konzentriert sich der Optimismus der Geschichtsauffassüng: die Geschichte gibt nicht dem Unrecht — Recht; vielmehr rächt sie sich an der Bestialität des Menschen, besser gesagt: der Mensch rächt sich an der Bestie in ihm. Dieser Begriff vom Fortschritt in der Geschichte darf aber keineswegs im Sinne der Evolutionstheorie anfgesaßt werden; dies widerspräche der prophetischen Messiasidee als dem Ergänzungsbegrisfe der prophetischen Gottesidee. Hier mnß also der Fortschritt in der Geschichte den Fortschritt des freien Willens bedeuten, während doch die Evolutionstheorie den Fortschritt in Kausalncxus der geschichtlichen Phänomene verlegt; die Geschichte wird hiermit in Natur nivelliert, während nach der prophetischen Gottesidee räe Sittlichkeit nicht als Naturnotwendigkeit zu begreifen ist, wie wir oben nachzuweisen bemüht waren. So wird auch der Begriff der g ö t t l i ch e n Vorsehung bestimmt, in der bereits. die Tendenz des Messianismus enthalte» ist. Tic Fürsorge schränkt die Freiheit des Menschen als ein sittliches Wesen nicht ein, sondern ermöglicht -sie. Die göttliche Fürsorge bedeutet die Annahme eines historischen Gutes. Es ist dies eine Hypothesis für die potenzielle Willensfreiheit, die keineswegs dadurch aufgehoben wird. Wie wäre es — fragt Cohen — wenn der Mensch auf der Stufe des antropoiden Affen stehen geblieben wäre? Es war also hier in gewissem Sinne die Vorsorge der Natur für die Sittlichkeit. In der Tatsache dieser natürlichen Entwicklung erblickt die sittliche Sorge eine Vestättgung ihrer Forderungen. Freilich darf nicht diese Enttvicklung an sich als Jbic Entwicklung der Sittlichkeit angesehen werden. Wir loaren ja bereits auf die große Gefahr dieser Identifizierung für die Selbständigkeit der Ethik aufmerksam. Wenn daher so die Verbindung von Ethik und Logik, das will sagen: von der Natur und Sittlichkeit, in der religiösen Besttmmung des Gottesbegrisfs hervorgehoben wurde: Gott ist Schöpfer der Sittlichkeit und Schöpfer der Welt; so können wir jetzt diese Verbindung, die durch den Begriff der göttlichen Fürsorge befestigt wird, im Problem der Schöpfung noch näher und tiefer erkennen: in ihm wird das Dasein der Nattir als die Voraussetzung fiir die Grundlegung der Ethik ge- Tas ist der messianische Begriff der göttlichen Vorsehung. Die Sittlichkeit steht der Wirklichkeit gegenüber nicht ganz hilflos da: Gott hilft schon, Gott sorgt für das Gute. Ties ist der religiöse Optimismus: das Gute bricht'sich mit Gottes Hilfe durch. Gott bedeutet hier die Garantie für die Verwirklichung des Sittlichen, nicht aber etwa ein Eingreifen in das Reich der Willensfreiheit. In der Ethik tritt der Begriff der göttlichen Fürsorge vor dem mehr geläuterten und fruchtbaren Begriff des Messianismus der prophetischen Gottesidee zurück. Tieft messianische Gottesidee bttdet nun den ethischen Optimismus: die Sittlichkeit wird Geschichte, Wirklichkeit. Tie Sittlichkeit 1 st nicht Wirklichkeit, sondern sie wird es. Tiefes Werden proklamiert den Fortschritt der Idee des Guten: kein Stillstand, kein Quietismus. Tie Sittlichkett stellt freilich nicht — wie schon betont — die Wirklichkeit dar, sonder» Verwirklichung. Gerade der Begriff der göttlichen Fürsorge schließt den Gedanken aus, als ob die Sittlichkeit bereits Realität wäre. Tenn was nun Realität ist, bedarf doch nicht mehr der Hilfe — und die Fürsorge Gottes würde also ganz überflüssig sein. So besagt uns die Messiasidee: das Sittliche realisiert sich, ist jedoch keineswegs Realität; das Sittliche ist nicht leibhaftig, handgreiflich; sondern noch immer Aufgabe, Ideal. 'So kommen wir zum Begriffe: Ideal. Diese Realität der Sittlichkett liegt in der Zukunft: dicke Zukunft zu erreichen ist die Aufgabe, das Ideal des Menschen. Die prophetische Messiasidee erhäll hier ein neues Moment der Bedeutung: als Idee der Menschheit, als Ideal der Zukunft. Worin besteht nun diese Idee der Menschheit? Worin — das Ideal der Zukunft? Dies wollen wir noch betrachten. . (Schluß dieses Kapitels folgt.) / ___ Nr. 4g. Aus a&ex WeU. Deutsches Reich. Bonn, 15. Dez. Dieser Tage fanden , für die hiesige Synagogen-Gcmeinde die Rcpräsentantenwahlen statt und: wurden die ausscheidenden Herren L. Alsberg, L. Jäger und Sl.Sützkind wiedergewählt. An Stelle des ans dem Amte geschiedenen Herrn D. Simon wurde Herr S. Steinseld und außerdem 9 Stellvertreter gewählt. Im Gegensatz zu früheren Jahren zeigte sich diesmal ein lebhaftes Interesse für die Wahlen und kam dieses auch in der vor einigen Tagen stattgcfundcnen zahlreich besuchten Wählcrversammlung zum Ausdruck. Nach längerer, zeitweise erregter Debatte konnte man sich erst über die aufzustellenden Kandidaten einigen. Bemerkenswert tvar, daß ans der Bütte der - Versammlung die Frage gestellt wurde, ob der Fahnenfabrikant Herr Dr. R. Meyer, der seine Kinder unlängst habe taufen lassen, noch dem Vorstands- Kollegium angchöre, oder ob er bei dieser Gelegenheit auch, wie man wohl hätte erwarten dürfen, sein Ehrenamt als stellvertretender Vorsteher niedergclegt habe. Von Seiten des Vorsitzenden der Versammlung wurde dem .Fragesteller erwidert, daß Herr Tr. Meyer vor drei Jahren von den Repräsentanten einstimmig auf die Dauer von sechs Jahren gewählt worden sei, Herr Dr. Meyer also noch drei Jahre zu fungieren habe; der Vorstand könne an dieser Tatsache nichts ändern. Line andere Frage allerdings sei es, ob Herr Dr. Meyer die 's e r n e r e Beibehaltung seines Ehrenamtes als Vorsteher der ' Synagoge »-Gemeinde Bonn m i t d e r v o l lzogelten Taufe seiner Kinder »och vereinbaren Kaiserslautern i. d. Pf.. 12. Dez. Die Kollekte für den Synagogen-Neubau in Miltenberg hatte im Regierungsbezirke der Pfalz folgendes Ergebnis: im Rabbinat. bezirke Tiirkheim 151.40 Mk., im Rabbinatsbezirke Kaiserslautern 65.20 »Dü.; im Rabbinatsbezirke Landau 110.45 Mk., im Rabbmatsbezirke Zweibrücken 85.55 Mk., Summa 417.60 Stratzburg, 15. Dez. Dem Holzgravierer Henri Wolf in New-Dork, einem gebürttgen Eckwersheimer, wurde auf der Welt-Ausstellung in St.. Louis vom obersten Preisgericht für die Verdienste, die er sich um die Holzschneidekunst erworben, der Große Preis zuerkannt. Hörde i. Wests. Der Ebeftau des Kaufmanns Rosendahl chierselbst hat auf ihr Ansuchen der hie'ige Stadtausschuß die K o n z e s s i o n zum Betriebe eines jü d i s ch -ri t n c l lc n G a st h au s e s erteilt. Oesterreich-Ungarn. K. Wien, 15. Dez. Der Professor der klassischen Altertumswissenschaft an der Wiener Universität, D r. E m i l S z a n t o, starb gestern plötzlich. Er erreichte nur ein Aller von 47 Jahren. Ms Sohn - eines Redakteurs bezog er nach beendigtem Gymnasialstudium die Wiener Universität als Studierender der Philosophie. 1880 promovierte er. 1884 habilitierte er sich als Privatdozent für alte Geschichte und wurde 1893 zum außerordenttichen Professor' für griechische Geschichte und Altertumskunde ernannt. 1899 wurde er ordentlicher Professor, um als Nachfolger von Gompcrz klassische Altertumswissenschaft zu tradieren. So las er u. a. über Plutarchs Perikles, über rönrischc Munizipal- und Kvlo- »ialversassung, -über die „Ritter" des Aristophanes und über attische Inschriften. Auf seinem Gebiet galt Szantv als hervorragende Autorität und erfreute sich in Gelehrtenkreisen großen Ansehens und persönlicher Beliebtheit. Er unternahm vielfach . Forschnngsreisen, so nach Griechenland, Rom, Kleinasien. Wien. Der Vorstand der O e st er r.-Israel. Union hat an Bürgermeister Dr. Lueger folgendes Schreiben gerichtet: „Geehrter Herr Bürgermeister! Nach übereinsttminenden Zeitungsberichten haben sie an eine am 4. d. in der Bolkshalle des Wiener Rathauses stattgefundene Versammlung des Vereines „Christliche Familie" folgende Apostrophe gerichtet: „Es ist Ihnen jetzt vielfach vorgepredigt worden, was Sie alles zu Weihnachten zu tun haben. Es ist gut, daß wir cs schon . soweit gebracht haben, daß sich jede Christin schämt, zu einem Juden hineinzugehen. Die Christen sollen bei Christen einkausen ^und die Juden bei den Juden, dann werden wir sehen, wie sich die Geschichte ausgleicht. Jeder muß seinen Nächsten unterstützen und ' uns Christen' sind die Christen die Nächsten. Es ist ' in der-letzten Zeit eine gewisse Milderung in den Gegensätzen eingetreten. Diese Milderung wird von unseren Gegnern sofort dazu benutzt, um unsere. Position wenn möglich zu erschüttern. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als auf den alten Katechismus zurückzugreifen und wieder jene Reden zu halten, die am Beginne unserer Bewegung gehalten worden sind." Mit dieser Aeußerung haben Sie, Herr Bürgermeister, zur. vollständigen wirtschaftlichen Trennung zwischen den christlichen und jüdischen Bewohnern dieser Stadt und .zur Boykottierung der letzteren durch die elfteren aufgesordert. Sie haben damit nicht nur gegen die von Ihnen beschworenen Staats-

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