Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 49 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692407--01330-2695827- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
OCR text
(Seite 4. Juden könnten bei ihren neun Glaubensgenossen genug Beistand finden, um so eher, , als die 44 Russen von nur sechs Advokaten verteidigt werden. Ddeffa. Mindereinnahmen infolge der durch den Krieg hervorgerufenen ökonomischen Krisis. Tie Odessaer Abteilung der Ges all schaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden (Mesizei Haskala) hatte in diesem Jahre statt Rubel 16 000 nur Rubel 100C0 Einnahmen zu verzeichnen. . Auch die feit 25 Jahren bestehende Jüdische Haudwerkerfchüle in Minsk, eine durch ihre vorzüglichen Leistungen bekannte Anstalt, hat durch die. allgemeine Krisis eine erhebliche Einbuße ihrer Einnahmen erlitten, während ihre Ausgaben bedeutend gestiegen sind, da die meisten Schüler jetzt von der Anstalt ernährt werden müssen. Bisher hatte sich diese Schule durch private Unterstützungen — seit einigen Jahren gewährt auch die „Jca" einen Zuschuß — erhalten. — Ter Vorstand hat'sich jetzt — als einziger Ausweg — an den Magistrat wegen einer Beihilfe von Rubel 802 gewandt; der Bescheid steht Wohl noch aus, doch ist es höchstwahrscheinlich, daß der löbliche Magistrat das Gesuch rundweg ablehnen wird. — Es wäre angebracht, daß hier die ,Lca" helfend einspringt. ' Moskau. Der neue Kurs: Der Oberpolizeimeister hat an die ihm unterstellten Or- -gane eine Verordnung erlassen, daß sie von nun an die jüdischen Kaufleule zweiter Gilde, denen bekanntlich der Aufenthalt in Moskau verboten ist, nicht, wie bisher üblich, ohne Prüfung der Papiere unter polizeilicher Bedeckung sofort aus dem Stadtbezirke abschieben, sondern vorher ihre Papiere an ihn zur Prüfung einreichen sollen. Bei der langsamen Praxis der russischen Behörden wird damit immerhin eine gewisse Aufenthaltsfrist gewährt. Miusk- Wie die russischen Juden der Thora opfern. Hier besteht seit 1809 eine Talmudthoraschule, die 600 arme Zöglinge mit Unterricht und Ko st versieht. Tiefer Fall ist nicht vereinzelt; es gibt hei uns in Rußland eine Anzahl derartige Schulen; und sogar in den ärmsten Flecken suchen die Acrmsten der Armen als ihre erste Menschenpflicht, der Thora zu genügen; ja, sie tun dies weit über ihre Kraft hinaus, indem sie sich und ihren Kindern die spärliche Kost noch abfparen, um einem Bochur einige Kosttage in oer Woche zu geben. G Feuilleton. G Kinder imserer Zeit. Roman von Jacob Levy. -(Fortsetzung.) Herr Meyer sah aus und bemerkte in zornigem Tone zu seiner Frau: „<sS ist empörend, daß dieser arine Junge uns beschämen kann. Wenn er nicht vornehmer d:nkt wie Du, kann er Dich gerichtlich um die zugesagte Belohnung belangen." Seine Frau antwortete gistig: „Für diesen Bet'eljungen sind zehn Pfennig genug, außerdem ist das meine Sache." „Nein," schrie er, „es ist meine Sache, wenn die Leute uns ein direktes Unrecht vorwcrfen können; ich werde übrigens den Jungen wiederfinden und ihn zufrieden stellen." Mit diesen Worten stolzierte er aus dem Zimmer, die Frau aber ächzte, die Nase melancholisch bewegend: „Selma, der Vater ist krank geworden." Bei Kuhls entstand nunmehr große Aufregung, als Philipp sein Abenteuer erzählte. Sie beschlossen jedoch, nicht gerichtlich vorzugehcn, sondern den kleinlichen Geiz der Frau Meyer der Oeffentlichkeit Preis zu geben. In einem Hause mit drei Töchtern ist dies keine schwere Aufgabe Die Mädchen saßen fleißig an ihrer Strickmaschine, als Fräulein Tora eintrat. Sie wandte sich freundlich nickend an die älteste Tochter Rosalie. „Fräulein, kommen Sie heute Abend in die Vier Jahreszeiten, es ist Beschäftigung für Sie da. Ich habe dem Fräulein Schmidt vom Strumpslager versprochen, es Ihnen auszurichten, also seien Sie bitte pünktlich." Die Mutter hatte inzwischen einen Stuhl geholt, auf den sich Fräulein Dora „für eine Minute" niederließ. ,>Denken Sie, Fräulein, ich muß Ihnen doch eine Unverschämtheit einer Frau Meyer vom Südring erzählen," begann die Mutter, schöpjte tief Atem und schilderte das ganze Abenteuer. Fräulein Tora wurde furchtbar aufgebracht. „Soll denn der Hexe alles durchgehen! Was fängt denn Philipp überhaupt an?" „Er ist Laufbursche im Zcntralbazar, fühlt sich aber unglücklich, weil er höher hinaus will. Wir können ihn aber doch in keine kauftnännische Lehre tun oder studieren lassen, dazu reicht es uns nicht, und er will sich von anderen nicht unterstützen lasson." , . , , I;;.j. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Tora sagte nachdenklich: „Für einen Laufjungen ist Philipp in der Tat zu schade. Wir brauchen einen gescheiten Jungen für die Expedition und für kleinere schriftliche Arbeiten, da könnte er, wenn er strebsam ist, in die Höhe kommen. Ich werde einmal mit denr Chef reden." „Ach Fräulein, wie dankbar werden wir Ihnen sein!" »Ist gar. nicht nötig," lachte das junge Mädchen, „ich helfe ihm gern, weil er Frau Meyer geärgert hat." Kapitel 6. Es ist Herbst geworden. In den Vier Jahreszeiten herrscht jetzt ein regeres Leben afs inr Juli. Mit den aus der Sommersrische heimkehrenden Scharen kamen kürzere, kühlere Tage. Frankfurt begann, sich für die Geselligkeit des Winters zu rüsten, Theater, Konzerte, Vorlesungen traten in die Erscheinung. In den Geschäften sing auch die Saison an, und die Menge drängte sich in den Vier Jahreszeiten, die Kassen mit Gold füllend. In der Expedition im Souterrain strömten alle die Waren zusammen, die in die Stadt zu versenden waren. Aus Tischen, in endlosen Reihen an den Wänden lagen die Packete und wurden durch zwölf Wagen zu den Käufern geschafft. In fieberhafter Eile arbeiteten die Packer, von kurzen Kvnimandos der wortkargen Aufseher geleitet. Beim Verlesen der Packete aber hörte man am lautesten die Stimme Philipp Kuhls, der mit großem Eifer seines Amtes waltete. Herr Berger, der wie ein tüchtiger Feldherr das Schlachtfeld überall inspizierte, trat in die Expedition. „Wie steht's," fragte er den ersten Expedienten, „keine Reklamationen?" „Nein Herr," schmunzelte der graue Beamte, „seitdem wir den kleinen Kühl hier haben, kommen keine Fehler mehr vor. Er ist zuverlässiger als ein Alter." Er nickte befriedigt, sah dem kleinen Philipp eine Weile zu und ging iveiter. Herr Berger war ein Organisator ersten Ranges. Alles sah' er, alles wußte er. Hier ordnete er im Vorbeigehen anderes Arrangement kiner Warenauslage an, wodurch das ganze ein viel einladenderes Aussehen gewann, dort notierte er sich den Namen einer Verkäuferin, die es an der nötigen Artigkeit gegen eine Kundin vom Lande fehlen ließ. Hier eilte er in eine Mteilung, wo der Andrang gerade besonders stark war und verschmähte nicht, selbst Packete zu packen. Sein Sohn, der eben daherschlendertc, und den er mit freundlichem Lächeln begrüßte, war gerade nicht so sehr geschästseifrig, denn dieser beschränkte seine Tätigkeit darauf, einige hübsche Verkäuferinnen zu necken, die den frischen Primaner alle gut leiden konnten. Heinrich geriet auch bei seinem Bnnuneln in die Expedition, wo er das rege Treiben "mit Interesse betrachtete; dabei setzte er sich auf das eben geöffnete Geländer eines Abschlusses und schlenkerte vergnügt mit den Beinen. Plötzlich stieß der kleine Philipp, der i» der Nähe beschäftigt war, einen Schrei aus, stürzte herbei und riß den Jüngling mit einer solchen Vehemenz fort, daß dieser, sich überstürzend, weit in den Saal flog. In: selben Augenblick aber sauste im Warenaufzug ein vollbeladeuer Wagen herunter, der Heinrich unfehlbar zerschmettert hätte, wenn er an seiner früheren Stelle geblieben wäre. Durch einen unglücklichen Zufall war das Geländer geöffnet, und nur die Geistesgegenwart Philipps hatteein furchtbares Unglück verhütet. Heinrich stand auf. Er war vor Schrecken tief erblaßt und reichte dem gleichfalls vor Ausregüng zitternden Philipp dankend die Hand Äts ganze Personal eilte herbei und drückte seine Freude über das glücklich verhütete' Unheil aus. Im Nu verbreitete sich im ganzeil Bazar die Nachricht von irgend einem Unglück, welches den einzigen Sohn des Chefs betroffen Haben sollte, und so erftlhr auch Herr Berger selbst.davon. Er eilte entsetzt in die Expedition, sah jedoch mit unaussprechlicher Freude seinen Sohn unverletzt und munter daherkommen. „Lieber Vater," sagte er lächelnd, „beinahe wäre ein Unglück passiert, ich war zü vorwitzig." Der Vater ließ sich den Vorfall erzählen und erbleichte, als er an die Gefahr dachte, in der sein Sohn geschwebt. Bei dem Bericht über die Rettung rief er Philipp, der wieder bei seiner Beschäftigung war, zu sich und sagte, ihn umarmend: „Ich danke Dir mein Sohn. Du hast uns vor unsäglichem Leid bewahrt und ich werde Dir dankbar sein. Du gehörst jetzt zu ineiner Familie." Philipp stammelte verwirrt einige Worte und eilte Iveg.! . Nun aber forschte Herr Berger nach dem Nachlässigen, der das Geländer offen gelassen. 'Ter Schuldige, ein junger Bursche, hatte sich einen Augenblick entfernt, um Vesperbrot zu holen und. gedacht,, für den Moment sei keine Aufsicht nötig. Herr Berger wollte ihn sofort entlassen, aber auf das inständige Bitten Heinrichs, der sich allein die Schuld zuschrieb, wurde er nur einer anderen Abteilung zugswiesen. Nr. 49. „Nun. will ich aber nach Hause eilen, damit Mutter die Nachricht von meiner glücklichen Rettung zuerst von mir erfährt." So geschah es. Die Freude der Mutter äußerte sich so leidenschaftlich, wie der Ausdruck der Dankbarkeit, die sie dem jugendlichen Retter ihres Sohnes, schuldig sei. Mends war die Familie Kühl wieder beisammen und unterhielt sich lebhaft über die Ereignisse des Tages, als sich die Tür öffnete und Herr Berger mit seinem Sohne eintrat. Die Leute sprangen verwirrt auf, Herr Berger sagte fteundlich, er wolle Philipp und seine Eltern sprechen-. Die Töchter und Söhne verschwanden in die Küche. Herr Berger wandte sich an Philipp: „Ich habe Dich schon längere Zeit beobachtet und Deine» Fleiß: und Eifer wohl bemerkt. Heute bist. Du aber auch unfern: Herzen näher getreten. Und meine Dankbarkeit soll Dir Deine Zukunft sichern. Wähle Dir eine höhere Laufbahn." Philipp zitterte und konnte kein Wort sprechen. „Herr Kühl, helfen Sie mir. Wie hat sich denn Philipp seine Zukunft gedacht, will er immer kleiner Arbeiter bleiben?" „Ach Herr. Berger, er will immer lesen, iminer studieren. Wenn er Zeit hat, rechnet und zeichnet er, er ist ganz aus der.Art geschlagen." Herr Berger lächelte. „Philipp, Ivillst Du denn immer die Packete in meiner Expedition zählen, sprich doch!" Heinrich hatte unterdessen in herumliegenden Hef- ' ten gestöbert und rief plötzlich: „Sieh Vater, welch saubere Mafchinenzeichnungen." Herr Berger nahm das Heft. „Philipp, hast Du dies gezeichnet?" „Ja, Herr!" „Interessiert Dich denn das Maschinenfach?" „O, ich möchte den ganzen Tag daran herum- - studieren." „Hättest Du denn Neigung, Techniker, zu werden?" „Das ist mein einziger Wunsch, dazu ist aber meine Porbildung zu mangelhaft." ~ Sein Vater unterbrach ihn. „Seitdem er ans der Schule ist, besucht er die Fortbildungsschule, und die versäumte er niemals, und wenn er noch so müde aus dem Geschäft kam." Heinrich, der voller Teilnahme zugehört, zupfte seinen Vater ain. Arm. „Vater, er kann das alles nachholen." Sein Vater nickte ihm zu. „Philipp, Drr bist von jetzt an aus meinem Geschäfte entlassen. Wir wollen Dich zum' tüchtigen Techniker heranbilden und werden morgen überlegen, wie Du Dein Studium beginnst." Er wandte sich zum alten Knhl und sagte freundlich: „Also voll morgen an ist Philipp lvieder Schüler. Ta er Sie aber bis jetzt von seinem Verdienst unterstützt hat, soll er dies auch ferner mit dem gleichen Betrage tun. Es wird Sie doch auch freuen, daß aus Ihrem Sohn ein tüchtiger Mensch gemacht wird, auf den Sie einst stolz sein Iverden." Das Ehepaar Knhl sah ihn freudestrahlend an. „Wie können wir Ihnen danken, was Sie für uns - tun, Herr Berger." „Na lassen wir das. Heinrich wird Dir morgen weiteren Bescheid geben, Philipp. Gute Nacht." Kapitel 7. „Herr und Frau Leopold Berger beehren sich, Familie Soundso zu ihrer literarischen Abendunterhaltung mit anschließendenl Solcher und Ball ergebenst einzuladen." Diese Kärtchen, die in alle Gesellschaftskreise flogen, erregten bei den jüngeren Leuten Freude, bei den älteren dagegen teilweise Unbehagen. Herr Meyer beispielsweise äußerte sich: „Das wird wieder eine Langeweile mit Kopfweh." „Geh," antwortete seine Frau, „'Du hast doch gar keinen Sinn für die höhere Bildung." Die Familie Berger war ebenfalls in zwei feindliche Lager geteilt. Die Vorschriften des Doktor -- Weil waren vergessen. Frau Berger, die sich wohl . fühlte, genoß mit vollen Zügen das gesellschaftliche Leben der Großstadt, und Erna gab ihren Widerspruch auf, nachdem sie sich überzeugt,, daß dieser doch 7 unbeachtet blieb. Herr Berger sagte mißmutig zu seiner Frau: „Wir haben doch genug Gäste an unfern Freun- . den und Bekannten, lasse doch die Leute fort, die wir oberflächlich im Bade kennen gelernt und die uns. noch nicht einmal einen Besuch gemacht haben." „Das verstehst Du nicht," erwiderte seine Frau mit funkelnden Augen, „zu einem Ball kann man; jeden einladen, und Du. solltest meine Voraussicht anerkennen, 'wenn ich junge Leute von Distinktion, an unser Haus zu fesseln suche. Wer weiß, welchen Nutzen dies unfern Kindern bringen kann!" „Unfern Kindern kann nur schaden, "wenn wir . uns wegwerfe». Glaubst Du vielleicht, daß Dein Ball die Kluft überbrücke» kann, welche von den christlichen Mitbürger» aufgerissen wird?" „Ich habe nicht für das Gesamtwohl der Juden -zu sorgen, aher das Wohl ineiner Kinder habe ich unausgesetzt im Auge. Wer weih, welche Stellung, unsere Kinder noch einnehmen werden, Ivenn wir mit Söhnen von höheren Staatsbeamten, Militärs be-, kannt und vielleicht befreundet werden..". r