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Neue jüdische Presse · 1904-12-16 · Heft 48 (16.12.1904) · p. Seite 13

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 48 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 48. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 13. geschaffen, um Frühlingsstimmung in die Herzen der Menschen zu zaubern. Und im Gärtchen vor dem Hause prangten Sträucher und Pflanzen; in heUem, leuchtendem Frühlingsgrün sproßte und trieb es. Der Droschkenkutscher sprang vom Bock und riß die. Tür auf. Langsam stieg der alte Herr Rüben aus,' und vorsichtig war er seiner treuen Lebensgefährtin behülflich. Langsam gingen dann die beiden alten Leutchen durch das Borgärtchen in ihr neues Heim; > - Da standen in der Haustür die beiden Töchter mit fröhlichen Gesichtern, und hinter ihnen tauchte das große Gesicht der verwachsenen Lea auf, des alten Mädchens, das sie in die Stadt begleitet. Der alte Mann murmelte einen Segensspruch, als er die Schwelle der neuen Heimat betrat. Dann blickten seine Augen in die Höhe, musterten den Türpfosten. Da ging ein befriedigtes Leuchten über sein Gesicht, denn in hellem Glanz funkelte die Mesusa an des Hauses Eingang. Nun fühlte er sich schon beinahe heimisch in der Fremde. Auf dem. Tische im Stübchen dufteten Blumen, dampfte bereits der Kaffee, das alte Mädchen, das vorausgefahren, hatte für alles gesorgt. Die Töchter gingen geschäftig hin und her, noch ordnend und verschönernd. Das kleine, gemütliche Wohnzimmer, in dem das schwarze Ledersofa stand, davor der runde Fämilientisch, ging nach dem Hofe hinaus. Ein kleines Stück asphaltierter Erbe, von allen Seiten eingeengt von hohen Mauern. Ein Häuserschacht, der nur ein kleines Stückchen Himmel durchblicken ließ. Das fanden sie nicht sehr schön, der alte Mann schüttelte ein um das andere Mal wehmütig seinen grauen Kopf. Das nannten die Leute einen Hof, das! Und er lächelte in Erinnerung an all die Luft und das Licht, das sie in der alten Heimat frei und voll umgaben. Jeden Tag sah man ihn nun mit seinem Pfeifchen, aus dem er schwache Ringel blies, über den kleinen Hof spazieren, immer hin und her, hin und her. Oft aber auch kam ein, kleiner, dunkellockiger Bub mit ihm, der saß auf des Großvaters Schoß und herzte und küßte ihn. Mittags blieb er auch wohl da und nach dem Ruhestündchen gingen die beiden alten Leutchen, den Enkel zur Seite, langsam, bedächtig, und betrachteten Land und Leute. Oft kam 'trotzdem ja das Sehnsuchtsgefühl nach dem alten Hause in der sriedsamen, kleinen Stadt über sie, aber sie richteten sich gegenseitig auf und trösteten einander. Und ganz allmählich übte die Gewohnheit ihren mächtigen Einfluß, die dachten ruhiger an die alte Heimat. Da war auch etwas, was ihnen dabei half außer der Liebe zu ihren Kindern. Etwas Großes, Beruhigendes für die beiden alten Leute. Ganz in der Nähe befand sich die schöne, neue-Synagoge. Wenn sie durch das seitliche Erkerfenster sahen, leuchtete es in grünen, roten und goldenen Farben zu ihnen herüber, das waren die wundervollen, runden, großen Fenster des Tempels, die in harmonischen Farbentönen in der Sonne erglänzten. Und jedesmal, wenn eine unerklärliche Unruhe sich des alten Mannes bemächtigte, blickte er hinaus in diese wundervollen Farben und ein toundervoller Friede breitete seine hellen Schwingen über ihn und die Frau, die ihm teuer war.- - Und im Spätsommer fuhren sie zusammen in die Heimat. Sie weinten heiße Tränen auf den Gräbern der Eltern und der früh gestorbenen Kinder und Geschwister, und im Herzen baten sie sie um Verzeihung dafür, daß sie soweit von ihrer Ruhestätte fortgezogen. '. Mer eins machte ihnen dann große Sorge. Sie saßen oft zusammen und berieten und dachten darüber nach und endlich kamen sie zu einem Entschluß. Sie besaßen nur Töchter, keinen Sohn. Sie wünschten ein Kaddisch nach ihrem Tode, sie hatten keine Ruhe, bis sie das geordnet. Und eines Tages saßen die beiden alten Leutchen mit roten Gesichtern und schrieben emsig, lange, es wurde ein langes Schreiben. Und der Waisenhausinspektor schrieb ihnen dann, daß -alles aufs beste geordnet und erledigt sei. Da waren sie nun beide ganz ruhig, hatten ihren Frieden. Ein Jahr zog ins Land. Die Herbststürme kamen, sausten durch die Stadt und auch durch die ruhige, abgelegene Straße, in der die Wohnung der beiden alten Leutchen lag, mit voller Wucht," zerstörend, rücksichtslos. Sie rissen von den Bäumen das schon fahle Laub und streuten es in dicker Schicht über Wege und Straßen. Dann fiel der erste Schnee und lag darüber wie ein kaltes, weißes Leichentuch. Im Vorgärtchen des Ruben'sschen Hauses sah es öde,;-unfreundlich aus. Drinnen aber im wohldurchwärmten Zimmer lag die alte Frau und fieberte und hatte große Herzschwäche. Sie hielt, die Hand des tief; gebeugten Gatten, der ein Menschenalter hindurch ihr treuer Begleiter, ihr Schirm und Schutz gewesen, und angstvoll suchten seine Augen die dunklen, glänzenden der teuren Frau. Wie sie ihn anblickt, doll Liebe, bittend, beschwörend, den Kleinmütigen. ' . 'Tröstend,, in ruhigen, tiefen Tönen kam es jetzt von den fieberheißen Lippen: - - „Salomon, hast Du denn ganz vergessen? Denk doch dran! Müssen wir nicht unserm Schöpfer danken, zufrieden sein? Bald achtzig bin ich, wie Du! Und denkst nicht an den Bibelspruch: „Unsere Lebenszeit währt siebzig Jahre, achtzig ist ihr fernstes Ziel, und ihr Stolz ist Müh und Kummer. Schnell abgeschnitten, so fliegen sie!" Tiefer und tiefer neigte sich das Haupt des alten Mannes: „Ja, Mütterchen, ja, ich denk' dran!" Dann sank sein grauer Kopf auf ihr Lager, und nur unterdrückt-erklang leises Schluchzen.- Dann kam der Tag, da sie die alte Frau hinaustrugen zu ewigem Schlummer. Er weinte nicht, er klagte nicht, der gebeugte, nun hinfällige Greis. Still ging er hinter dem schlichten Leichenwagen, die Blicke gradeaus gerichtet, ruhig, ergeben. Er wußte, bald würde man auch ihn dort hinausbringen, ihn neben die teure Entschlafene betten. Er trug den Keim des Todes im Herzen, das fühlte er. Gott meinte es so gut. Ein Ghettolied. Stach dem Jargon-Original von P. M/Raskin. Die duftenden Blümlein verwelken so bald. Es knickt sie der Schnee und der Frost, Die murmelnden Quellen verstummen, wenn kalt Den Winter ankündet der Ost. Die Schönheit betört, doch flüchtig ihr Wert Schließt jäh sich das Augenlid, Der Jugend Traum, zerrinnet in Schaum, Wie die Wolke, vorüber er zieht. * * * Ein Echo hallt wider und wieder In Tal und Berg und Wald: „Wie welkest du holdes Blümlein, Du Baum verdorrest so bald." Wie wird dein Liebreiz verblühen Mein Kind im Flug der Zeit, Auch der Sommer, ach! muß entfliehen, So es herbstet erst weit und breit." * -ft * Das Echo, ein Trauerakkord Auf Windesflügeln enteilt. Und Gram, Harm, immerfort Verkündet, wo eben es weilt. Und zerrüttet die Herzen sein Ton, Mich rührt nicht Qual, Not und Druck, Dem Tode der Blüte nur Hohn Sprech' ich. fremd mit der Blüten Schmuck. Mich schreckt nicht der Winter, o nein, Nie Hab' ich den Sommer gekannt, Das Alter wird Feind mir nicht sein, Da ich Jugend und Frohsinn nie fand. Mit den Ghettomauern verwebt, Ging Jugend mir, Mer zu Grab, Und Sterben, ich kann nicht — gelebt, Als Mensch, ich mein Lebtag nicht Hab'. Konst und Wissenschaft. Konzert Elmann. Am Dienstag gab .der junge russische Jude Mischa El man (das Programm schreibt fälschlich aus Petersburg), in der Frankfurt-Loge sein erstes Konzert in Frankfurt. Ter Ruhm eines zweiten Bronislaw Hubermann ging, ihm voran, ja eine sehr vornehme Musikzeitschrist stellte ihn viel höher als Franzvon Beesey. Und seine Leistungen rechtfertigten vollkommen den Ruhm dieses Geigerknaben. Ein wunderbar süßer und doch wunderbar starker Ton, eine Gott sei Tank ihn manchmal im Stich lassende Technik, ein durch die Töne hervorquellendes, bei dem Alter kaum zu glaubendes Innenleben, das sind die Vorzüge des kleinen Mischa. Was er spiqlte, wurde erst schön dadurch, wie er es spielte. Ob nun ein Paganini-Konzert, dessen Passagen er pielend bewälttgte, oder eine Beethoven-Romanze, ob ein Bach oder ein Chopin, alles kam so persönlich heraus, als ob das adrette Kind nicht 12, nicht 20 Jahre wäre, sondern ein durch Lebenseinwirkungen zur Persönlichkeit gewordener, reifer Mann ei. Ter süße Ton konnte so leidenschaftlich werden, daß man sich staunend fragte: Tiefes Kind, es kann doch nicht durch all die Leidenschaften getrieben worden sein, und doch ist alles so echt. Und so dürfen die Juden wieder mal stolz sein auf einen Volksgenossen, der in der Kindheit für die Musik viel bedeutet und als Mann, so hoffen wir, für ihn und für uns, noch mehr bedeuten wird. kt. Bücherschau. Deutsch-hebräisches Wörterbuch von Dr. M. M a r g e l. Vollständig in etwa 40 Heften. Preis eines Heftes 50 Heller — 50 Pfennig; Subskriptionspreis 15 Kronen — 15 „/£, Preis des vollständigen Werkes nach Erscheinen 20 Kronen — 20 JL Kommissionsverlag von Leopold Klein, Pozega (Slavonien). Von Dr. Margel's deutsch-hebräischem Wörterbuch sind bis jetzt die ersten 12 Hefte erschienen. Man darf nach diesen wohl schon auf das ganze Werk schließen, und da muß man sagen, daß eine Arbeit gewissenhaften Gelehrtenfleißes vor uns liegt. Ter ganz besondere Wert des Unternehmens liegt aber darin, daß mit ihm zum ersten Male ein vollständiges deutsch-hebräisches Wörterbuch erscheint. So finden wir z. B. unter dem Buchstaben C. die Worte Champignon, Chemie, Cheviot, Chevreau, Chinasilber, Chinin, Chlorsäure, Cirkumflex, Contrebande, Coquilationen usw. Unter den hebräischen Worten besinden sich manche Wortbildungen, die in der hebräischen Literatur nicht gebräuchlich sind. Grade heute, wo man durch den Zionismus in weiteren Kreisen wieder beginnt, sich mit der hebräischen Sprache als Umgangssprache zu beschäfttgen, dürfte das Werk einem Bedürfnisse entsprechen, wir unsererseits wünschen ihm den gebührenden materiellen Erfolg. Die Ehre, ein Zyklus von Festpredigten, gehalten in der Synagoge in Basel von Rabbiner Tw. A: Cohn. In drei Festpredigten „Die Bolksehre", ,/Oie Ehre des Einzelnen", „Die Ehre des Nebenmenschen" behandelt der durch seine eindrucksvollen und zündenden Reden anläßlich der Baseler Zionistenkongresse in den weitesten Kreisen bekannte, gefeierte Kanzelredner dieses gerade in unserer Zeit, wo dem Moloch eines falschen Ehrbegriffs so reiche Opfer gebracht werden, so aktuelle Thema. Unsere nationale Ehre liegt nach ihm in dem Ausspruch sn kowaud elo tauroh, in der Kenntnis und Beobachtung der Thora. Ter einzelne hat nach der innern Ehre, nach dem Bewußtsein, alle seine Pflichten erfüllt zu haben, zu streben und die Ehre des Nebenmenschen ist gesichert durch richtige Beobachtung des Wortes: jebi kewaud chawercho chowiw olecho kescheloch die Ehre deines Nächsten sei dir so heilig wie die eigene. Tie Reden sind ohne schriftliche Vorbereitung gehalten und aus dem Gedächtnis ausgeschrieben. So sind sie auch getragen von einem Hauche frischer, ursprünglicher, fast möchte man sagen prophetischer Begeisterung. Ta ist nichts sein abgezirkelt und nach dem Schema F eingeleitet, wie es in den Lehrbüchern der Homiletik schablonenhaft vorgeschrieben. Wir fühlen es vielmehr, wie eine abgeklärte für ihr Judentum begeisterte Persönlichkeit aus dem reichen Schatze ihres talmudischen und midraschischen Wissens schöpft und durch die Wärme ihrer eigenen Ueberzeugung die Hörer fesselt und. hinreißt. Geschickt weiß sich bet Verfasser von dem bei einem solchen Thema sonst schwer zu vermeidenden akademischen Tone fern zu halten. Er versteht es, ohne trivial zu werden» doch echt volkstümlich und aktuell zu bleiben und seine Gedanken durch treffende Beispiele aus der Tagesgeschichte zu erläutern. Seine einfache und doch lästige Sprache, seine originellen und oft frappierenden Schrift- und Midrafchdeutungen zeigen ihn als das, was ein jeder Rabbiner sich zu sein bemühen sollte; als einen modernen Tarschan. Hoffen wir, daß er uns mit noch recht vielen Werken seiner gottbegnadeten Redekunst beschenken möge. Kongeriget Rorges Gr und low paa Hebraisk von Rabbiner Tr. M. Aschkanaze, Christiania 1904. Herr Alexander Seippel, Professor der semitischen Sprachen an der no rwegischenUniversität, schreibt in Astenposten (Nr. 651, 17. Novbr. 1904): Rabbiner Dr. M. Aschkanaze hat neulich im Berlage von M. S. Tibriksen eine hebräische Uebersetzung des norwegischen Grundgesetzes (Staatsverfassung) herausgegeben. Das Buch ist vollständig vokalisiert und in jeder Beziehung schön ausgestattet, so daß es ein Vergnügen ist, es in die Hand zu nehmen. Ter Uebersetzer scheint, so weit möglich, denalthebräischen Wortvorrat benutzt zu haben. Allein dies reicht selbstredend für eine derartige Schrift nicht

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