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Neue jüdische Presse · 1904-12-16 · Heft 48 (16.12.1904) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 48 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Frankfurter Israelitische« FamMendlaU. sein 11. 3ttr. 48 je mehr die Ausschreitungen der allegorischen Schristauslegnug zu Zweifeln an die Verbindlichkeit der Gesetze führte, umso leidenschaftlicher wurde das. Werk und die durch dasselbe hervorgerusene Richtung und Bewegung angefeindet. Tie Gegensätze stießen hart aneinander. Ter Kampf nahm mit der Zeit so scharfe und verbitterte Formen an, daß der Genius des ^Judentums darob trauernd sein Haupt verhüllte. Auch das. liebliche und friedliche Kind der Muse mußte, angetan in Schwert und Panzer, das Schwert führen. Tie Abneigung gegen die immermehr anschwellende Strömung, welche so viele Irrlehren mit sich führte, und blühende und fruchttragende Gefilde des Judentums zu verwüsten drohte, entwickelte sich zu einer unaufhaltsam sich ausbreitendeu starken Bewegung gegen die Philosophie als die Ursache und Veranlassung all dieses Uebels. Man wollte die Quelle verschütten, aus dem das gefährliche Gift des Unglaubens strömte. Man wollte die Massen stumpf machen, welche dem Judentum so schmerzliche Wunden geschlagen. Tiefe Bewegung fand ihren Höhepunkt in einem feierlichen Bannspcuch, den Salomo ben Adereth über die verhängte, die in den nächsten 50 Jahren vor zurückgelegtem 25. Lebensjahre mit profanen Wissenschaften, ausgenommen der Arzneikunst sich beschäftigen werden. Rabbi Salon,on ben Adereth war kein Feind der Wissenschaft. Tr erfreute sich gern — wie er selbst sich an das maimonidische Wort anlehnend sagte — an dem Duft der Würzen, die dem menschlichen Leben einen höheren Reiz verleihen. Er will sa auch die Philosophie nicht ganz verbieten, er will ihr nur den Stachel benehmen. Tie Wärme und Empfänglichkeit der Jugend, die alles Neue und Fremde begeistert aufnimmt, hat nicht die Widerstandskraft das Ungesunde abzustoßen und auszuschciden. Das Fremde sollte der Jugend so lange fern gehalten werden, bis das Eigene unverwüstlich in den Ueberzeugunge» Wurzel gefaßt. Nur f ü r 50 I a h r e h a t e r d e n B a n n a u sgesprochen, in der weise» Erwägung, daß der Wechsel der fortschreitenden Zeit neue Gedankenströmungen an die Oberfläche treiben kann, welche die Grundpfeiler erschüttern werden, auf welchem das aristotelische Lehrgebäude ruht. Neue Weltanschauungen werden die Schatten des Aristoteles verscheuchen und in unbefangenen Menschengeistern die Ueberzeugung wachrufen, daß man nie und nimmer ooiutncrschntterlichen, un umst öß lichen Ergebnissen m euschliche n Denkens s p r e ch e n d a r f. Meine Herren! Tie Philosophie des Aristoteles ist heute nicht mehr die Sonne, um welche die ganze Denkerwelt planetarisch sich umherbewegt und von ihr das Licht entborgt. Wir wissen es heute, daß Judentum und aristotelische Philosophie zwei verschiedenen Gedankenkreisen angehören, die sich in keinem Punkte berühen. Große Männer sind auch in ihren Jrrtümern lehrreich. Ter große Irrtum des M. weist uns die Stellung an, die wir in der lebendigen Gegenwart den Problemen der modernen Wissenschaft einzuuehnieii haben. Wir können nicht anders. Auch >o i r müssen von den zwei Herren sprechen, von denen der eine sehr groß, der andere aber auch nicht klein ist. Auch wir müssen, indem lvir das Licht des Glaubens mit der rechte» Hand fest fassen, in die linke Hand das Licht der Erkenntnis mit ruhiger Sicherheit nehmen. Wir sollen und dürfen uns freie Empfänglichkeit und offenen Sinn für die Knlturerrnngenschast der Menschheit bewahre», und rege Mitarbeit betätigen auf allen Gebieten des Wissens. Wir wollen dankbar annehme», was Wissenschaft und Kunst uns biete». Das Leben zu vergeistigen und zu erhöhen, was sie uns bieten, das Dasein zu verschönern und zu veredeln: wir müssen es aber entschieden zurückweisen, wenn sie uns Sprengstosf reichen, die Grundlagen unseres Glaubens und die zusammenhängende Einheit und Ursprünglichkeit unserer heiligen Schriften zu erschüttern. Nicht die Wissenschaft darf uns das Kriterium für die heilige Schrift sein, sondern die Osfenbarungen der heiligen Schrift müssen das Kriterium der Wissenschaft sein. Als Richtschnur und Maßstab gelte uns das Wort unserer Weisen: „Wenn man dir sagt, es gibt Weisheit unter den Völkern, so glaube eS, lvenn man dir aber sagt, es gibt Tora unter den Völkern, Erkenntnis der höchsten Fragen, welche auf das göttliche Sein, Wollen und Walten sich beziehen — so glaube es nicht!" Meine Herren! Wenn lvir im nächsten Monat die 700jährige Wiederkehr des Todestages des Mainwnides feiern, dann lverden wir uns sagen dürfen, M. hat Ewigkeitslverke für uns geschaffen, der Jdeen- . gehakt, den er in seinensonstigen Werken . niedergelegt hat, mutet uns noch immer quellenfrisch und kristallhell an. M. hat das Elixir der ewigen Jugend besessen. Er lebt in seinen Werken, er lebt in unserem Geiste, er lebt in unserem Wirken. Dankbar werden wir aufblicken zum Himmel und Gott preisen, daß er diesem Manne den Mglanz seiner -Weisheit verliehen, daß er diesem Manne Weisheit verliehen, an der sich noch nach 700. Jahren die Geister erheben, die Chronisten erquicken. Ter Zionismus in Philippopel. Philippopel, den 11. Dez. Auch im Lande des berühmten-Ferdinands faßte der Zionismus feste Wurzeln, die sich täglich vertiefen und erweitern. Trotzdem die Juden Bulgariens im Vergleich zu den benachbarten. Ländern am wenigsten den Truck der Bevölkerung spüren, so hat doch der Zionismus hier eifrige Anhänger gesunden, die mit Leib und Seele sich der großen Sache hingeben. Doch unter allen Zionisten Bulgariens verdienen die Philippopcls den ersten Rang. Bor einigen Jahren kam aus Italien Herr Joseph Marko Baruch, ein genialer Mann, hierher. Er entfachte in die hiesigen Juden die Liebe zur jüdischen Nation und es gelang ihm, eine» zionistischen Verein zu gründen, der anfangs nur wenige Mitglieder zählte, bald aber den größten Teil der jüdischen Bevölkerung unter seine Fittiche zog. Zionisten wurden zu Gemeinderepräsentanten gewählt, und somit nahm die Gemeinde Philippopels einen zionistischen Charakter an. Nur die ganz Reichen stellten sich und stehen jetzt noch der Strömung entgegen. Aber außer den aristokratischen Familien fand der Zionismus hier in der Alliance i s r a e (i t c universelle, die die jüdische Schule unterstützt, einen großen Gegner, lieber zwei Jahre währte der Kampf zwischen den hiesigen Zionisten und der Alliance, bis schließlich die ersteren den Sieg davontrugen. Tie Zionisten verlangten von der Alliance, unter Verringerung der französischen Geschichte die Unterrichtszeit der jüdischen Geschichte zu vermehren und einen Teil der französischen Unterrichtsstunden durch hebräische zu ersetzen. Ter Direktor der hiesige» Allianceschule, im Sinne des Komitees 511 Paris handelnd, verwarf die Forderung der Zionisten und verbot auch jedes Propagandamacheil für deir Zionismus in seiner Schule. Immer schärfer wurde der Gegensatz, bis eines Tages die Zionisten sich von der Alliance lossagteu, und da sie die Gemeinde beherrschten, so gründeteir sie vom Gemeindegelde eine eigene Schule, die den Namen „ecole des Sionistes oder de la Eomiimiiant«" führt. In dieser Schule jst nun Hebräisch die Hauptsprache. Ueberhaupt entwickelte sie sich in verhältnismäßig kurzer Zeit so, daß sie die Allianceschule übertraf. Uni mit der Allianceschule, die wohl noch existiert, aber znrückgeht, nichts genicilisaiil zil haben, führte» die Zionisten als fremde Sprache die deutsche statt der französischen ein. Durch die freundliche Verwendung des deutschen Generalkonsuls in Sophia willigte der Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin ein, der hiesigen zionistischen Schule einen Lehrer der deutschen Sprache zu schicken. Nun erst konnten die Zionisten der Alliance gegenüber triumphieren. und dieser Triumph äußerte sich in der Channkafeier ihrer Schule. Mittwoch, den 7. Dezember, fand die Chanukafeier in der zionistischen Schule statt. Wegen der großen Zahl der Schüler wurde die Feier geteilt, so daß vormittags die unteren Klassen, nachmittags die oberen feierte». Vormittag um 0 Uhr kamen alle Lehrer zusammen. In spaniolischer Sprache wurde den Kleinen die Bedeutung des Ehanukafestes klargelegt. In glühender Begeisterung schilderte der Vortragende Lehrer die Heldentaten der Makkabäer. Kaum hatte er geendigt, als die kleine Schar, ohne besonders aufgefordert zu sein, unter Hurraruf die Worte „J'chi Jehuda Hamakabi!" aus allen Kräften rief. Tie Nationalhymne „And lau owdo tikwoßrinu" wurde wiederholt gesungen. Ten Kindern wurde alsdann Süßigkeit nach, bulgarischer Sitte ausgeteilt, die ärmeren Schüler erhielten bei dieser Gelegenheit warme Kleidung, tvodnrch die Freude noch größer wurde. Tas Interessante dabei war, daß Schüler und' Lehrer sich nachher aus den Schulhof begaben und fröhlich miteinander tanzte». Nachmittags wiederholte man dieselbe Feier mit den größeren Schülern. Es wurden nur einige Reden in hebräischer und spaniolischer Sprache mehr gehalten, ebenso mehr hebräische Lieder gesungen. Außerdem feierten die Zionisten Chanuka durch die Aufführung des Dramas „Dreifuß" in spaniolischer Sprache im hiesigen Theater. Tie Schauspieler .waren junge Leute, die trotz ihrer mannigfachen Geschäfte sich dem Einstudieren Hingaben. Sie Piekten zur Zufriedenheit des zahlreich erschienenen Publikums. Zu guter Letzt hielt Herr Romano Samstag, den 10. Dez., in der Synagoge „Zion" einen Vortrag über Chanuka. - Er zog eine Parallele zwischen der Zeit der Makkabäer und der unsrigen nud verglich Dr. Herzl mit Matisjahu. Er bemerkte auch, daß es unsere Pflicht und Schuldigkeit fei, den Kindern Herzls die Summe, welche ihr seliger Baler dem Zionismlls geop,ert, zurückznzahlen. Aus aiXex ZveU. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Das »Leipziger Tageblatt" schreibt in seiner Ausgabe vom 12. Dezember: Eine Lpisode aus der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses am Sonnabend zwingt uns Betrachtungen auf, die höchst unliebsamer Nutur sind und die wir gern unterlassen würden, wenn wir es nicht sür unsere Pflicht hielten, einen Appell an das Parlament selbst zu richten. Der Minister Freiherr von .H a m m e r st e i n hat sich mit der Verhastung einer jungen rnssischen Studentin beschäftigt, welche Maßnahme von dem Abgeordneten Dr. Friedberg bemängelt >var. Seit langem vermissen wir bei unseren leitenden Männern jedes Eingehen ans Prinzipiensragen. Ter Reichskanzler, dessen Begabung »nd Bildung wir sonst keineswegs gering schätzen, beschränkt sich darauf, mit ZeitungSansschnilten gegen die Sozialdemokratie zit polemisieren. Kern und Wesen des sozialen Problems berührt er niemals. Wenn man ihn reden hört, so ist die Existenz und die Taktik der Sozialdemokratie etwas höchst Humoristisches. Wir wolle» nur hoffen, daß diese Anffassuiig sich bei den nächsten Reichstagswahlen als berechtigt heransstellt. Tie Paladine des Grase» Bülow ahmen natürlich dem Meister nach. Ihre Erörterungen beschränken sich auf Einzelfälle, ihre rednerische Technik ist vom Beifallsbedürfnis diktiert. Ter nationalliberale Abgeordnete Dr. Friedberg hatte die Verhaftung der russischen Studentin Janina Bärson kritisiert. Er hatte hervorgehoben, daß eine Verhastung zum Zweck der Ausweisung, also eine administrative Verhastung, mit dein Wesen eines humanen Staates und eines Rechtsstaates nicht vereinbar sei. Tie Frage war also so gestellt, daß eine prinzipielle Antwort erfolgen mußte und es leuchtet wohl jedem ein, daß diese prinzipielle Antwort von weittragender Bedeutung für unser Rechtsleben ist. Wenn der Minister administrative Verhaftungen billigt, so haben wir de» Beweis dafür, daß wir versuchen, uns russischen Zuständen zu nähern, und es ist eine Ironie der Weltgeschichte, daß dies in demselben Augenblick geschieht, in dem die russische Intelligenz einen verzweifelten Versuch macht, sich von eben diesen Zuständen zu besreien. Hören wir nun, wie der Minister von .Hammerstein nach dem Bericht der Berliner Zeitungen auf die Frage des Abgeordneten Friedberg antwortete: „In dem Falte, den der Abgeordnete Friedberg vorgebracht hat, handelt es sich um eine jnnge russische Studentin, die hier im vorige» Winter studierte und sich dadurch bemerkbar machte, daß sie in einer Anzahl von Versammlungen, zum Teil sozialdemokratischen. erschien, daß sie teilnahm an der Feier der Märzgefallenen am 18. März und daß sie sich auch a» einer Protestnnterschrift gegen den Reichskanzler beteiligte. Sie ging weg von Berlin, kam dann vor einiger Zeit wieder und hatte hier keinen festen Wohnsitz. Sie wurde schließlich gefunden bei einein Studenten, der Karfunkelstein hieß (Heiterkeit). Sie lag mit dem Karftinkelstein in, Bett (große Heiterkeit). Man sand eine Menge anarchistischer Papiere, die wahrscheinlich ihr zugehörten". Wir wollen in diesem Augenblicke nicht das „wahrscheinlich" betonen, sondern wir wollen nur daraus Hinweisen, daß Herr v. Hammerstein cs mit seinem Zartgefühl, mit seiner hohen Stellung vereinbaren kann, ein junges Mädchen dem brutalen Gelächter einer Versammlung von Männern preiszngeben. Was hat die sittliche Lebensführung der jungen Dame mit dem Anarchismus zu tun? Wir sind u:n Beispiele nicht verlegen, ivenn wir bbeweisen wellten, daß eine derartige Einmischung in das Privatleben zu Folgen führen könnte, die doch an vielen Stellen sicher! ich als recht pcinlich empftinden werden würden. Und >vas soll man dazu sagen, daß das Vorgehen des Ministers von den Volksvertretern mit Heiterkeit ausgenommen wurde? Bei der'bloßen Erwähnung des Namens Karsnnkelstein schreien die Herren bereits vor Wonne. Nicht allein, daß diese Anspruchslosigkeit unser Mitleid erregt, der Mangel an gesunde»! Gesicht, der hier zutage tritt, ist noch viel trauriger. Ter Begriss der Ritterlichkeit scheint nicht mehr bekannt zu sein. Diese Ritterlichkeit bekundet sich aber eben darin, daß sie vor dem weiblichen Geschlecht ohne Unterschied des Standes, der Konfession und der Nationalität Achtung empfindet. Wir glauben nicht, daß ein Minister sich im französischen oder englischen Parlament einen derartigen Ausfall gegen eine Wehrlose erlauben dürfte. Herr von Hammerstein konstatierte im weiteren Verlaufe seiner

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