Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 48 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. gesagt innerhalbeigenerGemeinschaftgehaltcn werden, wenn anders man nicht über eine gewisse materielle Grundlage verfügt. 'Daß aber der Sabbat nur ein Privilegium der Besitzenden sein soll, wünscht - wohl lein Jude. Will nun der neue „Bund der Sabbatfreunde" wirkliche Besserung der bestehenden traurigen Verhältnisse anstreben, dann wird seine Tätigkeit zunächst in der Beseitigung der geschilderten Zustände bestehen müssen. Eine. Fusion der bestehenden Stellenvermittlungs- Vereine mit Versicherung gegen Stellenlosigkeit ist unumgänglich notwendig. Die widerstrebenden Vereine dürfen nicht unterstützt werden, energische Bekämpfung und Ausschaltung ist im Interesse der Allgemeinheit eher am Platze. . Die Zentrale wird Provinzial- oder Distrikts-Vereinigungen mit Lokal-Komitees gründen müssen; jüdische kaufmännische Vereine wären das richtige Ideal. Die Verwaltung wird aber einen ständigen, verantwortlichen Beamten nicht entbehren können. Ebenso sollen die Provinzial- und Lokalstellen nicht einseitig nur von Chefs gebildet werden, Handlungsgehülfen, die auch auf ihre Kollegen richtig cinwirken können, sind eher geeignet, den tvankenden jungen Mann zu beeinflussen. Im klebrigen gehören überall Männer hin, die nicht einen großen Namen besitzen, sondern energisch für die Sache eintrcten. B e n - S ch l o m e. A n m. der R e d.: Wir glauben die vorstehenden Ausführungen unsren Lesern nicht vorcnthalten zu sollen, weil sie außerordentlich viel Beachtenswertes enthalten. Freilich scheinen uns die Vorwürfe des Verfassers zu wenig mit der dura ncccssitas der wirtschaftlichen Verhältnisse zu rechnen. Wie kann man gesetzestreuen Chefs, die doch häufig ebenso hart mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben .wie die Gehülfen, die Zahlung höherer Gehälter zumuten, als nach den Gesetzen des Arbeitsmarktes natürlich ist? Ebensowenig läßt sich verkennen, daß nach den Erfahrungen der Stcllenvcrmittlungsvcrcinc cs n i ch t i in in c r möglich ist, geeignete, b r a n ch e k u n d i g e Bewerber gesctzestreuer Gesinnung für jeden Posten in Vorschlag zu bringen. Damit aber kommen wir an den Punkt in dem, wir dem Verfasser rückhaltlos zustimmen und der in der Tat immer wieder betont werden muß: Warum vereinigen sich die vier bestehenden S t e l l e n v e r m i t t l n n g s - Vereine nicht? Man weiß, daß die von dem hiesigen Verein vor einigen Jahren angeregten.Fusionsbestrcbungcn damals an dem Widerstand des ältesten der vier Vereine, des Hamburger, gescheitert sind. Allein es dürfte doch zu hoffen sein, daß die Hamburger Herren, deren guter Wille und deren hervorragende Sachkenntnis ja nicht bezweifelt werden kann, sich endlich doch einmal zu der Erkenntnis durchringcn werden, wie ungeheuer die Verantwortung ist, die sie durch ihr ablehnendes Verhalten auf sich laden. Möge der „Bund der Sabbatfreunde" das Einiguugswcrk zwischen den Vereinen als seine erste und wichtigste Ausgabe betrachten! Zum?00j<Ujrtge» Todestag des Maimouides. Bortrag von Slistsrabbiner Blumgrund, Karlsruhe, gehalten am Mittwoch, den 9. November, im Verein Nachlaß Zwi, Frankfurt a. M. (Schluß). Hat M. durch feinen Mischnakoinmentar den Weg ebnen ivollcn, der gangbar auch für den Geringsten im Volke zu den Quellen der mündlichen Lehre führte, so wollte er auch sein hohes Ideal im Auge behaltend einem andern Mangel abhclfen. Seinen Zeitgenossen fehlte cs an Fähigkeit, führerlos im uferlosen Meer des Talmud zum Ziele zu gelangen, die Kraft und die Kunde, bis auf den Grund zu tauchen, um die Perlen fertiger Resultate hervorzuholen. Das Werk des Alfasi hat sich für den praktischen Gebrauch wenig befriedigend erwiesen, weil es die Vorschriften und Lehren des Talmud weder systematisch geordnet noch leichtfaßlich dargestcllt hatte. Das Meer war kleiner geworden, aber nicht fahrbarer. Noch immer herrschte Dunkel, und man sehnte sich nach Licht. Ta entzündete M. mit seinem Mischne-Thora die Helle Leuchte und führte die Suchenden in wohlgeordneten Gängen durch die bis dahin unwegsamen Gebiete des Talmud. Das Werk verbreitete sich weithin, und mit ihm der Ruhm des Verfassers. Man bewunderte die Geistesgröße, die Gelehrsamkeit und den umfassenden Blick des Mannes, die Großartigkeit der Anlage, die kunstvolle Ausführung der einzelnen Teile und das Erschöpfende in der Behandlung des Quellenmaterials, welche in dem Werke betätigt waren. Tie besten und. tüchtigsten unter den Glaubensbrüdern folgten umso begeisterter feiner Anleit¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ung, als sie wußten, wie demütig der Beherrscher und Ordner des Gesetzes selbst sich unter das Joch desselben beugte, wie vollkommen sein ganzes Dasein das Ideal verkörperte, welches er selbst als maßgebend für den Israeliten ausgestellt hatte. So groß die Begeisterung auf der einen Seite war, so stark waren die Bedenken auf der andern. Man machte geltend: Das heilige Gut, das das jüd. Volk von seinen Vätern ererbt hat, müsse man täglich neu erwerben, um es zu besitzen. Tie Verfolgung jeder Vorschrift und jeder Satzung bis zurück zu ihrer ersten Quelle mutz der unversiegbare Born täglich sich erneuernder Lust und Kraft sein, soll das Gesetz nicht etwas versteinertes werden, das die verheerende Macht der Zeit zerbröckeln könnte. Maimouides Darbietung fester, abgeschlossener Ergebnisse droht den lebendigen Quell der Thoraforschung zu verschütten, und indem sie das mühelose Aneignen einiger Sätze möglich macht, die Oberflächlicheit zu fördern und Leichtfertigkeit im Entscheiden zu veranlassen. Ferner machte man ihm zum Vorwurf, daß er die abweichenden Meinungen, deren Kenntnis in zweifelhaften Fällen von großer Wichtigkeit ist, völlig verschwiegen und daß er die Namen der talmudischen Autoritäten ausnahmslos unterdrückt hat, was dazu beitragen würde, daß sie völlig aus dem Bewußtsein der Menge schwinden würden. Von hohem Jntere'se und von instruktiver Bedeutung für das verständnisvolle Erfassen eines talmudischen Themas ist die Verteidigung, die M. diesem letzten Punkt hat angedeihen lassen: Ter Autor eines Ausspruches ist nicht immer auch sein Urheber. Tie Vorschrift, die sich an einen bestimmten Namen knüpft, ist'nicht das Gcistesprodukt seines Trägers oder seiner Zeit, sondern eine von Geschlecht zn Geschlecht überlieferte Lehre. Mit Hinblick auf diesen Tatbestand habe er die Namen wcggclassen, damit di: unwissende Menge nicht, gleich den Karäern, zu dem Irrtum veranlaßt werde, daß die einzelnen rcligions-gesetzlichen Bestimmungen die Ansichten dieses oder jenes talmudischen Lehrers seien. Außerdem hat man die Ausstellung gemacht, daß M. die Angabe der Quellen und Belege aus dem Talmud und den dazu gehörigen Schriften unterlassen habe, wodurch der Ueberblick über die Gründe und die maßgebenden Prinzipien fehle. Er erwähne nur die Einzelheiten, die in den Schriften der Alten, als solche Vorkommen. Ta aber die Zahl der einzelnen möglichen Fälle so unbegrenzt ist, als die Vielgestaltigkeit der ewig wechselnden Daseinsformen, so lasse sich aus diesem Buche für die veränderten neuen Fälle nicht vollständig die Regel entnehmen. Ter bedeutendste Kritiker ist Abraham ben David genannt der Nabed. In einer Randglosse zu der Einleitung, in der M. über Tendenz und Zweck seines Werkes - sich ausspricht, bringt er diese allgemeinen Bedenken zum scharfen Ausdruck; und um zu beweisen, wie wenig ein Mensch, und sei er noch so groß, mit der Ambition der Unfehlbarkeit austreten darf, begleitet er den Text von der ersten bis zur letzten Seite mit gelehrten und lichtvollen Einwürscn, die in ihrer Gesamtheit mindestens ein so dankenswertes Gcisterwerk bilden, als das, dem sie gelten. Namentlich aber den philosophisch angehauchten Aeußerungen im ersten Teil, durch die M. der aristotelisch-arabischen Philosophie den Stempel der Weihe aufdrückt, tritt er mit voller Entschiedenheit entgegen. Des Rabcd kritische Glossen wurden in der Tat rin starker Tamm gegen die unbedingte, schrankenlose Anerkennung der Mischne Thora und zugleich eine Schutzwehr gegen die befürchtete Vernachlässigung des Quellenstudiums. Andererseits aber hat das Werk, vermöge der geschichtlichen Notwendigkeit, die es gezeitigt, allmählich die Gegnerschaft überwunden, ohne daß cs eine alles beherrschende Macht gewann. Es würde wie die Probe aus ein Excnipel, wie ein Schlüssel, der das Tunkelc und Verschlossene öffnet betrachtet. Es ivurdc nicht maßgebend, sondern bildete nur eine Richtschnur, und gab die Grundlage ab, aus der sich ein reges, fruchtbares Geistesleben entfaltete, das nach derselben Methode mannigfache Versuche anstellte, als deren Krönung und Vollendung das Werk Josef Karos, der Schulchan Aruch, erscheint. Aber auch die Anfechtungen haben ihre heilsame Wirkung ausgeübt. Joses Karo hat sich veranlaßt gesehen, seinem eigentlichen Werk ein anderes au die Seite zu setzen, in welchem er nicht nur die Quellen angibt, sondern auch, indem er die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten über jeden Punkt aucinandcrrciht, Rechenschaft über die Entscheidungen gibt. In diesem Werke berücksichtigt er auch die reiche Responscnliteratur der Gaoniin und ihrer Nachfolger, welche die Anwendung der gegebenen Grundsätze auf Einzelfälle, die der Talmud nicht in bcn Kreis der Erörterung gezogen, behandeln. Seit Jahrhunderten werden nimmermehr Angriffsflächen im Mischne Thora gesucht, vielmehr wird es als verdienstliche Tat gepriesen, den Gcdankeiigängen uachzuspüren, die M. zurückgelegt haben mochte, bis er zu gegebenen Resultaten gelangte. Doch beredter und eindringlicher als diese Tatsache spricht für die Bedeutsamkeit dieses Werkes und seines Autors ein Urteil, das von einer Seite gefällt wurde, wo man M. gern als Bahnbrecher einer neuen Richtung im Judentum feiert: Maimonideswar mit einem Teil seiner Wirksamkeit ein Nr. 48. UnglückfürsJudentumi Mit seinen Glaubensartikeln habe er der freien Gedankenentwicklung Schranken gesetzt, mit dem' kodifizierenden Abschließen des Gesetzes habe er dem Judentum Bewegung und die Möglichkeit der Fortentwicklung geraubt. Wir sind der Ansicht, wenn von einem Unglück die Rede sein kann, das M. angerichtet haben soll, so liegt es nicht auf diesem Gebiete. Ein moderner Dichter-Philosoph sagte einmal: Wer auf die Menge wirken will, der muß auch den Mut haben sich zu widersprechen. M. hatte diesen Mut. Ter Widerspruch, der zwischen der Richtung seiner früheren Werke und dem. Geist, den er im More Rebuchim sprechen läßt, unleugbar besteht, läßt.sich nicht anders erklären, als daß er auf jene irregeleitete Menge wirken wollte, die auf dem Wege der Spekulation und der Zustimmung der menschlichen Vernunft zur Höhe der religiösen Ueberzeugung geleitet sein wollte. Das sagt schon der Name des Werkes: Führer der Stutziggewordenen, der in Verwirrung Geratenen, und das läßt er in der Einleitung durchblicken: „Ich schreibe mein Werk nur für die, die Philosophie studiert haben und ihre Gegenstände kennen und die der menschlichen Vernunft einen ihr würdigen Platz einräumen möchten." Seinen Vorgängern war die Philosophie ein Prunkgewand, eine Arabeske zur Verzierung des Baues, höchstens ein schirmendes Dach gegen etwaige hercinbrcchende Stürme. Wer diesem hohen Zwecke nicht dienen konnte, wurde unerbittlich zum geistigen Tode verurteilt. Auch für M. selbst war sie dort, wo er sie in seinen früheren Werken benützte, nur das formgebende Prinzip, die. äußere Schale, in der der Kern der Religion geschützt vor äußern Angriffen reifen sollte. Das Maß feiner untrügbar vorhandenen Vorliebe sür die Weltweisheit, zumal für die aristotelische Philosophie, begrenzt er selbst in den Worten: Die Wissenschaften erscheinen mir in dem religiösen Haushalte als Salbeninischeriniien und Gewürzbereiterinnen, während mir die Thora als die gebietende Hausfrau gilt. In M o r e N e b u ch i m aber wagt er es, der Philosophie einen berechtigten Platz neben oder gar in der Theologie auzuweisen. Er unternimmt cs, jeden religiösen Satz nach philosophischen Prinzipien zu bestimmen, und stellt als Kriterium der heiligen Schrift die Wissenschaft hin. Was einem anerkannten und auf unumstößliche Beweise beruhenden Lehrsätze nicht entspricht, das kann die heilige Schrift nicht, lehren. In solchen Fällen muß notwendigerweise der wörtliche Sinn aufgegeben, und dafür der allegorische genommen werden. Wie er aüf dieser Basis zum Resultate gelangt, es müssen jene Stellen in der Bibel, welche Gott menschlich darstellen, im figürlichen Sinne betrachtet werden, so ließe sich ja dagegen nichts einwendeii. Cs macht nur einen eigentünilichen Eindruck, daß er diese Forderung stellt, weil — Aristoteles die Unkörperlichkeit und Afsektlosigkcit Gottes beweist. Auf dem Wege, den er zurücklegt, streut er so manche Gedanken und Ideen aus, die auch heute noch besruchtend wirken. Er pflückt aber auch buntschimmernde Blumen, die im Garten des Judentums nie und nimmer bodenbeständig und gelangt so zn Ergebnissen, die durchaus .nicht, wurzelecht genannt werden können. Sein Versuch, die Kluft, ivclche den angestammten Glauben von den Ergebnissen der Philosophie trennte, durch eine neue Methode der Schristerklärung zu' Überdrücken, hat in jenen Kreisen, auf' die er berechnet war, eine Begeisterung für diese Art der Harmonisierung hervorgeriifen, die weit übers Ziel hinansging. Hatte schon M. selbst die Ausgleichung nicht zustande bringen können, ohne der Schrift Gewalt aiizutun, so war er doch weit entfernt, den Lehren des Aristoteles sich auch da zu fügen, wo die Bibel offen widersprach. Seine Anhänger und Fortsetzer gingen weiter. Tie Möglichkeit, daß auch Aristoteles irren konnte, eine Möglichkeit, die M. noch ins Auge faßte, war sür sie nicht vorhanden. M. bediente sich' dieser Auslegungsweisc nur bei cosmologischen und nietaphisischen Stellen, seine Anhänger respektierten nicht mehr die Schranken, die er sür dieselbe gezogen dachte. Unter solchen Umständen ist es wohl begreiflich, daß diejenigen, welchen die Gefährdung des Judentums Bis ans Herz schmerzlich nahe ging, das Werk in bitteren Worten verdammten. Jehuda' A l p a ch a r kleidet sein Urteil in das bezichungsreiche Wortspiel: Halau jodato im lau scliomato sch’mikras Maure Nebuchim nebuchim hem booretz, ssogar alehem haraidbor. „Weißt du es nicht," so schreibt er von David Rimchi, „oder hast du es nicht gehört, daß ein Teil der Aussprüche des Führers der.Irrenden im Gebiete der Spekulation verwirrt umher irren, und keinen anderen .Ausweg fanden, als in die Geisterwüste." Meir Halewi ans Toledo faßt seine Einwendungen scharf und bestimmt in die Worte: Der Maure kräftigt wohl die Wurzeln der Religion, aber er haut die Zweige ab, er bessert die Risse in den Grundlagen aus, reißt aber die Zäune um, in seiner Kehle ist Erhebung GotteS, und dennoch ist zugleich Tob und Leben auf seiner Zunge, er nähert mit der Rechten, stößt aber ab mit der Linken. - ' Je größer die Verheerungen und Verwirrungen wurden, welche das Buch in den Geistern anrichtete.