Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 48 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 48 des Frankfurter Israelitischen Familieublattes. Inhalt der Beilage: ' Artikel: Eine Offenbarung für die Emanzipation der Juden. — Bund der Sabbatfreunde. — Zum 7ÜÜ jährigen Todestag des Maimonides. — Der Zionismus in Philippopel. — Aus aller Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Personalien. — Feuilleton: Die beiden Alten. — Ein Ghettolied. Eine Offenbarung für die Emanzipation der Juden. Aus dem Norwegischen von Rabbiner Tr. Aschkanaze, . Christiania. Der unvergeßliche Henrik Wergeland, der berühmte norwegische Dichter, der Vorkämpfer für das Recht der Juden, schreibt in seinem Hasselnödder*) (Haselnüsse) über dieses von ihm so mannhaft und warm versochtene Thema Folgendes: Die eigentlichen Urheber der Emanzipation der Juden. Obwohl meine Reiseskizzen meistenteils darüber belehrenwie man in fremden Ländern sich nicht aussühren solle, muß ich mir doch das Lob geben, daß ich, soweit ich darin nur gehen konnte, nichts unterlassen habe zu sehen, was da sehenswürdig war. Dazu rechnete ich das Volk, wie es sich bewegt: in den Markthallen, auf den Standplätzen an den Brücken, Schiffsländen, in den Tanzlokalen der Vorstädte, kstes ebsmxetros, und an manchen andern Stätten, wo das Menschengetümmel 'am lautesten ist und das Volksleben sich in seiner ganzen Buntscheckigkeit zeigt. Ich ließ mich gewöhnlich da auf irgend ein Plätzchen nieder, nahm mein Pfeifchen und amüsierte mich köstlich. Ich hatte eben nicht übrig Zeit, als mich auf diese Weise auszuruhen. So nahm ich eines Tages meine Mittagsruhe-) auf einem Stein neben dem Ladentische einer alten Frau am Kai, dem Institut gegenüber, wo sie alte Bücher und Münzen verkaufte. Ich hatte ihr eben ein kleines- Oktavbuch in Pergament abgekauft, das französische Memoiren enthielt, in welchem ich zu meiner Ueberraschung ein Paar Anekdoten aus der Regentenzeit gefunden, die, wie ich in Helbergs neulich erschienenen „Erinnerungen" gelesen hatte, dieser selbst und seine guten Freunde Gregoire und Tallehrand erlebt hatten. Ich sage, es überraschte mich — nein, es erschreckte mich um Heibergs wegen, indem er in seiner Einleitung schreibt, daß, wenn auch seine Erinnerungen kein anderes Interesse haben mögen, so garantiere er doch heilig dafür, daß sie die Wahrheit enthielten. Ich sprang aus vor malitiöser Freude, und dabei sbemerkte ich mir gegenüber, in einem Winkel am Gitter des Instituts, die Spitzen zweier Turbane. Dahin also. Es waren da zwei marokkanische Juden, die verschiedene Kleinigkeiten zum Verkaufe darboten: Tabakdosen, Pfeifen, Feuerzeug, kleine Spiegel usw. Mso Handelsjuden — ja Handelsjuden; aber ziehe ehrerbietig den Hut ab, du christlicher Kaufmann erster Gilde oder Priester vor diesen herrlichen Patriarchengestalten und Apostelgesichtern, so herrlich wie Rafaels St. Hieronymus und St. Ambrosius.' Dieselben waren orientalisch gekleidet, aber in einem Gewand von etwa schwarzgrauer Leinwand. Die Majestät der Personen selbst, ließ mich die glänzenden Farben ihrer Bekleidung, die ich näher besehen wollte, ganz vergessen. Ich fühlte mich ihnen gegenüber gedemütigt, als stände ich vor zwei Stammvätern der Menschheit, oder vor Abraham und Malkizedek, unter deren Zelt nur der einzige wahre Gott angebetet ward. Es machte mich nicht besonders übermütig, daß die Beiden Hand auf's Herz und auf den Turban legten und dies mit den artigsten Verbeugungen gegen mich taten. Ich erwiderte ihren Gruß und lüstete mein Hut hoch. Ja, da sie in recht bescheidener Weise mich baten, ihnen etwas abzukaufen, fühlte ich mich verlegen, aber froh, iweil ich sofort ihrem Wunsche nachgekommen war. Wir schieden, nachdem wir gegenseitig einen ebenso höflichen Gruß ausgetauscht hatten. Hätte ich mich nicht geschämt, so wäre ich zu ihnen i) Henrik Wergelands Skrister i. Udvalg m, Kri» ' stiania 1898. ’ *) In Paris 1837. zurückgekehrt, um ihre Gestalt zu bewundern, ihren weißen rollenden Bart, ihr königliches und^doch so mildes Gesicht, ihre breitgewölbte Stirne, ihre langgezogenen Augenbraue», ihre schöne Bronzefarbe —, kurz alles, was ich mir bei einem Menschenmuster nur vorstellen konnte. Ich fand es einigermaßen begreiflich, daß Menschen von einem ursprünglich solchen moralischen Motiv es wagen durften, mit der Bronzenstirne der Göttlichkeit gewissermaßen auf eigene Hand vor den Allvater vorzutreten. Tie Sächelchen, die ich mir im Auslande angeschafft, bewahrte ich, solange sie halten konnten. Die längste Dauer, sollte man meinen, würde ein Flintenstein haben, den ich mit dem daran klebenden Kalk aus den berüchtigten Chateau-Montgeillards- Ruinen herausgenommen hatte. Aber diese Annahme traf nicht zu. Mein Auswärter hatte den Stein in der Küche gebraucht, nachdem dieser natürlicherweise vorher des daran klebende» Kalkes, dessen außerordentliche seste Zusammensetzung ich mir vorgenommen untersuchen zu lassen, entkleidet worden war. Der gebrechlichste Gegenstand von diesen Kleinigkeiten hatte ich dagegen am längsten erhalten, nämlich die kurze, winzige Pfeife, die ich den zwei marokkanischen Juden abgekaust habe. „Johannes! stopfe die Pfeife," sagte ich au einem Nachmittage, da ich in Eremitage in Grönkie auf meinem Sofa müßig lag „und bediene Dich dabei des Steinchens vom Flintenstein — den Du kennst." Es waren 8 Jahre seit meinem Zusammentrefsen mit den zwei Juden, und seitdem hatte ich ihnen keinen Gedanken mehr gewidmet. Da begannen die Rauchwolken, die mich umgaben, zuerst Spitzen von zwei Turbanen mir zu zeigen, und allmählich standen die beiden Ehrwürdingen vor mir in ihren schwarzgrauen Kaftanen, der weiße rollende Bart kurz, ganz so wie am Quai de l'Jnstitute; etwas dunkler, ich gestehe es, aber doch deutlicher als eine Erinnerungs- oder Schöpfungs-Phantasie, und im Ganzen deutlich genug, so daß der Gedanke und die Erinnerung daran sich meiner ganz und gar bemächtigt hatte — ich denke ungefähr so deutlich wie Offenbarungen von Engeln und Heiligen, worauf geschworen wird, die gezeichnet und gemalt werden, und an die — unter Zwang — von Millionen geglaubt wird. Ich erinnerte mich U. a. jedes Wort, das ich mit ihnen wegen ihrer Lage in Marokko gesprochen, wie auch an ihre Antwort, daß nämlich ihre Lage dort gegenüber mehreren der christlichen Lande noch leidlich wäre. Ter nächste Gedanke war nun die Stellung der Juden bei uns. Ich fand den Zustand schändlich. Die Norweger könnten aus keine schönere Weise für ihre Freiheit Gott danken, als indem sie gegen sein auserwähltes Volk Liebe und Zärtlichkeit zeigen — ein Volk hat wohl auf reichen Lohn Anspruch, wenn es noch solche palmyräische Säulen unter seinen Ruinen aufweisen kann. „Johann!" rief ich, „den Rauch hinaus! Papier und Tinte herbei!" Auf diese Weise entstand der Antrag auf Emanzipation der Juden. Die Ehre gehört nicht mir, sondern den zwei marokkanischen Juden. Ich hätte den Antrag mit der Ofsenbarung, die ich dabei gehabt, begründet, wenn ich nicht gefürchtet hätte, dadurch einem Storthingsmann^) die Waffen des Witzes gegen mich in die Hand zu geben —, daß ich nämlich den Antrag auf Rauch gegründet hätte. Bund -er Sabbatfreunde. Ter Sabbat, ein Hauptpfeiler des Judentums, erhält nun wiederum eine. Stütze im „Bunde der Sabbatfreunde". Hiermit wird dargetan, daß die bisher bestehenden „Stützen", die diversen „Schomre Schabbos Vereine", ihre Daseinsberechtigung nicht genügend be« weisen, der Sabbatentweihung nicht wirksam entgegenarbeiten können. Sonst wäre die neue Gründung, öwcit der kaufmännische Beruf in Betracht kommt, doch wohl nicht notwendig geworden. Wird diese nun eine radikale Besserung bringen? Im kaufmännischen Berufe schwerlich! So ungern wir dies einer kaum in Wirksamkeit getretenen, durchaus edlen Gründung bei ihrem Erscheinen in der Oefsentkichkeit, als Begrüßung entgegenhalten — leider Gottes muß es sein! Tie erste Zeit wird Begeisterung bringen, etliche erfreuliche Resultate werden erzielt und gemeldet werden, Jahresberichte iverden pünktlich erscheinen — und nach einigen Jahren wird wiederum über die zunehmende Sabbatentweihung geklagt, es werden neue Pläneju deren Beseitigung besprochen, neues Material wird gesammelt und neue Vereine werden gegründet werden. Das klingt sehr pessimistisch, aber jeder Kundige der kaufmännischen Verhältnisse wird diesen Pessimismus begreiflich und berechtigt finden. Schon die Tatsache an sich, daß ein Pfeiler, sogar ein Hauptpfeiler, im vorliegenden Falle der Sabbat, einer Stützung bedarf, sagt genügend. lieber die Ursachen der zunehmenden Sabbatentweihung ist man sich selbstredend klar. Aar nicht oder wenig aber dürfte bekannt sein, daß neben der mangelnden Begeisterung für die Wichtigkeit der Sabbatentheiligung, eine schon an sich beklagenswerte Tatsache, leider auch die beteiligten Faktoren, Kaufleute und Eingestellte und die bestehenden Stellenvermittelungsvercine, einer Besserung aktiv und passiv entgegenstehen. Den letzteren soll der nie verstumnieiide Borwurf wiederholt gemacht werden, daß sie aus purer Eigenbrödelei einer Einigung widerstreben. Hiermit sind sie zu einer partiellen Leistungsfähigkeit, die einer vollständigen Leistungsunfähigkeit ziemlich gleichkommt, herabgedrückt, können sich nicht genügend ausbauen und verlieren durch ihre schlappe Bedienung jegliches Vertrauen bei Chefs und Gehülfen. Die Gehülfen selbst sind zum großen Teil indifferent. Die zum Teil noch nicht ganz verschwundene Einsicht für die Wichtigkeit des Sabbats wird beim Kampf um Erlangung einer Einstellung durch schablonenmäßig, häufig fahrlässige Erledigung der Bewerbungen seitens der Vereine manchmal vollends beseitigt. Die Chefs umgehen bei Besetzung der Vakanzen die Vereine, häusig auch wegen mangelnden Vertrauens und sehen, gleiche Befähigung vorausgesetzt, wenig darauf, ob der Bewerber auf den freien Sabbat reflektiert oder nicht. Nicht selten geschieht die Besetzung auch durch Nichtjuden. Und dies tun nicht zum wenigsten auch Kaufleute, deren Namen unter Aufrufen für die Sabbatheiligung zu finden sind. Einen wesentlichen Punkt bildet die Bezahlung der Angestellten. Der so oft gehörte Einwand, daß das Angebot die Nachfrage übersteigt, sollte doch, wo es sich um die Sabbatheiligung handelt, nicht gemacht werden. Auch der nicht glückliche Hinweis auf die gleichen Gehaltsverhältnisse in nichtjüdischen oder in sabbatarbeitenden Geschäften ist nicht angängig, denn selbst bei gleichem Gehaltsbezuge ist der gesetzestreue Handlungsgehülse im Nachteil, indem ein ritueller Lebensunterhalt heutzutage bekanntermaßenwesentlich teurer als der nichtrituelle oder nichtjüdische sich stellt. Daß eine Heirat dem gesetzestreuen Juden als Handlungsgehülse nur in den wenigsten Fällen möglich ist, während dies andersdenkende und nichtjüdische Kollegen relativ leichter ermöglichen können, soll nur nebenbei erwähnt werden. Will der gesetzestreue Jude, entsprechend jüdischer Lebensanschauung, wirklich eine Familie gründen, dann muß er notgedrungen auf eigene Füße sich stellen. Was dies bei den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen unter Berücksichtigung der teureren jüdischen Lebensweise auf sich hat, braucht wohl nicht ausgeführt zu werden. Freilich kann der Einwand gemacht werden, der gesetzestreue Jude muß sich eben engere Grenzen ziehen. Dies sührt aber zur Wsonderung, wogegen doch von gewisser Seite zu Felde gezogen wird. Richtig und mit wünschenswerter Freude und Begeisterung können die jüdischen Gesetze, vornehmlich der Sabbat nur in der Absonderung oder besser s) Storthing — norwegisches Parlament.