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Neue jüdische Presse · 1904-12-16 · Heft 48 (16.12.1904) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 48 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Jte 48, Frankfurter Israelitisches Famllienblatt. «eite 5. „Herr Doktor, ich suhle mich bei Ihren tyrannischen Verordnungen so wohl, daß mir die langweiligste Soiree nichts mehr schaden kann. Wir müssen ja auch unser Töchterchen ausführen." „Fräulein," sagte der Doktor ernsthaft, „sollte dies Vergnügen nicht mit der Gesundheit Ihrer Mutter zu teuer erkauft sein?" „Mer gewiß. Ihre Ratschläge, welche die liebe Mutter pünktlich befolgt, wirken so günstig auf ihren Gesundheitszustand, daß auch alle ferneren Verordnungen unbedingt befolgt werden müssen. Ich würde lieber auf alle Gesellschaften verzichten, wie meine Mutter dem Trubel aussetzen. Sie sehen, Herr Doktor," fuhr sie mit reizendem Lächeln fort, „daß ich unbegrenztes Zutrauen zu Ihnen habe." Ter Doktor küßte ihr dankbar die Hand, daun sagte er humoristisch: „Möge Gott meinen sämtlichen Patienten solch' einsichtsvolle Töchterchen bescheren!" Kapitel 4. Tie sengende Juli-Mittagshitze brütete auf den Straßen Frankfurts. Der erhitzte Asphalt zitterte unter den Schritten der wenigen Dahinwandelnden. Wer nicht ausgehen mußte, blieb zu Hause und suchte, luftig gekleidet, in den kühlsten Räumen Schutz vor der Hitze. In dem großen Warenhanse „Zu den vier Jahreszeiten" herrschte eine Ruhe, wie in Dornröschens Schloß. In den fünf Stockwerken des Riesenbazars waren keine Kunden. Die Gehülfen. und jungen Herren standen leise plaudernd zusammen; die gestrengen Chefs drückten in ihren Mteilungen ob dieser Bummeleien nicht ein, sondern zwei Augen zu und riskierten in einer dunkeln Ecke einen kleinen Mittagsschlummer, kurz, das ganze Personal kostete mit Wonne die doppelte Ruhe des Mittags und der stillen Saison aus. Da erschien in der Konfektionsabteilung eine Dame. So wie die ruhende Herde beim Löwengebrüll entsetzt aufspringt und sich zusammendrängt, so sprangen die Fräuleins auf, drängten sich jedoch nicht wie besagte Herde zusammen, sondern suchten in möglichst weiter Entfernung einige Beschäftigung. Es half aber nichts. Ter Repräsentant, ein nicht unebener junger Mann mit sehr langen Manschetten, rief mit etwas diabolischem Lächeln: „Fräulein Tora, bitte!" Fräulein Dora erkundigte sich leise seufzend nach .den Wünschen der 'Dame, die ein Jacket erstehen wollte. Diese Kundin war eine lange, hagere Frau mit dünner, spitzer Nase, die den Eindruck machte, als ob sie sich von - selbst bewegen könne. „Die neuen Modelle sind noch nicht eingetroffen, gnädige Frau." „Ich will kein neues Modell," prustete sie, dem erschreckten Mädchen ihre Nase cntgegenschlängelnd, „wenn ich im Juli ein Herbstjacket kaufe, muß es sehr billig sein." Nach stundenlangein Wählen fand sie ein passendes Stück. „Legen Sie es zurück, ich komme morgen wieder," und entfernte sich würdevoll. Wehmütig betrachtete Dora den Berg Jacketts, der sich angehäuft hatte, nild gab dem Lehrmädchen einen Wink, mit dem Aufräumen zu beginnen. Eine Kollegin nahte und fragte: „Welchen Drachen hast Du da bedient?" Dora erwiderte wütend: „Gerade auf mich hat sie es abgesehen. Sie hält mich stundenlang auf und kauft nichts und dann macht der Chef mir Vorwürfe." „Wer ist es denn eigentlich?" „Es ist eine Frau Meyer, die Frau eines Versicherungsinspektors, die schon eine große Tochter hat. Sie hat die schärfste Zunge der Welt und ist der Schrecken aller Geschäfte." Die Mädchen waren flink, beim Plaudern lichtete sich der Wust auf dem Tische. Aus einmal sagte das Lehrmädchen zitternd: „Da kommt sie wieder," und richtig, Frau Meyer schoß heran. „Ich habe meinen goldenen Kneifer hier liegen lassen, haben Sie ihn gefunden?" „Bis jetzt noch nicht, wir wollen einmal suchen." Die Jacketts wurden auseinander gewühlt, .man suchte auf dem Tisch, unter dem Tisch, es war nichts da. : Frau Meyer schlängelte dräuend ihre Nase gegen Fräulein Dora: „Er muß da sein!" Das Mädchen zuckte die Achseln. „Hier ist er nicht, Sie werden ihn noch in der Tasche oder unterwegs verloren haben." Frau Meyers Augen funkelten, sie zog ihre Taille straff, um eben eine längere Rede zu beginnen, als sie stutzte. Sie faßte eine dünne Schnur, zog daran und zog, büs sie das zerfaserte Ende in der Hand hatte, ein Kneifer jedoch war nicht daran. Fräulein Dora sagte etwas schadenfroh: „Sie scheinen das Pincenez auf der Straße verloren zu haben." Frau Meyer sah sie mit einem furchtbaren Blicke an und herrschte ihr zu: „Wenn Sie es finden, schicken Sie es nach meiner Wohnung, Südring 22." Der Rayonchef nahte, die Hände in den Taschen: „Nun, Fräulein Dora?" „Ich Ml es nach ihrer Wohnung schicken." „Was denn, was hat sie gekauft?" „Gekauft nichts. Aber den Kneifer, den sie verloren haben will." „Nichts gekauft und doch so lange aufgehalten. Gnade Gott dem Kneifer, wenn ich ihn finde, dann hat er ausgelitten." Lachend gingen die jungen Leute wieder an ihre Beschäftigung. Kapitel 5. In einem hell erlenchtetcn Zimmer saß die Familie Kühl, der angenehmen Beschäftigung des Abendbroteinnehmens obliegend. Obschon die Familie aus sieben Personen betäub, war es doch sehr ruhig im Zimmer, man hörte nur das Klirren der Messer und Gabeln und das Geräusch, das aus der volkreichen Straße gedämpft in das Zimmer des zweiten Stockes hereintönte. Nachdem nun das Verlange» nach Speisen getilgt war, fragte die Mutter, eine lebhafte Frau mit scharfen Zügen: „Nichts Neues?" Als nun alles ruhig blieb, fragte sie spezieller ihren Mann: „Moses, warum bist Tu so spät gekommen?" Ter gefragte Gatte erwiderte: „Ich wurde lange aufgehalteu. Herr Ullmann, bei dem ich gelernt, hat mir eine Jahrzeittabelle bestellt." Tie Mutter nickte befriedigend. Die Töchter, die an der Strickmaschine arbeiteten, hatten ebenfalls genügende Arbeit mit nach Hause gebracht. Tie beiden Söhne, die Schneider waren, erzählten, daß sie trotz der stillen Zeit weiter beschäftigt würde») und so waren die fleißigen Leute allerseits zufrieden. „lind wo bleibt Philipp so lange?" fragte die Mutter, als draußen munteres Pfeifen ertönte und ein etwa fünfzehnjähriger bildschöner Bengel, mit übermütigen Augen, hereinstürmte und seine betreßte Mütze der ältesten Schwester Rosa in den Schoß warf. „O, welchen Hunger habe ich mitgebracht," rief er und ließ sich auf einen Stuhl falleij vor de» die Mutter einen Teller, berghoch mit Kartoffeln gehäuft, stellte. Bevor der Junge sich aber daran machte, wusch er sich die Hände und murmelte den Segensspruch, was inklusive Mauze allerdings keine Viertelminute dauerte. Als der Junge nun sein ausgiebiges Stück Fleisch erhielt, setzte er einen goldenen Kneifer auf und betrachtete es mit kritischem Blicke, worüber die ganze Gesellschaft in lautes Lachen ausbrach. „Junge, wie konimst Du au das Glas?" „Ich habe es heute nachmittag gefunden." Eine der Schwestern, die den Kneifer näher betrachtete, sagte: „Das ist ein wertvolles Stück, wir müssen morgen im Anzeiger Nachsehen, ob es verlangt wird." „Jawohl," sagte Philipp vergnügt, „dann bringe ich ihn wieder, und für die Findergebühreu kaufe ich mir ein Buch." Ter Vater bruiiimte: „Narr, lerne Thora, die brauchst Du nicht zu kaufen." „Ja Vater, die lerne ich auch, ich toill aber 'auch etwas anderes wissen." Wie Philipp andern Mittags heim kam, zeigte ihm seine Schwester die Anzeige int Blatt, daß der Finder des Kneifers diesen gegen hohe Belohnung bei Meyer, Südring 22, abgeben möge. „Ich bringe ihn sofort hin, Mutter," sagte Philipp eifrig und nahni seine Mütze. Die Familie Meyer saß auch tun den Tisch versammelt, aber weder so zahlreich, noch so vergnügt, wie Knhls. Außer der Frau Meyer waren da ihr Gemahl, ein kleines, wohlbeleibtes Männchen und ihre einzige Tochter Selma, welche die kleine Figur des Vaters mit der Nasenschärfe der Mutter vereinigte. „Also ist der Kneifer noch immer nicht da?" sagte der Vater. „Ja," zeterte seine Frau, „ich sagte Dir doch sofort, Du sollest durch die Polizei Haussuchung in den Vier Jahreszeiten halten lassen." „Das geht nicht," sagte Selma sanft. „Wenn die Person den Kneifer behalten will, ist er schon längst nicht mehr im Geschäft. Dieser Dora traue ich alles zu, sie hat auch in der Tanzstunde so mit den Herren kokettiert, daß sie immer Tänzer hatte, wenn Herrenmangel war, und ich zusehen konnte." Bei diesen Worten klingelte es. Ein Junge trat bescheiden ein, mit abgezogener Mütze. „Haben Sic einen Kneifer verloren?" „Jawohl," rief Frau Meyer und schoß wie ein Torpedo auf den Jungen los. „Hast Du ihn gefunden?" Philipp zog ihn aus der Tasche. „Ich habe diesen auf der Seestraße aufgehoben, ist es der verlorene?" „Gewiß," sagte Frau Meyer freudestrahlend, setzte aber mit großer Geistesgegenwart hinzu: „Er ist ja an und für sich nicht viel wert, ich habe ihn für mein Dienstmädchen reparieren lassen, doch sollst Du etwas für Deine Mühe haben," und damit drückte sie dem verdutzten Jungen zehn Pfennig in die Hand. „Wie heißt Tu?" fragte sie ihn wohlwollend, und nachdem sie ihn genügend ausgefragt, setzte sie großartig hinzu: „wenn ich etwas zu stricken habe, werde ich sicher zu Deiner Mutter kommen." Philipp, der sich inzwischen gefaßt hatte und über die zehn Pfennig furchtbar wütend geworden war, sagte, das Geld auf den Tisch legend: „Geben Sie diesen Nickel Ihrem arnien, kklrzsichtigen Dienstmädchen zurück, ich will es nicht darum berauben," und init diesen Worten war er verschwunden. Die Familie Meyer schaute ihm verblüfft nach. (Fortsetzung folgt.) Kunst und Wissenschaft. Richard Wagner und der „Judenüoktor". Von Richard Wagner, dem großen Meister, aus der Zeit, da er noch nicht der große Meister und Judenfresser war, erzählt ei» jüdisches Blatt in Amerika folgendes interessante Erlebnis. Als Richard Wagner 1849 wegen der Rolle, die er in dem Volksausstande gespielt hatte, flüchten mußte, kam er eines Abends verkleidet und ohne einen Pfennig als Flüchtling nach Stadthagen. Im ersten Hotel daselbst fragte er die Wirtin nach dem populärsten Manne in der Stadt, den er, womöglich, sofort sehen müsse. „Ter populärste Mann ist der „Jndendoktor", entgegnet« die Wirtin und schickte zugleich einen Boten, der dem Doktor bestellen sollte, daß ein mysteriös aussehender Mann ihn im Hotel zu sprechen wünsche. Ms der Doktor ankam, wandte sich der Fremde mit folgenden Worten an ihn: „Mein Name ist Richard Wagner. Ich bin aus Tresden geflohen, wo ich an dem inißglttckten Aufstand gegen die Negierung teilgenommen habe. Tie Verfolger sind hinter mir her und wen» sie mich in ihre Gewalt bekomme», bin ich für immer verloren. Ta ich keine Mittel habe, die Flucht fortznsetzen, bitte ich Sie, mir eine Fahrgelegenheit zu verschaffen, die mich nach Pyrmont schafft. Tort befindet sich Franz Liszt. Sobald ich bei ihm bin, bin ich unter seinem Schutze geborgen." Ter Judendoktor entsprach dem Wunsche und in weniger als einer Stunde befand sich der große Zukunstsmusiker ans dem Wege zu seinem Freunde. Ter Inhalt dieser Erzählung wird von einem noch in Stadthagen lebenden Sohne des Judendoktors bestätigt, der außerdem hinzusügt: „Richard Wagner kam abgerissen, hungrig, ohne Geld hier an. Mein Vater unterstützte ihn mit neuer Kleidung, mit Reisegeld und brachte ihn mit Liszt über die Grenze nach Paris. Wagner hat nie wieder etwas von sich hörcic lassen." Als 1860 die Amnestie erschien, kam Wagner 1861 von London nach Deutschland zurück und war aus Dankbarkeit gegen den „Jndendoktor" Antisemit. Der Herr Sohn des „Judendoktors" scheint die Geschichte der antisemitischen „Größen" wenig zu kennen, da er sich über die Undankbarkeit gegen die Juden wundert. Gar viele von ihnen haben den Juden ihre Existenz zu verdanken und sind nachher die wütendsten Antisemiten geworden. Daß aber Richard Wagner trotz dem vielen, das er den Jude» zu verdanken hat — denn gerade Juden waren es, die vornehm sich über seine antisemitischen Schrullen hinwegsetzend, die eifrigsten Apostel seiner Zukunftsmusik waren — Antisemit geworden ist, wollen wir als durchaus nicht ungewöhnlich weiter nicht hervorheben; daß er aber als M e n s ch den menschlichen Jndendoktor später so ignoriert hat, das ist bezeichnend für den Antisemiten. Bücherscha«. Jules et Edmond de Goncourt, Idee» und I Nt Pressionen (i d e e s et Sensation»), Leipzig, Julius Zeltler Verlag, 1904. 8°, 209 «eiten; brosch. 4 Mk., in Leder geb. Mk. 5.50. Ein Buch das auf Nietzsches Arbeitstisch lag. Eine Empfehlung für den, der gemäß einem gewissen Autoritätsglauben denkt und handelt. Ich glaube, der Name der Gonconrts sollte denn auch das seinige dazu tun. Und wenn man nur nach dem Inhalt des Buches geht, der doch gerade bei so einem Werke seinem Gehalt gleichkommt, so wird man befriedigt eine um die andere Seite lese». Nicht daß die beiden darin in den tiefsten Problemen ausgegriindet hätten, dazu waren sie zuviel Franzosen. Aber gerade die Probleme, die die beiden in der Zeit ihres Wirkens beschäftigten, haben ihre Gedanken darüber sich sammeln lassen. Man weiß: dieses Brüderpaar, das in der deutschen Literatur in den Brüdern G r i m m seine Vorgänger hatte und das eigentlich de» Namen H u o t de Gon c o u r t führte, bildete eine literarische Einheit, indem jeder einzelne dieselbe Aufgabe nach vereinbarten Plänen künstlerisch zu bearbeiten hatte, wonach denn beide Ausführungen zu einer verschmolzen wurden. Ta Edmund, 1822 geboren, um acht Jahre jünger war als Jules, wird man mit einem gewissen Uebergewicht von seiner Seite rechnen müssen. In dieser Art verfaßten sie ihre Romane, die ihrem Genre nach zwischen Flaubert und Zola schwankten. In dieser Art schrieben sie auch ihre kultur- und sittengeschichtlichen Werke, die besonders das 18. Jahrhundert betreffen. So schrieben sie eine Geschichte Frankreichs während der Revolution, während des Direktoriums. Ten Stoff früherer Zeiten fasse» sie an, wenn sie ganze Bände über die Geliebten Ludwigs XV. (die du Barry,'Pompadour und die Herzogin von Chüteauronx)

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