Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 48 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692406--01305-2695801- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4, Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 48. stehenden großen Fürforgekomitees statt; es sind im abgelaufenen Jahre 125 Fälle — oft Fälle sehr komplizierter Statur — in diesen Beratungen bearbeitet worden. Tie eingehende individualisierende Behandlung der Fälle forderte Arbeitsteilung. Diese geschah in der Weise, daß sich. LerjSäuglingskom m i s s i o n eine Kostkinderkommission und Stellenvermittlung angliedertc. Tic Säuglingskommission beaufsichtigte 40 Kinder, die großenteils aus der Freiherrlich v. Rothschildscheu Stiftung mit Milch versorgt wurden. — Kinder, die ungefähr 2 Jahre alt sind und die entweder kein 'Elternhaus Haben oder dem elterlichen Einfluß entzogen werden müssen, werden der Kindcrkommission zugewiesen. Tiefe beaufsichtigte 19 Kinder, die teils in Frankfurt, teils auf dem Lande in Familienpflege untergebracht sind. Jedes Kind wird von der beaufsichtigenden Dame mindestens viermal im Jahre besucht. — Tie Kommission für Stellenvermittlung hat in den 5 ersten und darum schwierigsten Monaten ihrer Tätigkeft 32 Stellen vermittelt. Die galizische Frage in ihrem Zusammenhang mit der Sittlichkeitsfrage und der Bekämpfung des Mädchenhandels stand vielfach im Vordergrund der Vereinsarbcit. Für diese Zwecke verfaßte Frau Henriette Fürth ein sozial-hygienisches Flugblatt, das in 20000 Exemplaren hergestellt wurde. Es sind bis heute schon 14 300 Exemplare der' Warnungsschrift in 33 Packcten in die Welt gegangen: nach London, Paris. Wien, New-Pork, Hamburg und nach vielen Orten Galiziens, an Stellen,' die mit der wandernden jüdischen Bevölkerung Fühlung haben. — Ter Versuch, Wanderbibliotheken nach Galizien zu bringen, wurde dadurch gemacht, das; an einen Verein dort eine vorsichtige Auswahl von 25 Bänden deutscher Bücher geschickt wurde. — Bestrebungen zur Einrichtung eines Kindergartens in Galizien und zur Entsendung einer tüchtigen Krankenpflegerin sind noch zu keinem abgeschlossenen Resultate gediehen, trotzdem von einer Frankfurter Tame eine Summe von Mark 3000 zur Verfügung gestellt wurde. Schließlich hat der Verein noch die Initiative zur Gründung des Bundes Jüdischer Frauenvereine, die sich gelegentlich des Internationalen Frauenkongresscs (Juni 1904 in Berlin) vollzog, gegeben. Hannover. Am 7. ds. Mts. beging die Israelitische Erziehungsanstalt Ahlem (für Gartenbau, Handwerk und Hauswirtschaft) vor einem zahlreichen Publikum die Chanuka-Feier in festlicher Weise. Begrüßt wurden die Gäste durch einen von dem vorzüglich geschulten Knabeuchor a copclla zu Gehör gebrachten Gesang, dem sich ein Prolog anschloß. Tie hierauf folgenden Aufführungen der Knaben und Mädchen fanden von allen Seiten wohlverdiente lebhafte Anerkennung. Ten Glanzpunkt des Abends bildeten indes die turnerischen Künste der Knaben. War cs schon eine Genugtuung, solch' stäminige, breitschulterige Gestalten nur austreten zu sehen, so erschienen manche ihrer Leistungen einfach verblüffend; spielend wurden die schwierigsten Uebungen auf eine Weise ausgeführt, die jedem Turner zum Stolze gereicht hätte. Es zeigt sich wieder, daß wir Juden, die richtige Erziehung vorausgesetzt, ein auch körperlich tadelloses Menschcnmaterial repräsentieren. Taß hie Ahlemer Anstalt sich mit ihrer Erziehungsmethode zu Hauswirtschaft, Handwerk und Bodenkultur auf sozialem Gebiete besonders verdient macht, ist eine unbestrittene Tatsache. — Tie Gärtnerei hatte sehr dekorativ wirkende Blumenkörbe und gärtnerische Zeichnungen ausgestellt; die Schuhmacherei elegante Stiefel für Damen und Herren (auch ein Paar Brautschuhe); die Bäckerei Weiß- und Schwarzbrot, Kuchen und Torten, die sogleich ihre Käufer fanden. Tie Kinder beteiligten sich an der Ausstellung durch kunstvoll ausgeführtc Holz- und Papparbeiten, die allgemeine Bewunderung erregten. Nachdem die Vorstellungen beendet, die Lichter entzündet und das Chanuka-Lied vom gemeinsamen Chor abgesungen worben, fand der wohlgclungene Abend seinen Abschluß in der Bescherung (!!)*) von etwa 140 Zöglingen, die von dem Tamen-Komitee unter Vorsitz der Frau Senator Fischer in wochenlanger Arbeit vorbereitet worden war. Pose». Zu einer imposanten Kundgebung für den Hilfsvereinder Deutschen Juden gestaltete sich eine öffentliche Versammlung der hiesigen Gemeinde-Mitglieder, welche eine Anzahl Notablen unserer Gemeinde auf den 11. Tez. einbernfen hatte. Tie Herren James Simon und Dr. Paul Nathan aus Berlin erstatteten ein ausführliches Referat über „Ziele und Zwecke des Hilfsvereins der Deutschen Juden". Tie Versammlung, welche von weit mehr als tausend Personen besucht war, erklärte ihr Einverständnis mit den Ausführungen der Vortragenden und erklärte sich bereit, die gemeinnützigen Bestrebungen des Hilfs- *) Durch seine unjüdische Erziehung ist unser jüdisches Publikum nachgerade so weit gekommen, daß cs die echt jüdischen Feste in christliche verwandelt. Anm. d. Redaktion. Vereins tatkräftig zu unterstützen. Tas kam in der Versammlung durch zahlreiche Beitrittserklärungen und Zeichnungen deutlich zum Ausdruck. Es wurde die Bildung eines Provinzialkomitees mit dem Rechte der Kooptation beschlossen. In dieses Komitee sind vorläufig die Herren Geheimer, Kommerzienrat Herz, Schleyer, Israel Friedländer, Direktor N. Hamburger und Rechtsanwalt P l a c z e k gewählt, welche sich auch um das Zustandekommen der Versammlung hervorragend verdient gemacht haben. Eine gleich gut besuchte Propaganda-Versammlung fand Tags zuvor in Bromberg statt. Auch hier hatten die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan das Referat übernommen. Ter Erfolg war ein glänzender, die meisten Anwesenden, unter denen auch Vertreter der Nachbargemeindcn Rakel und Fnowrazlaw sich befanden, erklärten ihren' Beitritt zum Hilssverein. Tein neu gebildeten Lokalkomitee traten sofort folgende Herren bei: Landtagsabgeordneter Louis Aronsohn, Rechtsanwalt Baertval d, I. Barnaß, A. Cohnfeld, Oberlehrer Frievland, Bankdirektor Friedländer, Rudolph Jakobi, Lipowsky, - Landtagsabgeordn. Amtsgerichtsrat Peltasohn, Justizrat Wolfen und Rabbiner Dr. Walter. Aus der Lehrerwelt. Würzburg. Die Israelitische Lehrerbildungs-Anstalt hat mit dem abgelaufenen Schuljahre das v i e r z i g st e Jahr ihres B est e h e u s zurückgelegt. Unterm 7. Juli 1859 erließ die Kgl. Regierung an die Rabbiner des 'Kreises eine Entschließung, in welcher der Mangel an entsprechend befähigten Schuldienstexspektanten dargclcgt, die nachteiligen Folgen hiervon als höchst bedauerliche bezeichnet und die Rabbiner zur Erstattung eines Gutachtens äufgefordert wurden über die Mittel, welche in dieser Richtung mit Erfolg zu ergreifen wären, sich zu äußern. Ter unvergeßliche Tistriktsrabbiner S. B. Bamberger s. A. erkannte die hohe Bedeutung dieser Anregung und fand es in Gemeinschaft mit Gesinnungsgenossen für zweckdienlich, diese Angelcgenheitt einer eingehenden Behandlung zu unterziehen. Tas Resultat der Beratungen war die Erkenntnis der Notwendigkeit, eine Lehrerbildungsanstalt zu gründen. Man kam überein, daß die Anstalt mit einem Internat verbunden werden müsse und daß man die Kosten soweit als tunlich durch freiwillige Beiträge edler Menschenfreunde aufbringe. In diesem Sinne wurde der Königl. Regierung berichtet. Unter dem 4. Tezember 1860 erfolgte von der Kgl. Regierung die Genehmigung zur Gründung der Anstalt, und im November 1864 wurde die Anstalt mit einem Vorbereitungs- und dem ersten Seminarkurs von je 6 Schülern eröffnet. Am 13. Oktober 1878 verschied der Gründer und Leiter der Anstalt, Herr Tistriktsrabbiner S. B. Bamberger, und der jetzige Vorstand, Herr Tistriktsrabbiner Nathan Bamberger übernahm die Leitung. 1883 erhielt die Anstalt die Rechte einer juristischen Person. Tie Zahl aller seit ihrem Bestehen ausgebildeten und in die Praxis, entlassenen Lehrer beträgt jetzt 328. Nach dem letzten Rechenschaftsbericht hat die Anstalt ein Gesamtvcrmögen von Mk. 101023,35. Tie Einnahmen im letzten Jahre betrugen Mk. 30 976,47, die Ausgaben Mk. 30 657.07. Tas Kuratorium besteht gegenwärtig aus chen Herren Tistriktsrabbiner Nathan Bamberger-Würzburg, Tr. Stein-Schweinfurt, I. Adler-Kitzingen, Tr. S- Bamberger-Kisfingen, sowie aus den Herren Direktor Tr. Deutsch-Fürth, Jacob Cramer-Fürth, Lazarus Klau-Frankftlrt, M. Oppenheimer-Würzburg, Sam. Stahl-Würzburg. Emil Wassermanii-Bamberg, und A. Grüncbaum-Nürnberg. Inowrazlaw (Posen). Am 28. Kislew verschied im vollendeten 70. Lebensjahre der Rabbiner des hiesigen Bcth-Hamidrasch, Herr Dr. Ti etz. Der Verstorbene war als wahrhaft frommer Jude und als hervorragender Talmudist bekannt. Eine unabsehbare Menschenmenge folgte dem Leichenzuge und gab so Zeugnis von der Liebe und Verehrung, die der Verblichene genoß. Kinder «userer Zeit. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung). Er rauchte stark, die Pfeife war ihm beinahe ausgegangen. Tic Kinder hatte» sich dicht au ihn gedrängt. „Onkel Bär, was war im Bündel?" „In dem Bündel war ein kleines Kind. Mein Urgroßvater trug nach damaliger Mode einen Mantel mit drei Kragen, er wickelte das Kind warm hinein, damit es nicht erfrieren konnte, und ging ins Dorf. Bei seinen Freunden angelangt, traf er dort großen Jammer an. Das Knäbchen, dessen Bris Miloh morgen sein sollte, war verschwunden. Er wickelte das Kind aus dem Mantel: „Ist es dieses?" Welche Freude war nun, wie die Leute ihr Kind wieder hatten!" „Ja Onkel, wie konnte den Leuten aber das Kind gestohlen werde», hatten es Zigeuner geraubt?" „Nein, es waren „Mechascheifaus" — Hexen —, die hatten Macht über das Kind, weil die Eltern nicht gebetet hatten. Hexen sind böse Geister, und böse Geister sind böse Gedanken, und die können nicht Macht gewinnen, wo gebetet wird, und wo Gottesfurcht herrscht." Onkel Bär erzählte auch vom Strome Sambatjon, der Steine und Sand anstatt Wasser in seinem Bette wälzt. Aber von Freitag Abend bis nach Habbalah ruht der Strom, an seinem Ufer jedoch lodern Flammen, damit ihn niemand überschreiten kann, und die verlorenen zehn Stämme, die jenseits im Lande wohnen, ungestört und in Frieden Iveiter leben können, bis der Allmächtige sie mit ihren Brüdern vereinigt. Diese und ähnliche Geschichten erzählte Onkel Bär, und die Kinder hörten nur bei ihm etwas jüdisches; ihre Eltern waren zu aufgeklärt, zu modern dazu. Jetzt deckt die Ruhestätte des Mannes schon längst der schmucklose Stein, im Herzen der Kinder aber lebt er fort. Kapitel 3. Erna erwachte wie aus dem Traume, als der Kellner ihr die frische Platte bot. Mit dem fortschreitenden Diner wurde die Unterhaltung lauter, sodaß man fast nur schreiend sich verständlich machen konnte. Frau Berger sagte ihrem'Mann: „Jst's in unserer Pension auch so laut? Siehst Tn den Unterschied im Benehmen zwischen Juden und Christen?" Sie zeigte auf einige junge Herren, die sich wirklich etwas ungeniert aufführten, ihre Nachbarn mit Stöpseln warfen. „Suche Dir doch hier einen Schwiegersohn aus," hetzte sie weiter. Er antwortete ungeduldig: „Lasse doch die Leute zufrieden, sie kennen sich alle und genieren sich nicht vor einander. Wer weiß, wie die Leute aus unserer Pension, vor denen -Tu die große Hochachtung hast, über unser Benehmen spötteln." „Bitte sehr, mein Benehmen ist das der Tame von Welt, das wird wohlbei allen Konfessionen gleich sein." 'J Sic erhoben sich, mit ihnen die Familie Meyer. Frau Berger hörte noch, wie Frau Meyer ihrer Tochter, einem aufgeschossenen Backfisch von etwa sechzehn Jahren, zuraunte: „Geh' vor, zu der Fräulein Bloch aus Mülhausen, da kannschte französisch spreche. Zeig, daß de was gelernt hascht." Dann wandte sie Frau Berger ihr fettglänzendes Antlitz zu. „Des ist wirklich an Arbeit, zwee Stunden lang esse, aber aach e Zeitvertreib." Frau Berger ging nascrümpfend weiter. „Treffe mir uns im Kurgarte?" „Ich muß bedauern. Der. Arzt hat mir wegen meiner Nervosität jede längere Unterhaltung untersagt." „So? Tann müsse Sie Sich ebe für Sich halte. Sie Aermste," und Frau Meyer rauschte zu ihrem Mann, ihm anvertrauend: „Die Frau Berger hat doch ka bische Bildung, sie is a ufgeblose Judeweib." Nun ging auch der Herzenswunsch der Frau Berger in Erfüllung. Sie fand die ersehnte Gesellschaft. Die Familie Rode bemühte sich sehr um sie; der Assessor, der -an der Negierung .in Frankfurt beschäftigt war, kannte sehr wohl die Bedeutung von Leopold Berger und des von ihm geschaffenen Warenhauses „Zu den vier Jahreszeiten". Andere schlossen sich an, und so waren die Damen bald der Mittelpunkt des sich immer vergrößernden Kreises. Heinrich, der sich in der großen Gesellschaft nicht gut amüsierte, machte seine Touren hauptsächlich mit dem jungen Maler Küppers, einem drolligen, harmlosen Menschen, der immer Motive suchte, solche aber nur fand, wo ein Wirtshaus in der Nähe war. Doktor Weil, der sich der großen Gesellschaft gleichfalls nicht anschloß, aber den prächtigen Jungen gut - leiden konnte, nahm ihn ebenfalls häufig mit auf seinen Spaziergängen. Wegen aller Verabredungen, Ausflügen wurde die Abreise - immer noch um einige Tage hinausgeschoben. Frau Werger sollte Badenweiler der weichen Lust wegen schon längst verlassen habenaber da sie sich wohl fühlte und alles flott mitmachen konnte, besonders aber „weil sie endlich passenden Verkehr gefunden", wollte sie gar nicht abreiseu. Doktor Weil ivar der erste, der den Kreis verlassen mußte. Vor seiner Abreise gab ihm der dankbare Her». Berger eine Wschiedsbowle und nahm ihm das Versprechen ab, ihn zu Hause zu besuchen. „Sehr gern," scherzte der Doktor, „um als Gesundheitspolizei die gnädige Frau vor Leichtsinn zu behüten."