Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 48 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. unauffällig entfernen wollte, ließ eS sich der Ausschuß nicht nehmen, ihn zu einem Wohltätigkeitsbazar zu führen, der gerade eröffnet werden sollte und wo ihm Her begeisterte Tank des Städtchens in fast überschwenglicher Form dargebracht wurde. Er sagte, daß das, was er getan habe, ihm ein großes Vergnügen bereitet habe, und daß es ein selbstsüchtiges Ding sei, sich selbst ein Vergnügen zu.machen. Aber, fügte er hinzu, er hoffe, daß diejenigen, die bisher gespart hätten und deren l^sparnisse nun gerettet seien, fortfahren würden, sparsam zu sein, denn eine der Ursachen, weswegen er so gehandelt habe, sei die, die Sparsamkeit zu ermuntern. Tie Tankesbezeugungen, die dem Wohltäter in den Straßen zuteil wurden, bilden eine höchst angenehme Lektüre, deren Wiedergabe wir uns ersparen wollen. Wir wollen nur hinzufügen, daß diese Tat nicht der erste und einzige Beweis der Freigebigkeit dieses Juden ist. 500000 Mark schenkte er dem Fond, den König Eduard für die Londoner Hospitäler eingerichtet hat und er ist gleicherweise Patron einer ganzen Reihe von Hospitälern, Wohlfahrtseinrichtungen und künstlerischen Veranstaltungen. Niederlande. —in— Amsterdam, 9. Dez. S t a a t s m i n i st e r Ass er ist als Telegierter Hollands für die. internationale Konferenz in Aussicht genommen, welche sich mit der Frage der Stellung der Lazarettschiffe beschäftigen soll. Rußland. —II— Petersburg. Neue Iudenexzesse. In D w i n § I (®ünaburg) brachen am 4 Dezember starke Straßenunruhen aus. Ter Pöbel, bestehend aus Männern, Weibern und sogar Kindern, zog lärmend durch die Straffen und zertrümmerte die Geschäftsläden auf dem Fischmarkte. Als die Polizei die Unruhestifter von dort verdrängte, gingen sie nach dem Trödelmärkte und vernichteten dort alle Buden, wobei der größte Teil der Waren gestohlen wurde. Gegen 4 Uhr erschien auf dem Markte der Divisionsgeneral Pnewski und stellte mit seinen Kosaken schnell die Ruhe wieder her. — Ein Unteroffizier, der sich unter den Plünderern befand,wurde aufderStellevom Generaldegradiert. — In der Stadt herrscht große Aufregung. Alle Geschäfte sind geschlossen. Tie Straßen werden durch Polizei und Soldaten bewacht. Zahlreiche Personen, wurden verhaftet. Die bereits gemeldeten Ausschreitungen haben sich hauptsächlich gegen die Juden gerichtet. - Als man 40 bis 50000 Reservisten nicht in Kasernen, sondern in Privathäusern einquartiert hatte, war es den Juden, aus denen hauptsächlich die Bevölkerung der Stadt besteht, klar, daß es ohne Ausschreitungen gegen sie nicht abgehen wird. Und in der Tat ließen dieselben nicht lange auf sich warten. Am 31. Oktober (13. November) versammelten sich, einen freien Tag ausnutzend, 5—6000 Reservisten auf dem Markte, und begannen die jüdischen Läden zu plündern. Viele Juden schlossen die Läden, aber die Exzedenten zertrümmerten die Türen und die Plünderung und Zerstörung ging vor sich. Es wurden im ganzen gegen 40 Läden ausgeplündert, wobei einige Juden verwundet wurden. Tieerbeuteten Waren wurden teils noch während des Exzesses verkauft, teils bei den christlichen Einwohnern aufbewahrt. Am solgenden Tage wurden die Ausschreitungen nach einer Vorstadt verlegt. Auch da wurde eine Menge jüdischen Eigentums geplündert. Der Feuerwehr, die alarmiert wurde, gelang es, die Exzedenten zu vertreiben. Das Lokalblatt „Dwinski Listok" sieht die Ursache der Exzesse in den Klagen, die viele Reservisten über die Enge der Einquartierungsräume, über den Hunger, den fie fortwährend zu leiden haben, usw. zu führen hatten. Sie beklagten sich ferner darüber, daß sie V/s Rubel für ein kleines Fläschchen Branntwein zu zahlen hätten, daß sie nirgends selbst für bares Geld Tabak kaufen könnten, und daß sie schon seit Wochen kein warmes Wasser für Tee bekämen. Sie waren alle, sehr erbittert, und als sie zur Plünderung griffen,'stand ihnen die Polizei, da es sich .um Plünderung jüdischen Eigentums handelte, nicht im Wege. Sie nahmen somit ihre Taten als etwas Erlaubtes auf. Petersburg. Die Alliance Jsraölite Universelle bewilligte für die notleidenden russischen Gemeinden Bychoff (Gouv. Tschernigoff) und Leova (Gouv. Bessarabien) je 1000 Rubel, desgleichen für die Gemeinde Wolbrom (Gouv. Kjelze) 1000 Fr. .Otzessa. Russisch in den Chederschulen Ter Gouverneur von Odessa hat dem Minister für Volksaufklärung vorgeschlagen, die russische Sprache in den Chederschnlen als obligatorisches Unterrichtsfach einzuführen. Nach der Stimmung in Regierüngskreisen wird dieser Vorschlag voraussichtlich Gesetz werden. —11— Kiew. Der jüngst verstorbene Philanthrop Lasar Br odski hat seiner Vaterstadt Kiew 500000 Rubel zum Bau von Markthallen hinter¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. lassen. Ter auf 25—30000 Rubel veranschlagte jährliche Reingewinn aus dem Markthallenbetriebe soll wohltätigen Stiftungen zusallen. Personalien. Frankfurt a. M.» den 14. Dezember. Bei den heute stattgesundenen Wahlen zum Ausschuß der Israelitischen Gemeinde erhielten Dr. I. .He ine mann 441, Dr. A. Baerwald 438 und L. K a u s f m a n n 435 Stimmen, der für den in den Vorstand gewählten S. Epstein vorgeschlagene Fabrikant M. Moser 445 Stimmen. Gegenkandidaten waren nicht vorhanden. Worms. Sterbefall. Kürzlich starb hier Herr Julius Goldschmidt, Seniorchef der Firma C. M. Goldschmidt und zweiter Vorsteher der israelitischen Gemeinde. Er hat sich besondere Verdienste um die Erhaltung des Friedhofes, speziell um die Entzifferung der uralten Grabsteine, erworben Seit vielen Jahren gehörte der Verstorbene der Handelskammer an. Hannover. Bei der am Montag stattgefundenen Vorstandswahl für die hiesige Synagogengcmeinde wurden gewählt: Senator Leopold Fischer (1. Vorsitzender), Bankdirektor Julius I s e n st e i n. Bankier Simon Katz und Rentier Bernhard L ö w e n st e i n. Berlin, den 12. Dez. Schulamtskandidat Dr Rappaport wurde zum Oberlehrer am Königstädtischen Realgymnasium ernannt. Breslau. Der Assistent am hygienischen Institut in Breslau Dr. Bruno Heymann hat sich in der medizinischen Fakultät als P r i v a t d o z e n t habilitiert. Merzia a. Saar. Hier verschied der Rentner Moses Weil, ein Mann der sich durch echte Frömmigkeit ausgezeichnete und allgemein die höchste Wertschätzung genoß. Er war während eines Zeitraumes von 24 Jahren der Vorsteher der jüdischen Gemeinde. 1895 hatte er das Glück, seine goldene Hochzeit zu feiern. Wien. 7. Dez. Sterbekall. Gestern Abend ist der in Wiener Finanzkreisen sehr bekannte und geachtete Bankier Herr Michael Straffer im 81. Lebensjahre gestorben. Ter Verblichene, der ein eifriger Anwalt wohltätiger Werke war, hinterläßt zwei Söhne, den als Komponist bekannten Finanzier Alfred Straßer und den Maler Gustav Straffer. Von seinen Töchtern ist eine an den Psychiater Professor Dr. Pick in Prag, die zweite an den Chef des Sicherheitsbnreaus der Wiener Polizeidirektton, Polizeirat Stukart, verheiratet. Wien, 6. Dez, Der König von Italien verlieb dem Tirektor Gabor Steiner das Ritterkreuz des italienischen Kronenordens. Ter König von Griechenland verlieh anläßlich der internationalen Ausstellung in Athen dem als österreichischen Generalkommissür fungierenden Herrn Alexander Pinkus das Ritterkreuz des Erlöserordens. Prag, 10. Dez. Der Unterrichtsminister hat »nserm Gesinnungsgen., dem isr. Relinionslehrer am Staatsgvmnasium und an der Staatsoberrealschule zu Teplitz-Schönau Herrn Rabbiner Dr. Adolf Kurrein den Titel Professor verliehen. Brünn. Landesperichtsrat und Bezirksgenchtsvorsteher Dr. ÖugoSpitzerin Bielitz erhielt den Charakter als Oberlandesgerichtsrat. Czernowitz, 8. Dez. Hier starb gestern Herr Samuel Kraus. Präsident der Czernowiker Frucht- und Produktenbörse, und Zensor der österr.- ungar. Bank. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Am Mittwoch, den 7. Dez. fand, wie gewöhnlich, der Vereinsabend der ,.V e reinigung zur Pflege jüdischer Lebensanschauung (Nachlaß Z.wi)" statt. Anläßlich ''es Chanuka-Festes war man aber von der Schützen straffe in den Saal des Kaufmännischen Verein^ aezogen und hatte zu dem reaelmnffiqen, belehrenden Programme noch ei» unterhaltendes hinzngefiigt. Herr Provinzialrabbiner D r. M.Eahnulda hatte den Vortrag ..Israels Licktausgobe i- Gegenwart und Zukunft" übernommen. Ter R-dnewies den inneren Zusammenhang nach, der zwiscbe'' ''Mit Cbanukaw'inder und den ibm vnrnnciea>"wc»e'' "eschichttichen Vnroänae.» behebt, sodaff die>es Mund-'- in der Tat eine Art Leaitimiernng der Makkabäer- '"mvfe darstellt. An der Hand der für das Ebanickosick't aekt-nden balacknscben Be^imminwen defntchMd»r Redner alsdann die wichiia'wn Ankaaben de'' jüdischen Gesamtbeit wie-der Ei"-elnen b-i d-'r P>s-g" 'er Reinerbaltunq und ttnversehrterhaltnng des iüdi- >chen Geistes. Das Verbältnis der moimonidischen Jiidentnmssebre zur arikkotettskben Wesio»''os>n»a einerseits und die Stellungnahme S. R. Hirsch's zu den analogen Problemen Lot interessantes historisches Seite 3. Material für die lebendige Erläuterung der grundlegenden Gedanken. — Tie tief durchdachten und formvollendeten Worte des geschätzten Redners ernteten reichen Beifall. Tie musikalischen Darbietungen des Abends entsprachen vollauf den Ansprüchen, die man bei Veranstaltung solcher Festlichkeiten stellen kann. Ter noch junge Gesangverein I e f ch u r u n unter Leitung des Herrn Papperle leitete die Feier mit einem Mozart'schen Männerchor L capellä ein. Es scheinen gute Stimmen unter den Sängern zu sein, nur muß der Leiter sich hüten, bei schwacher Besetzung der Tenöre das Zuwenig an Sttmmen durch ein Zuviel an Stärke der Tongebung ersetzen zu wollen. Bei dem am Schluß der Veranstaltung liebenswürdigerweise angegliederten Bortrag von Volksliede>'n trat dieser Mangel nicht so sehr hervor. — Mit Schnbertliedern erfreute Herr Oberkantor Pessachowitsch die .stuhörer: Herr Kantor Schwarz sang u. a. eine Arie aus Mehuls Joseph mit gutem Gelingen. Alle musikalischen Vorträge wurden von Herrn Papperle angemessen am Klavier begleitet. Nur der eine Einwaiid ist zu machen, den Trauermarsch ans der 3. Beethoven-Symphonie zur David und Jonathan-Rezitation als Begleitung gewählt zu haben. Tie Idee des Rezitterten deckt sich nicht mit der Beethovenschen. Von den deklamatorischen Vor trägen heben wir ganz besonders das vorzüglich vorgetragene Gedicht „Tie Landstreicher" hervor. ' Alles in Allem haben wir im Nachlaß Zwi wieder einmal einen Abend reich an Belebrung und "dle» Genüsse» erlebt, wie wir es seit Jahren von ihm gewohnt sind. Frankfurt a. M. Der dritte Vortrag des Herrn Tr. I. H e i n em an n über die Zeit der Schriftgelehrten. der den Untertitel „Tie Wirksamkeit der Schriitgelehrten" führte, rand Montag, den 5. Dezember im Saal des Kaufmännischen Vereins statt. Ter Redner ging von der Tatsache aus, daß im vorchristlichen Jahrhundert die Treue zum Judentum keineswegs allgemein feststand, sondern z. B. Mischeben an der Tagesordnung waren, während im nachchristlichen Jahrhundert die Ideale der Thora und des Provheten allgemein verbreitet waren. Welche Mittel — so fragte der Redner — haben unsre Weisen angewandt, um dies große Ziel der Bolkserzielmng durchzuführen? Anknüpfend an einen Ausspruch Emersons ,.Tas Christentum habe der Welt zwei unschätzbare Güter aeaeben, de» Sabbat und die Predint", legte der Redner zunächst die Bedeutung des Sabbats für die Erhaltung des Judentums dar. Tie Rabbiner haben die auf ihn bezünlichen Vorschriften nach zwei Richtungen hin erweitert: Sie haben erstens durch die Reaelung der Sabbatruhe bis ins einzelne hinein bewirkt, daß die Sabbatruhc überall den gleichen Charakter trug und so zum unterscheidenden Merkmal zwischen Juden und Nichtjuden wurde. Bor allem aber sollte er als Mittel zur Erziehung, zur Heiliaung dienen; dies zeiat sich besonders hei den von den Rabbinern geschaffenen Borschristen für den Freitag Mend. Nur ganz kurz konnte der Redner darauf Hinweisen, daß z. B. auch der Sederabend und der Versöhnungsahend durch die Einführung bestimmter Gebete an erziehlicher Bedeutung erheblich gewonnen haben; kurz ging er darauf ein. wie die Weisen durch die Einführung der Segenssvrüche sür „die Wunder, die uns alltäglich umaeben" den Tank gegen Gott in uns haben wecken wollen. Aber auch die Einrichtung der Predigt ist nicht, wie Emerson meinte, christlichen, sondern jüdischen Ursprungs und bereits in den Tagen der großen Synode von großem Einfluß gewesen. Tas wichtigste Volkserziehnngsmittel aber war die Schule, insbesondere die Elementarschule. Setzte doch der Unterrricht in der Thora die Kenntnis der wichtigsten Elementarfächer (Lesen, Schreiben, Rechnen, vaterländische Geschichte) voraus; auch auf der Hochschule wurden im Zusammenhang mit den religiösen Sttidien die verschiedensten Wissenschaften gevslegt. Tie Auswahl der Lehrer und die Festsetzung der durchschnittlicben Schülerzahl traf man derart, daß der Unterricht charakterbildend wirken konnte. Demgemäß galt die Erziehung der Kinder und die Tätigkeit des Elementarlehrers als ganz besonders wertvoll; sie steht sogar der Pflicht des Temvelbaues voran. Während die gleichzeitigen hellenischen Tenker einen Einsiuß aus die Bolkssittlichkeit nicht haben gewinnen können, weil sie der Bolksreligion zu ferne standen, haben die Weisen Israels durch ihre Anordnungen die höchsten Vorstellungen von Gott und den Pflichten des Menschen znm Gemeingut der Nation gemacht. Nachdem nunmehr der Vortragszyklus des Herrn Dr. Heinemann geschlossen ist, glauben wir als die beste Rezension der Vorträge des beliebten Redners die Tatsache zu verzeichnen, daß das Publikum, welches den ersten Bortrag besucht hatte, auch dem zweiten und dritten Bortrage beiwohnte und daß die beiden letzten Borträge sogar noch ein größeres Publikum als der erste Bortrag sahen. Frankknrt a. W. Der Verein .Weibliche F ü r s o r g e", eine Abteilung des Israel, öülfsvereins, blickt auf ein Jahr reich an Arbeit zurück. Alle 14 Tage fanden Beratungen des aus 50 Damen be-