Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1904-12-16 · Heft 48 (16.12.1904) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 48 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692358-2692406--01303-2695799
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

€ette 2. Frankfurter UrarMfcheS Familienbkatt. Nr. 48. „Er hat Dir gesagt, o Mensch, was gut ist" — Las ist die Devise des Prophetismus. Das Gute wird von ihm zum Inhalt der Religio» gemacht. Gott verkündet die Sittlichkeit. Und — sagt Cohen — Gott ist das, was erverkündet. Dies ist eben der Begriff der Offenbarung, daß Gott im Verkünden des Guten sich dem Menschen offenbart. Und nur in diesem Verkünden des Guten offenbart sich Gott dem Menschen; nur in der Sittlichkeit erkennt der Mensch den wahren Gott. Tic Sittlichkeit allein ist sein Amt. Und wenn der Gott der Propheten vom Menschen' fordert, daß er ihn erkenne und liebe: so wird hiermit vom Menschen gefordert, daß er die Sittlichkeit erkenne und liebe. Gott erkennen heißt daher nicht: seine Natur erkennen. Wie sagen ja die Propheten? Gott kennt die Wege des Menschen und die Gedanken seines Herzens, aber Gottes Wege und Gottes Gedanken sind nicht des Menschen Wege: „Wolltest Tu das Geheimnis der Gottheit finden?" Ter Prophet befreit sich von dem Interesse an der Natur Gottes und begeistert sich umsomehr für das Interesse an der Verkündigung Gottes: „N ichtwasGottsei, soll Gott belehren; sondern was der Mensch sei." So ist der Gott der Propheten transcedental; und sie waren die ersten, die diese Transcedenz erdacht haben. So gibt sich auch die jüdische Religionsphilosophie .mit der neugierigen Frage nach dem absoluten Wesen Gottes nicht ab; nur sittliche Attribute dürfen von ihm ausgesagt werden. Tie. Einzigkeit Gottes bedeutet daher nicht nur den Gegensatz zur Mehrheit, sondern zu allem Seienden. Jedoch schließt diese Transcedenz eine Immanenz ein. Tenn das Wesen Gottes wird in seinem Verhältnis zum Menschen präzisiert. Frellich ist Gott nicht Natur. Er kann daher nicht ein Gott -Mensch sein. „Tie jüdische Gottesiüee ist keusch".Aber der Begriff Gottes muh sich auf den Begriff des Menschen beziehen. Tenn Gott ist Gott der Menschen; er ist Vater der Menschen. Und der Vater hat die Aufgabe, seinen Kindern — allen feinen Kindern und nicht etwa bloß einem Liebblingssohne... — zu sagen: was gut sei. Dieses Gute hat nun zum Objekt den Menschen, dcr freilich als Subjekt dieses Guten gefordert wird. So ist in dem Begriffe Gottes, als Idee des Guten, das intime Verhältnis dieses Begriffes zum Begriffe des Menschen, als Idee der Menschheit, fixiert: in der Idee des Guten entsteht die Idee der Menschheit. -Und wenn es oben hieß: Gott offenbart sich dem Menschen im Verkünden des Sittlichen, so können wir jetzt sagen: Gott offenbart sich dem Menschen im Verkünden der Menschheit. Täher ist die Transcedenz Gottes nicht absolut, sondern sie enthält eine Immanenz in Bezug auf den Menschen. Und so bedeutet diese Transcedenz Gottes nicht — wenn man so sagen darf — ein Außerhalb-der-Menschheit, sondern ein Ueber-dic-Menschheit. Das ist die Gottesidee der Propheten. Und sie ist die Antwort auf die Lebensfrage der Ethik: denn sie sichert die Existenz des Sittlichen. Tie Idee des Guten ist kein bloßes Tesiderat; das besagt uns die Idee Gottes: es ist kein Wahn, an die Sittlichkeit zu glauben. Sie bildet keinen unversöhnlichen Widerspruch zur Wirklichkeit. Vielmehr wird bereits in der Kunst der Zusammenhang von Natur und Sittlichkeit als ein inniges Verhältnis erkannt: in der Idee des Schönen gewinnt die Idee des Guten an Wirklichkeit. Freilich ist Natur nicht Sittlichkeit; freilich ist die Wirklichkeit noch nicht Wahrheit. Das verbietet uns schon die Transcedenz Goües.Darin besteht eben der verhängnisvolle Fehler des Pantheism,uSt; daß er die Sittlichkeit in die Natur verlegt: Gott sei beides. Ter Wille mußte so dem Intellekt gleichgesctzt werden, die Willensfreiheit wurde aufgehoben und somit der Ethik die Basis entzogen: die Selbstgesetzgebung der Sittlichkeit und mtthin die Selbständigkeit des sittlichen Erkennens wurden vereitelt. Ta bildet der Prophettsnms den schroffsten Gegensatz zum Pantheismus. In diesem Gegensatz erprobt sich die Transcedenz der prophetischen Gottesidee. Sie bedeutet nicht das Verhältnis von Mensch und Natur, sondern von Mensch und Sittlichkeit: von Mensch und Menschhell; in dieser entsteht und besteht sein Begriff. Der Gottesbegriff wird nicht in der Physik entdeckt, sondern in der Ethik. Die prophetische Gottesidee besagt also nicht die Identität, von Natur und Sittlichkeit, sondern ihre Korrelation. Tie Sittengesetze sind freilich keine Naturgesetze, die Sittlichkeit ist keineswegs Realität; jebodj bleibt den Sitteugesetzen die Natur nicht entzogen, der Sittlichkeit bleibt die Realität nicht heterogen. Es besteht eine Tifferenz zwischen Natur und Sittlichkeit, aber keine unüberbrückbare „Kluft; kein unausgleichbarer Gegensatz. Tas verbietet die Immanenz Gottes. Das Gute ist nicht jenseits der Natur, man möchte sagen: nicht jenseits von Gut und Böse. Ties fordert die Idee des Guten. Tas Sollen des Sittlichen Hai Anteil am Sein der Natur. Das gewährleistet der Gottesbegriff. Welchen Wert hätte das Sollen, wenn es nie in Sein umgesetzt werden könnte? Es wäre ja dann eine Mcnschenquälerei, den Menschen mit einer Sittlichkeit zu belasten. Wieso dürste Gott den Menschen das Gute verkünden, wenn die Realisierbarkeit des Guten nicht gesichert ist? So muß die Gottcsidee in ihrer ersten Bedeutung — wir werden bald ihre erweiterte Bedeutung kennen lernen — als die Garantie gedacht werden, daß die Sittlichkeit realisierbar ist; d. h.: aaß das Sollen des Sittlichen im Sein der Natur einen Anklang findet. sForts. folgt.) , Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wie wir aus authentischer Quelle er>ayren, denkt die neue Separat-Gem ein de in Köln noch gar nicht daran, einen Rabbiner anzustellen. Somii ist die Mitteilung in unserer vorigen Stummer, daß Herr Rabbiner D r. B. Wolf das Amt eines Rabbiners in dieser Gemeinde übernommen habe, eine irrige; es scheint eine Verwechslung damit vorzuliegen, daß genannter Herr, der im Hauptamt Leiter der „Talmud-Thora" ist, vor einigen Wochen zum Rabbiner des „Vereins für me jüdischen Jnteresien. Rheinlands" berufen wurde. Posen. „Die Rechtsanwälte Justizrat Salz und Tr. jür. Hartwig sino zu Stotaren ernannt", so lautete kürz und bündig die -Mitteilung in sämtlichen Posener Zeimngen, ohne daß auch nur durch eine einzige hinzugefügte Zeiie von der Erregung Notiz genommen wurde, die infolge dieser Ernennungen viele Streife beherrschte. „Stach25jährigerAnwalt szeit sind jetzt zwei Rechtsanwälte zu Notaren ernannt worden," ergänzte man im mündlichen Verkehre in Posen diese lakonische Zeitungsnotiz und das mit Recht: übten doch der jüdij ch e Justizrat fast 24 Jahre und der ch r i st - liehe Dr. jur. etlvas über l Jahr die Anwaltspraxis aus, was zusammen ein Vierteljahrhundert Rechtsanwaltstätigteit ergibt! Fast sämtliche 19 jüdischen Rechtsanwälte, die zum Teil schon über 20 Jahre ihre Praxis ausüben -Und von der Regierung durch den Justizratttlel „ausgezeichnet sind, sind hier wieder durch den 'beinahe jüngsten christlichen Anwalt in der Notariatserwerbung übersprungen worden. Und da verlangt die Negierung von der fortgesetzt in so eigenarttger Weise als „gleichberechtigte" Bürger behandelten jüdischen Bevölkerung der Ostprovinzen Arbeitssreudigkeit in allen öffentlichen gemeinnützigen Aemtern und Unterstützung im Kampfe gegen das Polentum! Oesterreich-Ungar«. K. Wie». Der Segen der Mischehe. Ter Unsinn der österreichischen Ehegesetzgebung, die das bürgerliche Recht durch klerikale Einwirkung verunstaltet hat, trat wieder einmal in einem Urteil des Obersten Gerichtshofes zutage. Ein ungarischer Jude hatte in Ungarn mit einer anglikanischen Engländerin eine in Ungarn unbedingt gültige Ehe geschlossen. In Wien ließ die Frau sich von einem jungen Wiener e n t f ü h r e n, der dann in Wien wegen Entführung angeklagt wurde. Er machte den Einwand, die Ehe sei für Oesterreich ungültig, well nach österreichischem Rechte die Ehe eines Christen mit einem Nichtchristen unbedingt unerlaubt sei. Tie ersten Instanzen wiesen diesen Einwand zurück, der'Oberste Gerichtshof jedoch entschied wirklich, daß die in Ungarn gültige Eheschließung für Oesterreich nicht rechtswirksam ist. Der 'EntführeristdemgemäßinOefterreichkeinEntf ü h r e r.. Bei den Anglikanern besteht noch das Kuriosum, daß sie in solchem Falle als Christen gelten^ während sie sonst als nicht anerkannte 'Religionsgenossenschaft hier zu den „Konfessionslosen" gerechnet werden. Jüngst war eine Abordnung des „Vereins katholisch geschiedener Eheleute" bei Körber als Jnsttzminister, und dieser versprach, auf eine Reform der veralteten österreichischen Ehegesetzgebung hinzuwirken. Damit mißfiel der Minister aber unfern Klerikale». Unsere jungen Juristen müssen, auch wenn sie Nichtkatholiken sind, über das katholischeKirchenrechtmit EinschlußderKleiderordnungderGeistlichkeitinallcnGradeu einebesondere Prüfung ablegen. L. Budapest. Tempelweihe in Zilah. Tie israelittsche Gemeinde in Zilah feierte am 6. d. M. die Einweihung ihrer neuerbauten Synagoge. Zu dieser Feier waren die Zelebritäten der Stadt Zilah und des Komitats Szilägy ohne Unterschied der Konfession erschienen, u. 2L der Obergespan des Komitats Szilägy, Dr. Kaizler, der Bürgermeister der Stadt Zilah, Baron Sigmund Tioßeghy, der informierte Superintendent Mogyorossy, das Offizierskorps der Garnison,,zahlreiche Vertreter des Richterstandss, u. v. U. Tie Festrede hielt der.aus diesem Anlasse nach Zilah berufene Oberrabbiner der Ofner israelitischen Religionsgemeinde, Dr. Arnold Kiss. Großbritannien. —ol— London. Jüdische Auswanderer in London. In der Themse kamen am. 30. November wieder drei Schiffe an, die über 300 Auswanderer brachten, zum großen Teil russische Inden, zum Ueineren nichtjüdische russische Reservisten. Die Leute waren über die deutsche Grenze geschmuggelt worden und hatten sich in Rotterdam eingeschifft. Vom 21. bis zuin 30. November hat das jüdische Asyl für Obdachlose 1760 derartiger Einwanderer ausgenommen, gegen 952 im Vorjahre. 'Die Leute sind meistens vollständig unbemittelt. Sie sprechen es offen aus, daß der Krieg sie aus dem Lande trieb. Viele haben ihre Frauen und Kinder mit- Lebracht. Einer der Reservisten sagte: „Während wir kämpfen, erhalten unsere Frauen und Kinder einige Rudel monatlich, aber wenn wir fallen, dann hört die Bezahlung sofort auf, und was sollen unsere Frauen und Kinder dann tun'?" Ein anderer erzählte, daß er etwa 120 Jk in Geld in seine Kleider eingenäht hatte. Ein russischer Posten an der Grenze hielt ihn fest, durchsuchte ihn und nahmihm das Geld ab, ließ ihn dann aber über die Grenze laufen. Wenn man die Leute nach ihren Absichten fragt, so sagen sie alle, sie hätten Verwandte in Amerika und würden von dort Billets erhalten. In London sieht man diesen Zuwachs an unbemittelten Leuten -angesichts der ohnehin herrschenden Arbeitsnot mit großen Bedenken an. —ol— London. Kaum hatte sich Mr. Balfour von dem geschwollenen Bein erholt, das er sich durch oie Schießerei auf der Toggerbank zugezogen, hielt er eine Rede vor der P r i m e l l i g a und zog gegen die undesirable aliens los und ine bö>en Liberalen, die in der letzten Parlamentstagung den von dem Minister des Innern eingebrachten Gesetzentwurf zur Erschwerung der Einwanderu n g zu Falle gebracht haben. Das Gesetz sollte ja dem Wortlaut nach nur auf die unerwünschten Fremden, d. i. die aus dem Ausland nach England kommenden Verbrecher, -N-otarmen und mit an st eckenden Krankheiten Behaftete, sowie Sieche gemünzt sein, abber es war, wie aus den Verhandlungen klar hervorging, nur das dünne Ende des Keils, dessen dickes Ende alle hier seßhaten Auslfänder treffen soollte. Und in erster Reihe sind wieder die jüdischen Bewohner des Eastend gemeint. London. Die edle Tat eines Juden. Tas kleine Marktstädtchen Needham Market in Suffolk war vor einigen Wochen von einem Bankrott heimgesucht worden, der fast alle Familien des Städtchens in Mitteidenschaft gezogen und viele an den Rand des Unterganges gebracht hatte. Es handelte sich um den Zusammenbruch der seit vielen Jahrzehnten bestehenden Groschen-Sparbank, die ein gewisser Maw verwaltete und der insbesondere die kleinen Handwerker und Geschäftsleute, Arbeiter und viele Witwen ihre Ersparnisse anvertrant chatten. Tie Not infolge des Zusammenbruches ivar so groß, daß angesehene Londoner Morgeublätter, u. a. das Daily Chronicle, eine Sammlung erösfneten, um die bitterste Not wenigstens zur Weihnachtszeit lindern zu können. Ein in der Stadt selbst eingesetzter Ausschuß beriet tagtäglich über Mittel, wie den dringendsten Notlagen abzuhelfen seien. Am Mittwoch nun erschien in der Sitzung des Ausschusses Herr Edgar Speyer, einer der Chefs des in der City von London hochangesehenen Bankhauses Gebrüder Speyer und ließ sich von den Komiteemitgliedern die Sachlage erklären. Auch der Konkursverwalter war in der Sitzung anwesend. Herr Speyer hörte die ihm gegebenen Aufklärungen ruhig an und machte sich Notizen auf einem Bogen Papier..Nachdem, er den Umfang des Unglücks kennen gelerntschas auf ihn einen ttefen Eindruck machte, ergriff er'am Schluß der Sitzung das Wort und erklärte in einer einfachen Bemerkung, daß er den gesamten Verlust aller Sparer decken 'wolle unter der Bedingung, daß alle Ersparnisse bis zu tausend Mark in Zukunft in der amtlichen Postsparkasse und Ersparnisse von mehr als tausend Mark in einem wohlakkreditierten Bankhause deponiert werden müßten. Herr Speyer, zog dann ruhig sein Checkbnch aus der Tasche und überreichte dem Sekretär des Ausschusses einen.. Check in- Höhe von 80 000 Mark. Als man Herrn Speyer darauf aufmerksam machte, daß auch die Kinder des bankrotten Bankverwalters ihrem Vater ihre gesamten Ersparnisse im Bettage von 34 000 Mark anvertrant hätten, die ebenfalls gänzlich verloren seien, schrieb Herr Speyer einen weiteren Check in diesem Bettage aus, so daß er insgesamt 114 000 Mark in dem Marktflecken zurückließ.. ' Man kann sich denken, wie diese Nachricht in dem Städtchen wirkte. Obschon Herr Speyer, sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.