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Neue jüdische Presse · 1904-12-16 · Heft 48 (16.12.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 48 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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gttau&futUx Zsmklitisihks jftiütciHitt. Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). KedaKttoil Md HefchLftsDette: Srsnkfurl 2. ITC., Leiügkeuzgaffe 52, Lcke Rlaxperfeldstraße (gegenüber der Urnen Zeit). -He-!- evaitsgebev: Sakg Geis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, den 8. Veves 5665 (16. Dezember 1964). Ro. 48. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Ganze oder halbe Arbeit? — Hermann Cohen. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levy, — Kunst und Wissenschaft. — Bücherschau. — Vakanzen. Ganze oder halbe Arbeit? Ter ernste, mit seiner Ausgabe es ehrlich meinende -Redakteur hat einen schweren Stand. Seine Gewissenhaftigkeit fordvt, daß er in jede Materie gründlich cindringt und daß ihm die Liebe zur Wahrheit höher als der Beifall oder das Mißfallen etwelcher Leser steht. Und besonders mit der Wahrheit ist es ein eigen Ding; es hören sie nur die gern, die sich nicht durch sie getroffen fühlen. In der Behandlung der „K o n f e r e n z z u r O rganisation der oft europäischen Aus - Wanderung" hätten wir uns, wie es ein großer Teil der jüdischen Presse getan hat, die Arbeit leicht machen können; vorher ohne Kritik die Tatsache der Konferenz und die Aufgaben, lvelche sie sich gestellt, — und nachher ohne Kritik die Aufzählung der Teilnehmer, die gefaßten Beschlüsse und die Toaste auf dem Festmahle! Doch wir inachten uns die Arbeit nicht leicht. In zwei Artikeln brachten wir einen gewissermaßen geschichtlichen Rückblick und unterzogen die von Herrn Tr. Nathan für die Konferenz ausgearbeiteten Thesen einer eingehenden Kritik. Jetzt, nachdem die Konferenz getagt hat, siele uns nun wieder die Aufgabe zu, nach unserm besten Wissen das Gute, das sie gezeitigt, rückhaltlos zu würdigen und das Mangelhafte hervorzuheben, um daran Vorschläge zu seiner Abänderung zu knüpfen. Das wäre unsere Pslicht! — Doch diesmal können wir ihr nicht Nachkommen.- Dch Verhandlungen der Konferenz, von deren Zusammentritt die ganze Well schon seit Wochen wußte, fanden unter Ausschluß der Oefsentlichkeit statt und das Endresultat, das der Oefsentlichkeit bekannt wurde, war, daß nach zweitägiger Beratung einer internationalen Versammlung von ungefähr 100 angesehenen Persönlichkeiten die Vorschläge des Herrn Tr. Nathan, die wir ja bereits vor der Konferenz besprochen hatten, ohneirgend welche Aenderung angenommen wurden. Diese Tatsache wäre für Herrn Dr. Nathan das größte Lob, wenn seine Vorschläge etwas anderes wären, als Palliativmittel, die nur verhüten sollen, daß die Judennot zu einer Gefahr — zu einer Gefahr sür die- Juden in den zivilisierten Ländern — werde. Ob dieser Gedankengang aus einer weitblickenden Anschauung entspringt, bleibe dahingestellt; wir hier wollen nur hervorheben, daß, wie die unveränderte Annahme der Dr. Nathan'schen Thesen beweist, die Majorität der Konferenz sich mit diesen Thesen identifizierte, deren Inhalt sich darin zusammenfassen läßt: kein Geld und keine Förderung der Au s wände rungder verh'üngernden osteuropäischen Juden, sondern nur Ratschläge für die durch eigene Hülse auswandernden, also noch einigermaßen existenzfähigen Massen. Tas Ziel dieser Ratschläge ist, eine weitere Konzentration der jüdischen Massen in London, New- Pork und einigen anderen großen Plätzen zu verhindern und eine Dezentralisation in die Wege zu leiten, da bei dieser Zerstreuung der Einzelne dieser in ihren Berufen so ziemlich gleichartigen Menge eher existenzfähig wird. Taß auf diese Weise bei nicht sorgfältiger Handhabung aber auch der Assimilation Vorschub geleistet wird, ist eine zu bekannte Tatsache, die für die jüdische Gesamtheit viel schwerer ins Gewicht fällt, als die wahrscheinlichen materiellen Vorteile. Tas einzige neue, was die internationale Konferenz, an der sich sämtliche jüdische Großinstitutionen der Welt beteiligt hatten, geschaffen hat, ist die Errichtung eines Jnformationsbureans. War hierfür ein so großer Apparat notwendig? Jnformationsbureaus hätte die zionistische Organisation mit viel größerem Erfolge errichten können, denn diese genießt bei den osteuropäischen Inden das für die Benutzung eines solchen Bureaus und für die Befolgung seiner Ratschläge so notwendige Vertrauen. Alles in Allem: Philantropie kann nur Halbes schaffen, aber wenn man einem Volke helfen will, dann muß man vor allen Dingen sein Volkstum begreifen und dieser Unterschied, den ein Teil der Minorität der Teilnehmer zur Geltung brachte, dürste der Majorität der Herren wohl kaum zum Bewußtsein gekommen sein. Wir zweifeln durchaus nicht an dem guten Willen der Herren, zu helfen. Aber ein guter Wille ohne die richtige Idee und die richtigen Mittel kann nie die richtige Tat vollbringen. Hermann Cohen. V.*) Die prophetische Messiasidee. Bon Jacob ben Elijah. In unserem vorigen Kapitel wurde bereits der Zusammenhang von Logik und Ethik als ei» inneres Verhältnis zwischen ihren Objekten — Natur und Sittlichkeit — anerkannt. Schon in der Problemstellung zeigte sich eine methodische Korrelation unter den zwei Arten der Erkenntnis. Tie Souveränität der theoretischen Vernunft bewährte sich als eine Legitimation für die Souveränität des Menschen: als Schöpfer des Seins und mithin der praktischen und 43~5HBt:- Vor kurzem) erschien das von gar Vielen sehnsüchtig erwartetes Lebenswerk Cohens: „Ethik des reinenWillsns" (641S. Verlag Bruno Cassirer« Berlin). Mit Recht wurde von Prof. K n i k e l (Frankfurter Ztg. Nr. 311 und 312) diese Kapitalarbeit, das zweite Buch im System der Cohen'schen Philosophie, als ein wirkliches Ereignis auf bem Gebiete der Kultur, als eine geistige Erscheinung ersten Grades bezeichnet. Für das Judentum hat dieses Werk die Bedeutung, als in\ ifjnt die Grundlehrbegriffe der jüdischen Religionssihilosophie methodisch geläutert und in das.System dpr Ethik aufgeuomnien werden — wie es nun dieses Kapitel erörtern und begründen will. I Vernunft. Ter logische Idealismus begründet den wissenschaftlichen Idealismus der Ethik. Tie Lehre vom llrsprung in der Erkenntnistheorie erwies Ich als fruchtbar auch in der Ethik. I» diesem Problem der Erzeugung läßt sich der Charakter dieses Zusamnlenhanges der zwei Probleme — des erkenntnistheoretischen und ethischen — genau bestimmen. Tenn dieselbe Methode des Erzeugungsursprungs ergibt uns sowohl eine reine Erkenntnis als auch einen reinen Willen. Hier ist die Verbindung. Aber diese Methode der Reinheit besagt doch ja: die Erkenntnis ist rein, sie 'ist nicht Wille; der Wille ist rein, er ist nicht Erkenntnis. Hier, also, die Trennung. So wird in demselben Postulat die reziproke Beziehung von Logik und Ethik, aber gleichzeitig auch ihre unerschütterliche Selbständigkeit proklamiert. „Tie Ethik hat die Logik zur Boranssetznng, aber die Logik ist an sich nicht Ethik". Dieser Zusammenhang besteht hiermit bloß in der Methode. Tie Logik legitimiert die Ethik als Wissenschaft, als Ethik des wissenschaftlichen Idealismus. Wie hätte das anders sein können, sein dürfen? Müssen doch die Lehrbcgrifse der Ethik vor allem in der Begrisfslehre, also in der Erkenntnistheorie ihre Legalisierung erlange». Indessen erwies sich dieser methodische Zusammenhang von Logik und Ethik als unzulänglich; es wurde vielmehr eine innere Korrespondenz zwischen den Objekten dieser zwei Erkenntnisarten postuliert, nämlich eine Korrespondenz;wischen Natur und Sittlichkeit. Tas will sagen: die Natur als Wirklichkeit mutz sür die Sittlichkeit als Wahrheit disponibel sein, wenn anders die Wahrheit in der Sittlichkeit ergründet werden muß. Also, die Ethik muß sich als im Leben realisierbar legitimieren; sonst ist und bleibt sie eine verführerische Schimäre, eine marktschreierische Phraseologie — eine betrogene Betrügerin. Tie Sittengesetze wären alsdann erklügelte Regeln für ein zeitvertreibendes Gedankenspiel, für eine geisterfrischende Kurzweil im Greifenalter; die sittlichen Ideen hätten alsdann den Wert nur eines frommen Wunsches und die Ethik würde nun bestenfalls ins Jenseit zu verlegen sein. Es besteht aber für die Sittlichkeit das Problem, sich das Tiesseit zu sichern. Tenn kein Jenseit ohne ein sittliches Dies seit. Ta setzt nun die prophetische Gottesidee ein. Sic bedeutet die Garantie für die Sittlichkeit. Es gibt einen Gott: es gibt eine Sittlichkeit. Sie ist kein Annnenmärchen, kein Hirngespinst; sie ist möglich, sie ist realisierbar. Sie ist keine Dichtung oder gar Erdichtung, der die Wirklichkeit widerspräche. Vielmehr bedeutet die Gottesidee, daß der Sittlichkeit die Natur nicht entsagt: der Wahrheit fehlt nicht die Wirklichkeit, wenn auch die ethische Wahrheit nüch nicht Natur-Wirklichkeit geworden ist. In der Verbindung von Logik und Ethik, von Natur und Sittlichkeit ist die Wahrheit zu suchen. Und es ist sür die Gottesidee bezeichnend, daß die Propheten den Ausdruck: Wahrheit — für den einzigen Gott in Anspruch nahmen. Gott ist Gott der Wahrheit. Und dieser prophetische Gottesbegriff ist der Gottesbegriff der Ethik. Tenn die Propheten erdachten ihn als Idee des Guten.

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