Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 47 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692405--01291-2695785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10. Frankfurter Israelitisches - FcknMenblatt. Nr. 47* holt widerlegt seien, nachzuweisen. Gras Bülow habe nur im Fluge auf -er Hauptroute das Land durcheilt und dasselbe nur flüchtig kennen gelernt. Das Land, welches in den biblischen Zeiten zu den fruchtbarsten gehörte und das einem Bauernvolk von drei Millionen (120 pro Quadratkilometer) reichlich Nahrung bot, sei allerdings seit Jahrhunderten furchtbar verwahrlost. Mer aus diesem wüsten Gestein lasse sich durch die hingebungsvolle Arbeit einer emsigen, intelligenten Bevölkerung ein Paradies hervorzaubern, wie auf das deutlichste die blühenden jüdischen Kolonien beweise», die seit zwei Jahrzehnten in Palästina entstanden sind, deren es bereits 16 größere mit ca. 6500 Einwohnern gibt. Von diesen Kolonien, welche das Erstaunen aller Besucher erregen, habe Graf Bülow leider nichts gesehen, sonst wäre sein Urteil anders ausgefallen. Durch planvolle Entsumpfung und Bewässerung, wie sie bei einer Großkolonisation mit den heutigen Mitteln der Technik ermöglicht würde, würde sich nach dem Urteil der fachmännischen Kenner des Landes dasselbe in wenigen Jahrzehnten zu seiner früheren Blüte zurückbringen lassen. Zu diesen Arbeiten sei aber kein Volk der Welt so geeignet, wie gerade das jüdische, welches mit einer schwärmerischen Liebe an dem Boden hänge und zu jeder Arbeit bereit sei. Die jüdischen „Schnorrer" des Ostens sind keine trunksüchtigen Landstreicher und Vagabunden, sondern arbeitslustige, nur durch eine grausame Politik - und grausame Bedrückungen aller Arbeitsmöglichkeiten beraubte Leute, welche sich gern allen Arbeiten unterziehen, mögen dieselben auch noch so schlecht bezahlt sein. Die Hunderttauscnde, vom jüdischen Fabrikarbeitern und kleinen Handwerkern, die 14 Stunden und länger am Tage auf das schwerste arbeiten, um ihren kärglichen Unterhalt zu verdienen, sie würden auch imstande sein, die sicher nicht mühevolleren Landarbeiten auf eigener Scholle zu leisten, um dem Boden Früchte abzuringen. Daß sie zu Landarbeiten überhaupt geeignet sind, beweisen die jüdischen Bauernkolonien in Rußland und die erwähnten Kolonien in Palästina. Warschau. Der Zionismus in Rußland legalisiert! Wie der „Hazofe" berichtet, hat der Minister des Innern, Fürst Swiatopolk-Mirsky die zionistische Deputation, die bei ihm am 5./18. November Audienz hatte, ermächtigt zu erklären: Der Zionismus wird von nun ab in Rußland keine Hindernisse seitens der Administration finden. Aus aIXex Wett. Rußland. —II— Homel, 3. Dez. In den letzten Tagen finden hier fortgesetzt Verhaftungen und Haussuchungen statt, — natürlich nur bei Juden; da nämlich in der nächsten Zeit auch in der hiesigen Gegend mobil gemacht werden soll und die hiesigen Mischen Arbeiter organisiert sind und nicht daran denkensich einsach abschlachten zu lassen; so versuchen die Behörden, die befürchteten Unruhen auf diese Weise im vorhinein zu verhindern. Der ProzeßfvegenderJudenkra walle wird in einer Form geführt, als sei Plehwe noch Minister. Die Polizei wird vom Staatsanwalt verteidigt und die Verteidiger werden vom Präsidenten in ihrer Pflicht beschränkt. Aus ve« Vereine«. vck. Frankfurt a. M., 4. Dez. Die Chanukafeier des Vereins „Montefiore" am Sonntag, den 4. Dezember, nahm einen glänzenden Verlauf. Wie groß .das Interesse ist, das man den Veranstaltungen dieses Vereins entgegenbringt, geht schon daraus hervor, daß bereits längere Zeit vorher der Kartenverkauf eingestellt werden mußte. Der große Saal in der Frankfurt-Loge war daher auch bis zmn letzten Platz besetzt, und es wird unter den Gästen kaum einer gewesen sein, der das Fest unbefriedigt verlassen hat. Ein von Frl. Martha Ei se n kr a e m e r im Kostüm einer jüdischen Jungfrau aus der Makkabäerzeit vorgetragener Prolog — wir veröffentlichen ihn an anderer Stelle — eröffnet« den Abend. Herr Kantor Lcvy entzündete die Chanuka- Lichter in würdiger Weise; ein im Chor gesungenes Chanuka-Lied, ebenfalls von Frau Rosa Meyer gedichtet, folgte. — In Herrn N. N a u m o w lernten wir einen trefflich geschulten Bariton kennen, der den Prolog aus dem „Bajazzo" und das Gebet des „Valentin" aus „Margarethe" in vorzüglicher Form vortrug. Die folgende Nummer brachte uns die Aufführung 'eines einaktigen Schauspiels „Das Buch Hiob" nach Hölty, bearbeitet von Leop. Adler. Der Vorstand des „Montefiore" hat mit der Wahl dieses Stückes einen sehr glücklichen Griff getan; das Publikum folgte den Vorgängen auf der Bühne mit atemloser Spannung, die sich beim Fallen des Vorhanges in minutenlangem Beifall löste. — Lonoda, ein junger Levit, hatte, angcfacht durch die Worte des Königs Salomo, daß nur der ein wahrer Dichter sei, der das. Werk um des Werkes willen schreibe, seinem vermeintlichen Freunde Ariam einen heiligen Eid geschworen, daß niemand, außer ihnen beiden, je erfahren sollte, daß er — Lonoda — der Dichter des „Buches Hiob" fei. Ariam benutzt dies, um sich selbst als den Autor zu bezeichnen und um dann den Palmzwcig und die Hand Johannas, die er gleich Lonoda glühend liebt, zu gewinnen. Einen Moment schwankt wohl Lonoda, als ihn Johanna — die an ihn glaubt, trotzdem alle ihn verlassen — auf den Kniecn beschwört, das Geheimnis, das ofscnbar zwischen ihnen steht, zu entdecken. „Kann denn Sünde fein, was Sünde verhindert." Doch seine Treue zu Gott siegt — er wird seinen Eid nicht brechen. Als ihn aber Ariam, geschmückt mit dem goldenen Ehrenkranz, mit schmeichlerischen Worten überhäuft, ist er seiner nicht mehr mächtig, er schlägt den Heuchler zu Boden. Volk und Priester verlangen Lonodas Tod; man trägt den Fall dem König vor und auch er verdammt Lonoda zum Tode. Lonoda ist zu sterben bereit, noch einmal aber öffnet er die Lippen, und seinem Munde entströmt ein herrliches Loblied auf de» Ewigen, der ihm noch in der Todesstunde seine schönste Offenbarung — fein Walten und Wirken — zu teil werden ließ. Alles steht ergriffen. Ter König gesteht, nie habe er noch Herrlicheres gehört, als diese Worte, es sei denn die neue Dichtung „Das Buch Hiob". Aufmerksam lauscht Lonoda dem „schönsten Wort der cw'gcn Dichtung", dann — von heiliger Begeisterung hingerissen — spricht er einzelne Worte mit, und daun sich selbstvergesscnd, tritt er, als der König, der ihn beobachtet, einen Moment schweigt, hervor und vollendet das Lied. So hat er sich unbewußt verraten, denn niemand außer dem König und dem Dichter selbst, konnte den Inhalt kennen. Der Prophet Nathan verkündet ihn als den Dichter,. Ariam wird zum Tode geführt, und Lonoda erhält die Hand Johannas. Die Einzeldarstellungen boten mustergültige Leistungen, das Zusammenspicl war dank der trefflichen Regie des Herrn Alfred Auerbach vom hiesigen Schauspielhaus das denkbar beste. Herr Max Herrscher als Lonoda und Herr Leon Weill als Ariam trafen durchaus den richtigen Ton, Lonoda, der edle Schwärmer, dem die Treue zu seinem Gotte über alles geht, und Arial», der glatte Heuchler, der von Neid und Eifersucht verzehrt wird, da Lonoda ihm in allem vorgezogcn wird. Herr Carl Ernst war ein idealer König Salomo, Frl. Bertha Heim a n n spielte die Johanna vorzüglich mit Innigkeit und Wärme; ebenso war Frl. Martha Eisenk r a e m e r als Johannas Mutter, Elisabeth, vortresslich. Ten Nathan verkörperte Herr Moritz Letzte r ausgezeichnet und der Hohepriester fand in Herrn Hugo Rosen zweig einen treffenden Darsteller. Die übrigen Rollen, Priester und Mirger, waren durch die Herren Stiebet, Bing, Pohle, Lehr, M o h r e r, L ö b c n st e i n aufs beste besetzt.- Na cheiner kurzen Pause wurde der zweite Teil des Programms durch eine Konzcrt-Onverture von dem Orchester eingeleitet. Hierauf ergriff der erste Vorsitzende, Herr Max E i s e n k r a e m e r, das Wort, um in einer kurzen Ansprache, namens des Vereins den Anwesenden seinen Dank für ihr Erscheinen auszusprcchen; der Verein wolle seinen Freunden einen Abend der stillen inneren Freude bereiten, wie er dem Charakter des Chanuka-Festes entspreche und hoffe, daß ihm dies gelungen sei. Ein allegorisches Festspiel von Salo Unna, Altona „Tie vier Jahreszeiten", das durch die Damen A M eher (Z-rühling), B. Schwab (Sommer), M. Spier (Herbst) und S. Meyer (Winter) vorzüglich zur Darstellung gebracht wurde, erregte ebenso wie bei seiner Erstausführung aus dem letztjährigcn Simchath-Tauroh-Feste in Altona, den lebhaftesten Beifall. Sv dem 13jährigen Rudolf Wcill lernten wir eine» jugendlichen Klaviervirtuosen kennen, der das Publikum durch seine mit glänzender Technik und Sicherheit zu Gehör gebrachten Leistungen überraschte. Sein meisterlicher Vortrag von Beethovens Andante F-Dur und Liszts Rhapsodie Nr. 2 begeisterte die Zuhörer zu imnier sich erneuerndem Applaus. ■ - i Nunmehr folgte ein Lieder - Vortrag des Frl. Berta H e i m a n u. 'Tie junge Künstlerin brachte mit sehr sympathischer, voller Stimme, die eine vortreffliche Schulung verriet, zwei Lieder („Tie Bekehrte" von Stange und „Strampelchen" von Hildach) zu Gehör. Nach einen! nicht cndenwollenden Veilall, mußte sich die Sängerin noch zu einer Zugabe entschließen. Ani Klavier saß Herr Emil S ch w a b a ch e r, der sich feiner Ausgabe in gewohnter mustergiltigen Weise entledigte. Mit der nächsten Nummer hörten wir noch einige Tialektdichtungen des Herrn Alfred Auerbach. Das beliebte Mitglied unseres Schauspielhaus-Ensembles verstand es, wie immer, durch seine Darbietungen die größte Heiterkeit und die dankbarsten Beifallskundgebungen der Zuhörer zu erwecken. Hiermit war das Programm, durch keinen Mißton gestört, beendet, und das Publikum begab sich unter den Klängen des Kaiser-Friedrich-Marsches in den kleinen Saal, um alsbald, nachdem die Stühle weggeräumt lvaren, in den großen Saal zurückzukehren, wo sich die Jugend bis zu früher Morgenstunde mit Tanzen vergnügte. Frankfurt a. M. Am 23. und 30. November würde im Verein Nachlaß Zivi das Thema der beruflichen Wahl und Berufsbildung vom Standpunkte der jüdischen Lebensanschauung aus behandelt. Ter Referent, Herr M. A. Locb, gab zunächst ein anschauliches Bild von dem Anteil der Juden an den verschiedenen Berussartcn in Deutschland auf Grund der Berussstasistik. An der Hand der statistisch nachgewiesenen Tatsachen beleuchtete der Redner die Vorzüge und Schattenseiten, welche die Beteiligung der gesetzestreuen Juden an den einzelnen Berufsarten in sich birgt. Aus dem reichen Inhalt seiner Darlegungen kann nur Einzelnes hervorgehoben werden. Zunächst ist die bedauerliche Tatsache festzustellen, daß in der Wahl der Branche innerhalb des kaufmännischen Berufes ein konservativer Zug zu Tage tritt, der die Ueberfüllung einzelner einmal eingebürgerter Berufszweige zur Folge hat, während andere, weit größere Aussicht bietende gänzlich unbeachtet bleiben. So ist z. B. das Exportgeschäft, mit Ausnahme von Bremen und Hamburg, in gesetzestreuen Kreisen kaum vertreten, trotzdem grade in dieser nicht mit Stunden sondern mit Tagen und Wochen rechnenden Branche die Beobachtung des Sabbath noch am wenigsten Nachteile im Gefolge hat. Eingehende Betrachtung erfuhr die Frage der Frauenarbeit, die ja auch in gesehestrcuen Kreisen unaufhaltsam weiter Fortschritte macht. Ter Referent hielt es für ein vergebliches und unvernünftiges Bemühen, sich den wirtschaftlichen Notwendigkeiten, die diese Frage gezeitigt, entgegenzustemmen. Tie Darlegungen des Referenten gipfelten in dem Nachweis, daß auf sämtlichen Gebieten wirtschaftlicher Betätigung die Beobachtung des Sabbathcs zwar eine unleugbare Erschwerung des Erfolges herbcigeführt habe, daß es aber sehr wohl möglich sei, diesen äußeren Nachteil durch den Einsatz des vollen beruflichen Könnens und starker sittlicher Kraft wett zu machen. Cs sei namentlich für einen jüdischen Angestellten geradezu eine religiöse Pflicht, an seiner Ausbildung und Fortbildung mit sämtlichen Kräften zu arbeiten, daß er im Stande sei, seinen Mann zu stellen und unter Umständen als Reisender, Agent selbst in solchen Betrieben, die am Sabbath offen halten, gut bezahlte Posten zu bekleiden. Auch der selbständige 'Kaufmann müsse ein scharfes Auge'für alle technischen Fortschritte auf seinein Gebiete haben, um durch deren Anwendung den fehlenden sechsten Arbeitstag nach Möglichkeit hereinzubringen. In der Diskussion wurden die Darlegungen des Redners in;. Allgemeinen gebilligt; sie erfuhren eine Ergänzung nanrentlich nach der Seite der akademischen Berufe. Hier sei es vor allem Pflicht der jüdischen Eltern, baß der studierende Sohn nicht ohne einen Schatz gediegenen jüdischen Wissens in 4)ie geistigen Strömungen eintrete, um ihnen gegenüber in den Studcntenjahren das religiöse Bewußtsein zu betvahren und zu verteidigen. Die beiden Abende dürften in weiteren Kreisen der Mitglieder und Freunde des Vereins außerordentlich anregend gewirkt haben. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktton.) Sehr geehrter Herr Redakteur! In diesen Chanukatagen wurde an mich die Frage gerichtet, warum es Gebrauch sei, an diesem Feste durch Anzünden der Lichtlein, durch Rezitteren der Brochaus stets aufs Neue mit Nachdruck auf die diesem Feste zu Grunde liegenden Gedanken hinzuwcisen. Darauf habe ich die einsach logische, jeder halachischen Erörterung aus dem Wege gehende Antwort gegeben: Es ist dringend notwendig, so nachhaltig als möglich die Gcdankengruppe sich vor Augen zu führen, welche uns bas schöne Chanukafest immer wieder aufs Neue zum Bewußtsein bringt, daß der Jude nicht nach dem Fremden, Autzerjüdischeu zu schielen hat, daß seine Kraft vielmehr einzig und allein in einer dem Gottesgesctze untergeordneten Lebensführung liegt und er nur auf diesem Wege die einzig wahre und ewigklare Gottcserkenntnis findet, die sein Leben adelt. Wie notwendig ein stetes Wiederholen und endliches Erfassen dieses Grundsatzes gerade in unserer Gegenwart ist, zeigt kolgende Begebenheit, der man die lleberschrift setzen könnte: Wir haben's herrlich weit gebracht! In einer hiesigen strengfrommen jüdischen Familie hatte man sich au einem der vergangenen Chanukaabende zu dem traditionellen Spiel und allerhand Kurzweil zusammengefunden. Der altmodische Trendel freilich kam nicht zum Vorschein. Wer ist noch so naiv, sich auf diese primitive Art zu vergnügen? Eine hoffnungsvolle Erwartung spiegelte sich dagegen auf den' Gesichtern der Kinder wider. Die Tür ging endlich auf und es erschien ein täuschend nachgeahmter — Nikolaus, um den Anwesenden reiche Schätze auszuteilen, denn es war an diesem