Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 47 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Inhalt der Beilage: Prolog. — Artikel: Was meine Kinder von Chanuka lernen. — Ein Bund der Sabbathfreunde. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen. — Sprechsaal. — Bücherschau. — Heimat- Kunst. Prolog gesprochen zur Eröffnung der Chanuka-Feier des „Montefiore" - Vereins am 4. d, Mts. Hellerleuchtet sind die Hallen, Gäste kehrten fröhlich ein. Und mein Gruß gilt ihnen allen. Die sich uns'res Festes freuen. Freudig wollen wir begehen Diesen Tag mit (Spiet und Tanz, Der im Geiste ließ erstehen Uns'rer 2lhnen Ruhmesglanz. Der Geschichte Blätter melden Von dem tapferen Geschlecht, Von begeist'rungsvollen Helden, Die gestritten für ihr Recht. Juda's Männer voller Treue Kämpften für die heil'ge Lehr' Und bekundeten auf's neue Einen Gott und keinen mehr.' Und der Herr, auf den sie bauten. War den Treuen Schutz und Hort, Dem die Ahnen fest vertrauten. Dessen Huld währt, ewig fort. Zwar der Tempel ist vernichtet Juda's Heiligtuni dahin. Doch auf's neue ihn errichtet Uns'res Volkes froinmer Sinn. Jedes Haus, es sei ein Tempel Heil'gem Dienste stets. geweih't. Jedes Heim, es trag den Stempel Echter jüdischer Häuslichkeit. Schimmert durch des Winters Dunkel Heute beim Beginn der Nacht, Mit hellleuchtendem Gefunkel Der Chanukalichtleiu Pracht. Soll'n die kleinen Lichter künden Wundertaten jener Zeit, .Flammende Begeist'rung zünden In den Herzen.weit und breit. Gleich den Helden woll'n wir streiten Für des heil'gen Glaubens Recht, Seine Satzungen verbreiten- Jedem künftigen Geschlecht. Hohes Ziel gilt's zu erreichen. Freudig stimmet alle ein: „Nimmer woll'n wir von der Fahne weichen, - Laßt uns Juden, treue Juden sein." Rosa Meyer. Was weine Kinder von Chanuka lernen. Pädagogische Skizze. Wenn der Monat Kislev hcrannaht, richtet sich mein Blick alsbald auf das liebe Chanukafest. Eine mehr als zwanzigjährige Praxis hat mich gelehrt, daß dieser Zeitpunkt nicht zu früh gegriffen ist, wenn die Vorbereitung Anspruch auf Gründlichkeit haben soll. Die Geschichte des Chanukafestes ist gerade für die Gegenwart von tiefgreifendem Werte; es muß daher dem Lehrer daran gelegen sein, die Kinder derart mit dem Stoffe bekannt zu machen, daß ein klares Verständnis des Ganzen einerseits, ein wahres Interesse anderseits erzielt wird. Nimmermehr darf die Angabe des Lichtwunders, das die Kleinen ja so gerne und leicht kapieren, genügen, um eine Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des Chanukafestes darzustellen. Das Kind muß vielmehr den historischen Hintergrund kennen, aus dem das Lichterfest herausgewachsen: die Berührung der Juden mit den heidnischen Hellenen und die daraus hervorgegangene Gefahr für unsere heilige Religion. Das ist das „Was." Selbstverständlich muß aber das „Wie" den geistigen Entwicklungsstand des Kindes wohl beachten und in echt kindlicher Art den Lehrstoff behandeln. Es bedarf hier der nötigen Kleinmalerei, um in der Kindesseele einen Begriff des Gegensatzes zwischen Judaismus und Hellenismus zu schaffen. KeinesdervorhandenenLehrbüchergenügt in dieser Hinsicht. Des Lehrers methodisches Geschick allein vermag hier die Lücke auszufüllen. Und das ist möglich, wenn ständig an moderne Verhältnisse, die das Kind aus Erfahrung und Umgang kennt, angeknüpft wird, also aus dem Wege der Apperzeption, auf dem Wege der Anschauung. Folgende pädagogische Skizze, dürste die Grundgedanken abgeben für den methodischen Aufbau der Geschichtslektion, die sich begreiflicherweise aus mehrere Stunden erstrecken muß. 1. Israel tritt stets mit anderen Erdenvölkern in Berührung und läuft Gefahr, von seinem Glauben abwendig gemacht zu werden. (Israel bei den Egyptern, den Midjaniten, Moabitern usw.) 2. Die Verführung ist leicht, da Israel kleiner und fchwächerist als andere; man richtet sich in der Regel nach dem Stärkeren. 3. Die Verführung ist umso st ä r k e r, wenn sie Frohsinn und Lebensgenuß verspricht, wie es bei den Griechen der Fall war. 4. Nicht alles ist gut und wahr, wasäußerlich sich schön ausnimmt. Israel hat immer nach dem Guten, Wahren und Reinen zu fragen. ö. Wir sollen hierbei Mut und Ausdauer zeigen, auf Spott und Hohn nicht achten, der von der Majorität oft ausgeht. (Noah und Mraham standen einer ganzen Welt Andersgesinnter gegenüber.) 6. Es gibt heutzutage viele Juden, die sich ihres Glaubens, ihres Namens und Stammes schämen, die bei weltlicher Bildung und wegen irdischen Glücks ihr Indentum verleugnen und verlieren. 7. Unser Grundsatz sei: Jose Talinud thora im derech erez, weltliche Bildung mit religiösem Wissen und religiösem Wandel innig zu vereinigen. (Erinnerung an. die Reformbewegung in unserem Baterlande, an den Sieg der Neuorthodoxie unter Führung S. R. Hirsch's.) 8. In unseren Tagen duldet eine milde Regierung die Beachtung unserer Glaubenslehren, weise Fürsten und Gesetze wachen über Israels Religion und schützen sie, im Gegensatz zur Syrerzeit. — Umsomehr haben wir die Pflicht, gesetzestreue Juden zu sein; die Opfer, welche jeder dafür bringt, dürfen ihm nicht schwer erscheinen. 9. Wir beten für das Wohl der Landesregierung. (Das Königsgebet Hanausen tcschuoh, der Spruch in der Mischna: Hispalel bischlaumoh usw., Jirmijahus Brief an die Exulanten nach Babylon.) 10. Gott gab nicht nur die heilige Thora, er erhältsieauchnndschütztsievormUnter« gang! (Unsere Fürbitte um den ewigen Bestand des Gesetzes: Birchas hatauroh, Jekum porkon, das Kadisch al jisroeil, jehi rozaun beim Zusammenwickeln der Thorarolle. Erinnerung an Josua, Samuel, Jostjahu und Esra; Rabbi Jochanan ben Sakkai. — Nebeneinanderstellung des Schovuaus-, Simchas Thora- und Chanukafestes.) Jbri. Ei« Bund der Sabbathfreunde. Am Sonntag, den 4. Dezember, fand in den Räumen des Berliner Arbeitsnachweises die Gründung des „Verbandes der Sabbathfreunde" statt. Ter neue Verband, für den umfangreiche Vorarbeiten seit mehr als einem Jahre im Gange sind, bezweckt eine Zusammenfassung aller Gesinnungstreuen, um mit vereinten Kräften der überhandnehnienden Sabbath-Entweihung entgegenzutreten. Auf wirtschaftlichem Gebiete soll ». a. die Tätigkeit der bestehenden Schomre-Schabbos-Vereine unterstützt und zu ihrer Erweiterung beigctragen werden. Daneben soll in Wort und Schrift die Wichtigkeit der Sabbathgesetze hervorgehoben werden. Tie Organisation ist in folgender Weise geplant: Sitz des Vereins ist Berlin, wo ein ständiger Anschuß die Geschäfte leitet. Oberstes Organ ist das Zentral-Komitee, das sich aus Telegierten der überall zu bildenden Lokal-Komitees zusammensetzt. Ein entsprechender Aufruf wird sofort nach definitiver Feststellung der Satzungen ergehen. An der Konstituierung des Vereins nahmen u. a. die Herren Rabbiner Tr. Eschelbachsr, Tr. M. Hildesheimer und Tr. Munk, von auswärts die Herren Ansbacher -Würzburg und Moritz A. L ö b - Frankfurt a. M. teil. Zum Beitritt sind bereits über 500 Mitglieder aus allen Teilen des Reiches angemeldet. Zum Vorsitzenden wurde Herr Tr. med. Biberfeld -Berlin berufen; für die übrigen Aemter sind die Herren Lazarus und Grade Witz - Berlin bestellt. Hoffen wir, daß der Verband, dem sichein ungeheures Feld segensreicher Tätigkeit eröffnet, die auf ihn gesetzten Erwartungen stets rechtfertigen wird. Aus -er zionistische» Beweg««-. Frankfurt.«. M. Mitteilungen aus dem Bureau des Misrachi für Westeuropa. In Altona hat sich ein Misrachi-Verein gebildet. Tie Herren D r. in e d. F r a n ck. Referendar David, Moritz S. Wolfs, S. Meyer und L. Bloch bilden den Ausschuß des neuen Vereines. Ter VereinChroveveZioninPapa (Ungarn) hat sich für misrachistisch erklärt. Sämtliche zionistischeu Vereine mit misrachistischer Tendenz werden — soweit solches noch nicht geschehen, — dringend ersucht, sich unter Einreichung eines Ramensverzeichnisses ihrer Mitglieder bei uns (Adresse: Redakteur Saly Geis in Frankfurt a. M.) umgehend zu melden. Bon dem Aufruf unseres Präsidenten, Herrn Rabbiner Reines-Lida „Tie ©tirame Zions" ist noch ein Quantum vorhanden und geben wir je l00 Exemplare mit Mk. 1.— (excl. Porto) ab. Frankfurt a. M., 7. Dezember. Im Gegensätze zu der von dem Hilssverein der deutschen Juden und der Berliner Großloge am letzten Montag und Tienstag hier veranstalteten Konferenz zur Organisation der Auswanderung aus Osteuropa, die hinter verschlossenen Türen tagte, hatten sich die zionisttschen Teilnehmer der Konferenz als Gäste der Frankfurter Zionistischen Vereinigung gestern Abend im Hotel Ullmann zu einem Bankett eingefunden, um — wie bei den Zionisten selbstverständlich — vor dem Volke für das Volk zu sprechen. Tie Herren Architekt Oscar Marmoreo-Wien,Direktor Wolffsohn- Köln, Dr. Katzenellensohn-Libau, Dr. Motzkin-Berlin, Schriftsteller und Redakteur Sokolow-War schau, Tr. Klee-Berlin hielten Ansprachen: der Gesamttenor ihrer Worte hat auf die Zuhörer sicher einen tiefen und nachhaltigen Eindruck ausgeübt. (—na) Stuttgart, den 6. Dezember. Am 8. er. hält die hiesige Zionistische Vereinigung im großen Saale des „Europäischen Hofes" eine Makkabäer- Feier ab. Die Festrede, sowie die Rezitation aus Theodor Herzl's Werken hat Herr Julius Simon- Mannheim übernommen. —i— Königsberg t. Pr. Am 20. Nov. hielt Dr. Hoppe hier ein Referat in der zionistischen Bereinigung über „Graf Bülow und der Zioni s m u s." Demselben lag der in diesem Blatte schon abgedruckte Artikel zugrunde, welcher den Inhalt einer Unterredung mit unserem Reichskanzler in Norderney wiedergab, der die Runde durch alle Zeitungen machte. Wenn, wie der Redner hervorhob, die Unterredung mit dem Grafen Bülow richtig wiedergegeben sei, so gipfelt .diese in drei Behauptungen: 1. Palästina ist. eines der unfruchtbarsten Länder, 2. das für eine Kolonisierung in Betracht kommende Material, die Juden des . Ostens, besteht aus „Schnorrern", und ist zur Kolonisierung ungeeignet, 3. eine Kolonisierung in Argentinien verspricht mehr Erfolg. Der Referent machte zunächst auf den Widerspruch zwischen den beiden letzten Behauptungen aufmerksam und suchte dann die Unrichtigkeit der einzelnen Behauptungen, die durchaus keine neuen Gesichtspunkte böten, sondern dem Zionismus von jeher entgegengehalten und wieder-