Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 47 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4. gehört seit einem halben Jahrhundert Berlin an. Er kam, nachdem er das heiinische Gymnasium in Gnesen durchgemacht hatte, als Student nach Berlin, wo er sich auch 185J3 als Arzt niederließ. Aber an der Ausübung der Praxis allein fand er kein Genügen. Es drängte ihn. an der wissenschaftlichen Arbeit teil zu nehmen. Damals stand in Berlin Johann Ludwig Casper als Lehrer und Forscher in hohem Ansehen. Ganz allein durch seine Person hatte er der gerichtlichen Medizin eme allgemein geschätzte Stellung.verschafft. Ihm schloß sich Senator zunächst an. Gerichtsärzlliche Studien, die unter Caspars Augen entstanden waren, trugen Senator die erste wissenschaftliche Anerkennung ein. Nach dem Tode Caspers änderte Senator die Richtung seines Arbeitsgebietes und wandte sich der experimentellpathologischen Forschung zu. Der erste Erfolg, den Senator nach außen erzielte, war seine Zulassung zur Dozentur an der Universität im Jahre 1868. Im Jahre 1875 wurde er zur Leitung der inneren Abteilung des Augusta- Hospftals berufen. Damft erhielt er zum ersten Male die Gelegenheit, sich als Hospitalarzt zu betätigen und unter den günstigen Bedingungen eines Krankenhauses der wissenschaftlichen Forschung obzuliegen.' Ein wie sehnlicher Wunsch Senators dadurch erfüllt wurde, das beweist ein Umstand; aus den französischen Kriegslazaretten (Senator erwarb im deutsch - französischen Kriege das Eiserne Kreuz) brachte Senator eine längere Reihe von llinischen Beobachtungen zur Lehre vom Wärmehaushalt mit, die er später gut verwerten konnte. Mit der Stelle eines leftenden Arztes am Augnsta-Hospital zugleich erhielt Senator eine außerordentliche Professur und später — 1881 — die Stelle eines leftenden Arztes in einer Abteftung für innerlich Kranke der Charite. 18 88 wurde Senators Lehrtätigkeit auf eine noch breitere Grundlage gestellt. Nach dem Tode Josef Meyers wurde Senator Direktor der medizinischen Universitätspoliklinik, der ällesten klinischen Lehranstalt der Universität. Die wissenschaftliche Arbeft Senators ist sehr weft angelegt. Seiner Neigung für experimentellpathologische Studien ist Senator alle Zeit treu geblieben. Eng damit verknüpft sind seine Beiträge zur Physiologie und zur physiologischen Chemie. Ten breitesten Raum aber nehmen in seinen Veröffentlichungen die Studien zur llinischen Medizin ein. Gemeinsam ist der gesamten wissenschafllichen Arbeit Senators ein strenger Kritizismus und eine strenge Objektivität. Seft 1899 hat Senator eine ordentliche Honorarprofessur^inne. Aus seiner Schule ist eine Reihe von Klinikern hervorgegangen, die in der Wissenschaft sich Anerkennung erworben haben. — Am Sonntag vereinigten sich Wordnungen der Behörden, wissenschaftlichen Körperschaften und des Schülerkreises, um dem Jubilar Ehrungen zu erweisen. Namens der Medizinalabtellung des Kriegsministeriums waren der Generalstabsarzt der Armee Prof. v. Leuthold und Generalarzt Dr. Schjerning, namens der Charitö, deren Verbände Senator seit 1881 angehört, die Charftsdirektoren Generalarzt Scheibe und Geheimrat Pütter erschienen. Ae Glückwünsche der Berliner medizinischen Gesellschaft, in deren Vorstand Senator sitzt, Lberbrachte der Vorstand mft Prof. v. Bergmann an der Spitze. Hierzu gesellten sich die Abordnungen des Vereins für innere Medizin unter Professor v. Leydens Führung, der Hufelandschen Gesellschaft unter Prof. Liebreich, Her Gesellschaft der Charftöärzte unter Generalarzt Tr. Scheibe. Die drei zuletzt genannten Gesellschaften überbrachten Prof. Senator seine Ernennung zum Ehrenmitgliede ihrer 'Vereinigungen. Besonders zu gedenken ist der Gllickwunschdarbietung, wozu sich der engere Schülerkreis Senators, sowie die jetzigen und einstigen Mitarbefter zusammen getan haben. Sie überreichten einen Sammelband mft wissenschaftlichen Abhandlungen und haben eine Büste ihres Meisters gestiftet, die in der jetzt im Bau befindlichen dritten medizinischen Klinik aufgestellt werden soll. Ta»« (Rhön). Letzten Freftag haben wir ein ehrwürdiges Mitglied unserer Gemeinde, Herrn Benjamin Freudenthal I. im Mer von fast 8t Jahren zu Grabe getragen. Ter Verstorbene hatte ein Menschenalter hindurch mft allen Fasern seines Lebens für seine Gemeinde als Vorsteher gewirkt und sich besonders beim Synagogenbau große Verdienste erworben. Herr Lehrer Hecht, sowie der Enkel des Verstorbenen, Herr Jsak Heilbronn, hielten am Grabe einen warm empfundenen Nachruf. Budapest, 30. Nov. Der Titel eines kgl. Ungar. Hofrats wurde taxfrei verliehen dem Vizepräsidenten der Budapester Notariatskammer Dr. Philipp Weinmann, als Anerkennung seiner auf dem Gebiete der öffentlichen Angelegenheiten und als königlich öffentlicher Notar erworbenen Verdienste. Budapest. Der Chef der Kriminalpolizei Sektionsrat Dr. Ludwig Farkas ist zum Oberstadthauptmann-Stellvertreter der Staatspolizei in Budapest ernannt worden. Budapest» 28. Nov. Bei den königl. ungarischen Staatsbahnen wurde ernannt zum Oberinspektor der , Inspektor Moriz Maurer. Frmckftlrter JsraÄitischS FauMenblatt, Kinder «userer Zeit. Roman von Jacob Levy. Kapitel 1. Es ist im Jahre 189*, ein Sommernachmittag. Der Park zu Badenweiler ist mit geputzten Menschen gefüllt. Die Kurmusik läßt ihre Weisen ertönen. In der Nähe an der Restauration, ist ziemliches Gedränge, alles amüsiert sich und flirrtet. Vor der großen Nußbaumallee zweigen sich die Wege ab, die nach. dem Innern des Parks führen. Je weiter man kommt, desto menschenleerer wird es. An einem Plätzchen war es still und heimlich, wie mitten im Walde. Dort standen hohe. Mächtige Tannen im Kreise. Um einen runden Tisch waren Bänke aus Naturholz angebracht. Ter Schatten der Bäume war so dicht, daß es.trotz der' sengenden Julihitze auf diesem Plätzchen kühl und frisch war. Auf der Bank saß eine Dame in mittleren Jahren, trotz der Hitze in einen großen Plaid gehüllt. Neben ihr war ein Herr mft leicht ergrauendem Haar und energischen Zügen, eine Zeitung lesend, bequem zurückgelehnt. Auf der anderen Bank faßen ein Jüngling von etwa siebzehn Jahren und ein vielleicht ein Jahr älteres Mädchen, -der Jüngling mißmutig in die Luft starrend, das Mädchen stickend. "Ar junge Mann rief plötzlich: „Ich wünsche, ich wäre zu Hause, hier ist es doch gar zu langwellig." Ter Vater sah ihn an. „Hier ist's doch wunderschön, Du bist undankbar." „Gewiß wunderschön, aber ich komme doch nur in die Berge, wenn ich mft Euch Wagentouren mache. Erlaube doch, daß ich mit Erna Ausflüge mache, die Berge besteige." Er sprang auf, reckte seine schlanke Gestalt und holte tief Atem. „Die anderen jungen Leute, die ihre Angehörigen hierhin begleitet, machen die schönsten Ausflüge, sehen soviel und haben soviel zu erzählen. Das könnten wir doch auch!" Der Vater fragte langsam: „Haben denn die jungen Leute aus unserer Pension Ach schon zu ihren Touren eingelaben?" „Nein," sagt der Jüngling mit blitzenden Augen, „die verkehren mit keinem Juden; am Tage unserer Ankunft haben sie das unter unserm Fenster besprochen, sie wußten allerdings nicht, daß ich im Zimmer war. Wir haben es ihnen aber auch leicht gemacht, gelt Erna? Sie sind Luft für uns, Luft, und sie möchten jetzt zu gern mft uns verkehren, sie grüßen Erna immer so artig. Wir brauchen aber niemanden, lasse unS doch die herrliche Gegend genießen, und Du gehst mft uns, lieber Vater, einer von uns bleibt selbstverständlich bei der lieben Mutter." Me Mutter sagte in langsam schleppendem Ton: „Me Unruhe würde mich verzehren, wenn ich die Kinder ofllein in den Bergen wüßte, hoffentlich bekommen sie doch noch passenden Anschluß." Erna bemerkte unmutig: „Heinrich ist gar zu eigensinnig. Me Herrschaften kannten uns doch nicht, wie sie die unüberlegte Bemerkung machten, sie sprachen nur von den unangenehmen Juden, die sich auch hier so auffällig machen. An uns hätten sie gar so gern Anschluß." „Woher weißt Tu das denn?" „Heute morgen fragte mich noch beim Konzert Fräulein Rode, die mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, einem Assessor, hier ist, geradezu weshalb wir uns so absonderten. Ebenso ungeniert sagte ich ihr den Grund. .Sie lachte laut und meinte, ob ich denn glaube, daß wir zu der Kategorie Juden gehörten, von denen sie geredet und mit denen auch wir nichts zu tun haben wollten. Sie stellte mir ihren Bruder vor, und er erklärte genau dasselbe. Er lud mich sofort zu ihren Touren ein und will seine Mutter und sich noch heute mft Euch bekannt machen. Heinrich wlll sich nun nicht anschließen, und dann muß ich auch fern bleiben." Der Vater sagte kurz: „Heinrich hat recht." Me Mutter aber, plötzlich lebhaft geworden, bemerkte in scharfem Tone: „Ich bin ganz anderer Ansicht. Heinrich hat keinen Grund, sich fern zu halten. Me Leute wollen augenscheinlich mit den Juden nicht verkehren, die auch uns zuwider sind, und ich fteue mich um den Anschluß für die Kinder." Ihr Gatte erwiderte: „Vorläufig sollen die Kinder allein spazieren gehen, Ihr habt Urlaub bis heute Abend." Erna fragte erst in liebevollem Ton, ob Mutter sie solange entbehren könne, und dann eilte sie mft ihrem Bruder fort. Kaum waren die jungen Leute verschwunden, erhob sich die junge- Frau aus ihrer liegenden Stellung und sagte in scharfem Tone: „Heinrich muß seine übergroße Empfindlichkeit unterdrücken lernen. Me sollen wir den von mir so ersehnten Verkehr mft gebildeten Christen anbahnen, wenn wir uns so ängstlich zurückhalten. Wie können die Leute ein» sehen, daß wir ihnen an Bildung und Charakter ebenbürtig sind, wenn wir uns in ein selbstgeschaffenes Ghetto zurückziehen?" Nr. 47. „Ich wünsche die Assimilation« eben so sehr wie Du, wir können sie aber nicht erzwingen. Wir wollen uns nicht aufdrängen und lieber mit unseren Glaubensgenossen verkehren." Sie lachte höhnisch. „Mso muß ich mit Jtzig und Schmuhl spazieren ^ehen. Nicht über die Straße gehe ich mit den Leuten, ine sich hier so auffällig machen. Uebrigens hege ich keinen blinden Haß gegen unsere Glaubensgenossen. Wir wollen morgen, Samstag, in einem jüdischen Hotel speisen und passenden Verkehr, besonders für die Kinder anzubahnen suchen." Ihr Mann lachte. „Dieser Vorschlag ist die reinste Malice. Doch es sei." Sie seufzte. „Ta ich doch nicht lange mehr zu leben habe, wäre es ein tröstendes Bewußtsein für mich, wenn die Kinder als gleichwertige Mitmenschen in der christlichen Gesellschaft ausgenommen würden und nichts von dem unseligen Judenhaß zu leiden hätten." Berger sagte beschwichtigend zu seiner Frau: „Mine Furcht vor dem Judenhaß ist sehr übertrieben. Uebrigens schickte ich die Kinder fort, weil ich etwas mit Dir zu besprechen habe. Du weißt, daß ich nicht an Min Lungenleiden glaube." Sie fuhr auf, er beschwichtigte mit per Hand. „Bitte, laß mich ausreden. Min Hausarzt, der Mine Abneigung vor einer Untersuchung kennt, tappt einfach im Dunkeln. Ich sprach nun schon vor acht Tagen mit meinem Freund Doktor Weil über Dein Leiden, und er beobachtet Mch seitdem. Er glaubt nun auch, daß kein Symptom auf ein Lungenleiden schließen läßt, muß Mch aber selbstredend untersuchen. um eine genaue Diagnose stellen zu können-. Obgleich er zu seiner Erholung hier ist und nicht an seinen Beruf denken soll, will er doch bei Dir eine Ausnahme machen und erwartet Mch um sechs Uhr." Herr Berger fuhr diplomatisch fort: „er sei ein -solcher Bewunderer Mines Geistes, daß er nur für Dich diese Ausnahme macht." In Wahrheit jedoch spielte sich die Unterhaltung mit dem jungen Arzt etwas anders ab. Er, mit dem Herr Berger jeden Abend ordentlich gekneipt, sagte: „Ich begreife den Kollegen nicht, der Ihre Frau als Brustkranke behandelt. Wer so ausgiebig ißt, so laut und ungezwungen spricht, solche elastische Bewegungen macht, wenn er nicht eben an sein Leiden denkt, der kann nicht brustleidend sein. Nun, wir werden ja sehen, ich verspreche mir das beste." „Nun," erwiderte Frau Berger seufzend, „so mag dieser Arzt mich auch noch quälen." Pünktlich um sechs Uhr traf das Ehepaar Berger den jungen Arzt im Garten der Pension. Mit einer tadellosen Verbeugung reichte er der -Dame seinen Arm und führte sie ins Haus. Dann bat er Herrn Berger, ihn mit seiner Frau allein zu lassen. Nun verwandelte sich der muntere junge Herr in den ernsten Mann der Wissenschaft. Er hörte die endlosen Klagen der Frau schweigend an, nur selten eine Fratze dazwischenwerfend. Tann aber untersuchte er die Frau aufs gründlichste. Nach Beendigung ließ er den Mann hereinkommen und gab nun sein Urteil ab. „Me Brust und Lungen der gnädigen Frau sind ganz gesund, nur durch die harte Winterkampagne vielleicht etwas gereizt," setzte er mit seinem Lächeln hinzu. „Keine Medizin, sondern naturgemäß leben. Früh zu Bette gehen — besonders im kommenden Winter, gnädige Frau, viele Milch, viele Spaziergänge, bald Badcnweiler verlassen und sich auf Fußtouren nicht schonen. Dann sind Sie so gesund wie der Fisch im Wasser. Also im Winter das gesellschaftliche Leben beiseite, keine Aufregungen und um zehn Uhr zu Bett." „Aber Herr Doktor, ohne geistige Anregung verkümmere ich. Wie kann man denn als gebildete Frau, als Kind seiner Zeit existieren, wenn man nicht durch Theater, Vorlesungen, neue Literaturseinen geistigen Horizont erweitert." Der Doktor stand hastig auf und ergriff seinen Hut. „Gnädige Frau, ich kann Ihnen nur wiederholen, daß alles das, was Sie jetzt gerühmt, geradezu Gift für Sie ist. Ich glaube übrigens, daß eine Frau,, die solch, prächtige Kinder hat, auch ohne geistigen Horizont leben kann und sich vor allem ihrer Familie gesund erhalten muß. Empfehle mich Ihnen!" und hinaus.war er. Me Frau sagte: „Ich habe Vertrauen zu diesem Arzt und glaube in der Tat, daß ich ein schweres Leiden mir nur eingebildet habe. Jetzt, wlll ich gesund sein und marschiere überall mid iEüch hin." „Das ist Recht, mein liebes Kind," erwiderte Berger vergnügt. Kapitels. Andern Tags erinnerte Berger seine . Frau an ihren Vorsatz, heute zur Abwechselung einmal koscher zu essen, und die Familie begab sich in ein jüdisches Hotel. Ein lautes Stimmengewirr ertönte in dem Saal, es waren über hundert Gäste anwesend.- Me Stammgäste liefen durcheinander und begrüßten sich; die jungen Mädchen, die sich vielleicht noch vor einem Stündchen gesehen, eilten zusammen und hatten die wichtigsten Neuigkeiten auszutauschen. Die:- neu angekommenen jedoch, zu denen auch die Familie Berger gehörte,. wurden vom Wirte, pardon Hotelbesitzer — empfangen und „ängereiht". Bald saß alles. Me Suppe wurdx. schweigend, verzehrt. .