Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 47 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47. Frankfurter JfraeMMS F-mMenAaL Seite 3. ihrer Behauptung, daß das Judengemetzel von Kischiitem. eine antirussische Bewegung unter den Juden hervorgerusen habe. Sie verstehen aber darunter, wie sie ausdrücklich bezeugen, nur die sozialdemokratische Agitation. Antirussisch soll sie aus dem Grunde sein, weil sie sich — gegen die Behörden (!!) richtet. Im übrigen erinnert die Gerichtsverhandlung vielsach an Kischinew. Die Beweisausnahme ist durch das Verhalten der Gerichtskammer und insbesondere des Vorsitzenden sehr, erschwert. Sie sind entschieden parteiisch und der Verteidigung gegenüber noch rücksichtsloser als Herr Dawydow in Kischinew. Infolgedessen gibt es täglich sehr peinliche Konslickte im Gerichtssaal. Ueber eine Aufsehen erregende Szene währenddesZeugenVerhöres berichtet das „Berliner Tagbltt." wie folgt: Der mit so großem Interesse in Rußland und auch im Auslande verfolgte Prozeß über die Judenkrawalle in Homel hat durch die überraschenden Aussagen eines Zeugen eine Wendung, genommen, die nicht verfehlen wird, überall das größte Aufsehen zu erregen und selbst den verstocktesten Antisemiten in Rußland die Augen aufzureißen,' wohin die künstlich angefachte Judenfeindschaft führen muß. Die folgende Szene, die sich inr Gericht zugetragen hat und in der letzten Nummer der der russischen Zensur unterliegenden „Novosti" geschildert wird, ist für die Art und Weise, wie Anklagen gegen die Juden in Rußland geschmiedet und „verteidigt" werden, so charakteristisch, daß ein Kommentar überflüssig erscheint. Zur Erläuterung des Folgenden müssen wir noch vorausschicken, daß die selbst in Rußland als parteiisch bezeichnete Anklageakte sich hauptsächlich auf die in der Voruntersuchung vor dem Untersuchungsrichter gemachten Aussagen gewisser Zeugen stützt, daß die Juden auf die Menge und das Militär geschossen hätten. Einige Soldaten, darunter der Soldat Tschebotajew, sollen sogar nach dem Protokoll des Untersuchungsrichters diese. „Schützen" nachträglich wieder erkannt haben, so zum Beispiel den auf der Anklagebank sitzenden Schlesinger. Und nun höre man, was derselbe Tschebotajew vor Gericht aussagt: Zeuge Tschebotajew erklärt, er habe in der Schloßstraße gehört, daß jemand geschossen habe; wer es getan, wisse er nicht. — Vorsitzender: Waren es Juden oder Russen? — Tschebotajew: Es war da viel Volk. Juden und Russen. — Auf eine bezügliche Anfrage des Staatsanwalts wiederholt Tschebotajew, daß er nicht wisse, wer geschossen hat. — Rechtsanwalt Sokolow: Was hat Ihre Kompagnie (die nämlich die Juden schützen sollte) getan? Tschebotajew: Sie stand (!) an der katholischen Kirche und trieb die Menge auseinander. — So ko kow: Hebräer und Russen? — Tschebotajew: Alle, die dort gestanden hatten. — Sokolow: Haben Sie gesehen, wie man die jüdischen Jahrmarktsbuden und die darin aufgespeicherten Wassermelonen vernichtet hat? — Tschebotajew: Später erst (damit wird zugegeben, daß das Militär nur dahin ging, wo schon das 'Zerstörungsweri verrichtet war. . .) bemerkte ich im Vorübergehen die zerstörten Marktbuden. — Sokolow: Was haben Sie noch gesehen?.— Tschebotaj e w: Nichts. — Staatsanwaltsgehilfe: Tie Marktbuden waren' zerstört? —Tschebotajew: Zu Befehl, zerbrochen. Ein Jude rief uns auch an, indem er sagte: „Meine Melonen wurden zerschlagen." — Staatsanwalt: Haben Sie die Melonen in den Buden gesehen? — Zeuge: Zu Befehl, ich habe sie gesehen. — Biel? — Viel. — Staatsanwalt: Also sind die Melonen nicht geraubt worden? — Zeuge: Ich kann es nicht wissen. — Staatsanwalt: Waren die Dächer zerbrochen? — Zeuge: Nein. — Und die Wände? — Ich weiß es nicht mehr. — Lagen' die Melonen zerstreut auf dem Boden umher? — Ja. die Türen waren zerbrochen und die Melonen lagen auf dem Boden umher. Ter Zeuge, befragt über die Anteilnahme Schlesingers, macht Aussagen, die schnurstracks seinen vor dem Untersuchungsrichter zu Protokoll gegebenen Erklärungen widersprechen. Ter Zeuge sagt jetzt bestimmt aus, er hätte überhaupt nicht Schlesinger, an dem Orte des Verbrechens gesehen. Tas Gericht verliest das Protokoll des Untersuchungsrichters und stellt den krassen Gegensatz fest zwischen den belastenden Aussagen des Zeugen vor dem Untersuchungsrichter und der entlastenden vor dem Gericht. Vorsitzender das Gerichtshofes: Haben Sie so bezeugt, wie das Protokoll des Untersuchungsrichters lautet? — Zeuge: Nein, durchaus nicht so. —Vorsitzender: Nein??? — Zeuge: Nein, nicht so. — Vorsitzender: Wie ist das geschehen? Hat der Untersuchungsrichter Ihre Aussagen nicht richtig verzeichnet? — Zeuge: Kann's nicht wissen. — Vorsitzender: Hat Ihnen der Untersuchungsrichter das Protokoll über Ihre Aussagen vorgelesen? — Zeuge: Zu Befehl, vorgelesen. — Vorsitzender: Warum haben Sie denn das Protokoll unterschrieben, wenn es nicht Ihren gemachten Aussagen entsprach? — Ter Zeuge schweigt, cs fällt ihm sichtlich schwer, eine gerade Antwort zu geben. — Rechtsanwalt Basunow (Schlesingers Verteidiger) fährt fort, den Zeugen um eine Erklärung zu bitten, weshalb , er denn vor dem Untersuchungsrichter speziell gegen Schlesinger solche belastende Aussagen gemacht hat, und erhält darauf die' ganz unerwartete, alle überraschende Antwort des Zeugen: Mein Kompagniechef hat mir befohlen, so aus zu sagen. . . . Dieses naive Geständnis des Soldaten wirkt geradezu niederbrückend auf alle. Basunow: Ihr Kompagniechef befahl Ihnen, so zu sagen? —Zeuge: Zu Befehl. — Basunow: Sie machten also Ihre belastenden Aussagen entsprechend den Weisungen Ihres Kompagniechefs? — Zeuge: Ia. — Basunow: Wann hat er Ihnen befohlen? — Zeuge: Während des Verhörs vor dem Untersuchungsrichter. — Basunow: Er war dabei? — Zeuge: Ja. — Staatsanwalt: Was hat Ihnen der Kompagnieches gesagt? — Zeuge: Er sagte: „Bezeuge, daß Du ihn (Schlesinger) g e s e h en ha st." Wir glauben dem Berichterstatter, daß eine solche vernichtende Aussage eines Soldaten über seinen Vorgesetzten deprimierend selbst auf den parteiisch angehauchten Gerichtshof gewirkt hat. Kischinew. Der wegen seiner Gerechtigkeit sehr beliebte Gouverneur von Bessarabien, Fürst Serge i D m i t r i j e w i t s ch U r u s s o w, ist nach kurzer Amtstätigkeit nach Twer versetzt worden. Zur Abschiedsfeier waren aus allen Städten und Dörfern Bessarabiens Wgesandte jüdischer Gemeinden nach Kischinew gekommen. Tie Feier fand am 25. November in der Chor-Synagoge statt. Um 1 Uhr erschien im Tempel der Fürst mit seiner Gemahlin und seinen Kindern. Nach dem Begrüßungsgebete überreichte der Prediger Kotlowker dem Fürsten als Geschenk der jüdischen Gemeinde eine Prachtausgabe des Alten Testamentes in russischer Uebersetzung. Ter Fürst nahm die Bibel mit Tank und beinerkte in seiner Ansprache u. a. folgendes: „Sie haben begriffen, daß die Wildheit und Bestialität, die im vorigen Jahre in Kischinew Ausdruck fanden, jeden ehrlichen Russen empören mußten, und Sie haben auf den Vertreter der Regierung — der Sie nicht zu schützen vermochte — das natürliche Gefühl des Verletztseins und der Empörung über den schändlichen Ausbruch der Leidenschaften, hervorgerufen durch Haß einzelner Personen und unterstützt von bösen Instinkten der Masse, nicht übertragen. Noch mehr. Sie drücken mir jetzt Ihre Dankbarkeit aus, an deren Aufrichtigkeit ich nicht zweifeln kann, für einfachste Pflichterfüllung und Gerechtigkeit, die!a für jeden Menschen selbstverständlich sind. Indem ich die Wünsche des Herrn Predigers beantworte, bemerke ich, daß es mir höchstwahrscheinlich noch beschieden sein wird, an Arbeiten, welche die jetzige Stellung der Juden betreffen, teilzunehmen. Wollen wir hoffen, daß diese Lage sich zum Guten wenden wird und daß wir, indem wir für das Wohl des Vaterlandes arbeiten, auch zur Besserung des Ihrigen beitragen werden." Berlin. Die Ursachen der Homeler ExzesseinantisemitischerBeleuchtung. Tie „Kr.-Ztg." schreibt aus Petersburg: Der Prozeß wegen der Ausschreitungen gegen die Juden in Homel, der vor einiger Zeit verhandelt wurde, hat die öffentliche Aufmerksamkeit wieder auf diese im Westgebiete belegene Stadt und ihre eigenartigen Verhältnisse gelenkt. Homel besitzt gegenwärtig etwa 50 000 Einwohner, und ein großer Teil ist jüdischer Herkunft. Letzterer Umstand ist namentlich darauf zurückzuführen, baß den Juden das Niederlassungsrecht im Stadtgebiete verboten war und sie sich infolgedessen in der Stadt selbst zusammendrängten. Homel ist für wirtschaftliche Zwecke durch die Nachbarschaft eines schiffbaren Nebenflusses des Dnepr und der Eisenbahn, welche die Verbindung mit Warschau, Wilna, Kiew, Moskau und Charkow vermittelt, günstig gelegen. Die Juden in Homel haben das ausgenutzt, und mit Glück und Geschick ihren Handel betrieben. Sie sind die wohlhabendsten Kaufleute in der Stadt geworden und die Bevölkerung ist von ihnen mehr oder weniger in Whängigkeit. Allerdings gibt es dort auch arme Juden, die in recht bedrängten Verhältnissen leben, aber das sind nur im Verhältnis wenige. Allmählich hat sich in Homel auch eine sogenannte jüdische Jntelligenz herausgebildet, die sich aus Aerzten, Rechtsanwälten. Lehrern usw. zusammensetzt. Tiefe „Intelligenten" werden von der Judenschaft als ihre Führer angesehen. Tas ununterbrochene Wachstum des Einflusses der Juden in Homel hat nun allmählich einen starken Gegensatz zwischen ihnen und der christlichen Bevölkerung. hervorgerufen. Tie letztere war nicht willens, sich unbedingt allem zu unterwerfen und alles zu tun, was die Semiten wollten und bestimmten. Tas einfache Volk, sei es jüdischer, oder russisch-polnischer Herkunft, hat sich allerdings vertragen, aber die höheren Klassen, soweit sie dem Judentum nicht angehörten, empfanden diesen Zustand immer drückender, und darauf ist wohl auch indirekt der Ausbruch der bedauerlichen Ausschreitungen zurückzuführen. Was nun die augenblickliche Lage anbelangt, so scheint sich der Gegensatz keineswegs gemindert, sondern weit eher verschärft zu haben. Die Berichte stimmen alle darin überein, daß gerade nach den Tumulten der Uebermut des Protzentums bei den Juden in unangenehmster Weise hervorgetreten ist. ,Lomel ist unser,, wenn wir wollen. so können wir es kaufen," diese und ähnliche Aeußerungen kann man oft genug hören, und sie wirken natürlich in hohem Maße verletzend und aufreizend. Aus diesem Grunde ist es nicht undenkbar, daß in Homel nächstens wieder antijüdische Tumulte ausbrechen. Wem aber die Hauptschuld dabei zufällt, ist nicht schwer zu erraten. Es kommt aber noch ein weiterer Umstand hinzu, der die Lage in Hömel in letzter Zeit bedenklich erscheinen läßt. Die Stadt ist nämlich ein Mittelpunkt der revolutionären Propaganda im Westgebiete geworden. Tort werden nicht nur viele aufrührerische Proklamationen verteilt, sondern sie werden auch verfaßt und gedruckt und von Homel aus weit ins Land verbreitet. Taß die Juden aber zu den Sozialrevolutionären Beziehungen unterhalten, ist zu bekannt, als daß man darüber noch ein Wort zu verlieren brauchte. Wenn das nicht gemäß dem Gebote: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist, was dann? Großbritannien. London. Lord Hindlip, der von einer sechsmonatlichen Reise durch Britisch-Ostafrika zurückgekehrt ist, berichtet, daß die Aussichten für die weitere Entwicklung vollauf befriedigend seien. Bor alleni erhoffe man viel von der erwarteten Unterstellung Ostafrikas unter das Kolonialamt. Ter bedeutende Stamm der M a s a i — Hauptmann Mercker hat diesen Stamm erforscht und sagt ihm in Religion und Sitte viele Anklänge an das Judentum nach — neige leicht zu Unruhen und habe man ihm deshalb das Likipia-Plateau als festen Bezirk angewiesen, um ihn dort zu lokalisieren. Nach den nunmehrigen Tispositionen würde sich der Stamm in kurzer Zeit beruhigen und eine andere Lebensweise annehmen. Tie Arbeiterrekrutierung aus den eingeborenen Stämmen lasse sehr viel zu wünschen übrig; viele Stämme wollten überhaupt nicht arbeiten. Bei den jetzigen Verhältnissen reiche der Ersatz noch aus, bei fortschreitender Entwicklung werde sich aber bald eine Arbeiternot bemerkbar machen und die Frage in ein ähnlich ernstes Stadium rücken, wie in Südafrika. Tie Zuwanderung der Indier sei eher bedenklich als befriedigend. Unter den jetzigen Zuständen werde das Protektorat gewissermaßen mit großer Schnelligkeit indisch, und indische Händler hätten in manchen Zweigen ein absolutes Monopol. Tas für jüdische Kolonisten reservierte Gebiet sei noch immer geschlossen und da man auch jetzt noch nichts von einer Zuwanderung von Zionisten vernehme, so fange man bereits an, sich zn fragen, wie lange denn noch Landstriche ungenützt liegen bleiben, sollen, die zu den gesündesten und fruchtbarsten' des Landes gehören. Mombasa, das große Fortschritte mache, sei ein sehr wertvoller Hasen und dies nicht nur für Britisch-Ostafrika. Es sei nur nötig, eine gute britische Tampferlinie zu schaffen, um billigere Frachtsätze zu erzielen. Vor allem müsse aber die Ugandabahn bald ausgebaut werden, welche drei Zweigbahnen brauche. Eine müsse von Mombasa die Küste entlang nach dem Tana laufen, um den beträchtlichen Küstenverkehr aufzunehmen und die wichtigen, zu entwickelnden Distrikte am Tana zn eröffnen. Ein zweiter Zweig soll von Boi an der Ugandalinie nach Kilimandscharo geführt werden, um mit den deutschen Gebieten die Verbindung herzustellen und ein dritter von Nairobi durch den Kikuyu-Distrikt, denn dort werde das Land bereits bis zu einer Ausdehnung pon dreißig Meilen nördlich jenseits der Ugandabahn in Arbeit genommen. Frankreich. Paris. 5. Dezember. Der Berichterstatter der Konkordats-Kommission der Kammer, Briand, hatte eine lange Unterredung mit Comb e s, der mehrere wichtige Aenderungen an der Vorlage zur Trennung von Staat und Kirche zugestand, um deren Zustandekommen im Plenum zu erleichtern. Unter anderem willigte der Ministerpräsident ein, daß die protestantischen und israekitischenKultns-Vereine zur Bildung von Verbänden nicht auf die Grenzen der Tepartements beschränkt sein sollen. Personalien. Darmstadt. Anläßlich des Geburtstages des Großherzogs wurde dem ehemaligen Landtagsabgeordneten Herrn Fabrikant Wilhelm Langenbach der Charakter als Kommerzienrat verliehen. Herr Langenbach ist Jude und ein sehr wackerer Kämpfer gegen den Antisemitismus. Berlin, 5. Dez. Heute ist hier nach längerem Leiden Dr. med. Kurt Frendenberg gestorben. Frendenberg, der auf dem Boden der Sozialdemokratie stand, wurde 1900 in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Mit Eifer und Geschick widmete er sich der sozialpolitischen Arbeit. Namhaste Dienste leistete er den Berliner Krankenkassen. Als einer von den ärztlichen Beratern der Zentralkommission der Krankenkassen half er tatkräftig, die Leistungen der Krankenkassen für ihre Mitglieder zu erhöhen. Berlia. Hermann Senator, der diese Woche seinen siebzigsten Geburtstag seierte.