Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 47 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692405--01283-2695777- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
. Seite 2. Frankfurter JsraeMscheS Familienblatt. Nr. 47. Soll doch das Makkabäekblut nicht umsonst für uns geflossen sein! Wir sollen uns ihrer würdig zeigen! Auch wir wollen kämpfen: für unser Volk und unser Land. Zündet an-die Lichter! Die grSseteAnswahl in Terracotten, Bronzen,elektr. Lampen u.-viele Neuheiten kunstge werbL Erzeugnissen bietet die Firma Hook & Schiiudube, Hier, Steinweg 7. Aus aller Welt. Deutsches Reich. —i— Berlin. Die jüngst verstorbene Rentiere Frau Johanna Simon geb. Salinger, Witwe des Mitbegründers der ehemaligen Getreidefirma S. und M. Simon, hat testamentarisch verfügt, daß aus ihrer Hinterlassenschaft eine Million Mark zur Errichtung eines interkonfessionellen (!) Waisenhauses verwendet werden soll. Berlin. Die »Berliner Zeitung" schreibt: Alles in Ordnung! Ter Hilfsvercin deutscher Juden hat eine Verfügung der Herren Ballin und Genossen herbeigeführt, wonach die Untersuchung der Auswanderer auf ihren Gesundheitszustand nicht mehr wochenlang dauern soll, wie bisher viclsach, sondern „möglichst schnell" erledigt werden soll. Tamit sind, so versichert die Königsberger Hartungsche Zeitung, die Mißhelligkeiten bei der Behandlung der russischen Auswanderer völlig beseitigt. Es giebt doch noch zufriedene Gemüter in der Welt. Was diejenigen Auswanderer, die partout nicht mit Ballin fahren wollen, in Westrußland erleben, und was die Polizei mit den „unerwünschten Auswanderern" macht, das verursacht deip Königsberger Blatt anscheinend nicht den geringsten Kummer. (y) Köln. Die beschlossene Einführung d e r O r g e'l in unserer neuen Synagoge hat bereits eine Anzahl Männer veranlaßt, aus der Gemeinde auszutreten. Sie wollten die Einführung nicht abwarten, weil sie doch noch zwei Jahre am Budget mitbezahlen müssen und dies nicht länger zu tun beabsichtigen, als absolut notwendig ist. Diese Männer haben zwei Zimmer gemietet und darin eine vollkommene Synagoge eingerichtet. Herr Dr. Wolfs ist der Rabbiner dieser lleineu Gemeinde. München. Bayern in Deutschland voran! Ter Reichskanzler Graf Bülow ist diesmal wieder Lügen gestraft worden. Wer nicht von Bebel. „Deutschland in Europa voran, Preußen in Deutschland voran" sagte er. Die bayerische Regierung straft ihn Lügen. Wie unkollegial, wie respeitlos, preußisch-junkerliche fossile Anschauungen zu Schanden zu machen. Horribile dictu. Es gibt in — Bayern jüdische Reserveoffiziere. So hat der Prinzregent von Bayern zu Hauptleuten (Rittmeistern) der Reserve ernannt die Oberleutnants Otto.Fechheimer,JsidorLöwcnsohn und JosefSahlmann, zum Oberleutnant der Reserve den Leutnant Oskar Schlesinger. Preußen hat keine jüdischen Offiziere nötig und deshalb wohl heißt es so lustig: Preußen in Deutschland voran! lL.)BieSheimi. Elsatz. Schlechter Synagogenbesuch. Die hiesige jüdische Gemeinde zählt 60 bis 70 Haushaltungen und besitzt eine der größten Synagogen im Elsaß. Diese Synagoge nun steht die ganze Woche leer. Gegenwärtig sind zwei Brüder owel, die auf das regelmäßige Kaddischsagen reflektieren. Die beiden Herren haben des Morgens und des Wends die größte Mühe, um die 10 Mann für ein Minjan zusammenzubringen, und häufig ist ihre Mühe vergeblich. Wenn die Eltern wenigstens die Jungen, die berefts Barmizwoh geworden sind, zum Synagogenbesuch anhalten würde», dann würde man noch eher ein Minjan zusammenbekommen; aber die Ellern find gleichgültig, die Oberbehörde und die Schule kümmert sich auch nicht um den Synagogenbesuch, und so wird man bald so weit sein, daß die Synagoge die ganze Woche hindurch überhaupt geschlossen bleibt. Oesterreich-Uugaru. L. Prag. Die Frequenz jüdischer Schüler an den Mittelschulen Böhmens wird durch folgende Zahlen illustriert: An 28 deutschen Gymnasien 366; an 32 tschechischen Gymnasien 387; an 12 deutschen Realschulen398;an 19tschechischen 248; Totalsumme 2600. Davon an Gymnasien 1353; an Realschulen 1247; wie man aus den Zahlen ersieht, gravftieren die Juden Böhmens größtenteils immer noch zum Deutschtum und werden dann auch zu Germanen erzogen. Das erhellt am besten aus den Frequenzzahlen Prags und seiner Vororte. An den 6 deutschen Gymnasien studieren 415 Juden, an den 6 tschechischen 91; an den 4 deutschen Realschulen studieren 650 Juden, an den 6 tschechischen 138; bas Verhältnis jüdischer Schüler deutscher Anstaallen zu denen an tschechischen ist also 4,6:1; das der deutschen Bevölkerung zur tschechischen wie 1,3:10. Wer-ist also der Träger des Deutschtums in Prag? K. Prag, 5; Dez. Bei der Einweihung des neuen Vereinshauses der,,L e s e - und R e d e h a l l e deut-' cher (soll heißen jüdischer) Studenten" in Prag, hielt >ie Festrede der deutsch-polnisch-jüdische Professor Dr. Horaz Krdsnopolski. Von Geburt aus hieß erSchönfeld und da er in Halb- bis Treiviertelasien geboren ist, hielt er es für gut,-seinen? gut jüdischen weil deutschen Namen Schönfeld zu p o l ön i s i e r e n resp. zu christianisieren. Schön. heißt k r a s n y, Feld — Pole und so wurde aus dem deutschen Juden Schönfeld, der polnische Krasnopolski. Dann kam Horatius Flaccus zur Rettung des Deutsch tu ms nach Prag, wo .er als Fels des Germanentums die Wogen der national-tschechischen Sturmflut an sich anprallen ließ. So ist er das Parade-- tück der jüdischen Germanen Prags trotz seines polnischcn. Namens, vielleicht auch deshalb, weil man weiß, daß sein Name früher ein. gut deutscher war. Uebrigens hat das Judentum (als Konfession) seinen Verlust noch nicht zu bellagen. Budapest, 1. Dezember. Strittige Fragen im Gemeindeleben.) Der Minister für Kultus und Unterricht erließ in Angelegenheit der Entscheidung von im Leben der i s r a e l i t i s ch e n Religionsgcmeinden auftauchenden strittigen Fragen eine Verordnung folgenden Inhalts: „Im Leben der Rcligionsgemeinden zwischen Israeliten auftauchende und — wenn sich die Parteien dem im israelitischen Kongreß- oder Orthodoxcn-Organisationsstatut vorgeschriebencn Schiedsgerichte nicht unterwerfen wollen — dem adminitrativeu Verfahren zugehörige strittige Angelegenheiten sind in den Kvmitatsmunizipicn in e r st e r Instanz durch den Oberstuhlrichter (in Städten mit geordnetem Magistrat durch die Bürgermeister), in zweiter Instanz durch den Verwaltungs-Ausschuß zu entscheiden. -Tie an mich (den Minister) zu richtende Appellation, bezw. Bitte um Ueberprüfung ist in Evidenz zu halten. Bezüglich der Hauptstadt — beziehungsweise der Städte mit Munizipalrecht — befinden sich die Verfügungen der in Rede stehenden Verordnung in Uebereinstimmung mit dem 8 1 G-°A. XX: .1901, daher für neuere Verfügungen keine Notwendigkeit besteht." Tiefe Verordnung macht .die Autonomie der orthodoxen Gemeinden zu n.ichte. Hoffentlich gelingt cs den Führern der jüdischen Orthodoxie Ungarns, die Verordnung wieder rückgängig zu machen; ebenso möge es ihnen gelingen, der Gefahr der Schließung der Chederschulen zu entkommen. K. Budapest, SO. November. Wir haben dem Mgeordneten Julius Rosenberg s. Zt. unrecht getan, als wir meldeten, er sei getauft. Er ist noch Jude und wird es aller Voraussicht nach bleiben. Denn er wurde.am 28. d. M. zum Präsidenten des 8. israelitischen Gemeindedistriktes an Stelle des verstorbenen Herrn I. M. Teutsch gewählt. Eine Deputation holte den neuen Distriktspräsidenten ein, an den im Namen der Generalversammlung Dr. Felix Ie l d m a n n eine Begrüßungsansprache richtete. Abg. Rosenberg führte in seiner Antwort aus, daß die ungarische Judenheit ihrer konfessionell-kulturellen (?) und patriotisch ungarischen Pflicht nur dann entsprechen könne, wenndie begonnene autonome Organisation, welche keinen gesetzlichen Wschluß erhielt, zu einem obligatorischen Organismus gestaltet wird. Einen Fehler begingen jene Regierungsmänner, die. die Frage der Judenautonomie ungeordnet ließen und - damit -die Judenschaft der einzigen Waffe beraubten, die ihr vom Standpunkt ihrer kulturellen Entwicklung und einheitlichen Verschmelzung allein zu, Gebote stand. Er erllärte, zu wissen, daß maßgebenden Ort-s dicNeigu ngvor Händen sei,die sesVersäumnis Aut zu machen. — Zum Vizepräsidenten wurde gleichzeitig Dr. Felix Feld mann gewählt. L Budapest, 6. Dez. Jüdisch-christliche Mischehen. Zur Statistik dieser so unerfteulichen Erscheinung mögen folgende Daten dienen: Bei den Standesämtern von Budapest wurden in der Zeit vom 13. November bis 3. Dezember 13 Mischehen aufgeboten. In 10 Fällen war die Braut Jüdin, in 3 Fällen Christin. —n— Budapest. Bei der diesjährigen Prüfungskommission für die auf die Beförderung - zum Stabsarzt aspirierenden Regimentsärzte fungierten auch jüdische Militärärzte als Mitglieder. Es. waren dies: Ob.-St.-Arzt 1. Kl. Dr. Aböls Spiegel und Ob.-St.-Arzt 2. Kl. Dr. Josef Haas. Budapest. Der hiesigen ne ologen Gemein.de ist eine Erbschaft von mehr als einer Million Kronen aus dem. Nachlasse des verstorbenen Präsidenten der „Chewra kadischa", Herrn .Moses Ehrlich, zugefallcu Rußland. —II—Petersburg, 29. Nov. Ein Regierungserlaß bewilligt den Juden in 48 Städten, Flecken und Dörfern des Gouvernements Bessarabien,- Kiew- und Jekaterinoslaw das Ansiedlungsrecht. Ein Notventil geöffnet. Wann kommt die Möglichkeit freier Entfaltung. Obi va piano, va sano! Peterburg. Der Minister für Vollsaufllärung erhöhte den Prozentsatz der Juden, dje.'a-n den Universitäteu studieren dürfen, in. folgender- Weise: :Hür Peters b n r g und M o s k a u von 3: auf 3ys. Prozent) für Ki e w, W a r sch au und Och ös s a -von 10 auf 15 Prozents für; Kasan, Charkow, Tomsk ynd Jürje.w von 5 . auf 7 Prozent. - ' - Petersburg, 7. Dezember. In der Gewerbeteuerkommission erllärte der Gehilfe des. Finanzministers, Timiriasew, daß die jetzige erhöhte. Besteuerung jüdischer Handelsreisender bald aufgehoben wird. Petersburg. Die Ursache der Refervisten- Unruhen. - Ter „Swjet" - schreibt .hierüber: „Die wesentlichste Ursache (für die Vergehungen der Reservisten) ist, daß die Reservisten, die Vertreter unseres Heeres, wenn sie aus.den heimatlichen Dörfern in ihnen fremde Städte kommen, voller Kummer und. Heimweh, dort nur Kälte und völliger Teilnahm» losigkeit begegnen. In der Tat, sie ließen hinter ich ihre Nächststehenden, die Heimat, welche sie nährte. Das Herz möchte ihnen vor Kummer zerspringen. Nach der Armut des Torfes überraschen sie die Städte durch ihnen unbekannten Glanz. Man muß ich in die Seele dieser einfachen russischen Bauern hineindenken, wenn' sie der eisigen Kälte der Städte, der völligen Gleichgültigkeit, den verschlossenen Hau-, ern begegnen. Es ist dies der letzte Tropfen in )ie übervolle Schale ihres Kummers." Ter „Swjet" schildert nun durch Augenzeugen aus verschiedenen russischen Städten, wie Unruhen entstehen. Als in Tscherkow die Reservisten, 5000 Mann stark, einrückten, sperrte-sich die Stadt völlig gegen sie ab. Alle Verkaussläden wurden geschlossen und durch schwere Hchlösser gesichert. Es war auch nicht ein Stück Brot "zu bekommen. Weder die Verwaltungsnoch die städtischen Behörden bekümmerten - ich um die hungernden Leute. Seitens der Militär- ' Behörde, war erst recht nichts geschehen. Tw fanden ich Straßenhändler ein, welche erbärmliche, halbverdorbene Eßwaren, die sie sonst nicht los wurden, zu Preisen verkauften „wie in Port Arthur". Die 13 Kopeken (30 Pf.), die man den Leuten auf den .Weg gegeben, waren so ziemlich verbraucht. Da brachen einige der erbittertsten Reservisten Läden auf, andere folgten ihrem Beispiel. Die bewaffnete Macht griff ein, der Ausruhr war fertig.'Sechzig Mann wurden dem Kriegsgericht übergeben. So auch in anderen Städten. In Tula war gleichfalls keine Vorsorge getroffen. Da aber - lieferten in ' der Eile die städtischen Behörden für jeden Mann einige Semmeln und ein Glas Kwas (alkoholfreies Bier); die Mannschaften waren dankbar und fröhlich und alles verlief aufs beste. Der „Swjet" schildert dann, mit welcher -Begeisterung Deutschland und Frankreich im Kriege für ihre Soldaten gesorgt, hätten, und schließt: „Bon Aehnlichem ist bei uns nicht die-Rede. Wir fürchten uns zunächst vor den Reservisten und verstecken vor ihnen den Schnaps. Sie erscheinen uns nicht qls unsere Verteidiger, sondern als eine Art wilder Tiere, ja fast als .Feinde. Nicht nur daß keine. Gemeinsamkeit mit den russischen Reservisten ist, so herrscht auch nicht einmal Mitleid mit ihrer Unbildung und Armut, mit ihrem schweren 'Dasein und der noch dunkleren Zukunft. Gewiß, wir können ihre Unordnungen nicht billigen, aber wir können und. müssen sie verzeihen!" . —U— Homel. Der Prozeß wegen der Judenexzesse. Die Belastungszeugen lösen einander in bunter Reihe ab, ohne die gewagten Behauptungen der Anklageschrift irgendwie bestätigeii zu können. Wenn ihre zum Teil sichtlich beeinflußten, zum Teil subjektiv gefälschten, widerspruchsvollen und verworrenen Anssagen etwas beweisen, so nur. die verblüffende Liederlichkell, mitder die Voruntersuchung geführt wurde. Ein paar Beispiele: Soldaten, die der Untersuchungsrichter in Gegenwart ihrer Ossiziere vernahm, widerriefen vor Gericht unter Eid ihre frühere Aussage; eine Anzahl von Strafanzeigen fand überhaupt keine Berücksichtigung; den jüdischen Zeugen wurde nicht -gestattet, über ihre Beobachtungen und Erlebnisse einen zusammenhängenden. Bericht zu erstatten, sie durftennur einzelne Fragen des Untersuchungsrichters beantworten. Die Methoden des Untersuchungsrichters zur -Rekognoszierung des Angeschüldigten: waren nichts weniger als einwandsfrei.. Daraus erklärt sich, daß die Zeugen die von. ihnen angeblich rekognoszierten Leute im Gerichtssaal häufig nicht wiedererkennen rc. Es-bestätigt sich immer mehr, daß die Plünderungen und Zerstörungen.der jüdischen Häuser unter den Augen d-es ruhig dastehenden Militärs-erfolgten und daß in vielen Fällen die Soldaten selbst die Juden an der Notwehr verhinderten. .Es berührt wie eine blutige- Ironie, wenn die Zeugen jeden Gegensatz zwischen Christen und Juden in Homel bestreiten. Und doch dürsten sie Recht haben, wenn .man das korrupte russische. Beamtentum gusschaltet, das Wenfalls stark - antisemitisch .ist, wie die gerichtliche Verhandlung tagaus tagein lehrd- Die vernommenen:Polizeiossiziere beharren allerdings bei