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Neue jüdische Presse · 1904-12-09 · Heft 47 (9.12.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 47 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^xauftfutiet IsmIitWes fiMilinklitt. ( ” Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familien- . blattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). : - — - KedaKttoit ««d Hefchaftsstelle: Zranlrfurt a. M.. Lnügkreuzgaffe 32. Lcke Llaxperfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). ->■»-? Hem«sgever: Kalg Heis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ V Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, de« 1. Veves 5665 <9. Dezember 1964). Ro. 47. Inhalt des Hauptblattes: ' Artikel: Damals und jetzt. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Kinder unserer Zeit, Roman von Jacob Levy. — Briefkasten. — Familiennachrichten.— Wochenkalender. Damals und jetzt. Bon I. Barbanel. Damals! — Auch damals war der schleichende Feind im Innern um vieles gefährlicher, als bas feindliche Heer von außen. Was er tat '— keine Waffe hat es ja vollbracht! Tenn er zertrümmerte jene kostbarsten Schätze, an welchen sonst auch die bestgestählten Schwerter abprallen; denn er verunglimpfte jene alten Heiligtümer, die sonst auch im Blutmeer unbefleckt bleiben.... Das konnte nur er fertig bringen — er: der Feind im Innern Juda's, der die Volksehre besudelte, indem er lehrte, fremde Götter zu ehren, auf fremden Altären zu opfern. Und keine Entschuldigung steht diesem inneren Feinde zur Seite! Konnte ihn doch nicht etwa eine echte Begeisterung.für die andere Kultur, für den damals bereits morsch gewordenen und in Sittenlosigkeit ausgearteten Hellenismus, leiten; sondern es war doch nur ein heuchlerisches Kriechertum der jüdischen. Reichen vor der Macht; diese „Edlen" des Volkes verkauften ihre Seelen, aber nicht damit genug, sie gaben sich auch redliche Mühe, alle Seelen ihrer Nation mit in Kauf zu geben. Was aus dem zähen Volke die mächtigen Griechen nicht machen konnten, das vollbrachten mit Gemütsruhe hie Griechlinge mosaischer Konfession. Und sie erreichten ihr Werk: das jüdische Volk sank tiefer und tiefer in den Schlamm der seelischen Knechtschaft, — und bald schien es ganz darin zu versinken. Da kam der Befreier: Mattithjahu. Er hob die geschändete Fahne Judas auf, und er schwur bei ihr: Ich will mit meinem Blute deine Ehre retten! — Und er ging zum Volke und rief: Erwachet, Schläfer! Fasset Mut, Feiglinge! Rettet euere Seelen, ihr Sklaven! Erhebet euch zum Kampf für euere Ehre, für euere Freiheit! So sprach.der Held. Aber das Volk wollte sich nicht' aus der behaglichen Lethargie aufrütteln lassen: — Was Ehre, was Freiheit! Wozu denn kämpfen — das Schlafen ist ja gar. zu süß! . . . Und der Befreier erblickte das Volk und sah, daß es im Assimilattonssumpf vergnügt dahin träumte. — Jedoch er verzweifelte nicht an . dem Erlösungs- Werke. Er ging wieder und wiederum zum Volke und rief und rief — bis es ihn endlich anhörte. Und da geschah , nun das Wunder: eine wahre Totenauferstehung. — Es erwachen die mörderisch getöteten Ideale, es erwachen die längst begrabenen Gefühle und es erwacht der so ttef geknickte Nationalst»!;. — Und es erklingen bald die verschollenen Lieder, die Freiheitslieder, sie befruchten die trocknen Herzen, die verdorrten Seelen. — So blühen die Blumen, die bereits erstorben waren. Da versammelte Matttthjahu seine Familie und machte aus ihr die Stütze einer Nationalgarde. Da scharte sich das Volk um ihn und um die alte Fahne, — und es kämpfte mit heißem, erfrischtem, alt-neuem Blut... Es kämpfte mit dem Feind von außen und dem Feind von innen: mit den Griechen und Griechlingen mosaischer Konfession. Es war das Ringen eines Volkes um seine äußere und innere Freiheit. Und im Kampf — da tauchte vor dem Volke ein ganzes Heldengeschlecht auf, das eine gewisse Zeit mit den Schläfern eingeschlafen war. . . Im Erwachen entfaltete sich seine Kraft, die lange geschlummert hat. Und alles staunte und bewunderte das wiedererwachende Bölklein: Ist es also gar nicht wahr, daß die Juden feige Kerle wären! . . . Tenn dort kämpfte heldenmütig das hasmonäische Geschlecht. Und es strömte das Makkabäer-Blut auf dem Schlachtfelde dahin, und es summte so stolz, dem Volke verkündend: Wir werden bis zum letzten Tropfen kämpfen! — Und je mehr Blut, desto reiner wurde die meuchlings vergiftete Volksseele. Doch endlich erfocht der Held der Helden — Jehuda Makabi — den, entscheidenden Sieg. Es war der Sieg Juda's über Griechenland, und es war der Sieg des Judentums überden Hellenismus! Ein zwiefacher Sieg, weil ein zwiefacher Kampf! Und es war damit der Sieg des Volkstmns über die Geldaristokratie und ihre Helsershelser: die gottlosen Priester — Priester, die nur für die Reichen beten — entschieden. — Aber die Assimilationsseuche hatte in ihrer Glanzperiode gar viele Seelen verpestet — und nur eine kleine Schar echter Juden ist übrig geblieben, die jetzt vom Schlächtfelde jubelnd zurückkehrte. Und sieh da: welch' ein Wunder! Nur ein Krüglein Oel — und wie brennt doch das .Feuer; es scheint bald zu erlöschen — aber es reichte das knappe. Oel für gar viele lange Nächte. So geschah hier das alte Wunder: als das Volk zu sterben drohte, da kam der Befreier. Und er zündete die .Freiheitslichter an — und es reichte das knappe Oel gar für viele lange Nächte. Der Tempel wurde wieder eingeweiht, die Priester reinigten sich vor Gott und'Volk. Und man opferte nicht mehr ans fremden Altären — da Israel zu seinen mit eigenem Blut erkauften Idealen zurückgekehrt war. Und das Volk begann nun ein neues Leben, sein altes Leben. — * *. * So feiern wir jetzt das Fest der jüdischen Renaissance, das Fest jener Tage, wo der schnöde Volksverrat ein schmähliches Fiasko machte und die nationale Idee den ruhmvollen Sieg davontrug; wo die Geldaristokratie endlich doch der wahren Aristokratie^ dem Heldengeschlechte, unterlag; wo das Volk von der äußeren und inneren Knechtschaft befreit wurde. — Und wir zünden nun an die Jahrzeits-Lichter unserer Befreier. — Jahrzeits-Lichter — sie sind ja das Symbol der Toten, die nicht gestorben... Chanuka — welch ein lieblich-holdes Fest, welch lichtvoll-goldige Erinnerungen! Wahrlich, ein glorreiches Einst!! Und jetzt? — * * Wo sind sie jetzt, die Nachkommen des Heldengeschlechtes? Es wimmelt ja in Juda von feigen Ueberläufern und konsessionellen Heuchlern, von christelnden Liebäuglern und volksverleumderischen Kriechlingen; es wimmelt im Volke von selbstmörderischen Missionsfaslern und duckmäuserigen Synagogenpredigern, von ordenreichen Sllaven und bettelnden Seelenkrüppeln. — Wo sind nun unsere Helden? Ich zünde an die Chanuka-Lichter. — und glühende Schamröte steigt mir ins Gesicht. — Denn vorwurfsvoll fragen uns jetzt die Lichter: wo sind euere Makkabäer? Ja, wir hatten einen — aber nicht lange, . . . Plötzlich kam er und verschwand. Doch erkannte ihn bald das Volk und nannte ihn schon: Mattithjahu II. — aber es brach das große Herz, da es das Kleinliche nicht vertrug. Und man begrub ihn in einem fremden Lande. So erinnert uns das Chanukafest an den großen Helden, der sich für sein Volk und sein Land opferte. Aber jetzt? Wir feiern das Fest und sind stolz auf unsere Helden — sind sie aber aus uns stolz? Sie schämen sich unser — und wir wollen uns vor ihnen schämen. * * Und darum ruft uns das geisteserfrischende Chanukafest zu: Zündet an die Lichter! Zündet an die Jahrzeits-Lichter der Makkabäer — und die bezahlten Bolksverräter werden nicht mehr so kühn von einer gar geschichtlichen Notwendigkeit des baldigen Todes unseres Volles faseln. Zündet an die Lichter unserer Helden — und eS wird hoffnungsvoll erstrahlen in der dunkeln Herzenskammer. Zündet an euere Lichter — habt Achtung vor euch selbst und Ihr werden dann auch von den anderen geachtet werden. Zündet an die Lichter unseres Stolzes — erzählet Eueren Kindern, daß auch Juda kämpfte. — Dann werden sie. Euere Kinder, das Jüdische nicht mehr belächeln und bespötteln — wenn sie einmal größer geworden sind. Sie werden nicht mehr sich selbst verachten und ihr Voll begeifern. Und sie werden nicht mehr die Bolksideale so leichtsinnig zerstampfen. Zündet an die Lichter unserer Bolksfteiheit in den finstern Ghettomauern der Seelensllaven. Zündet an die Lichter unserer glorreichen Vergangenheit — und schöpfet Mut für die Zukunft.

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