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Neue jüdische Presse · 1904-12-02 · Heft 46 (2.12.1904) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 46 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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<&ette lö. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 46. Unter den obwaltenden Umständen konnte die Familie Maimon fiir die Tauer natürlich nicht in Fes bleiben. Nach vielen Fährlichkeitrn geriet sie nach Fostal in Egypten, tvo sic sich dauernd uiedcrließ. In Egypten hatte das talmudische Studium, das einer der vier Gelehrten dorthin verpflanzte, keine besonders reifen Früchte gezeitigt, tvcil die besten Kräfte sich im Kampfe gegen die Karaer zersplittert hatten. Ter Hader mit seinen uncranickliche» Begleiterscheinungen bestand noch ungeschwächt fort, als Maimonides machtvolle Persönlichkeit rnr dem Schauplatz erschien. Tie Früchte, die auf seinem Gcistesboden trotz leidvoller Wanderungen und lahmlegendcr Widerwärtigkeiten, in gedeihlicher Entwicklung herrlich gereist sind, nun sollten sie in der Schwüle der Zeit Labsal und Erquickung iverden den schmachtenden Glaubensgenossen! Die Waffen, die er im Stillen geschmiedet, nun sollte er sie gebrauchen als Wehr und Schutz gegen die das Heiligtum der llebcrlieferunq bestürmenden Gegner. Tie Waffen wurden in seiner Hand zur Pflugschar, welche den versteinerten Boden aufwühlen und empfänglich machen, zum Winzermesser, das die geilen Sprößlinge im Weinberg des Herrn beschneiden sollte. Mit dein ernsten Eifer, den das Bewußtsein eines hohen Zweckes verleiht, ging er nun an die Vollendung seines Ko m m entarszu r M i s ch n a, der der überlieferten Lehre die geschlvundene Autorität wieder erringen, und das Verständnis für dieselbe in den weitesten Volkskrcisen anbahnen sollte. Jeder Mann im Volke, und ginge ihm auch die Kenntnis des Talmud völlig ab, sollte im Stande sein, aus eigener Kraft einen Abschnitt der Mischna mit voller Klarheit zu erfassen. Darum schrieb er auch seinen Kommentar in der zu jener Zeit in den weitesten Ländergebieten herrschenden arabischen Sprache. Er behandelte den reichen Lehrstoff der Mischna im Wesen nach der Beleuchtung, die sie im Talmud sinket, in der Form nach dem in der Schule des Aristoteles erworbenen wissenschaftlichen Verfahren. Diese Methode, überall die Grundsätze und Prinzipien anzugeben, das Allgemeine aus dem Besonderen herauszuheben, führte ihn schon in formaler Beziehung zur Aufstellung von allgemeinen Prinzipien, zur Fixierung von Glaubensartikeln. Dieser Versuch wurde mit großem Mißvergnügen ausgenommen. Es erschien Vielen, als hätte Mainwnides damit das verpflichtende Wesen des Judentums in dreizehn Stücke zerschlagen. Man sagte: Bei einer Dogmensixierung muß das Wesentliche vom Unwesenttichen geschieden werden. Als Glaubenssätze oder Dogmen können nur solche Lehren ausgestellt werden, die als Träger und Grundpfeiler des ganzen Religionsgebäudes zu betrachten sind. Eine solche Unterscheidung ist aber eine ernste Gefahr für das Jndcntum. Im Judentum ist alles gleich wesentlich. Die scheinbar geringfügigste Satzung ist ebenso bedeutsam, wie die erhabenste Glaubens- und Sittenlehre. Jedes Gebot und jedes Verbot hat für den offenbarnngsgläubigen Juden dieselbe Dignität, wie der Glaube an Gott. Auch von einem andern mehr rationellen Standpunkte aus wurden die dreizehn Glaubensartikel bekämpft. Nicht als ob man die Richtigkeit der aufgestellten Lehren bestritten hätte. Man erkannte sie für jeden Juden als so verbindlich an, daß er sich mit deren Verwerfung geradezu außerhalb des Judentums stelle, aber man wollte sie nicht alle in gleicher Weise als Jkarim (Grundprinzipien) gelten lassen. Uebrigens macht es den Eindruck, als hätte M. selbst seiner Dogmensixierung keinen entscheidenden Wert beigelegt. In seinem religions-philosophischen Werke wird dieses Thema garnicht berührt, und selbst in seinem Mischna-Thora geschieht es in so wenig systematischer Weise, daß Jedaja Penini im letzten Abschnitte seiner Bechinauth Aulom 35 dogmaüsche Lehrsätze aneinanderreiht, deren mckimonidischer Ursprung nachgewiesen ist. M. wollte nur die Besprechung der Mischna: „Folgende haben keinen Anteil am ewigen Leben" — was ja genau betrachtet^ so etwas wie ein Ansatz zur Dogmensixierung ist — als Gelegenheit benützen, um mit einer ganz bestimmten Tendenz das vorhandene Inventar des Glaubens aufzunehmen. Tic religiös-jüdischen Anschauungen hatten ja in seiner Zell und in seiner nächsten Umgebung von innen- und von außenher mannigfache Anfechtungen erfahren. M. bei seinem Drange, in das treibende Rad der Entwicklung hemmend und richtunggebend einzugrcifen, bemühte sich nun,-den Glaubensbestand zu fixieren, um dem erhobenen Widerspruch gegenüber zu konstatieren, was für die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft wesentlich sei oder nicht. So ist es auch klar, daß der Satz, daß Moses der größte der Propheten sei, sich gegen den Islam wendet, der Aiohamed den größten aller Propheten nennt, und daß der Satz, daß das Gesetz derThorannwiderruflich -sei, sich gegen das Christentum kehrt, das bekanntlich den neuen Bund dem alten gegenüberstellt. Und wenn ihm noch eine Absicht vorgeschwebt hat, so war es die, einer Verflüchtigung des Judentums durch die philosophische Auffassung seiner Religionslehren vorzubeugen, den Glaubensbestand so festzustellen, daß er vor jeder Erschütterung durch die Spekulation geschützt sei. Tic Frage der Togmenfixierung hat im Laufe der Jahrhunderte eine ansehnliche Literatur gezeitigt. Tie Tatsache, daß darüber ernstlich gestritten tverdcn konnte, zeigt zur Genüge, daß d e m Indent u m Tog in c n i in kirchliche n Sinne fremd sein müssen. Es hat sich auch nie eine besondere Vorliebe für ein scharf unirissenes Glaubens b e k e n n t » i s gezeigt. Tie Jkarim haben wohl im Laufe der Zeit in Prosa und poetischer Form ihren Platz in der Liturgie gefunden; aber nirgends und niemals bildeten sie die Grundlage des Religionsunterrichtes, nirgends und liiemals haben sie sich zu dem ausgestaltet, tvas man in andern Kreisen Katechismus nennt. Ein Bekenntnis wurde dem noch lallenden Kinde eingeprägt, kurz, anschaulich, in die Sinne dringend: „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einziger Gott." Darüber hinaus drang nicht begrifflich, sondern anschaulich der Inhalt des Judentums in die kindliche Seele. Mit jedem neuen Worte der heiligen Sprache offenbarte sich beim Unterrichte in der Thora gleichsam ein Stück Judentum nach dem andern der empfänglichen Jugend. Und >vie die Religion selber nicht in abstrakten Schemen, sondern als lebensvolles Ganzes dem Kinde entgegentrat, so war die Thora ein Ganzes, gleichwertig in allen Stücken, mit allen ihren Bestandteilen ein geistiger Boden, aus dem die Blume des Glaubens aufsproß. Ter Jigdal stand ain Beginn des Gebetbuches nur als scharfe) gedrängte Zusammenfassung des Wesens und des Gattnngsbegriffc des Judentums. Das Wort der ewigen Wiederkehr des Gleichen, das in anderer Beziehung geprägt wurde, hat in unserer Gegenwart seine Verwirklichung gefunden. Für uns gewinnen die 13 Glaubensartikel die Bedeutung ihres Ursprunges. Gegenüber den Anfechtungen von innen- und außerher haben auch wir die Grenzen wieder aufznsteckcn, über die man nicht hinausgehen dürfe, ohne sich von seiner Glaubensgcmcinschast loszulösen. (Schluß folgt.) Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Wir berichteten in der bor gen Nummer von der glänzend arrangierten Chanuka- Festlichkeit, die der Verein M o n t e f i o r e (E. V.- nächsten Sonntag in den gesamten Räumen der Frankfurt-Loge geben wird. Wie uns mitgeteilt wird, waren bereits am Dienstag sämtliche Eintrittskarten ausverkauft: wir bemerken deshalb ausdrücklich, daß Sonntag Abend kein Kassenverkauf mehr stattfindet. Frankfurt a. M. Vor einer außergewöhnlich zahlreichen Znhörerschar — der große Saal der Frankfurt-Loge war bis aus den letzten Platz gefüllt — hielt am. Dienstag, den 22. Nov., Herr Dr. I. H e i n e m a n n den zweiten Vortrag seines Vortragszyklus' „Ueberblick über die innere und äußere Geschichte Israels in' der Zeit vom Bau des zweiten Tempels bis zum Abschluß des Talmuds." Der Redner beschäftigte sich diesmal mit den Anklagen der Feinde Israels gegen das Judentum, nlit dem sogenannten wissenschaftlichen Antisemitismus; er versuchte die Unhaltbarkeit derselben zu beweisen, indem er ein kurzes klares Bild der jüdischen Ethik entwarf. Nachdem Israel, so führte der Redner aus, seine politische Selbständigkeit verloren hatte, suchte es Trost und fand ihn teilweise darin, daß das Ideal seiner Propheten zuni Eigentum der Massen wurde. Seine Feinde aber gönnten und gönnen noch heute Israel diesen Trost nicht, sie waren und sind bestrebt, ihn ihm zu nehmen und ersinnen deshalb von jeher verschiedene Anklagen gegen das Judentum. Man legte meistens der Mutterreligion das zur Last, was man in der Tochterreligion als Mangel empfinden sollte. Das Judentum, sagen die Feinde, will allein seligmachcnd sein; den anderen alles Schöne und Erhabene absprechcnd, stellt es sich ein Bild der Vollkoniinenheit aus. Diese haltlose Beschuldigung ruft man in die Welt hinaus, obgleich die Universalität des jüdischen Prophetismus ein lebendiger Protest hiergegen ist; genügt cs doch, nur einen Blick auf die Handlungsweise des Propheten Jauno zu tun, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Grade das Christentum ist es, das für Andersgläubige nur die Hölle und die etvige Verdammnis übrig hat. Manche dieser geschworenen Ankläger geben zwar die Universalität der Bibel zu, wollen dieselbe aber dem Talmud absprechen; der Talniud, behaupten sie, ist engherzig, die Gläubigen anderer Religionen gelten;ür ihn nichts. Es bedarf jedoch keiner besonderen Mühe, um an der Hand des Talmuds die Grundlosigkeit dieser Behauptung zu beweisen; unzählig sind die Stellen, die davon Zeugnis oblegen. Beim Meeresübergang der Israeliten, so erzählt z. B. der Täl-- mud, stimmten die Engel einen Freudengesang vor Gott an.. Gott zürnte aber und sagte: „Meine Gechöpfe ertrinken im Meere und ihr stimmt Jübelgesänge an!" Eine andere Stelle sagt: „Ein Mamser, der ein Taurohgelehrter ist, steht höher als ein unwissender^ Hohepriester." — Ferner befiehlt der Talmud: Beim Anblick eines Herrschers, wenn auch ein Heide, hat der Jude den Segensspruch: „Gesegnet sei der Wcltherrschcr, der von seiner Macht und Klugheit einem irdischen Geschöpfe verliehen hat" ausznsprechen. — Auch betet der Jude laut) Gebot des Talmuds für alle Menschen, da alle im Ebenbilde Gottes geschaffen. Auf die Anklage, daß der Talmud das Dogma zur Hauptsache macht, braucht man nur auf Hillels Grundsatz zu verweisen, daß die Nächstenliebe im Judentum die Hauptsache ist und alle andern Gebote als zu diesem Ziele führend zu betrachten sind. Ein gutes Herz steht höher als die Krone der Thora und des Priestertums. Auch die dritte Anklage, das Judentum sei lebens- und naturfeindlich, ist nicht stichhaltig, das beweist das Gebot, mit der Pracht des Frühlings sich zu freuen und die Auferlegung eines Sühneopsers auf denjenigen, der gelobt, sich nur einen Monat vom Weine zu enthalten. Alsfeld. In dein vor einigen'Wochen neu gegründeten Verein: Iüd. Vereinigung Geselligkeit sprach Sonntag, den 27. Nov., nachdem der Vorsitzende Herr S. Wertheim den Anwesenden durch eine kurze Ansprache für ihr zahlreiches Erscheinen gedankt hatte, Herr Provinzialrabbiner Dr. H i r s ch f e l d - Gießen über: H u m o r i st i s ch e s a n s T a l m u d und M i d r a s ch nach eigene n D i ch t u u g e n. Der Vortrag war "sehr gut besucht. Die Mitgliederzahl des Vereins ist bereits ans 56 gestiegen. Bücherschau. Stunden mit Goethe, Monatsschrift herausgegebeu von Tr. Wilhelm Bode, Berlin 1904. .Ernst Siegfried Mittler n. Sohn. Preis des einzelnen Heftes 1 M. Goethe ist der unerschöpfliche Quell für unsere Literaturhistoriker. Aber neben einzelnen Werken, die sich mit besonderen Seiten im Wesen des Großen aus Weimar befaßten, war als regelmäßig erscheinend nur das Jahrbuch der Goethegesellschaft bekannt. So ist diese Neuerscheinung freudig zu begrüßen. Der Nanie Bodcs bürgt dafür, daß trotz der populären Fassung der Form der Inhalt immer so gehaltvoll bleiben wird, wie der des ersten Heftes. Kein besserer Mann konnte für die Leitung so einer Zeitschrift gefunden werden. Denken wir nur an seine hervorragenden Werke „Goethes Aesthetik" und „Goethes Lebenskunst". Aus dem Inhalte des ersten Heftes heben wir besonders hervor: „Was ist uns Goethe", einen Aufsatz, woraus eine aus der intimsten Goethekenntnis hervörgegangcnc Goetheliebe spricht; einen Aufsatz von Dr. Julius Gensel „Die Harzreise im Winter" und besonders die kleinen Aufsätze „Spaziergänge", darunter Goethes Verhältnis zur Ehe, Die Darstellung Mephistos auf der Bühne und schließlich eine Bücherschan. K. Annette Freiin v. D r o st e - H ü l s h o f s: Die I u d e n b u ch e. Mit einem Nachwort von Paul . Ernst. Im Insel-Verlag, Leipzig 1904. Preis brosch. 2 JL v Ter genannte Verlag erwirbt sich Verdienste um die Neubelebung der älteren Literatur, indem er Neu-' ausgaben in elegantem Format mit gutem Papier und gutem Truck veranstaltet, die von Geleitworten angesehener Literaturhistoriker begleitet werden. Das uns vorliegende Buch ist die bekannte, zuerst im Jahre 1842 erschienene „Judenbuche" des literarischen Freisräuleins. Auch aus diesem Werk sprechen ihre besonderen Eigentümlichkeiten: Ihr Verständnis für die geheimsten Reize der Natur und ihr Eindringen in das verschlungene Labyrinth des Seelenlebens. Kenner der deutschen Literatur werden wissen,' daß das jüdische.Element dieser Novelle keine aktive Rolle spielt, aber dennoch durch einen gewissen Reiz des Romantischen, Unbekannten, die Handlung, bestimmt. Zur Judenbuche ist der Baum erst geworden, als die Glaubensgenossen des Ermordeten die Inschrift anbrachten: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast." Und diese Inschrift ist der Zauber, durch den die oft' so rätselhafte Handlung der Novelle fortschreitet. Sonst hat „ das ganze mit dem Judentum nichts zu tun. Das Jahr 1809 -und die Juden von Dr. A. Tänzer, Rabbiner für Tirol und Vorarlberg in Hohenems. Verfasser - benutzt zu dieser Schrift das Material, das ihm bei Abfassung seines Werkes „Geschichte der Juden in Tirol ind Vorarlberg" in verschiedenen Archiven zu Beengung stand. Im Rahnien der allgemeinen. Gcchichte beschreibt Tänzer die Mitwirkung der Juden am Tiroler Aufstand im Jahre 1809. Im Hause der B ä r o n i ir. v o n Arnstein liefen die Fäden zur Vorbereitung für den Aufstand zusammen. Bei ihr verkehrten die hervorragendsten Tiroler Anführer wie Speckbacheru. a,. Sie wußte - alle österreichischen Patrioten durch zündende Redenfür das gefahrvolle -Unternehmeü.7zu. bii-

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