Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 46 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692404--01270-2695762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Beilage zu Nr. 46 des Frankfurter Israelitischen FamilieMattes. Inhalt -er Beilage: Artikel: Ganze Arbeit. — Der jüdisch-deutsche Jargon und seine Literatur (Schluß). — Zum 700jähr. Todestag des Maimonides. — Aus den Vereinen. — Bücherschau. — Bunte Chronik. — Heitere Ecke. — Barmizwohs. — Wochen-Kalender. — Jüdische Jugend. Ganze Arbeit. Vorschläge für die Konferenz zur Organisation der jüdischen Auswanderung. In unserer vorigen Ätummer hatten wir die am 4. und 5. Dezember in Frankfurt stattfindende Konferenz zur Organisation der jüdischen Auswanderung willkommen geheißen, da sie sich zur Aufgabe gemacht hat, an die Stelle der Regellosigkeit die Ordnung und an die Stelle der unkontrollierbaren und häufig verfehlten Hülfsleistung des Einzelnen die systematische, zielbewußte Hülfe der Gesamtheit zu setzen. Groß aufgefaßt und «»gefaßt, ist dies eine des Schweißes der Edelsten würdige Aufgabe, deren glückliche Lösung für das ganze jüdische Volk von weitragendster, segensreicher Bedeutung sein muß. Es genügt da freilich nicht, wenn man den Auswanderern in Ehdtkuhnen, Berlin und Hamburg eine warme Mahlzeit gibt und ihnen die Reise und die Ueberfahrtskosten nach Möglichkeit erleichtert; auch genügt es nicht, ihnen auf Grund sorgfältiger Studien Land und Ort anzugeben, in dem einem Jeden von ihnen seinen Fähigkeiten und Kenntnissen nach die Existcnzmöglichkeit geboten wird: sondern noch weiter müssen die Grenzen des Arbeitsfeldes gezogen werden. Bor allen Dingen darf die Organisation nicht in den Fehler so vieler Wohltätigkeitsvereine fallen, die private Wohltätigkeit lahm zu legen; im Gegenteil, sie muß die private Wohltätigkeit noch vergrößern, um gegenüber dem Millionen - Elend ihre Leistungsfähigkeit bis zum Äleußersten anspannen zu können. Sie darf deshalb keine steife bureaukratische Gestalt annehmen; die tätige Mitarbeit des Publikums und damit sein Interesse muß sie in ihren Kreis zu ziehen verstehen. Mer auch die großen Wohltätigkeits- und Hülfsvereine müssen ihrerseits große Summen für diese große Sache auswerfen. Der Kongreß muß sich darüber klar sein, daß ebenso wie mit Geld allein ohne Organisation alle Arbeit nur eine halbe blieb, gradeso mit Organisation ohne Geld nichts Ganzes geleistet zu werden vermag. Es kann sich gerade für die großen Wohltätigkeitsorganisationen keine bessere Verwendung für. ihre Gelder bieten, als für organisierte Zwecke zum Nutzen der Gesamtheit; bei Zersplitterung der Gelder für Zwecke lokaler Natur hat die Gesamtheit nur einen indirekten, geringen Vorteil. Die Organisation darf nicht. Halt machen vor jenen Leuten, die nicht die Mittel zur Auswanderung besitzen, denn die Notwendigkeit zur Auswanderung ist dort am größten, wo nur das nackte Leben die einzige Habe ist, wo unter dem Zwange ungünstiger sozial-rechtlicher.Verhältnisse selbst der Erwerb eines trockenen Stückchen Brotes zur Fristung des Lebens Schwierigkeiten verursacht. Soweit die materielle Seite! — Was nun das Ideelle, — das Judentum als solches — betrifft, so wollen wir hier Gelegenheit nehmen, zu konstatieren, daß bei allzugroßer Zersplitterung.nach entfernten, abgelegenen Ländern, das Judentum, wie die Erfahrung lehrt, Schaden leiden muß. Wo keine jüdischen Lehrer sind, da gibt es kxinen jüdischen Unterricht; wo keine rituellen Beamten, da kein rituelles Leben — und so ist das Judentum dahin. Der Kongreß muß sich gewußt sein, baß seine Arbeit nicht nur eine rein humanitäre ist — Hülfe für Juden als Menschen zu schaffen —, sondern auch eine Pflichtausübung Brüdern gegenüber, also von Juden für Juden als Juden. Deshalb mutz er dafür Sorg» tragen, daß sein Einfluß auf . die Auswanderung nicht zu einer vollständigen Dezentralisation, die eine Vernichtung. des Judentums bedeuten würde, führt. Wir wissen vollkommen die Schwierigkeit der Realisierung unserer Forderungen zu ivürdigen, aber wo ein fester Wille vorhanden ist, da ergibt sich auch ein richtiges Handeln. Der jüdisch-deutsche Jargon und seine Literatur. Bon A. S. (Schluß.) Unter ihren Schöpfungen befinden sich viele von bleibendem Wert, voll warmer Enipfindung, voll wetischer Kraft, Adel und Grazie, was um so höher anzuschlagen ist, als die Jargonsprache sehr arm, besonders an Ausdrücken für abstrakte Tinge und Vorstellungen ist. Ihre farbenreichen, in den Einzelheiten unübertrefflichen Schilderungen culs dem jüdichen Kleinleben sind von tiefer, erschütternder Wahrheit. Ein unsäglicher Schmerz spricht aus folgendem, tief empfundenen Gedicht von Ehrenkranz: Ter Elender sucht die Ruh! Sog' mir, ich bett' dir, du Wind, Tu schwebst doch auf der ganzen Welt, Weißt nischt, wn der Elender gesinnt (findet) Zn ruhen a Gezelt. Wu Rezichcs (— Gewalttaten) hot ufgehört, Mä Hot kein Mol nit geklagt. Wie kein Eg (Auge) Hot nischt gethrärt. Der Gerechter wet nischt geplagt? Ter Wind schweigt, un' bleibt still stehn, Seifzt un' äntwört: „Neu, ne»!“ (Nein.) II. Sog mir, du tiefes, großes Meer, Du strömst doch aso weit. Bei deine Inseln hin un' her. Weißt nit ergez (irgendwo) in a Seit', Wu der Frummer gesinnt a Tröst Zu ruhen a sichern Ort? Weißt nischt, wie die Stadt hetzt (heißt)? Sog dos gute Wort! Der Jam (— Meer) strömt un' brummt: „Nein! Ich hob' so ein Ort nischt gesehn!" III. Tu schöne Lwone (— Mond) mit dein Pracht, Du guckst doch überall, Wenn es is still bei der Nacht, Vardeckt mit der schwarzen Schal (Shawl). Du gehst doch ois die ganze Welt Tomid bei der Nacht, Weiht nischt ergez ein Gezelt, Wu dem Guten is nit schlacht? Mä seht sie in a Wolken bald vargehn Seifzt un' äntwört: „Nen!" IV. Sog'—se du nrir, meine Seele, fort (doch), Liebe un' Hoffnung derneben, Wu die Sunn' geht auf jeden Ort, Wu gesinnt män a ruhig Leben? Wu kein Schlecht's is nit derbei. Me lebt nor in Freuden, Bun Sünd' un' Sorgen is män frei Vun Zores (— Drangsal) un' vun Leiden? Sei geben alle eine Antwort: „Ruhig lebt män in Himmel dort!" Wie weit auch unsere Weltanschauung von der dieser Dichter entfernt sei» mag, der hilflose Ausdruck des Elends einer ganzen Menschenklasse ergreift uns doch mächtig und rührt uns auch da, wo eine Welt uns trennt. Tie Sprache des Herzens nzird eben überall verstanden. Goldfaden ich auch der Begründer des jüdischen Theaters. Seine Dramen Sulamith, Ahasveros, Bar Kochba, hat er selbst in Musik gesetzt und bringt sie auch selbst mit seiner Truppe auf Reisen durch Amerika, Galizien und Rußland unter großem Andrang des Publikums zum Vortrag. Zu seinem Repertoir gehören auch folgende von ihm verfaßte und komponierte Opern und Operetten sowie Schauspiele: Die Opferung Isaak oder die Zerstörung von Sodom und Gomora. Bibl. Operette in 4 Akten und 40 Bildern. Das 10. Gebot. Komische Operette (Zauber-Märchen) in 5 Akten, 10 Verwandlungen und 28 Bildern. Rabbi Joselmann oder die Gseres vun Elsaß. Historische Oper in 5 Akten und 23 Bildern. Die Bobe mit dem Einikel. Melodrama in 3 Akten mit Gesang. Die kaprisne Kalle-Maid oder Kapzensohn et Hungermann. Melodrama in 4 Akten. Schmendrig oder die komische Chassene. A Komödie in 3 Akten. In nicht geringem Grade charakteristisch für die Denkungsart eines Volkes ist auch sein Sprichwörterlexikou, sowie das Maß, in dem diese Sprichwörter bei den Redewendungen Verwendung finden. Bonmots, „Moschelchen" und verblümte Redensart waren von jeher bei den Inden heimisch und mancher mittelalterliche Jude hat sich die Gunst eines Mächtigen erwitzelt und erlächelt. Auch der slavische Jude würzt gerne sein Gespräch mit de» sogenannten „Gleichwörtlech". 'Neben einer Menge hebräischer, polnischer und russischer Sprichwörter, die in unveränderter Fassung im BolkSmund leben, sind auch viele originell-jüdische, sowie deutsche in spezifisch-jüdischer Prägung im Umlauf. Eine kleine Lese wird wohl, von Interesse sein: Vun a bißl un' a bißl wert a vulle Schüssel. A Narrn weist (zeigt) män kein halbe Arbeit nischt. A Seiger (Uhr) was steht, is besser eider (als) er geht. Af a Maasse frägt män kein Kasche. Jeder Hund is Bal habajis (Herr) af sein Mist. Ter schönste Spazier, is vor die eigene Tür. Wenn die Maus is satt, is die Mehl bitter. Er meint nicht die hapode, er meint die Kuödlcch (Mazzeklöß). Mit a Jüden is nur gut Kugel zu essen. Af a Gauen (Dieb) brennt der Hütel (Hut). Tie zahlreichen, nach Amerika ausgewanderten slavischcn Juden haben auch in die neue Welt ihre Bräuche und Lebensgewohnheiten verpslanzt, und ihre Sprache wenigstens im internen Verkehr beibehalten. Von der Preßfreiheit begünstigt, erscheinen dort mehrere politische Tageszeitungen, deren Sprache der Jargon ist, und von denen einige 50 Tausend Leser und mehr haben. Nach, einer genauen Statistik find bis 1900 83 Jargonzeitungen in Amerika erschienen, darunter anarchistische wie „Tie freie Gesellschaft", ozialistische wie „Tie neue Zeit", „Vorwärts", „Arbeiter-Zeitung" usw., Unterhaltungsblätter loie „Jon- Tew Blätter", „Tie wcibersche Zeitung" usw. Natürlich konnte der amerikanische Jargon sich nicht von der Beeinflussung von Seiten der Landessprache rein erhalten und das englische Element ist in ihm stark vertreten. Eine 'Ankündigung, die ich einer amerikanischen Jargonzeitung entnehme, wird dies beweisen: „Dry goods halb umsist (umsonst) Mziaus, Mziaus!!.' Hört ihr Pedlers daß ihr wißt, wo gute neue Waare ist, kleine, billige niedrige Preisen, könneir nur Rüben brothcrs beweisen. Wir bitten jeden uns zu basuchen, af künftig kommt ungerusen, in Actsard Street Nummer dreißig, basucht Rüben brothers fleißig. Vargeßt nit die Firma. * * * Und so schlingt diese Sprache ein verbrüderndes Band um die Juden Polens und Rußlands, wohin sie auch inimer der Sturm der Zeiten auf der weiten Gotteserde verschlägt. Zum7WjiihrigeuTodestag des Maimonides. Der Kampf um die Schriften des Maimonides.*) Bortrag von Skiftsrabbiner Blumgrund, Karlsruhe, gehalten am Mittwoch, den 9. November, im Verein Nachlaß Zwi, Frankfurt a. M. (Fortsetzung.) Zum Scheine die aufgezwungene Religion bekennen, und doch im Innern stets der angeerbten mit ganzer Seele treu zu bleiben ohne schwankend zu werden — das vermögen nur starke Geister. Die gedankenlose Menge getvöhnte sich allmälig an das aufgenötigte Bekenntnis, sah in der unbarmherzigen Unterdrückung des Judentums den Untergang desselben, war nahe daran mit dem Schein Ernst zu machen und der Ueberzeugung Raum zu geben, daß Gott selbst durch Muhamed die Offenbarung am Sinai aufgehoben. Mit tiefem Schmerz empfindet es Maimonides, wie das Sichselbstausgebe», die Verzweiflung und die Zweifel überhand nehmen, wie langsam der Funken wahrhaft religiösen Empfindens unter der Asche der Heimlichkeit zu verglimmen droht. Er jammert nicht und klagt nicht, er verdammt nicht und verurteilt nickt, er begreift und handelt. Zum erstenmale tritt er in die größere Oeffentlichkeit, um in die verworrenen Verhältnisse des Lebens einzugreifen. Er richtet an die afrikanischen Gemeinden ein Rundschreiben, indem er sie mit der ganzen Glut seines gläubigen Herzens zum unerschütterlichen Ausharren im Väterglauben ermunterte und ihnen den Rat der Auswanderung erteilte. Schon in dieser unter dem Namen Jgereth Schmad bekannten Schrift zeigt er seine Geistesgröße, seinen umfassenden Blick und die tief eindringende Beherrschung des Gegenstandes. *) In Nr. 45 muß die 4. und 5. Zeile des 5. Absahes an den Schluß des Msatzes nach „durchgerungen hätte" gesetzt werden.