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Neue jüdische Presse · 1904-12-02 · Heft 46 (2.12.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 46 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Äi-. 46. Frankfurter Israelitisches Familienblau. sonderen Anerkennung seine Photographie mit eigenhändiger Unterschrift. K. Wien. Der literarische Nachlaß Theodor H e r z l s. Ter Wiener Schriftsteller Balduin Groller, der vom Gerichte als Sachverständiger für den Nachlaß Herzls bestimmt wurde, hat bereits eine Inventur des Nachlasses vorgenommeu. Ls ist eigentlich nichts Literarisches vorhanden, als zwei Märchen, die aber bei Notaren deponiert sind, .Herzt hatte sich mit denselben an einer Konkurrenz beteiligt, die aber noch nicht entschieden ist. K. Karlsbad i. Böhmen, 23. Novemb. Brand einer Synagoge. Im benachbarten Petsch au kam heute um 8 Uhr früh im Hause Nr. 745 ein Feuer zum Ausbruche, das sich in wenigen Minuten auf die Nachbarobjekte und die Synagoge weiter verbreitete. An eine Rettung der brennenden Objekte war nicht zu denken, weil die Flammen bereits alles ergriffen hatten; die Gefahr war eine eminent große, da in der Judengasse, wo der Brand ausbrach, die Häuser durchwegs aus Holz gebaut sind. (B. wurde nach allen Richtungen hin um Hilfe telegraphiert. Es erschienen auch 24 Feuerwehren. Durch die rasche Hilfe konnte der Brand lokalisiert werden, die vier brennenden Gebäude und der Tempel brannten aber total nieder. . Der Tempel war über 600 Jahre alt und enthielt viele wertvolle Gegenstände und interessante Urkunden, die alle bis auf die Gesetzesrollen, die noch im letzten Momente gerettet wurden, dem Feuer zum Opfer fielen. Budapest. Aus der orthodoxen Durchführungskommission. 2Ulf den 12. Dezember ist der 31er Organisations-Ausschuß einberufen worden, um den Entwurf der Organisations-Ergänzung durchzuberatcn und einen möglichst auf breiter Basis beruhenden Modus für die Wahl eines Kanzlei- Präses ausfindig zu machen. Grade der Wahl-Modus nmcht Schwierigkeiten. Tie einfachste Basis in dem bisher unorganisierten Zustande wäre die Gesamtheit der orthodoxen Rabbiner und Gemeinde-Präsidenten; doch muß man davon absehen, weil leider unter den letzteren sich zahlreiche unreligiöse Elemente besinden. Großbritannien. —ol— London. Russische Flüchtlinge in London. In Whitechapel, dem besonders von polnischen und russischen Juden bewohnten Stadtteile Londons, haben die Londoner Juden zeitweilige linterkunstsräume für ihre armen Brüder errichtet, denn es gilt, viele russische Flüchtlinge unterzubringen, die sich dem Kriegsdienst durch Flucht entzogen haben. Doch stehen diese Unterkunftsräume, obgleich sie eine jüdische .Einrichtung sind, auch christlichen Flüchtlingen zu Gebote. Sie enthalten Schlafstellen und man erteilt dort Auskünfte über Reiseangelegenheiten und Auswanderungsbedingungen, so daß arme Auswanderer davor bewahrt werden, auf der Durchreise durch London Ausbeutern in die Hände zu fallen. Hunderte von russischen Staatsbürgern machen von dieser Unterkunftsgelegenheit Gebrauch. Fast 85 v. H. dieser Leute betrachten England nur als Durchgangsst a t i o n nach Amerika. Ein Berichterstatter der „Daily Relvs" schildert die Ankunft eines Transportes von 77 solcher russischen Flüchtlinge. Es waren meistens gedrungene, kräftige Gestalten, mit srischen sonnverbrannten Gesichtern. Fast alle trugen Pelzkappen. Es waren Juden und Ehrt st en gemischt und alle erzählten, daß sie sich der Mobilmachung entzogen hätten. Sie erzählten, daß die russische Regierung bemüht ist, die Reservisten zu überrumpeln, da diese son st zu entkommen versuchten. * Einer der Flüchtlinge erzählte: „Ohne jede Bekanntmachung, manchmal mitten in der Nacht, kommt man, Reservisten zu holen. Das Dorf wird umstellt und jedes Haus abgesucht. Wenn die Hausbewohner nicht sofort die Tür öffnen, wird diese eingeschlagen. Alle Männer im Alter von 21 bis zu 43 Jahren werden zusammen eingeschlossen und nach einem oder nach zwei Tagen nach einem entfernten Teil des Landes geschickt. Tort werden sie einige Tage einexerziert, und dann geht's auf den Kriegsschauplatz." Ein anderer beschrieb, wie er und seine Begleiter entkamen: „Wir lebten in dem Distrikt Kowno, etwa 110 Kilometer von der Grenze. Wir hörten, daß in einem Nachbardorfe alle Männer in einer Nacht ausgehoben und wegtransportiert worden waren, und unser Ort geriet dadurch in Schrecken. Einer nach dem anderen begann zu fliehen. Man versteckte sich auf Wagen unter Holzladungen. Ms wir in die Nähe der Grenze kamen, schlichen wir uns in der Nacht hinüber. Me Grenzposten Helsen oft den Leuten über die Grenze, statt sie festzuhalten, denn auch sie gehören ja zum Volke. Jedenfalls hilft etwas Geld sicher über die Grenze nach Deutschland, wo wir uns ganz sicher fühlen und die Sympathie des Volkes haben. Unsere Frauen und Kinder haben wir mit alten Männern zu Hause gelassen. Sie müssen sehen, wie sie durchkommen. Mit dem Vieh und dem Getreide werden sie wohl vor Hunger gesichert sein. Ich habe Frau und drei Kinder zurückgelassen." Auf die Frage, was denn aus den unbemittelten Reservisten wird, antwortete der Flüchtling: „Es sind in der Regel die Armen, die in den Krieg geschickt werden, in einigen Fällen jedoch haben die reicheren Juden den armen Glaubensgenossen zur Flucht vcrholfen." Der Berichterstatter wollte noch wissen, wie die Leute entkämen, die weiter im Innern des Landes wohnen. „Für sie ist es schwieriger," lautete die Antwort. „Sie bringen es aber doch fertig, mit dem Zug irgendwo in die Nähe der Grenze zu konimen, und sie schleichen sich dann hinüber, oder es gelingt ihnen, die Zollbeamten und die Grenzwächter zu bestechen. Jeden Tag fliehen Hunderte über die Grenze." „Was wird aus den Leuten, wenn man ie fängt?" Tie Antwort lautete: „Das hängt von dem Offizier ab, der Gewalt über Leben und Tod hat. Im allgemeinen werden die Flüchtlinge aber nicht grausam behandelt. Sie werden aber sofort zur Front geschickt, und das ist auch ganz genug, denn von dem Augenblicke an hört man nichts mehr von ihnen." Italien. Frankfurt a. M. In unserer Nummer vom 11. November brachten wir nach dem Berichte unseres Korrespondenten eine Zusammenstellung der neugewählten jüdischen Deputierten in Italien. Durch ein Versehen dieses Herrn war die Liste nicht ganz richtig zusammengestellt. Wir stellen äe hiermit richtig und wollen nur bei dieser Gelegenheit der Freude Ausdruck geben, unser Nachrichtenmaterial fast vom gesamten jüdischen Blätterwalde als authentisch anerkannt zu wissen. Fast sämtliche Blätter nämlich von der grünen Tante bis zum Gratisblatt druckten die Liste mit ihren Fehlern ab. Tie in Betracht kommenden Namen sind: Artom (Gastelnuovo äi Oarkagnaoa); Barzilai (Rom V. Wahlbezirk): Cassnto (Livorno); Franchetti (Gitta di Castello); Luzzati Luigi. (Albano); Luzzatto, Artur (llontevarclii); Lnzzato, Richard (San Daniele); Melli (Comacchio); Morpureo (Cividale del Friuli); Pavia (Soresina); Romanin-Jacur (Piave); Sorani (Scansano); Wollemborg (Cittadella). Im ganzen gibt es jetzt also in Italien 13 jüdische Deputierte. —e— Rom. Der Ingenieur Emberto Pngliese aus Alessandria wurde zum Hauptmann im Marineingenieurkorps ernannt. Er lieferte für das Arsenal zu Eastellamare di Stabia einen neuen Typ für Panzerkreuzer der italienischen Kriegsniarine. Pugliese ist erst 25 Jahre alt. Die Familie des verstorbenen Kriegsminifters Ottolenghi überwies für speziell jüdische Wohltätigkeitszwecke 1500 Lire. Rußland. Petersburg. In der letzten Zeit hatten verschiedene' j ü dis che Deputationen beim Minister d e s I n n e r n Audienz. Es handelte sich dabei selbstverständlich um die Verbesserung der traurigen Lage der Juden. Der Minister hatte jedesmal liebenswürdige Worte; ob aber etwas Praktisches dabei herauskommt, wird die Zukunft lehren. Odessa. Im Gouvernement Odessa giebt es 563 Cheder-Schulen. Warschau. DiehebräischeTageszeitung „Hazefiroh" meldet, daß verschiedene Auswanderer, die mit dem Dampfer „Moltke" der H a in b u r g - Amerika- Linie von Hainburg abgefahren sind, ihr eine Beschwerde darüber gesandt haben, daß die rituelle Kost, die ihnen von der Direktion der Hamburg- Amerika-Linie auf Veranlassung einflußreicher Hamburger Juden zugcsichert war. Mit der Slbdampfung des Schiffes aufhörte. Irkutsk (Sibirien). Ein Blick in die russische Mißwirtschaft! Der Vorsteher der Chewra kadischa veröffentlicht in der Petersburger Jargon-Tageszeitung „Ter Fraind", daß zwei jüdische Soldaten in einem in Irkutsk stationierten Bataillon im Laufe eines Monates an der Schwindsucht gestorben sind. Man kann sich danach einen Begriff machen, welch' Mißwirtschaft in der russischen Heeresverwaltung herrschen muß, sowie, wie ungerecht und unmenschlich bei der Aushebung gerade Juden gegenüber vorgegangen wird. Australien. Melbourne. Ein jüdischer Geber in Melbourne hat der jüdischen Gemeinde 5000 Livres (— 100 000 Mark) mit der Bestimmung übergeben, eine jüdische Universität zu gründen, in welcher hauptsächlich hebräische Sprache und jüdische Wissenschaft gepflegt werden soll. _ Personalien. Frankfurt a. M. Am 28. ds. Monats (21. Kislew), starb dahier Herr Perez Posen. Eine schwere Krankheit hatte ihn schon seit langen Jahren der Oeffentlichkeit entrückt und ans Haus gefesselt. Doch wem es vergönnt war, in dieses Haus einen Blick zu tun, der sah darin nur Zuversicht und Lebensfreude. ' Tenn von echter wahrer Frömmigkeit und unerschütterlichem Gottvertrauen durchdrungen, strahlte sein Wesen eine stets gleichmäßige, wohltuende Harmonie aus, die schöne jüdische Heiterkeit strömte von ihm aus, erfüllte und erhellte sein Heim. Mlen Fragen des Lebens, den speziell jüdischen sowohl wie den allgemein menschlichen, brachte der Verstorbene reges Interesse und Verständnis entgegen: ein ungewöhnlicher Geistcsrcichtum befähigte ihn. (die Tinge klar zu erfassen, so daß der Verkehr mit ihm für jeden eine Quelle oer Anregung, der Belehrung und der Freude wurde. Treu zur Seite stand ihm eine würdige Gattin, eine Eches chajil, die in der Betätigung der aufopferndsten, selbstlosesten Liebe zu ihm ihre Lebensaufgabe sah. — Ihr und ihren mindern möge der Ewige Trost spenden. Berlin. Bankier Dr. Paul Schwabach in Berlin erhielt vom Sultan den großherrlich türkischen M e d s ch i d i e o r d e n l. Klasse. Berlin. Der akademische Maler Erich Wolfsr e £ b aus Krojanke in Posen hat einen Ernst Rcichenheim-Stiftungs-Preis im Betrag von 600 Jk für das Jahr 1804/1905 zuerkannt bekommen. Berlin, 24. Nov. Die Aerzte Dr. P. Juliusberger und Dr. Jaques Lasch sind zu Sanitätsräten ernannt worden. Bresla«. Die silberne Hochzeit feiert am 2. Dez. dieses Jahres der König!. Eisenbahnstations-Assistent Herr Louis H i r f ch b e r g , Alsenstr. 30, mit seiner Frau Minna gcb. Abramski. Ter Jubilar ist seit 30 Jahren im Staatseisenbahndienst beschäftigt, 15 Jahre an der Märkischen Eisenbahn und hat vor 5 Jahren sein 25jährigeS Ticnstjubiläum gefeiert. Krakau (Galizien). Unsere Gemeinde hat e>n schwerer Verlust betroffen. Herr O b e r r a b b i n e r C h. L. H o r o w i tz ist am £9. Nov. int Aller von 53 Jahren gestorben. Ter Verblichene war wegen seiner sehr großen Talmudgelchrsamkeit auch außerhalb der Grenzen Galiziens bekannt und angesehen. Paris» 24. Nov Das Journal officiel publiziert ein Dekret, wonach Mr. B e r g s o n , Professor der griechischen und römischen Philosophie vom College de France zum Professor der modernen Philosophie, als Nachfolger von Tarde, ernannt wurde. Rom. Am 17. November wurde die venia legendi erteilt an der Universität in Mode n a sür gerichtliche Medizin dem Tr. A t t i l i o E e v i d a l l i und an der Universität in Catania dem Dr. A z e g l i o B e m p o r a d. Ans der zionistischen Bewegung. Duisburg. Am Montag, den 28. Nov. sprach in der hiesigen Zionistischen Vereinigung Herr Rabbiner Tr. N i e m i r o w e r - Jassy über das Thema: „Drei Jahrhunderte jüdischer Geschichte in R u m ä ii i e n." Er wußte die zahlreich erschienenen Zuhörer in hohem Maße zu sesseln, da er als gründlicher Kenner der dortigen Zustände ein genaues Bild der Verhältnisse unter den rumänischen Juden geben konnte. — Nordische Länder. Das A.-C.-Mitglied Herr T r. Fr än ke l hat eine Agitationsreise in Schweden und Norwegen unternommen, die großen Erfolg hatte. In Ä o t h e n b u r g und Christ i a n i a wurden von ihm neue zionistische Vereine gegründet. (Tie „Welt" Nr. 48.) Rußland. Eine zionistische Deputation beim neue» M in iste r des Innern, F ttt st e» Swiatopolk-Mirsk y. Tie „Welt" erhält von der zionistischen Landsmannschaft Rußlands folgende Mitteilung: Am 5./18. November d. I. wurde eine Deputation der russischen Zionisten vom Minister des Innern Fürsten Swiatopolk-Mirsky empfange». Tie Deputation bestand aus de» Herreil Dr. R. Katzenelsohn (Libau), der schon früher von Sr. Exzellenz empfangen worden war, Rechtsanivalt I. Jasinowsky (Warschau), Tr. Tschlenow (Moskau) und Dr. Bclkowsky (Petersburg). Ter Minister hat die Deputation wohlwollend angehört, berührte die wichtigsten Punkte und Erfordernisse der zionistischen Bewegung und versprach, dieser wichtigen Frage seine ernste Aufmerksamkeit widmen zu wollen. G Heuilletoil. G Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution Bon R. (Schluß). Hinter dem Torfe, abseits der Landstraße, befindet sich ein stundenlanger Morast, welcher zu unserm Glück damals fest gefroren war; aus diesem rannten wir ungehindert ungefähr eine halbe Stunde lang fort, als wir das russische Heer heraiiziehenjsahen. Wir wollten anfangs stehen bleiben, dachten aber, daß dieses Benehmen die Feinde um so argwöhnischer machen könnte und zogen es vor, ihnen mutig entgegenzurücken. „Wer da," rief der Vorposten. „Wir sind Abgeordnete des Torfes Studianka, uin Euch zu benachrichtigen, daß die Trümmer des französischen Heeres sich bei uns befinden und, da sie sich eben jetzt des tiefsten Schlafes erfreuen. Euch leicht zur Beute werden können," erwiderte ich ihnen in gutem Ryjsisch. Ich hatte mir nämlich vor unserem russischen Feldzüge die Kenntnis der dortigen Landessprache ziemlich zu eigen gemacht.

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