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Neue jüdische Presse · 1904-12-02 · Heft 46 (2.12.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 46 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. „Wie viele sind ihrer ungefähr?" fragte man uns weiter. „Kaum viertausend," entgegnete ich. „Da werden wir sie leicht haben," versetzte der Bortrab und zog weiter. Ich lenkte den Schlitten zum Schein wieder rückwärts, um allen Argwohn zu beseitigen, fuhr eine Zeit lang mit dem Heere in einer Richtung und lenkte dann allmählich schräger; bis wir ihm endlich ganz aus dem Gesichte gekommen waren, drehte ich um und dann ging's in einem Zug weiter- bis zur Grenze des Herzogtums Warschau, wo wir unfern Feldherrn Macdonald mit einer ansehnlichen Schar befreundeter Polen, trafen und daher vollkommen in Sicherheit waren. Unser Kaiser, welcher nicht länger als einen Tag dort ausruhen wollte, reiste Tags darauf ab, nachdem er mir ini Angesicht des ganzen Heeres den Orden der Ehrenlegion erteilte und mich zum Feldmarschall- Leutnant ernannte. Dies war die höchste Stufe, die ich erreichte. Das ganze gegen Studianka vorgerückte russische Heer hatte sich aber gewaltig verrechnet. Es dachte nämlich, unserer Aussage nach die Franzosen im Schlaf anzutrcffen, fand dieselben aber zu ihrem größten Erstaunen vollkommen wach. Gleich mach unserer Abreise ließ der Feldherr Victor die beiden Eingänge des Torfes verrammeln und hielt mit einigen Tapfer« £a§ feindliche Heer so lange auf, bis der Hauptteil unseres Heeres über den gefrorenen Morast einen ansehnlichen Borsprung erreich hattte, worauf er dann selber mit den wenigen vom ryjsischcn Kanoncnfeuer geretteten Getreuen die Borangegangencn einholte und so mit den Trümmern des großen Heeres das Herzogtum Warschau glücklich erreichte. Was auf den verunglückte» russischen Feldzug folgte: die Verbindung der mächtigsten europäischen Reiche gegen Frankreich, die für uns so unheilvolle große Völkerschlacht bei Leipzig, die bald darauf erfolgte Thronentsetzung Nävoleons und dessen Verbannung auf Elba, dessen Flucht von da und Errichtung des neuen hunderttägigen Kaiserreiches, seine abermalige Niederlage bei Belle-Alliance (Waterloo) und Verbannung nach der Insel St. Helena — sind allgemein bekannte Tatsachen, wobei ich zwar auch manche Lanze brach, aber keine Hauptrolle spielte. Zur Zeit der Wiedereinsetzung der Bourbonen nahm ich meine Entlassung aus dem Heeresdienst und lebe seitdem im Ruhestand zu Paris. Manches hat sich seit der Zeit wieder geändert, aber die edelste Errungenschaft der ftanzösischen Staatsumwälzung: die Gewissensfreiheit und die Gleichheit aller vor dem Gesetz stehen in Frankreich in bester Blüte; sie haben sich bereits im Bewußtsein des Volkes so eingelebt, daß selbst der größte Gewaltherrscher nicht Hand daran zu legen wagt; der vorige König Karl X. wollte daran, sowie an manchen andern heiligen Menschenrechten rütteln, itzüßte aber seine Unklugheit mit dem Thron büßen und einem freidenkenden Mann wie Louis Philippe Platz machen. Leider kann ich von Oesterreich, Preußen und den andern deutschen Staaten, Italien und Rußland nichts Erfreuliches über unsere Angelegenheiten sagen. Seft dem Sturz Napoleons sind sie sämtlich in den Wendekreis des Krebses cingetreten; alle Zugeständnisse, welche die dortigen Negierungen im Jahre 1813 ihren Völkern machten, um diese zum Heldenkampf gegen die Franzosenherrschaft aufzumuntern, sind wie Träume zerstoben: die Untertanen, allerlei Glaubens und Standes, haben ihr Herzblut verspritzt und ihr Gut hergegeben für die Rettung des Vaterlandes, aber — die Versprechungen blieben Worte. Ueberall wurden wieder verrottete Zustände herbeigeführt; die erste verlorene Schildwache waren' die Juden. Ein Ausnahmegesetz nach dem andern wurde für sic aus der mittelalterlichen Rüst- und Rostkammcr hervorgeholt. In andern Ländern suchten die Regierungen wenigstens der inner» »Veredlung des Judentums keinen Einhalt zu tun. Während in Preußen die stockrechtgläubigen, bckehrungssüchtigen Stimmführer jede nur geringste Verbesserung im jüdischen Gemcindewesen mit aller ihnen zu Gebote stehenden Kraft niederdrückten, — ersreuten sich in Rußland die Juden während Mexandcr's Regierung verhältnismäßig guter Tage; unter der Nachfolge des Nikolaus aber, des sich vergötternden Gewaltherrschers, der die Gesamtheit seiner Untertanen nur al» ein Puppenspiel betrachtet, Lessen bewegende Feder nur sein Wille sein darf, ging has Elend der russischen Judenheit von neuem an. — In Italien, besonders im Kirchenstaat, ist alles zum Alten zurückgekehrt; nach dem Sturz Napoleons trat wieder die weltliche Herrschaft des Papstes ins Leben und mit ihr die alten Judengesetze. Die Männer des Rückschritts bewirkten unter dem Pöbel künstliche Judenhetzen, so daß die armen Bedrängten, um ihr klägliches Dasein ungestört ftisten zu können, um Wiederherstellung ihrer Ghettomauern bitten mußten, welche ihnen auch recht gern gewährt wurden. Die freier fühlende, jüngere Nachkommenschaft suchte sich größtenteils eine neue Heimat. — So trübe aber auch diese Bilder sein mögen, tan» uns dennoch zum Trost gereichen, daß auf den Wendekreis des Krebses, der des Löwen, des Fortschritts unaufhaltsam Fvanffirrter JfvaelitWÄ UaimMevAaL. folgt. Dieser sprengt früher oder später seine Ketten, zerreißend, zermalmend, was sich ihm hindernd in den Weg stellt." Ende. Sprechsaal. (Ohne Berantworttichkeü der Redaktion.) Geehrte Redaktion! Mit schmerzlichem Bedauern habe ich den Artikel im „Sprechsaal" Ihrer Nr. 45 gelesen. Mit Bedauern, nicht über die darin geschilderten Zustände, sondern, daß der geehrte Einsender, der sich doch wohl zu den Frommen zählt, frohlocken kann über eine Gesereh, die, wie er selbst eingesteht, von den Neologe» Ungarns heraufbcschworen ist, welcher Umstand allein schon Grund genug wäre, überzeugt' zu sein, daß dies eine Gesereh im wirklichen Sinn des Wortes ist, daß dieser Streich von der Axt geführt ist, die unsrem Lebensmark an die Wurzel gehen möchte. Leider mit Recht „erhebt sich ein Wchgeschrei im orthodoxen Lager Ungarns" und jeder Jehudi, der wahrhaft Sinn und Verständnis für Taurusenu hakdauscho hat, der deren Kenntnis und Pflege sich zur Lebensaufgabe macht und zu ihrer Fahne schwört, sollte mitweinen und mitklagen. Obgleich der geehrte Einsender „die Methode der Jugenderziehung in Ungarn" kurzer Hand aburteilt, obgleich er in dieser Methode de» Grund sehen will, „daß die Lehren des Judentums keine Wurzel schlagen" — was wäre wohl i» Deutschland der Grund für diese gleich traurige und betrübende Erscheinung, in Deutschland, wo man den Grund dafür doch wahrlich nicht in z n v i e l Tauroh-Lernen suchen kann.— glaube ich nicht, daß er eine blasse Ahnung davon hat, wie die ungarische Jugend lernt, wirklich lisobmob lernt, denn sonst könnte er es nicht als Grundfehler der Erziehung hinstellen, daß sie nichts anderes bezweckt, als „das Nvllpropfen des Kindes mit jüdischen Kenntnissen, ohne Rücksicht auf die Frage der späteren Lebens-Existenz". Bewundern, nicht verdammen muß man solche Eltern, die die ganze Frage der zukünftigen Lcbensgestaltung beiseite legen, um vor allem das Kind der Tauroh znzusühren, bewundern noch mehr die Opserfähigkeit und Opferfreudigkeit, Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit der Knaben und Jünglinge, die auf alle Annehmlichkeit und Bequemlichkeit verzichten, ihre Bedürfnisse aus das .Mindestmaß beschränken, um Tag und Nacht kein anderes Ziel, keine andere Befriedigung zu erstreben, als zu „lernen", sich zu vertiefen und zu vervollkommnen auf dem Gebiete, das unsrer deutschen Jugend leider immer mehr terra incognita ist. Und wenn der Bocher darbt, wenn er nichts hat, als Brot und — Petroleum, seine Lampe zu füllen, um auch die Nachtstunden hindurch zu lernen, er fühlt cs nicht, er entbehrt nichts, weil er ganz aufgeht mit Leib und Seele in seinem bewundernswerten Streben. Da wird gelernt. Tag und Nacht, ohne Nebenzweck, nicht ein Einziger „rüttelt an den Fesseln" ein jeder nimmt freudig das „Ol Tauroh" auf sich, beugt sich willig und freudig unter dasselbe. Ich kenne Kinder aus wohlhabendem Hanse, die auf der Jeschiboh Kosttage essen mußten, während für das Geld, das ihre Verpflegung gekostet hätte, arme Bochrim unterstützt wurden, weil man von der richtigen Ueberzeugung durchdrungen war, daß bei Ueppigkeit und Wohlleben richtiges Taurohstndium nicht gedeihen kann. Daß es bei der unendlich großen Zahl von Bochrim auch einen kleinen Prozentsatz von Abtrünnigen gibt, ist doch >vohl auch natürlich. Aber der beste Beweis dafür, daß die meisten, die einst Bochrim gewesen, dies gerne und freiwillig gewesen, und sich nicht „dem entschlossenen Willen der Eltern, den Drohungen und Verwünschungen der Rabbinen" beugten, ist der Umstand, daß die Väter all der Jünglinge, Äie die Jeschibos und Chedorim füllen, auch aus denselben hervorgegangcn sind, und trotzdem sie die damit verbundenen Entbehrungen selbst mitgemacht, doch mit Freude ihre Kinder dahin geben, trotz der Ueberzeugung, daß dies ihren Kindern keine Lebenscxistcnz geben wird, denn sie haben nur das eine Streben vorerst, den einen Wunsch, ihr Kind zu erziehen. Wollte Gott, daß dieses edle Streben auch in Deutschland mehr Wurzel fassen würde. Wie cs h e u t e ohne Cheder und ohne Jeschibo in Deutschland mit unsrer heiligen Tauroh bestellt ist, wo man Meilen- und tagelang reisen kann, ohne jemand zu treffen, der ein Blatt Gemoroh lernen kann, ist eine zu bekannte traurige Tatsache. Möge Haschem jisborach für diese Gsere die richtigen Wege zur Heilung zeigen, und die neue Gsere, die das Bestehende in Ungarn bedroht, in seiner Gnade glücklich abwenden. S. Bücherschau. Dath Ve-Tin. Religion und Staat. Eine Studie von Bernat Schück, Rabbiner der Temesvarer (Josefstadt) isr. aut. orth. Gemeinde. ■ Temesvar 1903. 8° 93 S. Anhang 70 S. Notgedrnngene Bemerkungen zum Jahresbericht der Temesvarer Chewra-Kadischa pro 1903 von Bernat Schück, Rabb. der Rr. 46. Temesvarer isr. aut. orth. Gern. Temesvar 1901. 8® 57 S. Die Studie Rabbiner Schück's „Dath Ve-Din" verdient eine ernste Beachtung. Es ist eine erfreuliche ..Erscheinung, daß unsere. jüngeren Rabbiner anfangen, sich dem jüdisch-wissenschaftlichen Gebiete zuzuwenden und so dokumentieren, daß sie ihren rabbinischen Beruf nicht mehr, ausschließlich in der Ausarbeitung von. schönen „Predigten" nach christlichem Muster sehen. Jüdische Wissenschaft, sie muß das Ziel sein! Die vorliegende Studie verdankt ihre Entstehung einem traurigen Falle. Ein jüdischer Mann lebte mit einer nichtjüdischen Frau in Zivilehe. Der aus dieser Ehe entstammende Knabe, der in der staatlichen Matrikel als Jude eingetragen war, aber von der jüdischen Gemeinde selbstverständlich nicht als solcher anerkannt und also auch nicht beschnitten ward, starb, und der Vater wollte ihn auf dem jüdischen Friedhofe beerdigen lassen. Ter Rabbiner der Gemeinde — Verfasser, der vorliegenden Schrift — verbot die Beerdigung, doch wurde sie von der Chewraleitung der anderen jüdischen (neologen) Gemeinde, mit welcher die zuständige Gemeinde gemeinsamen Friedhof und gemeinsame Chewra- Kadischa besitzt, ausgesührt. Diesen Fall und die aus ihm folgenden Konseqncikzen beleuchtet die Studie. Die Hauptfrage, die die Abhandlung beantworten soll, ist: „Ob es im Sinne unserer Religionsgesetzc gestattet ist, das Kind einer nichtjüdischen Mutter, selbst wenn es in die staatliche Matrikel als Jude eingetragcn ist, ans dem jüd. Friedhofe zu beerdigen?" Vers, teilt diese Hauptfrage in vier lknterfragen, die er einzeln, auf Grund der jüdischen Gesetzesquellen ausführlich behandelt. 1. Kann ein von einem jüdischen Vater und einer nichtjüdischen Mutter gezeugtes Kind als Jude betrachtet werden? 2. Darf an einem solchen Knaben die Milah (Beschneidung) vollzogen .werden? 3. Ist es religionsgesetzlich gestattet, einen Nichtjuden auf einem jüdischen Friedhofe zu beerdigen? 4. In wiefern ist der als Halacha Norm akzeptierte Grundsatz „Dina demalchntha dina" — das Staatsgesetz ist gültiges Gesetz, für Las, religiöse Leben verpflichtend? In historischer und systematischer Ordnung geht nun Vers, auf die Gesetzcsqucllen zurück und behandelt in ihrem Lichte die aufgeworfenen Fragen. Ausgehend von Thora, Newiim und Ketsubim verfolgt er die Untersuchung in Mischna und Gemara Poskim, Rischonim und Acharonim und kommt zu dem Ergebnis: „Das Kind einer Nichtjüdin ist in gar keiner Beziehung Jude." In gleicherweise behandelt Vers, auch die zweite Frage, die er in dem Sinne beantwortet, daß das Kind einer Nichtjüdin nicht eher Jude , werden kann, bis auch die Mutter Jüdin geworden ist. Sehr richtig fügt noch Verfasser hinzu: „Auch wenn die Mutter selbst die Aufnahme ihres Kindes in den jüdischeil Glauben verlangt — der Wunsch und Wille der Mutter sind für uns nichtig, des Vaters — obzwar Jude, ebenfalls ohne Bedeutung." Diese Konsequenz ist im Wesen des Judentunis, das nicht nur Religio,,, sondern die Nation in sich faßt, begründet. Das Judentum ist eben keine Konfession; wäre, cs eine solche, so müßte der übereinstimmende Wille der Eltern genügen, ein nichtjüdisches Kind ins Judentum aufzunchincn. Da aber die Zugehörigkeit zum Judentum nicht von einem „Bekenntnis", sondern von der Abstammung innerhalb' der jüdischen Nation, also von der Gebürt von e i n e r j n d i s ch nt Mutter abhängig ist, so ist es klar,' daß ein, von einer Nichtjüdin geborenes fiiiitnmr so Jude werden kann, wenn vorh c r die Mutter Jüdin geworden ist. Wir hätten unter den von lobenswertem religiösem Eifer getragenen Motivierungen auch diese gerne gesehen. Auch die dritte Frage wird mit guter Sachkenntnis quellenmäßig dahin b.'an'.wortek, daß wohl die Beerdigung auch nichtjüdischer Toten jüdische Mcnschciipflicht ist, aber nicht die gemcinsaine Beerdigung mit jüdischen Toten, also nicht aus dem jüdischen Friedhofe. Vers, fügt hinzu,, man müsse einen jüdischen Begräbnisplatz „im Sinne der Gründer und den Ueberliefcrnngen geinäß handhaben", sonst „entbehrt die Chewra-Kadischa jeder Basis, ja sie hat sogar aufgehört eine Existenzberechtigung zu haben". Sehr dankenswert ist die Behandlung der vierten Frage, wo Vers, klar und präzis den Grundsatz von „dina demalchntha dina" beleuchtet. Vers, hat da in verdienstvollerwcise alle nur irgend bedeutsamen Deutungen des erwähnten Grundsatzes, besonders von hervorragenden Männern des 19. Jahrhunderts, gesammelt, gesichtet und geschickt geordnet. Schon diese Sammlung allein, die sonst nirgends in solcher Vollständigkeit gegeben ist, wie hier, hat einen bedeutenden historischen Wert. Beherzigenswert sind die Konsequenzen, die Vers, aus dieser Behandlung gezogen. Zu wünschen wäre nur gewesen, daß bei der Anführung der einzelnen Deutungen gleich auch die Stellungnahme des Verj. durchsichtig sei oder eine kleine Bemerkung die weniger zutreffenden Deutungen als solche bezeichne. So wäre zu der Definition Philippsons, die lautet: „Das Gesetz des. Staates ist Gesetz, d. h. alle jüdischen Gesetze, welche nicht die

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