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Neue jüdische Presse · 1904-12-02 · Heft 46 (2.12.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 46 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. fen. Und so werden tausende jüdische Familien, die in Ermangelung würdigerer Existenzen vom Schankgcwerbe in Galizien leben, über kurz oder lang total um ihr Brot komme». Am 29. Oktober hat in der Lembcrger Borstadt Zamarstinow eine Konferenz der Vorstände der bäuerlichen Konsumvereine getagt. Unter anderen Resolutionen wurde aus dieser Zusammenkunft ein Beschluß gcsaßt, der, wenn er in der' Praxis verwirklicht werden sollte, sehr verhängnisvoll auf das Geschäftslcbcn der galizischcn Inden wirken würde. Diese Resolution lautete, daß die landwirtschaftlichen Konsumvereine sich organisieren, u nt den Eierhandel den „Unberufene n" (den Juden) aus der Hand zu nehmen. In den galizischcn Städten und Marktflecken leben wenigstens 90 000 Seelen vom sogenannten Eiersammeln. Die Bauernbevölkerung bringt an Markttagen Eier in die Städte, die Juden kaufen und sortieren die Eier und stellen dann ganze Kisten zusammen, die sic an Eierexporteure abgeben. Wenn sich nun die bäuerliche» Konsumvereine, die in 4000 Dörseru mit Greißlcreien vertreten sind, aus das Zusammenkaufe» der Eier verlegen Ivürden, dann könnte der Bauer die Ergebnisse an Eiern daheim im Torfe im Konsnmgcschäftc anbringen und dieser ansehnliche Geschäftszweig wäre den 30 000 Seelen, die sich durch ihn halbwegs erhallen, ganz abgeschnittcn. So ist cs mit den jüdischen Existenzen in Galizien bestellt. Die Hälfte der jüdischen Nahrungszwcige ist schon verschwunden, und''die andere Hälfte wird systematisch und mit nüchterner Berechnung abgegrabcn. — — Aufsehen erregt ein Vortrag, den der Reichsratsabgeordnetc E r n st Breiter — ein Christ — am 12. November im Lembergcr Verein „Schomcr Israel" über die allgemeine jüdische Lage in Galizien gehalten, hat. Er sagte u. a.: Ich habe oft darüber nachgedacht, weshalb die jüdische Lage so elend und traurig sei, und kam zu dem Schlüsse, daß dies einzig und allein der A s s i m i l a t i o u zu verdanken sei. Es ivurde euch „Gleichberechtigung" gewährt. Anstatt damals dasjenige zu fordern, was euch tatsächlich gebührte, begannen eure Großen Assimilation zu predigen, wollten sic ganze Polen sein und ihr Judentum ganz beiseite lasse». Sic vergaßen nicht allein ihr Judentum, sondern auch den Uinstand, das; jeder zweite Pole ein geborener Antisemit sei, der die Verachtung des Juden daheim und in der Schule gründlich lernt, man könnte fast sagen, daß er ihn mit der Muttermilch saugt. Ihr habt euch eingebildet, daß der Haß auf einmal verschwinden würde, wenn ihr nicht aushörcn werdet, zu beteuern, daß ihr keine Juden seid und daß cs keine besonderen jüdischen Forderungen gebe. So sind eure Rechte nach und nach eingeschränkt worden. Die Assimilation hat aber auch, großen Schaden in moralischer Hinsicht angerichtet. Ich sage cs osfen: Ihr führt oft eine Politik, wie sic die größten Judenfeinde nicht antisemitischer führen könnten. Ihr seid ungehalten über die wahnsinnigen Anfälle eines P. Stojalowski, der alle Mandate mit Antisemiten besetzt wissen will. Habt ihr nicht selbst viele Schlachtzizcn gewählt, von denen ihr wußtet, daß sie Antisemiten reinsten Wassers sind? Und wenn ihr schon einen Juden wählt, tritt denn dieser sein Mandat als Jude an? Ihr wählt ihn, well cs die Schlacht« so haben will — als Polen und als Pole interessiert er sich für alles Polnische; jüdische Angelegenheit existieren für ihn gar nicht. Ich weiß nicht, ob ihr keine Älugcn habt für eure Lage oder ob ihr die Augen absichtlich schließt. Seht ihr nicht, daß man alle Mittel anwendct, um euch des letzten Bissens zu berauben? Es werden verschiedene Vorwände gebraucht, um euren Erwerb zu schädigen, ohne daß ihr niit einem Finger dagegen rührt. Ich muß leider prophezeien, daß es noch schlimmer werden wird. Vielleicht wird aber dies euch zum Nutzen gereiche». Tie Juden pflegen sich ja bekanntlich erst dann zu erniannen, wenn es ihnen am schlimmsten ergeht. Vielleicht hat euch die Vorsehung erst jetzt gerade mit nationale» Helden bedacht, wie der verblichene Dr. Herzl und Max Rordau, die euch den richtigen Weg zeige», der der Assimilation ein Ende machen sollten. Und eure Helden haben sich für euch geopfert . . . Ihnen allein habt ihr es zu verdanken, daß nun die Rückkehr zum Judentume beginnt. . ." Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wie man uns mitteilt, veranstaltet der hier bereits gut eingeführtc Basist, Herr Max Rothschild aus Karlsruhe, am M o n t a g, den 12. Dezember (nicht wie vorgesehen am Mittwoch, den 14. Dezember) im Saale des Kaufmännischen Vereins, Langcstr. 26, ein Konzert unter Mitwirkung von Frl. Krieger, Frankfurt a. Bk., Herrn Jul. Pappcrle, Frankfurt a. M. und Herrn Konzertmeister A. Soldan, Marburg. Wir können den Besuch des Konzertes sehr empfehlen. —i— Berlin. Bei den Repräsentantenwahlen i n d e r jüdischen Gemeinde haben die Kandidaten des Liberalen Vereins gesiegt. Cs erhielten Stimmen: die Herren li Moritz Mannheimer 5852, 2) Louis Sachs 5766, 3) Professor Dr. Blaschke 5637, 4) Kommerzienrat Friedländer 5635, 5) Tr. Minden 5618, 6) Stadtrat Dr. Weigert 5575, 7) Justizrat Dr. Veit Simon 5572, 8) Professor Tr. Kalischcr 5521,!>) Prof. Dr. Geiger 5519, 10) W. Locwenthal 5517, 11) Ad. Mayer 5503. Diese elf Herren sind als Repräsentanten gewählt. Es folgen die Herren: 12) Benas Levy mit 5491, 13) Tr. Fcilchenfcld 5491, 14) Einil Pincus 5191, 15) Moritz Rofenow 5488, 16) Louis Ed. Sachs 5472, 17) P. Schlochauer 5381 Stimmen. Diese sechs Herren sind als Repräsentanten-Stellvertreter gewählt. Tie Kandidaten des Zentralvcreins für die Interessen der jüdischen Gemeinde haben erhalten und zwar die Herren: 1) Prof. Dr. Landau 3350,' 2) Kommerzienrat Bcrthold Israel 3330, 3) Löwenberg 3274, 4) Dir. Sachs 3255, 5) Prof. Dr. Pagcl 3237, 6) Justizrat S. Neumann I. 3218, 7) Wassermann 3185, 8) Schwarz 3134, 9) Lewin 3134,10) Tr. Steinthal 3125, 11) Selig 3088, 12) Dr. Israel 3065, 13) Lewinski 3063, 14) Seligsohn 3063, 15) Jaffa 3051, 16) Beer 3021, 17) Kirschstcin 3005 Stimmen. —i— Berlin. Der Verleger der „Staatsbürger- Zeitung" in Berlin hat dieser Tage den wohlverdienten Lohn für sein Treiben mit einer Hundepeitsche erhalten. Er hatte einen infame», vom Staatsanwalt übersehenen Artikel „Anarchisten und 8 175 Männer" verantwortlich gezeichnet, worin er verschiedene Juden unverschämt angriff. Darauf erschienen zwei Herren in der Redaktion und wollten den Verfasser des Artikels wissen. Als Bruhn die persönliche Verantwortung dafür übernahm, verabfolgten ihm „die beiden schwarzgelocktcn Eindringlinge" den gebührenden Lohn in nicht mißznvcrstehcndcr Weise. Berlin. Der .V o r w ä r t §" geißelt treffend die ch r i st l i ch c Pose unserer getauften oder v o r - länsig noch ungetansten Inden, indem er schreibt: ' Herr, siche dein Volk an! So möchte der wahre Christ oft ausrufen, wenn er vernimmt, daß der Teil der Bevölkerung, der nicht imstande ist, für die Mosaik der Kirche mit der weggcmeißelten Kamelinschrift die einzig erwünschten größeren Spenden zu geben, sich immer mehr von der Religion der Väter abwendet und dem glaubenslosen Umsturz huldigt. Noch blüht die zarte Blume inniger Glaubens- und Bckenntnisfreudigkeit, und wer je am praktischen Christentum gezweifclt hat, der soll sich jetzt die Liste der deutschen Männer betrachten, die sich beim Bau der Kirche zu Grunewald durch reiche Spenden hervorgetan haben. Orgel, Äirchenfenster, Kronleuchter, Tausgerät, Altar, Glocken, alles ist freiwillig dieser Kirche von christlicher (?) Hand gegeben toorden. Unter den frommen Spendern werden jetzt ofsiziell genannt die Bankiers Franz und Robert Mendelssohn, der Bankier Neuburger, der Konsul N a ch o d und der Bankdircktor D e r n b u r g. Ist es zuviel gesagt, wenn wir behaupten, daß aller Religionsfeindschaft zum Trotz das deutsche Gemüt in den hier genannten Männern sich bewährt und der ch r i st 1 i ch - germanische (!!) G e i st bei ihnen in strenger Rassenreinheit eine Pflegestatt findet! —i— Köln«. Rh. Wie es gemacht wird. Wie wir erfahren, hat der bei Gründung der Akademie für Medizin zu Köln zum Leiter der inner» Abteilung ernannte Pros. Dr. Oskar Minkowski ans Rußland sein Hemd — pardon seine Religion gewechselt. Er ist also jetzt ebenso strenggläubig als Christ, wie er es als Jude war. Oder es müßte ein sonderbarer Zufall sein, daß ihm im gegebenen Moment, in der Aussicht auf eine Professur, die jüdische Religion gegenüber dem christlichen Glauben minderwertig erschien. Es ist eben so eine Sache niit der plötzlichen Freiheit aus dem Ghetto heraus — bei weniger festen Charakteren. Köl« o. Rh. Die Repräsentantenvers a m m l u n g vom 22. November behandelte zwei Gegenstände, die auch für die weitere Oeffentlichkeit interessant sind. - Nr. 46. Erstens wurde die traurige Tatsache konstatiert, daß die beiden Ge mein d e s y n a g o g e n an den Wochentagen so schlecht besucht sind, daß der Vorstand -die Repräsentanten ersucht, nur in der Synagoge Glockengasse an den Wochentagen Gottesdienst abhalten zu lassen. Nach einer längeren Debatte, in der die Herren Alb. Simon und M. G o tt s ch a l k betonten, „eine Hebung des Gottesdienstes sei nur unter der Mitwirkung der dabei beteiligten Eemeindebeamten möglich, und es müsse - konstatiert werben, daß dieselbe häufiger versage", beschlossen die Repräsentanten dem Vorschläge des Vorstandes nicht Folge zu geben und den Wochentag- Gottesdienst in den beiden Synagogen beiznbehalten. Tann berichtete Herr E l i e l über den weiteren Verlauf des Beschlusses über die Einführung der Orgel. Ter Protest des Herrn Herm. van Cleef sei vom Herrn Regierungspräsidenten in allen Punkten als nicht stichhaltig zurückgewiesen worden. Hieraus habe der Vorstand die Minorität aufgeiordert, den dritten Rabbiner innerhalb einer belimmten Frist zn ernennen. Sie habe diese Frist vertreichen lassen, ohne der Aufforderung nachzukommen. Durch die Sommerferien sei .die Frage auch hinausgeschoben worden. Wolle man warten, bis die Beschwerde eines Einzelnen erledigt ist, die nur als Zeichen der Verschleppung der Angelegenheit anzusehen sei, so würde sie noch weiter hinausgeschoben werden: es wurde deshalb der Ausweg gewählt, die beiden hiesigen Rabbiner sollten unter Hinzuziehung eines dritten Rabbiners ein Schiedsgericht bilden. Da nun inzivischen von Herrn van Cleef Beschwerde beim Herrn Oberpräsidentcn erhoben wurde, müsse man erst dessen Entscheidung abwarten. Wenn man Obstruktion treibe, so könne man eine Sache in die Länge ziehen. Die Minorität wolle dadurch nur Zeit gewinnen bis zur demnächstigen Wahl, um vielleicht ein anderes Resultat herbeizuführen. — Ta keine Debatte über diesen Punkt auf der Tagesordnung steht, wurden die Verhandlungen geschlossen. —i— Mülhausen i. E. Unser zionistischer Gesinnungsgenosse, der Bildhauer Be ex derzeit in Florenz, wurde seiner Zeit von der hiesigen Stadtverwaltung aufgefordert, einen Entwurf zu einem Monumcntalbrnnnen zu verfertigen und 8er Jury cinzuscnden. Das ist nun geschehen. Der Entwurf, der demnächst öffentlich ausgestellt wird, stellt einen Arbeiter dar, der mit der einen Hand auf einen Pickel sich stützt, mit der anderen Hand aber sich den. Schweiß von der Stirn wischt. —i— Zweibrücken i. L. Pf. Bei der ani 21. d. M. in Zweibrückcn stattgehabten Wahl, wo die Liberalen niit den Sozialdemokraten um die städttsche Herrschaft zu kämpfen hatten, wurde als zwei!cr Bnrgcrmeisteradjunkt Kaufmann Guggenheim gewählt. Ursprünglich war G. für die Bürgermeisterstelle in Aussicht genommen, hatte aber eine solche Wahl abgelehnt. Kattowit;. Das war einmal! Ein interessantes Schriftstück befindet sich im Besitze des Rabbiners Dr. Cohn in Kattowitz: „Ihr Schreiben vom 25. v. M. habe ich soeben erhalten und kann Sie nur ersuchen, die Fälle auzuzcigeir, weint Gerichtsbehörden oder einzelne Justizbeamte sich beikommen lassen sollten, sich der Adresse „An den Juden N. dl." zu bedienen. So wenig man es sich cinsallen lassen kann „An den Christen N. 9k." oder „An den Türken N. N." zu schreiben, ebensowenig würde ich es gutheißen, sich jener Adresse an einen Juden zu bedienen. Wo cs auf Glaubens^ Verhältnisse ankömmt, stellt sich die Sache anders. Ta ist die Bezeichnung „Jude, jüdische Religion" ganz an ihreni Platze und dieser uralte Volksname jedenfalls treffender und ehrwürdiger, als der „Mosaischer, alttestamentarischer Glaubens-Genosse" und wie die Erfindungen der neueren Zeit heißen mögen, deren Gebrauch — weit entfernt etwas höheres auszudrücken, nur verletzend ist, weil kein Jude und überhaupt kein vernünftiger Mensch' je zugebcn wird, daß in der Benennung „Juden" etwas liege, was man zu umschreiben nötig habe —! Von Religionshaß kann überall nicht die Rede sein. Wer dem Glauben seiner Väter oder sonst seiner Ueberzeugung folgt und ein ehrlicher Mann, ein rechtschaffener Bürger des Staates ist, dem er angehört, bleibt stets ehrenwert. Nur wer kein höheres Moralprinzip anerkennt, er nenne sich Christ oder Jude, ist ein Mann, gegen den man weder Achtung, noch zu dem man Vertrauen hegen kann, und den man nur zu dulden hat, so lange er nicht dem Arm der Gerechtigkeit verfällt." Das Schreiben stanimt aus dem preußischen Staatsministerium vom — 31. Oktober 1836. Oesterreich-Ungarn. L. Wien. E in B esu ch b eim Präsidenten Äookevelt. Der Dozent am technologischen Geweröemuieum m Wien und Chemiker Dr. Paul C o h n fungierte bei der Weltausstellung in St. Louis als Vizepräsident der Jury für schöne Künste und Privatgalerien. Vor einigen Monaten hatte sich Dr. Paul Cohn in seiner offiziellen Eigenschaft nach St. Louis begeben. Dieser Tage wurde er vom Präsidenten Roosevelt im Weißen Hause zu Washington in Spezialaudienz empfangen. Mr. Roosevelt überreichte ihm nach derselben zum Zeichen seiner be-

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