Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 46 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrankfrtrker 3frarlitif(lirs famtlirablott. Dine Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Eeschästsstelte des Frankfurter Israel. Familienbtattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonncinenrs- Bestellnngeu schriftlich und mündlich entgegen. jAbonnemciuspreije siehe Schluß des redaktionellen Teiles). HlsdaKLtsrr irnd H>efchäfrKstette: Frankfurt 3. ITC.. Leiligkreuzgaiic 52. Lcke IrlüpperfeldKraße tgegrilüker der Neuen Icil). HcrauKgüber: SaNs Geis, ( Jnsertionspreije: Tic viergcspaltene Petitzeite.25 Pfg. Tie Rcklamezeile.100 „ Stellen-Llugebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Tas Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.—. 2. Jahrgang. Freitag, den 24. Kisslew 5665 (2. Dezember 1904). No. 46 Inhalt Ses Hauptblattes: Artikel: Chanuka. — Zustände in Galizien. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bew egung. —Feuilleton: Aus bewegter Zeit, Erzählung von R. — Sprechsaal. — Bücherschau. — Briefkaste n. —? Familiennachrichten. Chanuka. Von Dr. Jakob Nacht (Focsani). Unsere .Feste sind unsere Lebensretter. Wenn fanatischer Menschenhatz jeden Lebensmut in uns zu ertöten sucht, wenn im Tale der Taseinsprosa jeder Höhenschwuug uns unmöglich gemacht wird, da kommt der Festtag und ‘ versetzt uns in eine bessere Welt, wo neue Hoffnungen sprießen und frische Lcbenskeime grünen. Jeder jüdisch« Festtag ist eine Hoffnung. Bald führt er uns auf den goldenen Sohlen der Phantasie in die Tammerlande des Traumes, wo unser skeptisches Sein,, von den weichen Wellen heiligster Gefühle nmrauscht, neuen Lebensmut erhält. Bald ist es. der Boden starker Wirklichkeit, auf den uns das Fest mit kühncin Rucke stellt. Wir stehen inmitten der Gegenwart, die, um sie besser' zu begreifen, aus grauer Vorzeit zu uns spricht. Wir lernen sie kennen und wissen, was nun zu beginnen ist: die höchste Kunst zu erlernen, die Lebenskunst. Tenn in welcher Form sie auch auf» treten die jüdische» Feste, ob sic . mehr unsere Phantasie oder unseren Verstand anregen; auf welche Zeit sie auch fallen, mag eine junge Frühlingssonne ihren strahlenden Goldteppich zu ihren Füßen breiten, oder ein eisiger Winter weiße Schneeslocken vor sie aus-! schütten, eine Sprache führen sie alle: Lebenshoffnung. Chanuka ist ein Fest, das sich mehr an unser» realen Sinn wendet. Es steht mitten in unserm Arbeitstag. Vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung Arbeit, schwerer Daseinskampf. Und allabendlich — während der acht Festtage — Chanukaseieri Keine besonderen Zeremonien und Symbole. Zwei Segenssprüche über die Festesereignisse, ein dritter über das Leben, und die Chanuka-Menora erstrahlt in sröhlichem Lichte. Alles schlicht und einfach. Ein Arbeitstag, dann ein karges Lrchtlei» in der dunklen Stube. Mles so eng mit dem Alltäglichen verwachsen, als wäre es ein Stück Leben aus dem konkreten Leben gegriffen, zu dessen Beobachtung uns das Chanukafest aussordert. Mer trotz dieser Einfachheit oder vielleicht erst deshalb atmet dieses-Fest Größe. Es-ist doch etwas merkwürdiges in dieser Einfachheit. Merkwürdig für den, der das Gewöhnliche, das Mltägliche, das stille Leben zu entdecken versteht. In der Schlichtheit des Festes ist auch sein großer Inhalt angedeutet. Tiefe bescheidene Werktagsform, in welcher Chanuka uns entgegentritt, spricht Größe, Makkabäergröße. Was tun denn die Makkabäer, als Syrer und hellenistische Juden gegen Juden und Judentum den Vcrnichtungskanlpf führen? Ein einfaches Mittel gebrauchen sie. Ter geeinten nichtjüdischen Macht setzen sie eine geeinte jüdische entgegen. Gegen Menalaus und Jaspn kämpfen Juda und seine tapferen Brüder. Ist man im hellenistischen Lager bestrebt, das jüdische Leben in der Weise cinzurichten, daß dem Feinde das Geständnis abgerungen werden kann: „Es gibt doch auch ivohl Juden, die k e i n c Juden sind", so prägt Juda die stolzen Worte: „Juden sollen Juden bleibe u." Und er sucht die jüdischen Juden. Tas einfachste, was zu tun war. Sich aus sich selbst besinnen, die eigene Kraft auf die Probe stellen. Toch weil so einfach, weil so naheliegend, bedurfte es eines Juden, nur es zu entdecken. Wie sagt doch der vielzitierte Nietsche: „Jeder ist sich am nächsten." Nein. „Jeder ist sich am fernsten." Tiefes Nächste, das dem gewöhnlichen Auge ebendeshalb so fern ist, hat Juda gesehen und richtig erfaßt. Er sucht seine Juden und findet sie. Tiefer Moment stempelt Juda zum großen jüdischen Nationalkämpfer. Es kommen nachher die großen Waffentaten, die großen Siege einer Minorität, die GvfotflC .... Ter Massenjubel beginnt. Die Majorität jauchzt dem großen Sieger zu. Sie heißt ihn Äakkabi, den Hämmercr, der mit starker Hand den Feind anfS Haupt schlug. Sie hat recht, die Masse. Sie hat das Große gesehen. Tas Große nach ihrer Art, das in die Augen Wringende, sichtbare Wafsentaten. Doch Juda's größte Triumphe fallen schou in eine frühere Zeit. Damals, als der stille Sieg begann und nur die Wenigen davon wußten. Tamals, als er sich an die Juden, seine Juden, wandte und sie zur Selbsthilfe anregte, dainals war er schon der Makkabi, der starke Hämmcrer, der den, sinkenden jüdischen Mut aus seinen Niederungen in' lichte Höhen emporhämmertc und die jüdischen Lebenssplitter zu einem Ganzen, zu einem jüdischen Volkswillen zusammenschmiedete. Was tat also Juda? Er appellierte an die eigene Kraft: mit Juden für die Juden. Etwas gewöhnliches. Liegt das nicht aus der Hand? Wenn jemand mit feindlichen Absichten an mich herantritt, so ist es meine verdanrmte Pflicht und Schuldigkeit,' mich gegen ihn nach Kräften zu wehren, bevor ich fremde Hilfe anrufe. Tas ist die Sprache des Alltags, das ABC des Lebens, das uns mit jedem Schlage unsres Herzens vorbuchstabiert wird, das wir aber trotzdem nicht begreifen, weil es eben so gewöhnlich ist. Tie Zeit, iir welcher Juda Makkabi auftritt, war am allerwenigsten sür diese Alltagslehre geeignet. Deshalb nicht, weit ihr ganzes Tun nach außen hin gerichtet war. Tas Kriterium jener Epoche war: Umsichblicken. Was draußen gesprochen wird, soll sür das jüdische Heim maßgebend sein, ob gut oder schlecht. Traußen jüdische Sitten, griechische Sprache, her damit ins jüdische Haus. Traußen Prunk und Tand goldgi'eriger Verwalter, das soll auch ins Jüdische übersetzt werden. Also Hohepriester- Würde um schnöden Geldkauf. Tiefer edle Rang wird auf den öffentlichen 'Math getragen. Zur Versteigerung . . . Tem Meistbietenden fällt dieses Amt zu. Und wen» auch der Tempelschatz dafür herhalten muß, was tnts zur Sache. Was einem Haliador recht ist, sollte auch einem .Menalaus billig sein. Keine iimere Wertung mehr, kein innerer Wille. Alles kommt von außen. Würde, Rang, Leben, Judentum. Ta kommt Inda und räumt mutig mit diesem alles Jüdische untergrabenden System ans. Er wendet den Blick nach i n » e n. Tod den Händler» mit der öffentlichen Meinung, den Voltsverrütern. Tem gleißncrischen Umsichblicken setzt er ein stolzes Jnjichblicken entgegen. Er blickt in sich, und entdeckt die jüdische Bolkskrast. Er sammelt sie um sich seine Getreuen und scharst ihnen seine Lebenslehre ein: Kein anderer mehr fein, Juden sollen Juden bleiben. Und sie wirken die Makkabäerworte. Sie strömen eine solch' heilige Wärme aus, daß gar bald der eisige Knltursirnis Hellas zu schmelzen beginnt.. Wie belebender Odem streichen sie durch das jüdische Lager. Cine wackere Schar umsteht die Judasfahne. Tas jiidische Licht flammt wieder auf. Durch das einfache Mittel: Es wurde am Nächstliegenden, eigenen Feuer angczündet: am jüdischen Feuer. „Schade, das; wir in unsrer eigenen Zeit leben, da wir ihren Wert erst »ach unserem Ableben erkennen." Rein. Schade, daß wir in unsrer eigenen Zeit nicht leben. Schade, daß wir sie nicht verstehen, nicht begreifen wollen, trotzdem uns die Möglichkeit dazu gegeben ist. Wir müßten ganz einfach die Vergangenheit befragen, und wir würden auf so manches Stück Leben, das in unsrer nächsten Nähr liegt, aufmerksam gemacht werde«: wir würden das Gewöhnliche, das Alltägliche und nichtsdestoweniger Große entdecken können. Chanuka ist ein solches Stück Vergangenheit, das in unsre Gegenwart hineinragt. Es spricht eine deutliche Sprache. Hören wir auf sie und wir werden in unserer eigenen Zeit leben. I» unserer eigenen Zeit in j e d e m S i n n e. Zustände irr Galizien. Wir haben schon des Oesteren über das traurige Thema des seitens der herrschenden Bevölkerung den Juden gegenüber geübten SystemsderAushnngerung geschrieben: auch heute müssen wir leider wieder von einem Fortschritte ans diesem Gebiete berichten. Bor einigen Wochen hat auf Veranlassung der galizischen Landesbehörde das Handelsministerium eine Verordnung erlassen, nach welcher Spezerei-, Gemischtwaren- und Telikatessenhändler, welche bis zum 1. Oktober 1304 keine versüßten Spiritusgetränke in Flaschen von 35/iao Liter aufwärts führten, solche aber nunmehr doch führen wollen, sich hierzu eine Konzession verschasfen müssen. Diese Verordnung kann, wie das „Jüd. Bolksbl." sehr richtig ausführt, sehr leicht dazu beitragen, datz das ganze Propinationsrecht und die Ansschankkonzession in Galizien illusorisch gemacht werden, denn unabsehbar ist die Konkurrenz, welche die neue Befugnis der bezeichneten Geschäfte, Branntwein in Flaschen zu verkaufen, den galizischen Schankgewerbetreibenden verursachen wird. Alle großen Gemischtwarengeschäste in Lemberg, Krakau usw., alle Greißlereien der bäuerlichen Konsumgeschäfte in de» Dörfern werden leicht Konzessionen bekommen und zum Vranutweinhandel on nuwse grei-