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Neue jüdische Presse · 1904-11-25 · Heft 45 (25.11.1904) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 45 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 45. Unter Janlele's Wiegele Steht a klarweiße Ziegele. Ziegele ^et fahren handle» Rosinkes mit Mandlen. Rosinkes mit Mandlen Zs die beste S'chore, Jankele wet lernen Thore. Thore wet er lernen Brieflich wet er schreiben, Un’ an ehrlicher Jid Met er tomid (— immer) bleiben." Ja, handeln und Thora lernen, das ist der engumgrenzte Lreis, in dem sich sein ganzes zukünftiges Leben und Streben bewegen soll. Denn, wenn auch überall sein Fuß auf Hindernisse stoßt, wen» er auch überall gejagt und geplagt, gehetzt und verletzt wird, hier, auf eigenem Gebiete, innerhalb des Gottesreich; auf Erden, ist er ein freier Mensch, ein gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft. Und so wird der Knabe schon früh in dieses Paladium eingeführt, in dem er später immer neuen Mut und neue Lebenskraft für den harten Kampf um's Dasein schöpfen soll. Der zarte grühtau der Jugend erstarrt zum Frühreif vor der. eisigen Kälte der gereisten Lebensweisheiten, mit denen dem Jüngling seine späteren Studien vertraut machen. Und das Leben träufelt Tropfen für Tropfen von jener Bitterkeit in seine Seele, die cs für ihn in so reichem Matze ausgespart hat. Was Wunder, wenn ihm jeder Sinn für Schönheit und Harmonie in der Natur abgestorben ist! Was Wunder, wenn die Töne, die sich der wunden Brust entringen, wild und schrill klingen, einem Notschrei ähnlich! Auch der sogenannte Weltschmerz, der an jedem Tichterherz nagt, und das große Bereich menschlicher Gefühle, die so gewaltig auf das Gemüt wirken, fanden keinen Interpreten bei den Zargoupoeten. Tie harte, blutige Arbeit, die auf alle gleich schwer lastet, erschlägt eben das Edelste und. Schönste, das Höchste und Tiefste, dessen die menschliche Seele fähig ist, und läßt. Line Muße zur stlllen Einkehr in das eigene Selbst, um den feinen Regungen der Seele zu lauschen. Es klagt wnb jammert nur in diesen Liedern von eigenem Weh imd Leid, von dem Martyrium eines Wundervolles, das noch immer nicht zur Ruhe kommen kann. Ten traurigen Reigen eröffnen die Volkslieder. Namenlose Dichter, umherziehende Bettler, Bänkelsänger, die für ein Nachtessen eine Hochzeitsgesellschaft unterhalterr und „Badchomim" oder „Marschaliks" genannt werden, sind ihre Urheber. Ta sie aber dem Volke aus der Seele gesungen waren, so wurden sie von der Person ihrer - Verfasser los- ' gelöst und dem geistigen Volksschaiie cinverleibt. Ein solches Lied ist das folgende: „Tröste dich, mein Volk, un' sei' nit aso verzagt, West nit cbig wcrrn vun deine Schonini (— Feinde) geplagt. Deine Trären wisch ob, dein Mut nit variier. Dein Masel (= Glück) wet erscheinen mit mehr Glanz wie früh'r. Bist gesund, in Geist un' Körper noch stark, A glückliche Zukunft of dir-noch wart. Hast noch dein Mission af der Welt nit geendigt im Ganzen, . Köiinst ,wch leben un' blühen, scheinen un' glanzen. Der tzker (Hauptsache) is, Bruder gedenk doch, As der alte Gott lebt noch!" In diesem Genre und zuweilen auch Mißstände in ihrem Volke geißelnd, dichteten die großen Jargonpoeten Askenfeld, Goldfaden, Zensor, Frug, Winchewsky, Rosenfeld, Ehrcnkranz usw. (Schluß folgt.) Die Organisation der jüdischen Wohltätigkeitsanftalteu in Paris. Frühzeitig für den Erdenbürger setzt die israelitische Wohltätigkcitspflege in Paris ein. Das „Oornitö des dames visiteuses ckos femmes en couches“ sorgt für junge Mütter. Einige Aerzte besorgen, die „Ivspoctioo mddicale“ der „Femmes en coucbes“ und der „Enfants du premier age" (Säuglinge). Die Baronin Edmund de Rothschild, Frau Ephrussi und Iran Großrabbiner Zadoc-Kahn bilden den Vorstand des „Comite de patronage des enfants et farailles assistds du comitd de bienfaisance". Dem „Patronage des piisons et hopitaux“ stehen ein Gefängnisrabbiner, sowie die Generaiswitwe Cse vor. Baron Edmund v. Rothschild ist Präsident des Waisenhauses in der Rue Lamblardie. Höchster Wert wird auf eine gediegene Schulbildung gelegt, damit die Jugend in Ehren das Brot verdienen kann und gleichzeitig wirtschaftlich erstarke. Eine Reihe verschiedenster Bildung-anstaiten ermöglichen billige Erwerbung von Kenntnissen aller Arten. Zu den „öcoles.primaires isradlites“ geboten die 1866 von den Eheleuten Fleur gegründete Schule, die heute „veole Gustave de Rothschild“ heißt, -u Ehren des Gönners, der 1880 die Mittel für einen Neubau in der Rue Claude Bernard hergab, ferner die mit Privatmitteln und 'besonders von Baron Ed. v. Rothschild unterstützte Anstatt in der Avenue de Ssgur Nahe beim Park des Butles-Chaumont liegt die „soole Lacieu de Hirsch“, die 12 Klassen hat ■ und 500 Kinder beiderlei Geschlechts ausnehmen lami Eine Slistung Bischoffsheim eröffnele jungen Mädchen eine Arbeitsschule. Die Gewerbeschule für Lehrlinge und Handwerker erstem sich eines vorzüglichen Rukes. Schwächlichen Kindern wird L a u d a u f e n t - halt und Kräftigung durch eine besondere Bereinigung ermöglicht. Wem Seebäder nötig find, dem wird ein Aufenthalt in dem Spital „NatbanieJ de Rothschild“, baä in Berck-sur-Mer liegt, verschriebcri. „L'oeuvre isradlite de gardes-malad e s” bildet' junge Mädchen . aus guter Familie im Verlaus vou zwei Jahren zu Krankenpslegerinncn aus. Bedürftige < Kranke lverden stets umsonst gepflegt. Schlviegerelterir, welche gern ihren Brautkindern eine pompöse Hochzeit bereiten wollen, gibt die Kultus- Verwaltung von Paris reichliche Gelegenheit. Im Tempel der Rue de la Victoire gibt es sechs Klassen über 25, 100, 250, 500, 1000, 2000 bis 3000 Fr. Wer Low dass« getraut feilt will, bezahlt 4000 Fr. Nach portugiesischem Ritus, der im Tempel der Buffaultstraße beobachtet wird, kostet eine Heirat in Paris für die letzte Klasse 100 Franken, weitere Abstufungen ergeben 250, 400, 600 und 1000 Franken. Hora classe befahlt man 1500 und hors classe extra 2000 Franken. Gerade diese erstklassigen und Lors classs-Feierlichkeiten ermöglichen die unentgeltliche Feier für Unbemittelte -und Unterstützung anderer israelitischer Wohltätigkeitswerke. Hierher gehören die reichen Segen stiftenden Brautaussteuer-Gesellschaften, welche die wirtschaftliche Lage junger unbemittelter Eheleute erträglich zu gestalten suchen. Das in der Rue St. Georges gelegene Büreau dieser humanitären, nachahmenswerten Einrichtung hat zttr Erleichterung seiner Aufgabe ein aus energisch tätigen Damen bestehendes comite de propagande. Aehnliche Ziele verfolgt „Esrath Cbitounim“, eine ,,soci(5te d’assistance aux fiances“. Eine Reihe von Altersheimen bietet bejahrten Leuten die Möglichkeit, gegen meistens sehr geringes Entgelt sich ordemlch verpflegen zu können. Wirtschaftlich sozialcr Art ist der Zweck des in der Rae Rodin gelegenen Vestiaire. Dort werden alle und neue Kleidungsstücke, Leibwäsche. Schuhwerk, Arbeitsgeräte u.s. w. gesammelt und an arme, in ihrer wirtschaftlichen Lage bedrohte Leute verausgabt. Das ganze Jahr hindurch geöffnet sind die Fouvneaux alimentaires et dcononiiqups im 4. und 18. Arrondissement. Gegen Gutschein werden warme Speisen verabreicht. Jedem Freund der Bedürftigen hat die Gesellschaft den Unterstützungswillen iiisosern besonders leicht gemacht, als man eine Serie von Bons, gleich 150 Stück, kaufen und dann einzeln verteilen kann. Die Sicherung ungestörter Gräberruhe erstrebt die „societd du repos etornel“. während die „ünion de la jeunesse israclite“ für die Beseitigung der namentlich in Paris peinlich empfundenen Gemeinschaftsgräber wirkt. Für Begräbnisse sind 8 Klassen vorgesehen, die von 12 Franken bis 2000 Franken ansteigen. Ueber 40 Vereinigungen bezwecken gegenseitige U n t e r st ü tz u n g. ' Von der Wiege bis zum Grabe sehen toir also für alle Lebenslagen Einrichtungen, die menschlicher Schwachheit und 9iot steuern wollen. (Nach der „Straßburger Post".) Aus der Lehrerwett. Diösgyör (Ungam). Die hiesige orthodoxe Gemeinde hat Rabbiner Simon Neufeld zu ihrem Rabbiner gewählt. _ Bücherschau. Professor Väinbörys neuestes Buch. Professor Armin Bämbüry's erzählt in seinem soeben im Berlage von Fisher Unwin, London, herausgegebenen neuesten zweibändigen Buche „The Story of my struggle" (Die Geschichte meiner Kämpf-) in ungemein spannender Weise die Geschichte seines abwechslungsreichen Lebens. Der berühmte ungarische Gelehrte arbeitete sich bekanntlich aus den tiefsten Niederungen des Lebens durch eigene Kraft empor und die offenherzige Darstellung seiner in den ärmlichsten Verhältnissen verbrachten ersten Jugendzeit und (eines sich daran schließenden Lebenslaufes gewährt einen lehrreichen Einblick in die außergewöhnliche Lebenszähigkeit und Willensstärke, die es ibm möglich machten, die härtesten Entbehrungen und Mühsal aller Art zu überwinden. Vämböry's Vater war Talmudgelehrtrr und der Knabe studierte naturgemäß vorerst Talmud. Glcichzei.ig begann er seine Sprachstudien und brachte es zur vollständigen Beherrschung von sieben Sprachen, in denen er später .Unterricht erteilte. Als. Sprachlehrer fand er lauge Zeit in Konstantinopel seinen Lebensunterhalt. Schließlich gelang es ihm, einen lange gehegten wissenschaftlichen Plan anszusühren: den Ursprüngen des Magyarentums in Zentralasien nachznsorschen. Die Geschichte dieser Reise, die er, als Terwisch verkleidet, nach Turkestan unternahm und wobei er wiederholt in äußerster Lebensgefahr schwebte, hat Professor Vämböry schon früher erzählt. In Teheran gab ihm vor Antritt dieser bedenklichen Reise ein mildherziger Arzt drei Strychninpillen, damit er im Falle feiner Entdeckung und voraussichtlichen qualvollen Tödtung durch die fanatischen Derwische seine Leiben durch Selbstmord abkürzen könne. Wiederholt geriet er in die Gefahr, entdeckt zu werden, rettete sich aber' stets durch Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart. In England,'wo..der wissenschaftliche Reisende im Allgemeinen seit jeher weit höher gewertet ist, als anderwärts, fand Vämböry glänzende Ausnahme. Palmer st on, mit dem der ungarische Forscher in nghen geselligen Verkehr trat. Interessierte, sich allerdings mehr für das anekdotische Nebenher in Zcntralasien an den Höfen und in der Diplomatie, als für das politische Moment in der Bereisung -euer Länder, der er gleichwohl Wert und Bedeutung znerkannte. Gladstone, der eifrige Vertreter einer anglo-russischen Allianz, stand naturgemäß, den politischen Bestrebungen Vämbery's fcindse.-ig gegenüber. Das neue Buch des greisen Gelehrten enthält, unter Anderem die Wiedergabe eines iuteressantcu Gesprächs, welches Vämböry mit dem Sultan Abdul Hamid hatte und worin der Sultan ihm die Urprungsgeschichte seiner früheren freundschaftlichen Geinnungen für England erzählte. „Ich war sechs oder sieben Jahre alt," erzählte Abdul Hamid, „als mich eines Tages mein Vater zu 'sich befahl. Ich fand ihn in feinem Gemach auf einem Sopha sitzend, mit einem ältlichen Christen in ein Gespräch vertieft. Mein Vater rief mich zu sich heran und befahl mir,, .dem neben ihm sitzenden Fremdling die Hand zu küssen. Ich brach in Tränen aus, denn der Gedanke einem Giaur die Hand zu küssen, erschien mir empörend. Mein sonst sanfter Vater wurde zornig und sagte: „Weißt Du wer dieser Herr ist? Es ist der englische Botschafter (Lord Stratford de Redclisfe), der beste Freund meines Hauses und meines Landes und die Engländer^ obgleich nicht unseres Glaubens, sind unsere treuesten Bundesgenossen." — Daraufhin küßte ich inbrünstig die Hand des alten Herrn. Die Worte meines Vaters blieben tief in meinem Gedächtnis eingegraben und so wuchs ich in dem Glayben ans, die Engländer seien unsere besten Freunde: Wie schmerzlich war meine Eiiltäuschuiig,.a!s ich zur Regierung gelangte. England ließ mich im Stiche, denn die Demonstration im Marmara-Meerc geschah mehr im Interesse Englands als in jenem der Tm keil Die Botschafter Großbritanniens (Clliot und Layardi täuschten mich, und als ich, in Geldverlegenheit, eine kleine Anleihe von 150,000 Psd. St. haben wollte, orbjelt ich eine abschlägige Aniwort. Also das ist, was Ihr im Westen Freundschaft nennt und so zerstoben die schönen Träume meiner Jagend!" ries der Sultan mit eineni tiefen Seufzer. Das Buch Dämböry's bringt eine große -Zahl amüsanter Anekdoten, so die Geschichte, wie der gegenwärtige König Eduard von England, damals Prinz von Wales, in Budapest einmal Vämbery's Bedeutung, beziehentlich seine, des Prinzen Meinung hierüber " einer hocharistokratischen Gesellschaft, die sich darüber nicht ganz klar zu sein schien, praktisch vor Augen führte. Der Prinz veranstaltete in seinen Appartements in Budapest eine Soiree und trat Arm in Arm mit Vämböry in den Empfangssalon, den Gelehrten allen Anwesenden als „seinen Freund" vorstellend. Während eines.Aufenthaltes Vämbery's als Gast der königlichen Familie in Sandringhain läutete eines Tages der. ungarische Gelehrte in seinem Zimmer einem der Diener. Nach einiger Zeit vergeblichen Klingelns kam der kleine Prinz Georg und frug artig den Geist, was er wünsche. „Ich -benötige nur einen Krug Wasser!" antwortete Bämbery. Der Prinz verschwand, lehrte nach einigen Minuten mit dem Gewünschten zurück und stellte es dienstfertig auf.den Waschtisch. Meyers Großes Konversationslexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage. Mehr als 148000 Artikel und Verweisungen ans über 18 240 Seiten Text mit mehr als 11000 Mbildungen, Karten und Plänen im Text und auf über 1400 Jllustrationstaseln (darunter etwa 190 Farbendrucktafeln und 300 selbständige Kartenbeilagen) sowie 130 Textbeilagen. 20 Bände in Halbleder gebunden zu je 10 Jf. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) Von Meyers Großem Konversations-Lexikon ist soeben der achte Band fertig geworden. Fast die Hälfte des großartig angelegten Werkes ist nun dem Buchhandel übergeben und wir können mit Genugtuung bezeugen, daß die hohen Erwartungen, die schon der erste Band in uns erweckte, sich voll und ganz erfüllt haben. Während der 7. Band, wie dies die alphabetische Anordnung zufällig gab, unter. dem Zeichen der Technik stand, treten im 8. Band besonders die geographischen, politischen, volkswirtschaftlichen und kunstgewerblichen Zweige hervor.. Geradezu abgeschlossene Monographien, die ein spezielles Studium wert sind.

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