Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 45 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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^s JiltzESM Beilage .'/Artikel: Zum- 700 jährigen Todestag, .des. Maimonides. — Der jüdisch-oeutsche Jargon und seine Literatur:!— Die Organisation .der jüdischen Wohl- 'lätigkeitsanstaltenriruParis^ — Aus der. Lehrerwett. — B üch erschau.Kunst und Literatur - — Vakanzen. > i- ..- ZKmTvOjiihrigeaTodetztag des Maimonides. Mer Kccwpfrlm die Schriften des Maimonides.*) Vörtrag wo». StisHrabbintr Blumgrund,, Karlsruhe/ .gehalten am Mittwoch:: den K- Novemberjim Verein ' ' / / MMatz Zwi; Mairkfurk a. M. ' ' (Fortsetzung.) ' v V Aehnliche; wenn auch nicht ganz gleiche Erschein- . ungen zeitigte die neue Geistesbewegung auf jüdischem Boden,'und es entstand die arabisch- , jüdische Religionsphilosophie. Der Widerspruch, den einst die Saducäer gegen die Gültig : keit der tradierten Lehre erhoben,'war zwar unter - den Trümmern des Heiligtums verschüttet; tot war er aber damit noch keineswegs. Es gab noch immer ' Elemente, die Legen das Mgemeingültige die eigene Kraft des Denkens und Empfindens «ns Feld sührten. In dem, was die neue Geistesströmung an das : User der. Zeit spülte, glaubten diese Elemente Stützpunkte für ihre Anschauungen zu finden. Sie. vereinigten sich zu bewußtem Widerstande, und es ent stand 'nach mohamedanischem Vorbild eine neue '. Sekte — die Karger. : Die unausgesetzten Angriffe, welche die Karger .mit. Hilfe der griechisch-arabischen Philosophie gegen das Lehrgebäude der Rabbiner richteten, verfehlten 1 für die Tauer keineswegs ihre Wirkung auf. die große Masse der Gläubigen. Tenn das Volk war zu sehr von der Gewalt der hohen arabischen Kultur . ergriffen, als daß es nicht auch seine religiösen Interessen mit Vorliebe an diesem modernen Geistesleben hätte messen und vergleiche» wollen. Außerdem hatte - -morgenländischen Chalifate in Folge, der Philosophenschulen der Mutazaliten der Unglaube solche : Fortschritte gemacht, daß die Zweifel sich auch gegen ' die Glaubwürdigkeit der Bibel und die Tatsache der ' Offenbarung kehrten. ,Tie Führer des Volkes mußten daran denke», die.Waffen zur Verteidigung des angegriffenen Posten jener Rüstkammer zu entnehmen, i aus der die Gegner die verderbenbringenden Geschosse geholt. Und wirklich bemerken wir von nun an einen regen Eifer, das Verhältnis der Glaubenslehre» zu! /den markanten Ergebnissen der Wissenschaft festzustellen. i? Der erste, der auf dem Plane erscheint, ist der Gaon Saab ja, unter dem die Hochschule zu -Sura noch einmal, wie im letzten Abendrot erstrahlte. . Er verfaßte sein Werk Emunoth Wedeoth für' diejenigen, die — wie er sich ausdrückt — in das Meer des Zweifels versunken, und über deren Häuptern die Wogen des Irrtums zusammengeschlagen, um sie kräftig zu fassen, und aus den verderbenbringenden Muten heräuszuziehen. Naturgemäß komme,, darin all diejenigen Lehren zur Erörterung, die als Grundlehren des Judentums in Betracht kommen können, . ohne daß er den Versuch macht, sie zu fixieren^ oder in ein bestimmtes System zu bringen. '., Eine bodenlose Spekulation — so sagt!er —^welche; einen eigenen Weg einschlägt und die Wahrheit der Schrift nicht mit hineinzieht, muß zum Irrtum führen, denn tausend Zufälle und Zweifel hätten sie von dem richtigen, einzig zum Ziele führenden Wege abgelenkt .. Und wenn sie auch zur Wahrheit führt, steht ihr . diese nicht unerschütterlich fest, weil sie dem Zweifel - an die Offenbarung Raum gegeben hat. Wer wenn die Philosophie: an der Hand des Glaubens forscht, so kann sie nicht auf Irrwege ge- . raten, sie kann vielmehr die Lehre der Offen iatung zur Ueberzeugung verwandeln und ge -statten und ist imstande, die Einwürfe zu widerlegen, welche von Seiten des Unglaubens erhoben werden. Die Offenbarung war doch nötig, wenn auch die philosophische Spekulation manche ihrer Ideen zu Tage fördert, weil ohne sie die Menschheit einen ' langen weiten Weg...hatte zurücklegenmüsse», bis sie aus eigenem Nachdenken zur Wahrheit sich durch gerungen hätte. In diesem Sinne wird fortan überall gelehrt, wohin das48prdri«rgen der mohamedanischen Macht.auch die, yeue.-Geiftesströmung einbürgerie. Ganz besonders aber in S^irnien? Hier, auf diesem gottbegnadeten- Landstrich erhob - anderthalb Jahr . .hunderte später Iehud a .H atetoi [eine gewalf tigx' Stimme, um in feinem/ gedankenreichen Werke “ f;a r {/ fc ievWahrheit des Judentums> zu beweisen: arr-,»..««.. ki» -D-i,«-. fi'-trittirrr-Wriftn* festen Grunde ruht, auf dem Grund der Tatsachen. Tie jüdische Religion sei nicht allmählich durch eine fortschreitende Entwicklung entstanden. Sie ist vielmehr plötzlich wie eine Schöpfung ins Leben getreten und vor einer großen Volksversammlung geossenbart Wörden. Vermöge dieses Charakters der augenscheinlichen Tatsächlichkeit wohnt dem Judentum eine größere Gewißheit inne, als sie die Weltweisheit zu geben vermöge. Erst vom gegebenen Standpunkte der- Offenbarung aus beginnt die Wirksamkeit der Philosophie, um sich die Tatsachen zurecht zU legen und sie mit Gedanken zu durchleuchten. Wie das Denken hie tatsächlichen Erscheinungen im Reiche der Natur, so ausfallend und vernunftwidrig sie auch auftreten, nicht wegleugnen darf, sondern sich bemühen muß, sie zu fassen, ebenso müsse es sich auf dem Gebiete der Gotteserkenntnis verhallen. Ter Philosophie darf man in religiösen Dingen schon deshalb keine entscheidende Stimme einräumen, weil sie öfters Schwankungen unterworfen ist und die Jünger derselben oft entgegengesetzte Ansichten auf stelle». , Jehuda Halewy's tiefe Arbeit hat selbst in Toledo so wenig die Geister beherrscht, daß Abraham i b n David zwei Jahrzehnte später eine neue Ausgleichung zwischen der Philosophie und dem Judentum versuchte, ohne der Philosophie eine solch untergeordnete Stellung anzuweisen. Er spricht von den zwei Herren, von denen, der eine groß, und der andere auch nicht klein. Es gibt manche in unserer Zeit — so sagt er —, welche sich ein wenig in deir Wissenschaften umgesehen habe». Sie besitzen aber nicht die ruhige Sicherheit, das Licht des Glaubens in der Rechten und das Licht der Erkenntnis in der: linken Hand fjattcn 311 können. Ta nun bei solchen das. Licht der Forschung, das Licht des. Glaubens ausgelöscht hat, so glaubt die Menge, daß sie überhaupt schädlich sei. Im Judentuni ist aber die Erkenntnis Pflicht. Das Judentum hat die Philosophie nicht zu scheuen, da seine Grundlehren mit ihr übereiustimmen. Gott habe das israelitische Volk gewürdigt, ihm ohne Mühe das zum Eigentum zu geben, was die der Ofsenbarung baren Völker erst nach Jahrtausenden erkennen können. Abraham i b n David ist der erste, der ausdrücklich von I k a r i m spricht. Wer bei diesem Denker ist das Wort nicht so aufzufassen, als ob es ihm bereits darauf ankänie, die Grundlehren des Judentums zu fixieren und in .systematischer Weise vorzutragen. Das war erst Maimonides, seinen« jüngeren Zeitgenosse», Vorbehalten. Cordova, seine Geburtsstadt, war der Zentralpunkt all dieser Richtungen und Bestrebungen. Ta der Staat den Juden zur Entfaltung ihrer Fähig- Wä^rend die TÄlker seiner Kit das Knie vor Aristoteles beugten, hatte Jehuda Halewi den Mrit. dem -.Meyschljchxn Denken seine naturgemäßen Grenzen zu»' zuweiseii üüd.ihm zuzürufen: Bis' hierher und nicht weiter! .Tie Philosophie habe gar keine Berechtigung, ..gegen das Judrnsirm anzurennen; weil es auf einem *) In dem in voriger Nummer erschienenen Teil mußte, es am Schluß des. sechsten Wsatzes statt Barcelona — Eordowa heißen.' ' in der Seele, noch ein anderes Ziel vor. Die Wahrheit dieses geschmähten Glaubens so leuchtend und über jeden Zweifel erhaben festzustellen, daß er die Hochachtung auch der Anhänger anderer Religionerr und der Philosophen gewinnen mutzte. Nach ILjährigem Wanderleben, in dessen Verlauf Maimonides mit seinen größeren Zwecken gewachsen, geriet die Familie nach Fez. wie — um ein Prophetenwort zu benutzen — einer, der der Schlucht entsteigt und in die Schlinge stürzt. Hier hatte ja der schwärmerische Abdallah vor zehn Jahren die Sekte der Mmohaden gestiftet und die Juden zur Annahme des Islams oder zur Auswanderung gezwungen. Ta er ihnen die Erklärung zumutete, daß sie an Muhameds prophetisch« Sendung glaubte» und hin und wieder die Moschee hesuchen sollten, .sie aber sonst in ihrem Familienleben unbehelligt ließ, nahmen viele Juden zum Schein den Islam an und pflegten im Stillen umso eifriger das jüdische Leben und die jüdische Lehre. (Schluß folgt.) keit kein Tätigkeitsgebiet verschlossen hatte, hatten sie im edlen Wettstreit auf allen Wissensgebieten eine gewaltige Regsanikeit entwickelt. Auch das talmudische Studium war zu ungeahnter Blüte gediehen. Maimonides Kindheit iiel noch in diese friedlichen Jahre, während welcher er im trauten Baterhause init Muße in die Anfangsgründe aller Wissenskreise eingeführt wurde. Sei» talmudisches Wissen einpsing er nach den Grundsätzen und der Lehrmethode des Alfasi von seinein Vaters der einst zu den Füßen des Iben Mugasch, eines Schülers des Mfasi, gesessen. Aber bald sollte der strebsame, hoffnungsvolle Jüngling aus seiner zurückgezogenen Tätigkeit herausgerissen werden, um unter den Widerständen und Widerwärtigkeiten des Lebens gestählt und in der heißen Glut des Lebens seine Bildung, Form und Prägung zu erhalten. Im Jahre 1148 überschritten die fanatischen Mmohaden, welche die gefährdete Herrschaft des Islams auf spanischem Boden neu begründen wollten, seine Grenze und faßten in Cordova festen Fuß. Sie erließen sofort — wie sie es bereits in den von ihnen eroberten Ländern in Nordafrika getan — fanatische Edikte gegen Juden und' Christen, in denen sie ihnen die Wahl zwischen Annahme des Islams, Auswanderung und Tod freistellten. Für Maimonides und seine Familie begann nun ein unstetes Wanderleben, das mit vielen Beschwerden und Entbehrungen verbunden war. Allein die leidvollen Erfahrungen haben die edlen Keime in ihm nicht erstickt, sondern ihre Triebkraft nur vermehrt. Ms echter Sohn Spaniens mußte bei ihm rabbinisches Wissen, mit wissenschaftlicher Bildung Hand in Hand gehen, darum vertiefte er sich mit Hingebung in die Schriften der Philosophen, wenngleich seine Hauptarbeit der talmndischen Forschung zugewandt blieb. . '""..." .. . " ' Mitten unter den starken Gefahre««, die über ihm und über-den Häuptern seiner Lieben schwebten, bedrücke, sein. Herz die Gefahr, der das Judentum ausgesetzt war. Vielfache Erfahrungen prägten ihm die lieberzeugung ein, daß alle Verfolgungen nicht so viel Unheil anrichten können, als die allgemeine Unkenntnis des Lchrinhaltes des Judentums. Diesem Uebelstand abzuhelfen betrachtete er'schön während dieser Lehr- und Wanderjahre als seines Lebens Ziel und Zweck. Mitten in dem.bütere» Ungemach, das er um seines Glaubens willen auf. sich nahm, schwebte dem Jüngling Der jüdisch - deutsche Jargon und seine Literatur. Bon A. S. (Fortsetzung.) Am folgende«« Tage, als die Hochzeitsgesellschaft versammelt war und der Abschiedsmarsch gespielt werden sollte, war Stempunje nicht zur Stelle. Das Auge, das gestern so seltsan» geleuchtet, war gebrochen, und das Herz, das so vieles empfunden und durchkostet, stand stille. — Ein ähnliches Talent wie Schoten« Alechem war Abramowitz. Er war iin Jahre 1835 in Kopyl, Gouv. Minsk, geboren und verlor schon früh seine,« Vater. In seinen« 18. Lebensjahre kam durch seine Vaterstadt ein Vagabund Namens „Awremel der Lahme" gezogen, der d««rch seine wundervollen Erzählungen von seinem Wanderleben so «nächtig aus den phantasiereichen Jüngling wirkte, daß er sich ihm anschloß. Bettelnd durchzogen sie kreuz und quer das russische Reich und da lernte Abramowitz die Volksklassen kenne««, die er nachher so rührend zu schildern wußte. In der harten Schule des Lebens hat sich fein Dichtertalent herangebildet, und düstere Schatten umweben alle seine -Schöpfungen. Sein Hauptwerk ist die allegorische Erzählung „Die Klatsche", d. h. die Schindmähre. In dieser Erzählung allegorisiert der Dichter das Schicksal der Juden im demjenigen einer Schindmähre. Während edle Pferderassen ihren Stainmbaum führen, fragt keiner nach Abkunft der Schindinähre. Während die edlen Luxus» pserde bei reichlichem Futter in den mit allen Bequemlichkeiten eingerichten Ställen gehegt und gepflegt. werden, ««««d von jeder Arbeit verschont bleiben, muß die Schindmähre hungernd und darbend dis schwersten, schinutzigsten Arbeiten verrichten und wird noch mit Schimpf und Peitsche belohnt. Ter Eindruck, den diese Dichtllng auf die russischen Juden gemacht hatte, war ein überwältigender, so daß sich die Regierung veranlaßt sah, den Neudruck zu verbieten. Diese Erzählung wurde auch in's Deutsche und Polnische übersetzt. Dieser Fall, daß ein jargonisches Buch in fremde Sprachen übertragen wurde, steht wohl vereinzelt da. We««den wir uns nun der poetische«« Literatur zu, so fällt uns zunächst auf, daß Natur und Liebe, die von je her das Tichterherz entslammten und zu den schönsten, erhabensten Liedern begeisterten, von Jargonpoeten fast gar nicht besungen wurden. Nur veikäuftg, gleichsam um einen anmutigen Rahmen für das Ganze zu schassen, werde«« diese Themata manchmal mit klirzen Worten erwähnt. Die Ursachen hiervon wurzeln tief im Kulturleben der slavischen Juden. Eng und beschränkt wie der Wirkungskreis, der ihnen gegönnt ist, ninßte auch notwendigerweise ihr Bildungsziel werden. Wozu sollte' auch ihnen, de» rechtlosen, an die Scholle gefesselten Sklaven, ein Fenster in die Kerkermauer gebrochen werden, durch das der Blick in ««nstillbarer Sehnsucht über Wald und Feld, Berg und Tat schweifen kann? Und gleichsam in blindem Instinkt wird auch die Erziehung darauf gerichtet, den polnischen Juden für sein zukünftiges Leben und Leiden Vorzubereilen. Während den« Kinde anderer Nationen lustige, komische Lieder vorgesuugen werden, wird dem Keinen Inden schon in der Wiege das harte Los, das seiner harrt, bekannt zu machen gesucht. Ergreifend.; in seiner stummen Ergebenheit und Demut ist das populärste Wiegenlied, das von Galizien bis Sibirien, von Rumänien bis zu den baltischen Provinzen überall im Volke lebt: