Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 45 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692403--01247-2695738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 45. Frankfurter Israelitische- Familienblatt. Seite 3. diesmalige Wahl überhaupt. die letzte gewesen sein mag. Noch weiß, man allerdings nicht, ob die Trennung von Kirche und Staat zur Tatsache wird; in diesem Fall würde das Konsistorium zu existieren aufhören. So hatte man an dieser Institution bas Interesse verloren und die meisten Mitglieder sind ohne Wahlkampf wiedergewählt worden. In Algier wurde ein Wahlprotest eingebracht. —r. Paris, 18. Nov. Der neue Kriegsminister B e r t e a u x bestätigte de» jüdischen O b e r st e n Balabrögue in seiner Stellung als Kabinetschef im französischen Kriegsininisterinm. Vatabrögne ist mit Exhauptmann Dreyfuß verwandt. —r . Paris, 20. Nov. Die Barone, von Rothschild haben soeben 100000 Fr. gespendet, die durch die Arondissementvorsteher zu Mietzwecken an die Arme» von Paris verteilt werden. sollen. Paris. (Offiziell). DasZentral-Komittee der Alliance Jsraslite Universelle beschloß in seiner Sitzung am 16. Noveniber d. I., an folgende Gemeinden, die infolge der jetzigen Verhältnisse in große Not versetzt wurden, Hilfsmittel zu senden; und zwar nach: Nicolaieff (Gouv. Cherson) 2000 Rubel, Sdunska-Wola (Gouv. Kalisch) 1000 Rubel, Brest Litowsk (Gouv. Grodno) 1000 Rbl., Boguslaw (Gouv. Kiew) 1000 Rbl. Rußland. Petersburg, 15. Nov. Hier hält sich gegenwärtig Herr D r. Souncnfeld - Paris, einer der Direktoren der I c a, ans, um die Anstalten in Rußland, die von der Jca unterstützt werden, zu besichtigen. Er hat bereits, begleitet von dem Vorsteher des Petersburger Zentralkomitees der Jca, die billigen Wohnungen und anderen Anstalten in Wilna-und die landwirtschaftliche Farm in Minsk besucht. —11— Homel, 16. Nov. Der Prozeß wegen der Judenexzesse. Tie Aussagen der bisher vernommenen Zeugen, so voreingenommen gegen die Juden einige von ihnen sichtlich waren, haben die Darstellung der Anklageschrift in keiner Weise bestätigt. Schon der erste Zeuge, der ehemalige Polizeimeister von Homel, R a j e w s k i, konnte die Hegende von einem Uebersall der bewaffneten Judenmcnge auf die wehrlosen Bauern nicht aufrecht erhalten. Zu der Zeit, als er auf dem Marktplatze erschien, ivurde dort gruppenweise gekämpft, und es tvar schwer zu erkennen, wer der Angreifer und wer der Angegriffene war. Es war eine gctvöhulichc Rauferei, wie sie öfter vorkommt. Daß die Juden nach dem Gemetzel von Kischinew eine Gegenwehr für cttvaigcn Notfall zu organisieren suchten, kann man dem Herrn Rajewski Wohl glauben. Toch ist er selbst der Ansicht, daß pon irgend einer „Rache für Kischinew", - von der die Anklage spricht, keine Rede gewesen sein könne. Was die eigentlichen Krawalle, die am 1. September stattfandenanbetrifft, so gibt Herr Rajewski ohne weitere» .zu, daß sie durch energisches Borgehen' des Militärs im Keime selbst hätten erstickt werden können,-doch.wollte Hanptmann Gorstk i n der das Kommando führte, lange nichts davon hören. So wurde der günstige Moment verpaßt. Dieser Hauptmaim hat auch vor 'Gericht sehr ungünstig für die Juden ausgesagt, dabeiaber sich selbst, bloßgcstelkt, indem er erklärte, von einem Judengemetzcl, d. h. von der Zerstörung und- Ausplünderung der jüdischen Häuser, die nach de» Angabe» des ehemaligen Polizeimeisters unter seinen und seiner Soldaten Augen stattfand, nichts bemerkt zu haben. Ein noch merktojirdigerer Zeuge tvar der Gehilfe der - Eisenbahnwerkstätten Kotolnikoff. Tiefer wollte offenbar die ihm unterstellten Arbeiter in Schutz nehmen, machte das aber äußerst ungeschickt. So behauptete er, daß die Arbeiter eigentlich an kein Judengemetzel gedacht hätten, da sic aber ganz ohne Grund von der Polizei und dem Militär angehalten worden seien, wären sie so in Zorn geraten, daß sie nun exst recht ihr Mütchen an den Juden haben kühlen müssen. . Eineinteressante Einzelheit: Unter den geschädigten Jude», die - als .Zivilkläger auftraten, befindet sich einer, der zugleich ans der Anklagebank sitzt. Ein äußerst seltener Fall, der zu denken gibt. Ein um so seltenerer, als der betreffende Jude, tvie es auch bei einigen anderen der Fall ist, der Körperverletzung an einem Unbekannten angcklagt ist. Italien. J—cb.. Mailand. General Ö t t o l e n g h i, Ein Nachrus aus italien ischer Feder. General Ottoleughi ivar am -12. Dezember 1838 geboren;- er trat in die:Militärakademie im April 1859 ein und verließ dieselbe als Unterleutnant des . 17. Jnf.-Regt. am 27. Juli desselben Jahres. Jttc Jahre 1860 Leutnant geworden, wurde er iveuig später in den .Generalstabversetzt. 1863 tvurdc er Hauptman», 1871 tvurdc er an die Militärakademie als Professor für Geschichte und Strategie bernsen. In dieser Stellung tvurdc er Major des 62. Jnf.-Reg. nnd als solcher wiederum i» den Generalstab berufen. Als Oberst kommandierte er -die 27er und die -lten Alpenjäger (Alpini), 1889 wurde er zum Generalleutnant und Kommandeur her -Division 311 Turin ernannt. Im Jahre 1899 erreichteer den höchsten Grad der militärischen Staffel, die des Korpskommandeurs. Das Vertrauen seines Herrschers berief ihn zur Leitung des Kriegsministeriums, welches er vor einigen Monaten verließ, um das Kommando über das 1. Korps zu übernehmen. Der General Ottoleughi mar -Soldat hurch und durch. Er nahm an den Feldzügen der Jahre 1859, 1860, 1861, 1866 teil, wobei er auch, im Gefecht verwundet wurde, das eine Mal vor den Mauern Gaetas durch eine Kugel in den Weichen und das andere Mal am 30. Mai 1861 bei St. Hilaire (Basilicata) am rechten Arm. Im Jahre 1866 bei der Schlacht von Custozza und bei Monte croce gab er, als Generalstabshauptmann beiin Stab der dritten Division, einen Beweis seines Heldenmutes, indem er sich an der Spitze seiner Truppe» stellte und einen heftigen Verfolgungsangriff gegen den Feind richtete. Seine Verdienste brachten seiner Brust verschiedene Ehrenzeichen, so das Silberkrcuz des Ordens des Hauses Savoyen, und die Medaille für Tapferkeit. Er war Senator, zu welchem er bei Antritt seines Amtes als Kriegsminister ernannt wurde. So Soldat vom Scheitel bis zur Sohle, exakt im Dienst und nur dessen Interesse im Auge, ivar Ottoleughi einer der letzten Vertreter der alten italienischen Armee, die so reich an edlen Ueberlieferungen und soldatischen Tugenden war. Sein Tod erregte das lebhafteste Mitgefühl; der Herrscher Italiens verlor in ihm einen ergebenen und treuen Diener; die italienische Armee einen in den schwierigsten Verhältniffeu um ihr Wohl bekümmerten Vorgesetzten. Seine Stellung als Jude läßt sich so präzisieren: Er war stolz, Jude zu sein (wie Luigi Luzzati); nicht orthodox, war er doch gläubig, nnd so konnte man ihn an allen Feiertagen in der Synagoge sehen. Er war nicht Zionist; deshalb, weil niemand versucht hatte, ihn dem Zionismus näher zu bringen. In seinem Sterbehause am Solferinoplatz zu Turin fand sich der Herzog von Aosta ein, sowie alle Behörden, um der Witwe ihr Beileid auszndrücken. Von allen öffentlichen Gebäuden wehten Trancrslaggcn. So führte auch der .Herzog von Aosta die Trauerparade an, die die gesamte Garnison von Turin bildete.'Begraben wurde er im jüdischen Friedhof an der Seite seiner Schwiegereltern. Seine hochbetagten Ettern leben noch. Amerika. —Ii— New-Aork. Für jüdische Kolonisten in Am erika. Zum Zwecke der Ansiedlung jüdischer Einwanderer wurden im Aufträge der Stiftung des Baron Hirsch große Ländereien im Staate Wisk 0 n s i n angetanst. Personalien. Würzburg. Am 16. d. M. starb hier der kgl. .Hofrat D r. Adolf O p p e n h e i in e r. Er ivar eine in den iveitesten Kreisen bekannte Persönlichkeit nnd wohl der am meisten beschäftigte Arzt in Würzburg. Der Dahingeschicdenc bekleidete die Stelle eines Oberarztes am hiesigen jüdischen Krankenhaus und war auch Mitglied der Kultusvcrwaltung. Mit ihm verschied ein großer Wohltäter der Armen. Berlin. Alfred Benvenisti. der in der Berliner Gesellschaft lind in der Finanzweit geschätzte Teilhaber der Kohlcngroßfirma Emanuel Friedländer u. Co., ist in vergangener Rächt plötzlich an den Folgen eines Schlaganfaltes gest 0 rbe n. Während er noch am Samstag als Handelsrichter fungiert hatte, ivurde er bei seiner Rückkehr nach dem Bureau von einem Schlaganfalle betroffen. Ter Verstorbene gehörte der Firma Friedländer n. Co. seit dreizehn Jahren an und war vorher erster Prokurist ii» Hanse Bleichröder. Seit Jahren war er Handelsrichter, und die Berliner Handelskammer hatte ihn als Mitglied der Zulassungsstelle sowie in die Konimission für Kohlen- und Briketthandel deputiert. Er blieb unverheiratet und erreichte ein Alter von tauin 50 Jahren, Ans Wunsch seiner Mutter ivird die Leiche voraussichtlich nach Wien übergcführt, um dort an der Seite des verstorbenen Vaters beigesetzt zu werden. München. Bon der bayrischen Akademie der Wissenschaften tvnrdcn 311 außerordentlichen Mitgliedern der geschichtlichen Klasse gewählt die Privatdozenten für Geschichte an der Universität München Dr. Prcuß nnd Dr. Götz. Wien» 17. Nov. Der Kaiser hat denr ordentlichen Professor der Geschichte nnd historischen Hilfswissenschaften an der Wiener Universität, Tr. Oswald Redlich, den Orden der eisernen Krone 3. Klasse verliehen. Trieft, 12. Nov. Hier starb vor einigen Tagen der Ingenieur Engen Gairiuger, Mitglied der adriatischen Hajenbauunternehmung. / der- Schöpfer eines Er w ei't e run gs p laues sür den yafestvo» Triest und ehemaliges Mitglied best stäbtischcn-Delegationen. - v; , Budapest,, 19-.''.Aöh.. ' Mnigx' verlieh der Frau S a)n./i.iys,AL dzßr,aie dtp,im,M n tni a u tt Groß-Känizsq in, An^senstuyg. ihrer BerdieMtz ^iis/^hDu^epieh?: der yschntluheir Wohltätigkeit das) "gchheyez.9$.y.stdci ft,gmit der Krone. Der König verlieh dem Großgrundbesitzer Edmund Szilardy in SalgStarjan den Titel eines kgl. ungar. Hofrates in Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete der össentlichen Angelegenheiten. Dem Architekten Sigmund Qnittner zu Budapest und seinen gesetzlichen Nachkommen wurde für seine in öffentlichen Angelegenheiten erworbenen Verdienste der ungarische Adel taxfrei verliehen. Budapest, 21. Nov. Der König verlieh dem Mitglied des Teinesvarer Mnnizipalausschusses Salomon S t e r n t h a l und seinen gesetzlichen Nachkommen in Anerkennung seiner in öffentlichen Angelegenheiten erworbenen Verdienste den ungarischen Adel mit dein Prädikate „de Nagyp6l" taxfrei. Saaz i. Böhme«, 21. Nov. Der Unterrichtsminister hat denc israelitischen Religionskehrer am Staatsgymnasium zu Saaz, Dr. Simon Stern, den Titel Professor verliehen. Wien. Sterbefall. Am 8. cr. starb hier der emeritierte Gymnasialprofessor, Religionslehrer und Bibliothekar der israelitischen Kultusgemeinde, S. H a m m e r s ch l a g ini 79. Lebensjahre. Paris. Der Substitut Lisbonne wurde zum Staatsanwalt in Marseille, der Substitut Laemlö znm Strafrichter in Guelnia ernannt. Paris. 22. Nov. Zum Vizepräsidenten des Schwurgerichtes in Versailles wurde Mr. Worms, Richter am gleichen Tribunal ernannt. An seine Stelle wurde Mr. .Hirsch, Richter in Lille, versetzt. Rom. Zu Privatdozenten wurden ernannt: Dr. Manasse für Mineralogie an der Universität zu Pisa, und Dr. Benheimer für Sanskrit an der Universität zu Bologna. Aus der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M.. 18. Nov. Das große Akti 0 nsk 0 mitee ist aus den 4. Januar 1905 nach Wien zur Sitzung einberufen worden, um die Fragen der Organisation zu erörtern und den Zeitpunkt des VII. Kongresses endgiltig sestzusetzen. Bremerhaven. Am 13. c. konstituierte sich nach eineni Vortrag des Rechtsanwaltes Dr. Sammy Gr011 ein ann-Hannover über „Der Zionismus und die deutschen Jude n" eine zionistische Ortsgruppe, der sofort 17 Herren beitraten. Wurzbnrg, 21. Nov. Ziontstische Bereinigung. Tie Arbeit des Wintersemesters begann am 6. Oktober mit einem Nachruf auf Dr. Herzl, der stehend angehört wurde. Msdann wurde nach einem Referat von Fräulein Wechsler das Programm der nächsten Bereinstätigkeit wie folgt festgesetzt: 1. Besprechung zionistischer Angelegenheiten, 2. Pflege der jungjüdischen Literatur und der jüdischen Sprache. Nach einem Referate des Herrn Dr. Pinezower wurden die Vereinsstatuten aufs neue festgesetzt. Am 27. Oktober ivnrden Sammelstellen für Staniol, Marke» rc. beschlossen. Herr D r. P i n c z 0 w e r hielt ein Referat über das Jnterwiew des Reichskanzlers Graf v. Bülow über den Zionismus. Ter Reserent beleuchtet eingehend an der Hand statistischen Materials die unzulängliche Kenntnis des Reichskanzlers über die Ertrags- und Bevölkerungsmöglichkeit Palästinas. Ter erste Agitationsvortrag wurde von Herrn Präzeptor Oppenheimer am 10. November eröffnet. Er sprach übsr „Zionistische Zeitfragen", indem er dabei im Kurzen das Wesen des Zionismus erläuterte und einen Ueberblick über die Entwicklung der zionistischen Politik gab. Es schloß sich eine rege Diskussion daran. Im Schlußwort forderte der Reserent die Gegner auf, nicht nur im negativen Sinne das Vorgehen der Zionisten zu bekritteln, sonder» ihrerseits positive Vorschläge zur Lösung der Judensrage zur Diskussion zu stellen. Dann werde man erkenne», daß die zionistische Lösung auch die einzige Lösung sei. Aus den Bereme». Frankfurt a. M., 17. November. Der Bar ein zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums iy, der Provinz Westfalen sendet uns seine« Bericht jüv die Zähre 1903/04. Aus demselben entnehinenwir, daß seit dein Amtsantritt des Pabbiner Dr,Marx- Reckzt«g - hause.u sich hem Verein nenerdiiM lA.Mmeindeii aiigcschlosseu haben. In zehn. kleineren' Gemeinden wurde der seit Jahrzehnten völlig fehlende RM-- gköiisnirterxicht neu. ekiigefübrt und eiiiaerichtet./Ap Bejstst '/aufpie. Btsserüiig der Lage des Lehrerst a n d e s wurde manches getan. So sehr viet dadurch, daß an die mittleren Gemeinden die kleines Mp den Religionsunterricht angegliedert wurden. Auf diese Weife ^sitzd die Gemeinden in der Lage, eiltest von materiellen Sorgen freien, ganz seiner Msgabe kebeiiben Lehrerskand Zn haben. In Ztper Gemestidebezirken wirrden Wanderkehrer arstststeM Dem Mürag des Vereins gemäß ivurde eine-jü b i sch e Pr ivatschule in eine öjsentliche Sozietätsschule umgewändelt. Im abgelaufenen Jahre wurden znm ersten Mal die jüdische n R c k r n t e n der Provinz West-