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Neue jüdische Presse · 1904-11-25 · Heft 45 (25.11.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 45 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. letzten Wochen wieder einmal zur Kenntnis des westlichen Europas gelangt; das; aber auch ohne Progrom das Dasein der Juden nicht grabe ein beneidenswertes ist, das möge der folgende kleine, für einen russischen Juden tmm gcriiigfüfligc Vorfall, der sich 'in Tschausi (Gonvernemeiit Mohilew) zngetrageii hat, zeigen: In das Manusakturwarengcschäst von S. Slawutschin kommt ein Bürger und verlangt einen Paletot, den er vor — sage und schreibe — zehn Jahren denr Slawutschin zur Aufbewahrung gegeben haben will. Das war natürlich ein völlig aus der Lust gegriffener Schwindel; aber lvaS hals's! — da der Mann drohte Spektakel zu machen und da bei der grade an diesem Tage stattsindenden Aushebung von Soldaten die Furcht vor einem Prcgrom, wie solcher in dem nahen Mohilew staitgcfunden hatte, dem Juden in den Gliedern steckte, so gab er dem Mann 10 Rubel, worauf dieser sich zufrieden entfernte. — Viel schlimmer hatten es die Jude» in Divinsk. Am Samstag, den 13. November, verbreitete sich das Gerücht, daß ein Progrom beabsichtigt werde, und angsterfüllt blieb jung und alt zu Hause. Sonntag früh 10 Uhr begannen Soldaten mit der Plünderung von jüdischen Kramläden. Es wurden 30 Läden und 2 Häuser zerstört. Durch das Eingreiien des Generals mit 4 Rotten Soldaten und 100 Kosaken wurde der Verwüstung ein Ende gemacht. Wer hier während des Progromes Gelegenheit hatte, daß Publikum zu beobachten, der mußte zu der Ueberzcugung kommen, daß hier der Begriff „Recht" Hekuba ist. Da die Soldaten den Raub nicht gut mitnehmen konnten, so arrangierten sic sofort an Ort und Stelle einen flotten Handel und flott ging die Ware an den Käufer. Charakteristische für die russischen Zustände ist auch die folgende Zeitungsmeldnng: Bialystok, 16. November. Wie man in Rußland Vaterlandsliebe züchtet. In diesen Tagen fanden, abgesehen von der Einberufung der Reservisten auch die Rekrutenaushebungen für den regulären Militärdienst statt. Marl,hätte garnichts davon beinerkt, wenn es nicht ausgefallen wäre, daß ungemein viel Gefangene transportiert wurden. Man sah Trupps von 10—15 jungen Leuten, die von 2—3 Polizisten an einem Strick geführt wurden, wie etwa Jagdhunde von Pikenren geführt werden. Ter Strick Ivand sich um die ganze Gesellschaft. Man mußte die jungen Leute bei diesem Anblick für politische oder gemeine Verbrecher halten. Auf die Frage, was denn los gewesen sei, erfuhr man, daß alle diese Trupps Rekruten waren, die von der Aushebungskommission für tauglich bestinden waren. „Nvr die rechtgläubigen Russen werden zu der etwa 14 Tage später ersolgeuden endgültigen Einberufung auf freiem Fuß belassen, die meisten Andersgläubigen, vor allem die Inden, werden, damit sie nicht fortlaufen, in Haft genommen, aber nicht etwa in Kasernen untergebracht, denn dazu sind keine Mittel vorhanden, sondern zusammen mit gemeinsten V e r - brechern ins Gefängnis gesteckt!! Zum. Schlüsse sei noch ein Fall mitgeteilt, den ein orthodoxer russischer Beamter erzählte. Um die Zeit der Gestellung meldete sich, bei der Rekrutenaushebungskommission in B. ein Jude, der eigens zu diesem Zweck aus Baku gekommen war. Als „beding t" tauglich angenommen, sollte er nach der 78 Werst entfernten Gouvernementsstadt gebracht werden. Doch wie? Ihn allein f a h r e n l a s s e n, wie das Gesetz es vorschreibt, wollte man nicht; einen Begleitmann konnte man ihm wegen der mangelnden Mittel nicht mitgcbe«. Blieb nur der Schub übrig! Ter. aus Baku freiwillig eiugetroffcue Mann wird ins Gefängnis abgeführt, dort mit gemeinen Verbrechern zusammengekoppelt, per Schub hin'und zurück geführt und dann wieder ins Gefängnis gesteckt, wo er zu warten hatte, bis er mit andern Rekruten nach Moskau abgeschoben wurde. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Aus aller Welt.. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Schluß des Berichtes, erstattet von Schuldirektor Coiisiuo an das Zentral-Kvniitee der Alliance, über „Bier Jahre Allianzschulen in Persien". - Tie Resultate des Unterrichts/sind von allgemeiner moralischer Wirkung. Auch die stuinpssinnigsten und voreingenommensten Mitglieder der Gemeinde konstatieren eine glückliche und tiesgrcisendc Veränderung in dem Charakter uud den Gewohnheiten unserer. Zöglinge. Aus diesen lleinen Wilden, die gestern noch schmutzig und abgerissen von Tür zu Tür um ein Stückchen Brot bettelten, wurden wie über Nacht saubere, höfliche, lerneifrige Schüler. Unsere Schulen sind die am besten eingerichteten der ganzen Gegend. Alle vornehmeren Muhammedaner wollten gern ihre Kinder zu uns schicken, wenn, es nicht Aga-Nadjafi verboten hätte. Für unsere Glaubensgenossen bilden die Schulen einen Gegenstand des Stolzes. Unsere Schulen dienen auch als Asyl. Sobald xin Jude sie betreten hat; wird er unverletzlich und niemand hat das Recht, jjEjii dahin zu verfolge». Oft haben 'in Ihnen' ganze Familien Zuslncht gesunden, bis wir die nötigen Garantieen zu ihrem Schutze erlangt hatten. Auch außer unser,. Schulen habe» wir das Interessen der Gemeinde wahrgenommen. Tie Vertreter der Alliance in Persien haben ihr Amt nicht als Sinecure, sie sind nicht nur Lehrer uud Verwalter der Schulen. Gegenüber dem politischen Regiment des Landes, der räuberischen Habgier der Beamten und der offenkundig feindlichen' Haltung der Muhammedaner sind wir in die Zwangslage versetzt, uns zu Beschützern unserer unterdrückten Glaubensbrüder aufzuwersen: Eine vornehnie, aber ermüdende Aufgabe, die uns keinen Augenblick Ruhe läßt. Was uns in Jspahan betrifft, so vergeht beinahe kein Tag, an dem die Juden nicht unsere guten Dienste zunächst in ihren intimen Privatsachen in Anspruch nehmen. . Erhebt sich unter ihnen ein Zwist, so sollen wir ihn schlichten, selbst bei einem Streit zwischen Ehegatten müssen wir den Frieden in, Haushalt wieder Herstellen. Fragen des Geschäfts, der F-amilie, der Erbfolge, werden häufig durch uns geregelt. Es liegt uns ob, Schuldansprüche unserer Glaubensgenossen zu vertreten, auch gegenüber den Behörden, wenn sie als begründet anerkannt werden müssen. Ob ein Jude in den Bazaren geschlagen oder ein armer Teufel von Hausierer in einem Torfe ausgeplündert wird,. an uns ist es, ihm Recht zu. verschaffen. Selbst Muhammedaner kommen zu uns in ihren Angelegenheiten mit den Juden. Wer diese Mühewaltungen, soviel Zeitverlust sie auch verursachen, bilden doch nur den kleinsten Teil unserer Ausgabe. Unser Ehrgeiz geht höher. Zur Zeit unserer Ankunft in.Jspahan erinnerte die Lage unserer hiesigen Glaubensgenossen an die dunkelsten Tage der mittelalterlichen Geschichte der Juden. Ihnen, nach so vielen Prüfungen wieder Ruhe und Sicherheit zu verschaffen und ihnen Ivieder ein wenig Selbstvertrauen einzuflößen, das ist das Ziel, das wir uns gesetzt haben. Was wir in dieser Hinsicht erreichten, ist Ihnen bekannt. Ter Jndengouverneur, ein wahrer Tyrann, wurde abgesetzt, die Frohndienste ausgehobe», die Steuern verinindert, die Synagoge Golbar, die - seit 9 Monaten geschlossen war, dem Gottesdienst zurückgegeben, -die Israeliten sind berechtigt, in den Bazaren frei zil verkehren, überall, Ivo sie wollen, sich niederznlassen und in den Dörfern der Umgegend ihren Beschäftigungen nachzugehen. Unsere Einwirkung auf die Sitten der Gemeinde macht sich ebenfalls sozusagen sichtlich bemerkbar. Keine verfrühten Ehen inehr, daher keine Scheidungen. Die Polygamie, die ehemals bei den Israeliten in Jspahan in Ehren war, i st v o l l st ä n d i g außer Gebrauch gekommen; wir haben keinen einzigen Fall seit unserer A n k n n s t zu verzeichnen. Der Gottesdienst in der Synagoge vollzieht sich mit größerer Ordnung und Andacht. In einem Punkte jedoch haben wir keinen Erfolg gehabt. Die Juden glauben, viel getan zu haben, wenn sie ihre Kinder aus den Missionsschulen genommen und uns die magere Subvention von 100 Fr. monatlich bewilligt haben. Es nützt nichts, ihnen, zu sagen, daß das lächerlich uiigenügcnd' ist, daß es ihre elementarste Pflicht wäre, die Lasten der Alliance zu vermindern nach all dem, was sie jsiir' sic getan hat. Wir können cs ihnen in allen Tonarten wiederholen, aber es scheint, daß cs im Gehirn dieser Leute eine Partie gibt, die immer unzugänglich'bleiben wird. Auf alle unsere' Argumente' haben sie nur ein k a t e g o r i s ch e sN e i n. Sie erkemien an, daß sie uns viel schulden, daß ohne, uns ihre Existenz unhaltbar wäre, aber den Geldbeutel öffnen, das ist eine andere Sache. Mail braucht sich in diesem Lande nicht darüber -zu wundern: Es ist ein Fehler, der allen persischen Juden gemeinsam ist -nnd der ihrer Stirn ein häßliches Mal aufprägt. . Aber unsere ganze Hoffnung ruht auf dein jüngÄ Nachwuchs, einer gesunden, fruchtbarem Aussaat, von der eine reiche Ernte zu erhoffen ist. ' Nr. 45. Frankfurt a. M. Alliance Jsraölite Universelle. (Offiziell. ^Infolge von Altersbeschwerden legte Herr Geh. Jnstizrät Tr. F-uld in Frankfurt a. M. sein Amt als Mitglied des Zentral-Koniitees nieder. Zum Zeichen des Tanke? für seine segensreiche Mitarbeit an den Werken der Alliaüce wurde'er.zum Ehrenmitglied des Komitees ernannt,^; Berltir. Aus' d er jüdisch eil Gemeinde. Tie - Anzahl der ' Besteuerten ' beträgt gegenwärtig 26 471 gegen'23 171-inmJahrck 1901: Vom 1. Zlprik' 1901 bis 31. März 1904 sind im ganzen 377 Personen durch Erklärung vor Gericht aus de», Judentum ansgeschieden; die Zahl derer, die aus religiösen Bedenken ans der Gemeinde während dieser Zeit ansgeschieden (und wohl der orthodoxen .Adaß-Jisrocl-Geineiiide beigetreten) sind, beträgt 29. Tie Kosten für die Festgottesdienste im letzten Herbst beliefen.sich ans 80905 Jt. Köln a. Nh. Es dürfte besonders die Frankfurter Leser Ihrer geschätzten Zeitung interessieren, daß in der Kölnischen Volkszeitnng vom 10. November D o in k a p i t u l a r P r o f e ss o r D r. Josef Selbst -Mainz in einein Aufsätze unter dem' Titel „Eine' Nachlese znm- Babel-Bibel-Streit" Folgendes über die Babel-Bibel-Broschüre des D r. I. H o r o w i tz - Fr a n k fn r t schreibt: „Dagegen veröffentlicht nun I: Horowitz (Frankfurt a. Dt.) eine Reihe vvn „Randglossen" (Babel und Bibel, Frankfurt, I. Kausmann 1904. 45 S. 1 Jt), die (neben Klansnitzcrs „Hie Babel — hie Bibel" und Barths „Babel und Israelitisches Religionswescn") zu dem Treffendstei! gehören, was von dieser Seite geschrieben worden ist. Horowitz beschränkt sich aus die Frage des Monotheismus; des Kodex Hammurabi und des Sabbat und erbringt, mit König übereinstimmend, insbesondere den Nachweis, daß Delitzsch in der Frage des Monotheismus, dessen Ursprung aus Babylon hergeleitet werden sollte, eine kühne Schwenkung vollzogen hat- und daß das „Mißverständnis", dem Delitzsch unterlegen sein will, nicht auf Seiten der Kritiker gelegen war." Oesterreich-Ungarn. Wie». Am 15. crt. fand in Döbling in der Gebhardgasse die Einweihung des aus den Mitteln der Charlotte Lea Merores-Jbzeles-Stiftung erbauten neuen Waisenhauses s ü r M ä d ch e n statt. In einem Garlengrunde von 7600 Metern erhebt sich das inoniimentale Gebäude. Das Hochparterre enthält einen geräumigen Speisesaal, die Berwaltnngskanzlei, die Wohnnng der Anstaltsleiterin, einen Turnsaal und eine allen modernen hygienischen Anforderungen entsprechende Jsolierstation mit Krankenzimmer und Bad. Im Souterrain befinden sich die Küche, .die Dampsheiznirg und zwei Badezimmer mit sechs Badewannen und im ersten Stock vier Schlafsäle mit 50 Betten. K. Graz i. D. Steiermark, 20. November. D i e Zugend ist unsere Zukunft.! Ms gestern Nachmittag die Schüler der jüdischen Schule vor dem Tempel standen' und auf den Einlaß warteten, wurden sie von einer Schar von'20 Knaben im Alter von 9—14 Jahren -unter den -Rufen: „N i c d e r m i t den Jude n" mit Steinen beworfen und mehrere von ihnen verletzt. Tie derart bedrohten Schüler wurden iil Sicherheit gebracht und die Angreifer endlich vertrieben. Der Hofrau'm des Tempels war mit faustgroßen Steinen und Ziegcltrümme.rn, die als Wurfgeschosse gedient hatten, bedeckt. K. Karlsbad i. Böhmen, 18. Nov. Namensänderung. Dem Herrn Dr. Karl Ab e l e s, Advokaten in Karlsbad wurde von der k. k. Statthalterei in Prag die Bewilligimg erteilt, statt seines bisherigen Familiennamens den nrgermanischen an das Plattdeutsche erinnernden Namen. Allers annehmcn und führen zu dürfen. Mso Gott sei Dank, er hat den alten?ldam ausgezogen. Ein Abele's weniger und ein Mansche! mehr. . —ii— Budapest, 19. Nov. Tempeleinweihung. Die israelitische Religionsgemeinde zu Zilah feiert am 6. Dezember die Einweihung ihres neuen Teyipels unter großen Festlichkeiten. Die feierliche Handlung wird Dr. Arnold Kiß, Oberrabbincr von Buda vollziehen. —n—Budapest, 14. Nov. I» der gestrigen konssituierenden Gcneralversamnilung der Repräsentanz der Pest er isr. Religionsg ein ein de (siehe Artikel: Macht geht vor Recht in der vorletzten Nümmer) wurden per Mklamation gewählt: zum Präsidenten Hofrat Siegmund Kohner. Zu Vorständen: Ludwig Adler (Kultus), Dr. .Philipp Weinmann (Unterricht), Sigmund Breilner (Wohltätigkeit), Ludwig Bauingarten (Finanzen), Max Grü»- baum (Wirtschaftssektion), Sigmund Kornfeld (Stiftrrngen). Zu Mitgliedern des Ausschusses wurden weitere 30 Herren gewählt. Als Halchtaufgaben der nächsten Zukunft wurden bezeichnet: die Erbauung eines neuen Tempels, die Errichtung einer Mittelschule und die Regelung der Stenerangelegenheiten. UWMeW. r, $avi§. Wahlen' zum jüdischen Kömflst ör i 'uin: DieMenwaMn zum jüdischen Kon- IWriüchrsMMel ruhiger-vörübergegangen, als man erwartet hatte--Dev-Mund/häfür/lag darin, daß die

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