Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 45 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»r... jtit I ■ - > , * Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- . Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise stehe Schluß des redaktionellen - Teiles). ------.- SrsnKfurl a. M.. Leiligkreuzgaste 51, Ecke Rlapxerfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). -HH- HerattsgeVw: Karg cheis- Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile .. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8- 2. Jahrgang. Freitag» den 17. Klsslew 5665 (25. November 1904). No. 45. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Die Organisation der jüdischen Auswanderung. — Kulturbilder aus Rußland. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Aus bewegter Zeit, Erzählung von R. — Sv rech s aal. Die Organisation der jüdischen Auswanderung. Auf den 4.. und 5. Dezember, hat der „Hilfsverein der deutschen Inden" gemeinsam mit der „Großloge VIII U. O. B. B. für Deillschland" eine Konferenz über die jüdische Auswanderung aus Osteuropa und ihre Organisation nach Frankfurt einberufen. Die Aufgaben, die diese Konferenz sich gestellt hat, sind folgende: ' „1. Es müssen die Auswanderer aus dem östlichen Europa schön in ihren Heimatländern über die Vorbedingungen einer zweckentsprechenden Auswanderung aufgeklärt werden. Sie sind über die besten Reisewege zu informieren. Es muß angestrebt werden, zugunsten der Auswanderer möglichst gute Bedingungen für die Eisenbahn- und Schiffahrtstransporte zu erlangen. Die Auswanderer müssen auf der Reise vor Bedrückung und Uebervorteilung geschützt werden. Sie müssen im Lande ihrer Bestimmung, soweit möglich, decentralisiert und schnell durch den Nachweis von Arbeitsgelegenheit zur Selbständigkeit^ herangebildet werden. 2. Es ist nicht durch Gewährung barer Zuschüsse die Auswanderung zu erleichtern und zu ermunterst." Diese Ausgaben sollen gelöst werden durch die Gründung von:. ■ „1. Landesvrganisationen; ihnen liegt es ob, im östlichen Europa die Auswanderer über die Vorbedingungen einer zweckentsprechenden Auswanderung, sowie über die besten Reisewege aufzuklären und den Transport der Auswanderer alsdann bis zur Landesgrenze zu überwachen. Die Aufgabe der Ueberwachung nebst der Vorsorge für möglichst billigen Transport liegt allen Landeskomitees der Durchgangslänber ob. Die Aufgabe, für die Ausgewanderten möglichst schnell Arbeitsgelegenheit zu "schaffen, fällt den Landesorganisationen jener Länder zu, die das Reiseziel der Auswanderer sind. Die Landesorganisationen, denen es vielfach obliegen wird, .Mit der Regierung und den Behörden ihres Landes -zu verhandeln, müssen sich eine derartige Förm geben, wie sie den Verhältnissen des einzelnen Landes, am besten entspricht und zur Erreichung der vorgesteckten Ziele am zweckdienlichsten ist. I 2. Eines Internationalen Komitees, dessen Aufgabe es wäre . k) in Fällen, wo die Landesorganisationen versagen, einzugreifen, . b) in Fällen, wo die Größe, der ’ :V ung ganz. besondere Maßnahmen erfordert, die gegebene Vorsorge zu-treffen. Das Internationale Komitee wäre zu bilden aus je einem Delegierten der großen, auf der Konferenz vertretenen jüdischen Wohlfahrtsinssitutionen und aus solchen Einzelpersonen, die für die Sache nützlich sein können. Dieses „Internationale Komitee für die jüdische Auswanderung aus dem östlichen Europa" gibt sich eine Geschäftsordnung selbst. 3. Eines „Internationalen Zentralbureau für die jüdische Auswanderung aus dem östlichen Europa". Diesem Bureau läge es ob, alle auf die Auswanderung bezüglichen wertvollen Informationell zu sammeln; Eisenbahntarife, Schiffahrtstarife, die Nachrichten über die Lage des Arbeitsmarktes in den Auswanderungsländern, Nachrichten über die Vorbildung der Auswanderer in ihren Heimatländern usw. usw., um alsdann durch eine zweckentsprechende Verwertung und einen zweckentsprechenden Austausch dieser Nachrichten den Auswanderern für ihr Fortkommen möglichste Erleichterung und den Landeskomitees für ihre Maßnahmen die nötigen Unterlagen zu schaffen. Dieses Bureau müßte seinen Sitz in möglichst zentraler Lage haben, zwischen den Herkunftsländern der Auswanderer und den Ländern, in die sie sich begeben." Bor 25 Jahren, im Jahre 1880, wurde mit dein Wiedererwachen des Antisemitismus der Grund gelegt zu der permanenten Vernichtung jüdischer Existenzen, die bald, entsprechend der unmenschlichen Rücksichtslosigkeit der antisemitischen Scharen, eine Auswanderung in großen Dimensionen zur Folge hatte. An 2 Millionen Jude» sind in diesen 25 Jahren — den Wanderstab und meist auch den Bettlerstab in der Hand — herausgerissen worden aus dem Boden, auf dem sie emporgewachsen, und wie von einer Sturmeswelle erfaßt, wurden sie hinweggeschwemmt nach dem weiten Westen, wo nur wenige in dem fremden Erdreiche ihre Wurzeln einzuschlagen und ihren Stamm zur kraftvollen Blüte zu bringen vermochten, wo die meisten aber, gleich einem entwurzelten Baume, ihr Dasein kümmerlich weiter fristeten und jetzt noch fristen.. Wenn die Not gar zu grell nach Westeuropa hinüberschrie, wenn im heiligen Rußland wieder einmal statt weniger gleich Hunderte von Juden hingeschlachtet wurden, dann entdeckten wohl die in glücklicheren Verhältnissen lebenden Juden Westeuropas ihr weiches jüdisches Herz und gaben ihr Scherslein zur Linderung. Wer all' das, was getan wurde, war ohne Plan und ohne jegliche Organisation. Ter Einzelne gab, soviel er konnte oder wollte, damit er sein Gewissen beruhigte — und damit fertig. Zum ersten Male seit den 25 Jahren schicken sich die westeuropäischen Juden an, sich ernstlich mit der Frage der Auswanderung zu befassen. Daß erst heute geschieht,''was seiner Zeit beim Beginn des großen Auswandererstromes hätte geschehen müssen, ist ein schwerer Vorwurf; doch daß es nunmehr geschieht, daS dürfen wir ^als eine Wendung zum Besseren begrüßen und deshalb heißen wir die Konferenz zur Organisation der jüdischen Auswanderung herzlich in Frankfurt willkommen. Kulturbilder aus Rutzlaud. Knlturbilder aus Rußland zu bringen, ist eigentlich ei» Unding. Kultur verlangt, daß Kunst und Wissenschaft, Gesetz und Recht in einem Volke auf einer gewissen Stufe der Entwicklung stehen. Doch, wo der Aberglauben das Wissen, die Knute das Gesetz und die Bestechung das Recht des Volkes ist, da liegt die Kultur noch im traumlosen Schlummer und die Unkultur schwingt als allmächtige Herrscherin das Szepter. Also Unkulturbilder! — Aus Ereignissen der letzten Zeit wahllos, wie sie das Leben bietet, herausgegrissen, biete ich sie dar: Fuhr da vor einigen Wochen der Rischni-Nowgoroder Rabbiner Steiilniann nach Sinargon. Er hatte in Nischni-Nowgorod gleich ein Billet „ach Sinargon genommen, obzwar sei» Zug des Morgens um 5 Uhr in Moskau eintrifst und der Zug »ach Sinargon erst des Abends um 9 Uhr weitergeht. Den ganzen Tag in dem Martesaal des Moskauer Bahnhofs zu sitzen, ist nun grade kein Vergnügen; außerdem kommt der Zug aus dem Kursker Bahnhof an und fährt ans dem Brisker Bahnhof ab; unser Rabbiner beschloß daher, nach dem Brisker Bahnhof nicht die Verbindungsbahn zu benutzen, . sondern zu Fuß zu gehen und bei dieser Gelegenheit sich Moskau anzusehen. Er war noch nicht weitgegangen, da hielt ihn ein Polizist mit den Worten an: „Wart', Bruder, was tust Du da? Juden ist es verwehrt, i» Moskau zu wohnen!" Der so unliebsam Aufgehaltene nahni sein Billet ans der Tasche und erklärte dem Hüter des Gesetzes, daß er Durchreisender sei und nur den Weg vom dem einen zu dem anderen Bahnhofe gehen wolle. „Dir ist nicht erlaubt, Moskau zu betreten!" erwiderte dieser kurz und forderte ihn auf, ihm zur Polizei zu folgen. Auf dem Wege dorthin beteuerte der Polizist seinem Gefangenen ganz treuherzig, daß er garuichts gegen ihn habe und daß er ih» auch nicht ausgehalten hätte, wenn er nicht für jeden arretierten Juden 5 Rubel ausbezahlt bekäme. Auf einen solchen Verdienst könne er nicht verzichten, setzte er noch hinzu. Am der Polizei nun nahm mau ein Protokoll auf und ei» Polizist begleitete de» Rabbiner dann nach dem Brisker Bahn Hose, setzte ihn in ein Eoupö seines Zuges und notierte die Nummer des Eoupüs. Das Ende der Tragikomödie war, daß der Jude 50 Kopeken Strafe bezahlen mußte, ein Zehntel der. Summe, die' der Moskauer Polizist für seine Arretierung erhalten hatte; — und so war in Wirklichkeit die Polizei die geuzte, während der Jude für 50 Kopeken Moskau gesehen hat.- Das Turchvrüaeln und Totschlägen von Juden und das Plündern von Judenhäusern, die heim russischen Pöbel erster bis letzter Güte io beliebten „Progrome", sind durch die Zeitungsmeldungen der