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Neue jüdische Presse · 1904-11-18 · Heft 44 (18.11.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 44 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44. Frankfurter Israelitisches Favvllienblatt. Seite 3. 'Die'Mädchenschule zeigt dieselbe. Steigerung des Besuches: 75 Schülerinnen'bei der- Eröffnung, jetzt 270. Die Zahl hat sich im Verlauf von 4 Jahren niehr als. verdreifacht. «.Schluß folgt.) —i— Frankfurt a. M. Getaufte Millionen. In. Paris starb dieser Tage Mr. Heine, sowie Frau Armand D-eine: in Wien Baron Springer; als Juden kamen sie durch ihr Geld in die bessere christliche Gesellschaft, der sie sich so äsfimilierten, daß sie sogar die katholische Religion annahmen. Da sie in ihrer Stellung die Taufe nie notwendig gehabt hätten, kann man sich nur denken, daß sie ein katholisches Begräbnis anstrebten; das haben sie jetzt. —i— Berlin. Die im Juli 1904 verstorbene Iran Stadtrat Mathilde Weigert» geb. Mayer, hat der Stadtgemeinde Berlin 20,000 Mk. mit der Bestimmung vermacht, diesen Betrag unter dem Namen „E l.i a s u n-d FriederickeMayer- Stiftung zu verwalten und aus den Zinsen Heizmaterial an Hilfsbedürftige (zu gleichenteilen an Juden und Nichtjuden) abzugeben. Diesem Fonds sollen auch die Zinsen der mit einem Kapital von 29.000 Mark begründeten „Elias und Friedericke Maver-Familienstiftung" dienen, salls sich in einem Jahre kein den statutarischen Bestimmungen entsprechender Bewerber dafür findet. Der Magistrat hat eine Vorlage zur Annahme dieser Stiftung der Stadtverordnetenversammlung unterbreitet. ' —i— Berlin, 13. Nov. Das Hei! der Taufe. Am vergangenen Donnerstag verstarb an den Folgen einer Bauchfellentzündung der hiesige Landgerichtsrat Dr. Franz Baer. Heute wurde er in Weißensee begrabe». Dr. Baer war in Zivilsachen ein Richter von besonders hervorragender Tüchtigkeit. Daß er auch in Strafsachen, in denen er ausnahmsweise mitsaß, g e r e ch t zu sein suchte, gaben auch die Angeklagten gern zu, die er verurtci.te. In diesem Richter ehrten und würdigten auch seine politischen Gegner den Charakter. Er fiel durch seine Charakterfestigkeit unter den modernen Richtern umso mehr auf, je häufiger bei einem seiner Kollegen Strebertum den Mangel an Kenntnissen und Tüchtigkeit zu verdecken schien. Diese seine Eigenschaften betvahrte Baer auch n a ch o b e n. Er war' vor mehreren Jahren als Hilfori ch t e r an das Ka mincrgericht berufen. Dessen Präsident war zn jener Zeit v. Drenckmann, urreaktionär vom Scheitel bis zur Sohle,' aber ein Richter, der 'in verschiedenen Stellungen hohe juristische Befähigung dokumentierte, v. Drcnckmann stand iin Rufe, stark antisemitische Neigungen zu hegen. Trotzdem empfahl er in außerordentlich tvarmer Weise den Verstorbenen, wie wohl er Jude war, zur Ernennung zum Kammergerichtsrat. Baer wurde darauf in das Justizministerium gebeten. Dort wurde ihm dringendst n a h c g c l e g t, s e i.n e j ii d is ch e Religion in eine christliche umzuw e ch s e l ». - Bei dieser Unterhaltung äußerte Baer, daß er seine Beförderung n i ch t c i n e m G e s i n n - nngswechsel verdanken wolle. Als ihm eindringlich nahe gelegt wurde, daß der Konfessionswechscl doch nur etwas äußerliches sei, lehnte er die eindringlichen Mahnungen für eine Wandlung zum Christentum rinter anderem mit dem Hinweis darauf ab, daß so lange seine Schwiegerm u t t e r '{e 6 c, an eine Tanfe nicht;u denken sei. Fazit: Baer wurde nicht befördert. Aber der Antisemit v. Drenckmann gab nicht »ach. Er richtete eine neue Eingabe an das Justizministerium, hob abermals hervor, wie dringend not den Gerichten tüchtige Juristen tun, schilderte die glänzende Begabung und hervorragende Tüchtigkeit Baers und suchte um Bacrs Ernennung zum Kämmergerichtsrat erneut an. Diese Eingabe tvnrde — nicht im Kammergericht, sondern anderswo — mit der Glosse: „Was werde» die Antisemiten dazu sagen?" versehen. Abermals wurde Baer in das justizministericlle Bekehrungszimmer berufen. Der Personalreferent war überaus freundlich. Jovial fragte er den eben Eingctretenen: „N a, lebt Ihre Schwiegermutter immer noch?" Baer bejahte die vertrauliche Nachfrage und äußerte seine Ansicht über diese Art der Vorprüfung über die B e d i n g u n g e n eines höheren Richters in nicht mißzuverstehender Weise. Er sprach ein kerniges Deutsch. Fazit: Baer blieb Jude — und wurde nicht befördert, lind so ist er uns auch lieber! ' Berlin. Das Auftreten des „Dreschgrafen" verboten. Dem Einberufer der Pückler-Versammlungen, Bnchdrnckereibesitzer Mitsching in der Bernauerstraße, ist folgende Verfügung des Polizeipräsidenten zugegangen: „Euer Wohlgeboren haben für Freitag, den II. o. M., abends 9 Uhr, in dem Etablissement „Sanssouci", Kottbuserstraße 4a, eine öffentliche Versammlung anaemeldet und infolge der Anmeldung die' durch tz 1 des' Vereinsgesetzes vorgeschriebene Bescheinigung erhalten. In dieser Versammlung, ist nach dem Inhalt - Ihres Schreibens vom 7. d. M. Graf Pückle'r als. Referent in. Aussicht genommen. Ans dem gesamten Auftreten des Grafen Pückker, seinen Versammlungsreden und den von ihm heraUZgegebenen Druckschriften sind, je länger, je mehr erhebliche Bedenkengegenseine geistigeZurechnungsfähigkeit entstanden. Sein Auftreten in öffentlichen Versammlungen ist unter diesen Umständen geeignet, ernstliche Störungen der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit befürchten zu lassen, und kann deshalb aus allgemein polizeilichen Rücksichten — § 10, II. 17 A. L.-R. — fernerhin nicht mehr geduldet werben. Der die Versammlung vom 11. d. M. überwachende Beamte hat deshalb Anweisung erhalten, ein Auftreten des Grasen Pückler als Redner nicht zuzulassen. Euer Wohlgeboren setze ich hiervon in Ihrer Eigenschaft als Einberufer mit dem Ersuchen ergebenst in Kenntnis, durch entsprechende Vorkehrungen einem polizeilichen Eingreifen in die Versammlungsfreiheit Vorbeugen zu wollen. In Vertretung Friedheim." Zwickau i« Sachsen. Die israelitische Gemeinde für die Amtshauptmannschaften Zwickau und Schwarzenberg hat sich konstituiert, und die Kaufleutc Tobias, Schocken und Katz sind als Vorstandsmitglieder derselben gewählt worden. Essen; 12. Nov. Dem Vorstand der hiefigen israel Gemeinde hat ein Mitglied derselben 5000 zu einer Stiftung überwiesen, deren Zinsen hauptsächlich für Erziehung verwahrloster Kinder und zu deren Unterstützung während ihrer Lehrzeit Verwendung finden sollen. Oesterreich-Ungar«. K. Wien, 11. Nov. Wie das hiesige .Jüdische Volksblatt" mitteilt, hat es sich herausgestellt, daß der entlassene Redakteur der Wiener „Zeit", D r. Hugo Ganz, der die Inden in seiner dualistischen — jüd.-germ. — Romantik einer allgemeinen Demokratie mit verwässertem nationalen und religiösen Bewußtsein zuführen möchte, den ersten Schritt dazu getan und selb st das Wasser genommen hat. Es hat s. Z. das peinlichste Aufsehen erregt, daß das Assimilantenblatt „Frankfurter Zeitung" beim Tode He r z l s aus dessen Feder einen fthr wenig schmeichelhaften Nachruf gebracht hat. Welchen Wert man diesem Artikelchen beizulegen hat, wird man ermessen können, wenn man erwägt, daß es aus der Feder eines vielleicht damals schon getauften Juden stammte. X Wien. Anrisemitenworte im niederösterreichischen Landtag. Bei Anlaß der Verhandlungen eines Schächtverbotes sagte Abg. I-. Scheicher, er nehme es seinen Konfessionsgenossen sehr übel, daß sie kein Rückgrat haben, daß sie immer und bei jedem Anlasse vor den Juden kriechen. Man sehe sich nur einmal den Friedhof der Stadt Wien an! Dort haben sich die Juden, als die Liberalen am Ruder waren, die besten und b e q u e m st e n Plätze ausgesucht. Es sei eine Feigheit gewesen, daß die Christen das zngelassen haben; aber das sei ja immer und überall so. Abg. Schneider sagt, er habe sich schon einmal nn Landtage mit der Sache sehr eingehend beschäftigt, aber der Abg. Noske habe damals alles wieder zu Fall gebracht. Dieser habe die Sache so hingestellt, als sei das Schächten geradezu etwas angenehmes, so daß mancher gefragt hat, warum sich der A b g. Noske nicht s ch ä ch t e n l a s s e. Redner zitiert eine Menge Schriften über die religiösen Gebräuche der Inden und sucht nachzuweisen, daß die heutigen Juden sich an das alte Testament gar nicht halten, weshalb das darin enthaltene Schächtgebot für die' Juden keine Giltigkeit habe. X. Wie». Es ist eine die Tüchtigkeit der Betreffenden bezeichnende Tatsache, dal; die k. u. t. österr. - ungari s ch e Kriegsmarine j ü d. Offiziere aussendet, sobald es sich darum handelt, wichtige Neuerungen, die die Marine betreffen, zu prüfen, damit sie dann Eingang finden. So wurden der Generalschiffbauiirgeniettr Siegfried Popper und Oberstingenieur Rich. T o tz nach St. Louis geschickt, unk Schisfsmodel'e zu studieren. Bei dieser Gelegenheit besuchten die be'den Herren auch die hervorragendsten amerikanischen Schiffswerften. Dieser Tage trafen die Herren wieder ein. K. Brünn. Der Entdecker Joseph Joachims, der jüdische Geigenvirtuose >lud Komponist H. W. Ern st, soll in seiner Vaterstadt Brünn ein Denknial erhalten. Zum Besten dieses Denkmalplanes hat die junge österreichische Geigenkünstlerin Amely Heller eine volkstümliche Biographie und Würdigung Ernsts geschrieben, deren gesamter Ertrag dem Fonds für das Ernst-Denkmal zugeführt werden soll. X. Lemberg, 10. Nov'. In der heutigen Sitzung des galizischeu Landtags fand der Hetzpfaf f P. Stojalowski von offiziell polnischer Seite eine Abfertigung, die von den polnischen Assimilauten freudigst begrüßt wurde. Der Landtagsabgeordnete David von Abrahamovicz, derselbe, der die Sozialdemokratie i» Galizien so haßt, weil sie „ganz verjudet" sei, war so gnädig, die Herren mosaischen Konnationalen in Schutz zu nehme,,. Er konstatierte, daß P. Stojalowski auf seine Hetzrede gegen die Juden durchaus nicht stolz zu sein brauche. Um den Erfolg, den der Pater mit seinen Ausführungen errungen habe, sei er keineswegs zu beneiden. (Spricht man so gewunden, Herr Abgeordneter, wenn man jemandem aus verletztem Rechtsgefühl heraus Vorhaltungen macht?) Das Land werde der verderblichen, antisemitischen Agitation nicht Vorschub leisten und den Lockrufen Stojalowskis kein Gehör schenken, zumal die Juden eine Verletzung des religiösen Empfindens der Katholiken zu vermeiden trachten wie sie es in Lemberg getan haben, als vom Gemeinderat der Stadt Lemberg ein namhafter Betrag für katholische Kirchenzwecke bewilligt wurde. Weitere Argumente gegen, den hochwürdigen Pater-wußte dieser liberale Antisemit nicht vorzubringen. Sein ganzes Auftreten sollte offensichtlich nur die „mosaischen Polen" beruhigen, ba wieder einmal ganz schüchterne Beschwerden geäußert worden waren. Uebrigens fiel die Rede des jüdischen Abgeordneten Dr. Fruchtmann pro domo auch sehr schwach aus. Auch dieser „Pole mos. Konf." traute sich nicht recht, offen aufzutreten. Die Herren sind ja Meister in Leisetreterei. Seine Rede gipfelte in der pathetischen Phrase, daß P. Stolajowski keine Berechtigung habe, über de» Partriotismus der jüdischen Abgeordneten zu Gericht zu sitzen. K Lemberg, 9 Nov/ Priesterliche Toleranz. In der heutigen Sitzung des galizischen Landtages hielt Abg. P. Stojalowski unter Berufung auf die jüngste Deklaration des galizischen Episkopats (s. letzte Nummer) eine förmliche Brandrede gegendieJuden,so daß sich der Landmarschall, Graf B a d e n i, veranlaßt sah, den verhetzenden Ton dieser Rede als ungeziemend zu bezeichnen und den Redner energisch zur Mäßigung zu ermahnen. P. Stojalowski erhob dann sowohl gegen hie Konservativen, als auch gegen die demokratisch« Polenpartei den Vorwurf, daß sie allzusehr dem jüdischen Einfluß unterliegen, weshalb Galizien ganz verjudet erscheine. Schließlich brachte es der hochwürdige Pater so weit, daß fast alle polnischen Abgeordneten den Saal verließen, und er vor leeren Bänken zwei Stunden lang sein Programm entwickeln konnte. K. Lemberg, 9. Rov. Gegen die Deklaration desgalizischen Episkopats. In den liberalen Kreisen wird eine Kundgebung gegen die Deklaration der galizischen Bischöfe geplant. Ter „K u r y e r Lwowski", das liberale Lemberger Organ schreibt: Angesichts der Erklärung des Episkopats ist nunmehr Wachsamkeit angezeigt, denn der Geist des Pfaffentums pflegt allmählich und unbemerkt in die Gesellschaft einzudringen. Später hält es schwer, sich der geistlichen Knechtschaft zu entziehen und die Folgen der klerikalen Invasion zu beseitigen. Es genügt, zu sehen, wie arg es jetzt die klerikalen Demagogen in Wien treiben, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß in Galizien ähnliche Zustände keineswegs erwünscht werden. X. Bndapeft. Sticheleien gegen Juden im ungarischen Abgeordnetenhaus. In einer, anläßlich der geplanten Revision der Geschäftsordnung, die den Ministerpräsidenten Grafen Tisza zum Urheber hat, gegen dieselbe gehaltene Rede, sagte der der Opposition angehörende Abg. P. Hock: Das Regime des Ministerpräsidenten habe sämtliche Rechte der Nation ausgehoüen und die öffentliche Meinung so sklavisch gemacht, daß nur oie Bürgerschaft der Hauptstadt (damit meinte er die Budapester Judenschaft) für die Politik Tiszas in die Schranken treten wolle. Darauf: Mg. Rakovszky: Ja, das Judentum! Abg. P o l o n Y i: Mitglieder des Hauses bitte nicht zu beleidigen! GrafAladarZichy (Bolkspartei): Tie Juden sind immer Diener der Macht. Mg. Rosenberg (liberal, getauft): Die Juden sind so gute Patrioten wie Rakovszky. Tie Juden haben (dein Ungarnfeind) Lueger nicht gratuliert, Rakovszky hat das getan. Mg. Paul Sandor (liberal, ungetanst). 'Die Juden können auch Pfarrer ins Haus bringen. P. Hock verdankt ihnen, daß er hier fitzt. Budapest. Der König von Sachsen und der Bergführer Spitzkopf. Aus Löcse (Ungarn) wird dem P. Ll. geschrieben: Bekanntlich hat der derzeitige sächsische König einen Teil des Sommers in Tatrafüred verbracht, von wo er mit dem Bergführer Jakob Spitzkopf oft Ausflüge in die Umgebung machte. Der Bergführer begrüßte seinerzeit bc» König von Sachsen zu seinem Regierungsantritte, worauf nachstehende Antwort an bei» Bergfiihrer eintraf: „Loschwitz bei Dresden, 8. Nov. 1904. Herrn Jakob Spitzkopf, Alsö-Erdöfalu. Se. Majestät der König von Sachsen lassen Ihnen allerhöchst seinen besten Dank für die Glückwünsche, welche Sie gesandt haben, aussprechen und Ihnen gleichzeitig für Ihre Tochter zu deren Hochzeit die beiliegenden 100 Mark überreichen. Auf allerhöchsten Befehl: Richter m. p., Hauptmann." X. Budapest, 14. Nov. In der vergangenen Woche wurden von den hiesigen Standesämtern 6 jüdisch - ch r i st l i ch e Mischehen aufgeboten. In fünf Fällen war der Mann, in einem die Frau jüdisch. (Bl. Wchschft.) London. Bier Brüder in hohen Staatsämtern. Dieser Tage ist Mr. Robert Nathan znm Privatsekretär des Bizekönigs von Indien ernannt worden. Er ist der

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