Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 44 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FamMenblatt, Nr. 44. vierte von vier Brüdern, die in verhältnismäßig jungen' -Jahren git hohen englischen Aemterw; gekommen find? Der bekannteste ist Si r M aftthew Nathan, der Gouverneur in Hongkong wurde. Nachdem er 1880 die MMärakademie absolviert hatte, diente er im Jngenieurkorps. Er hat zwei Feldzüge mitgemächt, 1895 bei der Nilarmee zur Befreiung Gordons und vier Jahre später bei der . Luschai-Expedition. 1895 wurde er zum Sekretär der Kolomalverteidigungskommission erwählt und erhielt den Michael-Georgsorden, 1889 war 'er Gouverneur von Sierra Leone, später einige Jahre lang der Goldküste. Er war der erste Jude, der im Kolonialdienst die Gouverneur-Stellung erreicht hat. Sein Bruder, Major F. Ä. Nathan, hat ebenfalls eine akademisch-militätische Vorbildung ge- . nossen., 1897 trat er in die Dienste 'der königlichen /Artillerie, 1886 wurde er Jnstruktionshauptmaiin in der königlichen Militärwerkstatt.' Er'beschäftigte sich . besonders mit Geschützbau und wurde später mit dem "schwierigen Amt eines Offizieres bei dem Pulvermagazine in Waltham Abbeh betraut. Acht Jahre danach gab, man ihm den Direktorposten in diesem Institut. Der ä lte st e der Brüder,-ein Jurist, hat in West- /itzdien gelebt, und ivurde 1888 Richter, dann Richter des Dbertribunals in Kingston/ der Hauptstadt von /Jamaika, 1893 wurde 'er Senior des Appellations- /gericht? in Trinidad,' 1898 Generalstaatsanwalt von 'Trinidad und Tobago und 1904 wurde er in den . Ritterstand erhöben. , :V 11' . : V Auch. der v i e r t e B rüder .machte seine Karrtörc . in den' Kolonien. Nach-/seinen Universitäts- ' studiert widmete er sich" dem Zivildienst in Bengalen Md wurde, nachdem er bei der dortigen Struerverwaltilug füngiert Hütte,; llnterstaatssekretär für Indien im Finanz- und Handelsdepartement: 1897 .. wurde / er 'jndas Ministerimn des Innern befördert und 1900 Direktor 'der' Steuerverwaltung. Zwei ,/Jahre darauf/gab man .ihm noch 'das Amt des / Sekretärs derindischen Üniversitätskommission und , jdtzt ist er, wie /anfangs erwähnt,'Privatsekre- . tärdes ' Bize köuig s v on Jndie n , die höchste Stelle in Indien. // Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zelt der französischen Revolution - Bon R. . .. - . . ' Gortsctzung)./ . : Am ändern Aiorgen (6. Se-teiirber 1812) begann --wirklich.-jene .großem mörderische-., Schlacht an der --Moskwa.' Zwei- :Ärge i dauerte .das .Morden. Am ersten Tage -behaupteten - die Russen, einen ..Teil des Schlachtfeldes; am zweite»! aber wurden sie zum Rückzug genötigt; mit Verlust weniger Kanonen und keines einzigen-Gefangenen zogen sie in bester Ordnung .nach-Moskau zurück. Der Menschenverlust be- ■ lief sich russischerseits.auf, fünfzigtausend, unsrerseits uns dreißigtausend; gleichwohl aber war unser Verlust schmerzlicher-,als der ihrige; sie konnten nämlich ihre-Lücken aus die-leichteste Weife aus der nächsten Umgebung mit rüstigen ausgeruhten Truppen ersetzen, während »vir: vom Heimatlande ganz abgeschnitten und von den mannigfachsten Beschwerden ganz erschöpft ..waren.;.zudem hatten wir dreinndvierzig unserer besten Heerführer verloren. 'Ueber einen weiten Leichcuhügel gelangten »vir Mündlich mach Moskau. .Diese. alte Hauptstadt Rußlands hatte sich freiwillig dem- Wohl des Vaterlandes .'.geopfert. Kaiser.. Alexanderhatte bei seiner Durchreise aus den Händen der dortigen Einwohnerschaft-. das Gelübde empfangen, eher.ihre Stadt dem -' Erdboden gleich zu mache», als das Herz Nußlaubs der Eroberung und Entweihmig des westlichen Attila f . preis zu geben. Und anf's gewissenhafteste ivurde ■ dieser Md beobachtet. Napoleon, dem einst bei seiner Annäherung den'Residenzstädten Wien, Berlin usiv. die vornehmsten Behörden und Stände huldigend entgegen kamen und schonende Friedensbedingungen demütigst von chm Erbaten, tras bei seinem nunmehrigen MnzUg in die sonst 3M0M Einwohner zählende ' Stadt-Moskau nichts als Grabesstille an. Ter beträchtlichste TeU der' Einwohnerschaft hatte sich mit allen Habseligkeiten aus der Stabt entfernt; nur einige hundert Mann aus der Hefe des Volkes waren zurückgeblieben und hielten, sich beim Einzüge nnse- - - res Heeres versteckt, >mi die Stadt bei passender Gelegenheit in Brand zu stecken. Alle Borrats- - kammern, Zeughäuser,- Pülvertürme boten nichts als die nackten Wände dar. - „Endlich sind wir in der Hauptstadt Rußlands," rief Napoleon feinem Heere mit erzwungener Freude zu, um dessen Mißmut, sowie seinen eigenen über den kalten Enipfang gewaltsam zu zerstreuen; Napoleon nahm seinen Aufenthalt im Kremlin, dem alten ' Wohnsitz der russischen Herrscher;-das Heer zerstreute sich nach allen Richtungen in die Häuser, um sich durch reiche Beute für die überstandenen Mühselig- ■ leite« zu entschädigen. Tie Armen hatten sich aber gewaltig getäuscht: die Häuser boten nichts als Steine, Ziegel, Mörtel und Holz; kein Gold, kein Silber, kein Stück Bettzeug, keine Matraze. Man suchte in den Kellern nach; da fand man eine Menge eingemachten Obstes, Gefrorenes und.-dergleichen Leckerbissen/ welche zu ^etwas -Anderem: gut; zu essen, aber selber kein Nahrungsmittel sind-; von Brod, Fleisch und andern wichtigen Lebensmitteln keine Spur. . Kaum hatten sich's die Soldaten in den Häusern ein wenig nach Möglichkeit, zurecht gemacht, als auf einmal ein gewaltiger Feuerlärm ertönte.. Unsere ganz erschöpften Krieger eilten nach allen Richtungen, um zu löschen; die Spritzen waren aber auch vor Unserm Einzug fortgebracht worden, und das bisher versteckte Gesindel lief mm auf den Straßen umher und warf Pechkränze und andere brennbare Stoffe in die Flammen; Bkit größter Mühe gelang .es den Unsrigen, -er- Zerstörung Einhalt zu; tun; einige Brandstifter wurden bei frischer Tat ertappt und' standrechtlich erschossen, aber -von deu Unsrigen verloren ebenfalls - viele das Leben; sie waren nämlich 'bei Unkunde des; Ortes in Sackgassen geraten, dersn Häuser fast ganz ans Holz bestanden; »vährcnd sie auf einer Seite löschen wollten nahm das Feuer auf der andern überhand, so daß sie keinen Aus- »veg fanden und kläglich umkamen. Das Feuer war endlich gelöscht und unsere totmüden Krieger waren eben im Begriffe, sich ein spärliches Mahl zu bereiten, als abermals ein Feuerruf erscholl. So wurden >vir am Tage unserer Ankunft fünfmal aus unserer Ruhe anfgeschreckt. Tie Nacht breitete ihre schwarzen Flügel über die Erde aus, und um einigermaßen Ruhe' zu genießen, suchten wir in Kirchen, Palästen und andern feuerfesten Gebäuden Unterkommen. Gegen Mitternacht ertönte abermals der Ruf: „Im Kremlin brennt's." Kaum fähig, uns aufrecht zu erhalten, stürzten wir zum Kremlin hin und sahen denselben wirklich in lichterlohen Flammen; Napoleon wurde glücklicherweise vom Rauch geweckt, hatte eiligst seine Kleider ergriffen und sich ins Freie gerettet. Als wir auch dieser Feuersbrünst mächtig geworden, begaben »vir uiis abermals zur Ruhe und Napoleon sah sich genötigt, mitten in der kühlen Nacht in ein Lustschloß außerhalb der Stadt zu übersiedeln. Fünf Tage dauerte fast ununterbrochen der Brand von Moskau; 300 Kirchen, 4500 hölzerne und 2470 steinerne Häuser sanken in Asche. Wiewohl der Hunger und die Krankheiten mit jedem Tage in unserm Heer mehr überhand nahinen und Napoleon vom allgemeinen Wunsch der Heimkehr irnmer mehr bestürmt wurde, verweilte er dennoch daselbst 35 Tage (14. September bis 19. Oktober) in der Meinung, Alexander würde mit ihm .Friedensnnterhandlungen anknüpfen. Ta er sich aber in dieser Hoffnung getäuscht sah, und Kutusoff mit einem neugesammelten Heere gegen Moskau losrückte,. sah er sich endlich genötigt, dein allgemeinen Wunsche nachzugeben und mit seinem auf 90000 Mann zusammengeschmolzenen Heer den Rückzug anzutrcten. Ter siebe Winter, welcher bis dahin noch ziemlich gnädig mit uns umgegangen ioar, kündigte sich uns auf. unserem Rückweg am 6. November mit furchtbarem Schneegestöber an. Unser Heer ging nicht, sondern schleppte sich mit träger Verzweiflung fort; wir komrten an keinem Orte übernachten, da wir nirgends vor den heruiiistreifenden Kosaken sicher ihnen, den Eingeborenen des Landes, war die Kälte leicht zu ertragen, ivährend lvir davon aufgerieben wurden. Täglich sielen Tausende von uils ermattet auf den dichtbeschneiten Boden nieder: der Schnee diente ihnen zugleich als Grab, als Sarg und als Leichentuch. In einer einzigen Nacht kamen 20000 Pferde um, deren Leichen dem ausgehungerten Heere als Nahrung bienten. Unsere Lage verschlimmerte sich mit jedem Tage; alle Bande des Gehorsams waren gelöst; der geineine Soldat scheute sich nicht, seinein totkraukeu Oberoffizier noch beim Leben die Kleidung vonr Leibe heruntcrzureißen, um sich damit vor der Kälte zu schützen. Und zu all' diesem Jammer noch die unaufhörlichen Angriffe der Kosaken, welche uns jede» Augenblick schreckten, und so oft wir uns in Reih' und Glied stellten, wieder verschwanden! Ein Unglück kommt selten allein. Am Morgen nach dem Eintritt des ersten Wintertages langte ein Bote aus Frankreich in unserm Lager an, welcher uns die Hiobsposten brachte, daß „unsere Heere aus Spanien Vertrieben worden seien, und der dortige König Joseph, Napoleons Bruder, aus Madrid flüchten mußte; daß ferner die in Frankreich als Heerführer und Befehlshaber znrückgelasscnen Mallet und Lathoric eine Verschwörung gegen Napoleon angezettelt und sich in den Besitz von Paris gesetzt hätten." Napoleons. Glück schien sich auf einmal von ihm wenden zu wollen... Es war ihm, nachdem er am Flüßchen Beresina, wo eine große Anzahl der Unsrigen beim Uebersetzen einer -Brücke durch deren Einsturz das Leben einbüßte, eine Hauptschlacht gegen die Russen verloren hatte, nichts dringender, als nach Frankreich voranzueileu, wo so viele wichtige Angelegenheiten seiner warteten. Als unser Feldherr Ney die Trümmer unseres Heeres an der Weichsel sammelte, bestand dieses im Ganzen aus ungefähr 6600 Mann mit größtenteils abgefrorcnen Nasen und Fingern; ihre zerrissenen Kleider, gesenkten HäMter, verloschenen Augen, ihr schreckliches und totenbleiches Aussehen, ihre langen, in größter Unordnung herabhängenden' Bärte, an deren Haaren dichte Eiszapfen befestigt waren, flößten selbst den ergrimmtesten Franzosenfeinden Mitleid .und. Entsetzen ein. So endete der rnih so; größer Kraftanstrengung unternommene .Heereszüg . nach Rußland! — ' ' . SIm Abend nach unserm verunglückten Uebergäng über die Beresina, am 26. November 1812 kam eine;Abteilung. unseres Heeres bei furchtbarem Schneegestöber in. größter Unordnung, zu Studianka, an. Dieses ist ein kleines Dörfchen mit ungefähr 100 niedrigen)" sämtlich mit' Stroh" gedeckten-Häuschen, welche, wenn-.nicht deren. spärliche Beleuchtung. die menschlichen Wohnungen verraten hätte; wir.von ferne als hervorragende Schneehügel angesehen hätten. Eine dichte Schneemasse lag aus den'.Dächern und ragte zugleich , am. .Fußboden bis ungefähr an die nieder« Fenster hinan. Es war gegen' sechö.Uhr,. wo das Glöckchen des niedrigen. Kirchtürmchens die gläubigen Christen zur Andacht rief. Da siel mir von'ferne im Eckhäuschen ein Fenster auf, um welches eine zahlreiche Familie sich scharte; auf dessen. Leiste gewahrte ich ein Stück Holz, auf welchem mehrere Wachslichtcheii angeklebt waren; zuerst trat ein erwachsener Mann, wahrscheinlich der Hausvater, hinan und Lündete Eines der Lichtchen an; dasselbe taten dann mehrere Knaben, dem Alter nach aufeinanderfolgend; Jeder sang in eigentümlicher Weise einen Segensspruch beim Anzünden. Ich sammelte meine Erinnerungen und fand, daß eben an jenem Tage der erste Chanukah-Abend war und konnte daraus die angenehme Folgerung schließen, daß in jenem Häuschen. Juden wohnten. Der Frost schüttelte meine Glieder, ich war ganz erstarrt, — meine Entdeckung aber goß wohltuende Wärme in meiii Inneres. „Binde mir Hände und Füße, und wirf mich unter die Meinigen," lautet ein jüdischer Volksspruch: jeder Jude in. einem fremden Ort, wo Juden wohnen, ist ebenfalls unter den Seinigen. Mein behagliches Gefühl vergrößerte sich aber noch mehr, als mir die schöne Sangweise des Makkabäerliedes entgegentönte, worin die ganze Bewohnerschaft jenes Häuschens in freudiger Gottergebenheit einstimmte. Es klang mir wie eine Engelstimme durch die Wüste; Glaube und Haus, jene zwei Hauptpulsadern des jüdischen Lebens, besiügelten meine Schritte; ich war im Glauben und fühlte mich zu Hause. Mit verjüngter Kraft ging ich auf das Häuschen zu. Gegen das Ende der fünften Abteilung des Gesanges langte ich beim Häuschen an, stellte mich hinter das Fenster und beim; Beginn der sechsten konnte ich mich nicht enthalten, in den Gesang einzustimmen. Als dieser zu Ende war, hörte ich, wie einer der Knaben , laut bemerkte, es däuchte ihm, er habe Jemanden draußen laut mitsingen hören. 'Der Hausherr begab sich darauf zur Türe hinaus, öffnete das Haustor, sah sich nach allen Seiten um, und als er mich gewahrte, kragte er mich, wer ich sei und was ich suche. ' " Ich erwiderte darauf: „Ich bin ein Hebräer und suche, wie einst Joseph, meine Brüder." „M'r sind Ihre Brüder?" „Alle Mitmenschen, zunächst aber die, Söhne Abraham's. Ein Mann, der mit so gläubiger Andacht das Makkabäerlied singt, wird doch einem halberfrorenen, totniüden Glaubensgenossen kein Nachtlager versagen?" „Sie sind ein Zarfes. (Franzose)? hem, hem; doch aber alle Söhne Israels sind Brüder; treten Sie ein!" - Ich trat durch einen kleinen, kalten Vorhof in ein schmales Zimmer, dessen Einrichtung einen wohlhabenden Landmann verriet. Im großen Kachelofen rechts der Tür prasselte ein lustiges Feuer; an der rechten Wand hingen über zwei der Länge nach ausgestellten, mit Kattundeckeir überzogenen. Betten ein schönverzierter Misrach,*) Aaron mit der Rauchpsanne in's Allerheiligste gehend, und mehrere andere Bilder, teils biblischen, teils Abbildungen berühmter jüdischer Gelehrten, worunter auch Mendelssohn. Vor mir erblickte ich einen großen Bücherschrank, durch dessen krcuzweis durchbrochene Decke große Talmudwerke he,rvorguckten. An der linken Seite waren vier, nach bäuerischer Art bemalte Kisten angebracht, welche wahrscheinlich die Stelle der Kleiderschränke vertraten. Bon der Mitte der mit Brettern und Balken belegten Zimmerdecke hing eine große messingene, sechsärmige Sabbatlampe herab, wie sie in den Häusern der rechtgläubigen Juden anznzutreffen ist. Um den großen, mitten im' Zimlncr befindlichen eichenen Tisch saßen. acht Knahen wie Olivenranken herum, welche eben Anstalten machten, Chanukah zu halten, was so viel.bedeuten soll; als zu Ehren. des Volksfestes zu spielen. Tie Hausstau saß mit einem Dienstmädchen zusammen an der. Ofenbank;-beide waren mit Schälen und Schunden gelber Rüben beschäftigt, deren Schnitte-sie in einen zu ihren Füßen befindlichen, mit. Wasser gefüllten-Mbel fallen ließen. Der Hausherr stellte - mich der . Fxau mit den Worten vor: „Leah, da stelle ich Dir einen Zarfes vor, welcher zugleich unser Glaubensbruder ist: der *) Bezeichnung des Ostens, wohin die Juden sich beim Geb.et wenden. - , . . / //