Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 44 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. einer gewissen Verwandtschaft? Ist vielleicht das ffistechen der Schweine und des Geflügels eine liebenswürdigere und humanere Art der Tötung als das Schächten? Und wie steht es mit der Parforce-Jagd, auf der das Wild auf die grausamste Weise zu Tode gehetzt wird? „Stundenlang jagt die Meute dem angeschossenen Wilde nach,, seinen Blutspuren folgend; endlich wird es erreicht, Lierig schlagen die Hunde ihre Zähne in das Fleisch des Wilds, bis endlich der Jäger aus atemlosen Pferde herankommt und ihm den Gnadenstoß versetzt." Der letzte,, vorwurfsvolle Blick des verendenden Wilds, wem gllt er? Und wie steht es mit jenen Jagden, auf denen der Jagdherr wllde Massenmorde unter dem zngetriebenen Wilde anrichtet? Ach ja, das ist „edles Weidwerl" und dieser schöne Name macht die Grausamkeit zu einem vorbehaltenen Vergnügen der Vornehmsten. Wozu also das Ganze? Ja, da konnte man wieder gegen die Juden wettern und das Volk wlll ja ein Vergnügen haben, penn die Herren 12 Kronen Diäten täglich bekommen. Oircenses. llvoö! JIv K—r. Ei« Weckruf «« die jüdischen Etter«! Die innige zu den schwersten Opfern bereite Elternliebe ist eine Perle, jüdischer Eigenart, jüdischer Gesittung und entspringt dem ausgeprägten Familiensinne der Juden. Den vollen Lebensinhalt jüdischer Ellern bilden die Kinder; sie sind es, für die Vater und Mutter rastlos arbeiten, für die sie Sorge, Kummer und alle Widerwärtigkellen, des Daseins mü größter Geduld und Standhaftigkeit ertragen. Es ist ein charakteristischer Zug der Juden, daß der Vater immer danach trachtet, seinen Sohn auf eine höhere Stufe zu. bringen, als aus der er sich selbst befindet, sei es in materieller odex sozialer Beziehung. Unsere .Feinde nennen es, Strebertum, wir nennen es innere Volksenergie, Entwicklungsdrang. Wohl ist es ein Strebertum, wenn der . Vater nur für den materiellen Wohlstand, und für die gesellschaftliche Stellung seines Kindes sorgt, und leider muß man bekennen, daß unsere.Feinde doch nicht ganz ohne Berechtigung dann, von einem jüdischen Strebertmn sprechen. Leider treten immer häufiger und häufiger Typen solcher jüdischer Väter und-jüdischer Mütter auf, die das Glück ihres Kindes einzig und allein in einer reichen Versorgung mll materiellen Gütern sehen, und wenn sie ihm auch eine gute Bildung angedeihen lassen, so geschieht _j)ie§ nicht aus der Erkenntnis des hohen Wertes derselben, sondern nur aus dem Bestreben, seinem Kinde eine vollwichtige Masse für den Kampf ums. Dasein in die Hand zu geben. Ter Brotgelehrte droht ein Typus bei pns Juden zu werden. Alles Wissen, das nicht unmittelbar dem materiellen Erwerbe oder dem modernen, ästhetischen Bedürfnisse dienstbar gemacht werden kann, wird als. überflüssig und unnütz verpönt. So ist das Bibel- und Talmudstudium aus dem Programme der geistigen Ausbildung des „modernen" jüdisch«! Jünglings ausgeschaltet worden, da aus der Bibelkenntnis und dem Talmudwissen — wenn nicht als Beruf ergriffen — ja kein Pfennig herauszuschlagen ist; so! ist .die Pflege der schwung- und Laugvollen hebräischen Sprache zu einem verkümmerten und verständnislosen „Uebersetzen" der „Tefillo" zusammengeschrumpft, weil man die Sprache der Propheten ja doch, nur noch für den Gottesdienst gebrauchen kann. So wird denn Weller, nach dem Grundäxrom der Alltagsweisheit „Zeit ist Geld", für die Verkrüppelung des jüdischen Bewußtseins und dadurch auch die Einengung des geistigen Gesichtskreises - der jüdischen Jugend gesorgt, ja die Praktischen Rabbiner und Gemeindeväter in Israel gehen in ihrer väterlichen Fürsorge für die.„zweckmäßige^ Ausnutzung der kostbaren Schulzeit des^ jüdischen Nachwuchses so well, daß sie auch, den Gottesdienst von dem lästigen Nachlaß ber allen Hebräer „emanzipieren" und auf diese Weise auch den letzten Ileberrest aus der alten, guten Zeit aus Schäle und Gotteshaus verbannen. /Dieser trübselige Zustand der jüdischen Erziehung tritt uns noch düsterer und erschreckender vor Augen, Frankfurter Israelitische? Familienblatt. wenn, wir uns den, scharfen Kontrast zwischen dem modernen „aufgeklärten" Juden und dem tiefgebeugte» und doch aufrechten Bewohner der engen Ghettogassen. vergegenwärtigen. Wie hoch schätzten unsere Väter die Wissenschaft, ihre Wissenschaft; in welchem Ansehen stand bei ihnen der jüdische Gelehrte!! Ter ärmste der Armen sparte sich den kargen Bissen von dem Munde, wenn er in. seinem Kinde , gute, geistige Anlagen entdeckte und machte es ziiin Gelehrten, zum Talmud - Chochom. Ein „Jluj" (ein auf 'dem Gebiete des Tnliiiiidjrudiums hervorragender Jüngling) galt als der höchste Segen, den sich jüdische Eltern vom Himmel erflehen konnten. Wie haben sich die Zellen geändert! Dieser Idealismus, diese Höherstellung der geistigen Güter über alle andere, das war es, was uns erhalten hat bei all den Qualen und Gefahren der langen, langen Wanderung. Dieses Festhalten an de» überlieferten,. geistigen Gütern des Judentums machte uns zu einem Volke von hervorragender Intelligenz und Lebenszähigkeit, es war die Beste Israels, und wir,, die leichtsinnigen Enkel, haben spielend, in jugendlichem Ueberinut diese Veste aufgegeben. Und die .Folgen blieben nicht ans. Innere Haltlosigkeit, Mfall, Slltcnlosigkeit, Heuchelei und krasser, cynischer Egoismus sind all die schönen „Weihnachtsbescherungen" der Emanzipation, um die wir die kostbaren Edelsteine unseres Volkstums und Judentums eingetauscht haben. Hier muß Halt geboten werden! Zurück! Wir besinden uns auf einer schiefen Ebene und gleiten mit steigender Geschwindigkeit abwärts in den Abgrund der Assimilation. Hier hilft kein Bremsen, -hier muß Gegendampf gegeben werden. Zurück ins Judentum! Jüdische Eltern! Wollet Ihr Eure Kinder zu Juden erziehen, wollet Ihr aus Euren Kindern aufrechte, stolze Menschen machen, so gebet ihnen eine jüdische Erziehung! . Aber jüdische Erziehung! Wie ist das Kind fürsein Judentum zu begeistern! Warum werden auch Kinder religiöser Eltern so häufig, den jüdischen Interessen fremd und untreu? .— Wenn Ihr es nicht wisset, können wir Euch die billere Wahrheit nicht ersparen, —' daß Ihr dann nicht, mehr im Stande seit, Euren Kindern eine echte, allseitige und vernünftige jüdische Erziehung angedeihen zu lassen, denn Ihr habt sie dann selbst nicht genossen! Was Ihr selbst vom Judentum wisset, was Ihr unter Judentum versteht, ach, das ist ja meistens bis zum. Zerrbild des wahren jüdischen Geistes entstellt worden. Seid Ihr doch, seitdem die jüdische Lehre nicht mehr — wie das jüdische Gesetz es vorschreibt — Gemeingut des jüdischen Volks ist, sondern das Metier besoldeter Beamten geworden, aus die einseitige, ten-, denziöse Auffassung einzelner auf Gnade und Ungnade angewiesen gewesen; Ihr habt so eine falsche Vorstellung vom Judentum in Euch ausgenommen, manche Nebensächlichkeiten als Hauptsachen anzuschcn und manche Hauptsachen negieren gelernt. Wollt Ihr ben Weg zurück zum unverfälschten Judentum gehen, so können tvir Euch nur Eines raten: Lasset den Hauch des alten Judentums, den Hauch des alten, prophettschen Geistes Israels auf .Eure Kinder wirken; entfachet bei ihnen den ewig jungen Geist, der in der hebräischen Sprache, in der Sprache der Bibel lebt, zu. einem neuen Leben;- eröffnet Euren Kindern die kostbaren Schätze der alten und neuen hebräischen Literatur; lasset sie selbst hineinschauen in eine Welt voller Zauber, voll-ungeahnter Schönhell und Reize, und sie werden sich dieser Welt, der jüdischen Welt, liebevoll zukehren, sie werden sich in diese Welt immer mehr und mehr vertiefen und werden in ihr immer kostbarere Schätze entdecken und an's Tageslicht fördern. - - Dann, werden Eure Kinder Thora und Newiim, Mischna und Talmud richtig verstehen; ohne ihren Geist an sinnlosen Uebersetzungen zu töten und sich zu langweilen; sie werden ein ungeahntes Interesse für die Wissenschaft des Judentums bekommen, sie werden dadurch von selbst wieder den. Weg zum wahren Judentum und zu ihrem Volke finden, es wird sich bei ihnen eine Autoemanzipation innerlich -vollziehen, und Ihr werdet Freude an Euren Kindern haben! ■ Eines;- . - Nr, 44. Aus afXex Wett. Deutsches Reich. " Frankfurt a. M-, 15. November. Das deutsche Zcntralburean der Alliance Jsraöliteversendet einen -offiziellen; Bericht über.die Allianz-Schulen>in Jspahan (Persien):. Jni! einleitenden Teil-meldet der Berichterstatter Direktor Cvnfiiüv, daß die Juden Äspahans! ganz falsche Vorstellungen von dem Wicken der Abgesandten der Allianz hätten, indem sie-auf materielle Wohlsahrtsförderinig rechneten, Ivährend der Zweck. der Institute doch. nur d e r sxi ,die Jugend durch ihre Ausbildung ans allen möglichen Gebieten für - den Lebenskampf zü rüsten: . ' Dann .schreibt der Herr: / /' „ Tie Geschichte unserer Schulen, ist zugleich die - Geschichte unserer Streitigkeiten mit den Kongreganisten. Tie Letzteren versuchten zunächst, die Gemeindevon einer Subventionierung unserer Schulen abzubringen.- Als es ihnen nicht gelang, wußten sitz Aga-Nädjasi dazu zu bestimmen, den Muhammedanern den Besuch unserer Schulen zu untersagen*) und die Handarbeits-Lehrerinnen in brutaler Weise zu verjagen. Ter Direktor, der protestantischen Schule, Garland, wiederum brauchte alle Mittel der Drohung und der Ueberredung, er verbreitete Gold mit vollen Händen, schickte seine Abgesandten, in die Häuser, um die Ellern zu besteche», und stellte Leute auf der Straße ans, die ihm die Kinder mit Gewalt zuführeil sollten. Als sich dadurch unsere Schulen entvölkerte», sahen, wir uns zu gewissen Zwangs- Maßregeln gegen diejenigen genötigt, die ihre Kinder zu den Kougrcgaiiiste» schickten. Nun hatten!wir die ganze Welt gegen uns. Ter englische. Konsul intervenierte persönlich mehrere Male bei Zellös-Sultan, um die Schließung unserer Schulen durch- ^11^«!. Tardachti brachte die Muhammedaner gegen ums in Ansrnhr. Ja, Garlaiid suchte durch lügenhafte Berichte sogar die Anglo-Jewish Association gegen uns in Bewegung zu "setzen. Tie englische Gesandtschaft forderte uns endlich in gebieterischem lja drohendem Tone auf, unsere Maßregeln zürückzuziehen. Wir wehrten uns unserer. Haut, so gut wir konnten. Wir verhandelten mit Aga-Nädjasi und .'erlangten, daß er den muhammedanischen Lehrerinnen den Unterricht , bei uns wieder gestattete. . Wir!gaben dem.Gouverneur zu verstehen, daß.-er eine schwere Verantwortlichkeit auf sich, lade, wenn er sich .von Herrn Preece, dem englischen Generalkonsul in -Jspähan, umgarnen lasse und daß er durch sein! willkürliches Verfahren gegenüber unfern Schulensich die französische Gesandtschaft. in Teheran auf/den .'Hals ziehe» und. überdies mit seinem Bruder, Mnzafser-eddin Schah, in Konflikt geraten würde. , Mer, so höre ich Sie fragen, woher denn soviel Haß und soviel Erbitterung? Missionsschulen bestehen doch.nicht nur in Jspahan, niemals aber hat. der Kampf zwischen ihnen und den Institutionen der Allianze solche Schärfe und Animvssiät angenommen. Die Antwort ist, daß sich die Frage hier durch das politische Moment kompliziert. Zwei widerstreitende Einflüsse sind hier im Spiel. England.und -Rußland suchen ihre Hand auf Persien zu legen. Die Engländer glaubten, daß wir für die Russen Partei ergreifen,. wenn wir die jüdischen Schüler aus den Kongreganistenschulen herausnehmeii. Aber das Zeutrallomitee weiß es wohl, .daß ivir sofort nach unserer Ankunft in Jspahan an die Anglo-Jewish' Association einen Bericht sandten, worin wir die Einführung, der. englischen . Sprache in unseren Schulen als eine Notwendigkeit erwiesen.. . Trotz allen Kämpfen verloren wer unser Hauptziel nicht aus den Augen. Drei Monate nach unserer Ankunft, am 1. August, wurde» -die Schule» feierlich eröffnet und sie entwickelten; sich seitdem nicht ohne Störungen, jedoch im ganzen in normaler Weise. Die Kongreganisten gaben bis. heute, nach vierjährigen Intrigen, die Hoffnung nicht auf, ihre Institute sich., auf Kosten der unserigen wieder füllen zu sehen. Noch zuletzt versuchten sie, die Fleischsteuer zu unterdrücken und dadurch unsere Finanzen-, zu schädigen. Wer das sind nur die letzten' Anstrengungen eines Gegners, der sich, nicht für. besiegt erklären will. > ' - Mit den vom Zentralkomitee bewilligten.Mitteln konnten wir . die beiden Schulhäuser bauen,, die Knabenschule, vergrößern und iw der-Mädchenschule 3 neue Klassenzimmer einbanen. Ferner-wurden 200 Schüler täglich gespeist und 360 jedes Jahr. neu. eingekleidet. Im letzten Jahre .konnte auch bereits /daS LehrIing.swerk. auf solider Basis organisiert werden. ' Folgende statistische Täten! führen eine beredte Sprache: - Einen Monat nach, Eröffnung der Knabenschule zählten wir 220 Schüler/) in-den Jahren 1802/03 waren es 350, in diesem Jahre 400.-. .*) Wir ijattenrrä» einem, Zeitpunkt bereits 30 muhammedanifche :Schüler,, die zu de»: besten--Familien Jfpähavs, gehörten-, 2);2tm Tage der,- Eröffnung /wurden 338' Schüler eingeschrieben:. Davon-blieben jed.och die Kinder -dK» jeyigen^Eltern.--sprt„ die. nnivep-Weis? stlaubtW,-.LM wir ihnen-nach. dem Beispiel des; Hemm Garlflnd.-eintz . kleine Rente zahlen: tpürhen. -;T;