Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 43 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 43. tung nach den verschiedensten Punkten des Erdballs getragen wurde. Etwa um 960 zogen vier Lehrer aus Sura in die Welt, um Spenden für die Erhaltung der verfallenden Schulhäuser zu sammeln. Das Schiff, dem sie sich anvertrauten, geriet in die Hände von Seeräuber», die sic in die Sklaverei verkauften. Sie wurden in die verschiedensten Gegenden verschlage». Ueberall wohin sie gerieten,' wurden sie von -ihren Gläubensbrüdern losgekaust. Ten Dank dafür bezahlten sic an die Zukunft. Sie, die von Sklavenfesseln Befreiten, wurden die Erlöser des im -Talmud wohnenden Geistes, der durch eine eigentümliche Darstellungsweise und Sprache für die Juden des Westens in die Bande der Enge und Beschränkung geschlagen war. Jeder von ihnen gründete an der Stätte seiner neuen Heimat Lehrhäuscr, um. das. Talmudstudium heimisch zu machen und cinzubürgern. Der Samen, den diese Gelehrten ausgestreut, ist zur herrlichen Blüte und Frucht gediehen, zumal in Barcelona, von wo sich die Thorakenntnis über ganz Spanien verbreitete. - Immer aber bot das Talmudstudium noch Schwierigkeiten. Wer keinen Lehrer hatte, von dem galt das Wort des -.Propheten: Ihm gleicht die Schau jeglichen Dinges, wie die Worte eines versiegelten Buches, das man einem giebt, der ein Brich versteht, mit den Worten: Lies doch dies! Er aber spricht: Ich kann nicht, weil cs versiegelt ist. Auch hat sich mit Aufhören der babylonischen Schulen der Mangel der Verwendbarkeit der talmudischcu Diskussion für die Praxis fühlbar gemacht. Es wurden Versuche gemacht, leichtsaßliche Komentare, Wegweiser für die Methode des Talmud und' halachischc Zusammenstellungen zu verfassen/ In letzterer Beziehung ragt der Versuch Alfasis hervor. Er hat, indem er die stoffliche Anordnung und Ausdrucksweise des Talmud beibehalten, nur das Mesenhastc und Kcrnhaste, das sür die Praxis Geltende zusammengestellt. So sehen wir in der Zeit, da Maimonibcs das Licht der.Welt erblickte ein srühlingshastes Schwellen und Sprossen auf den« Felde talmudischer Studien, ein Tasten und Suchen nach denr richtigen Wege, um den Talmud und seinen lebcngestaltendrn Inhalt zu popularisieren. Doch wollen wir die Atmosphäre ganz genau kennenlernen, in der Maimonides groß geworden, so müssen wir sie in der Zusammensetzung all ihrer Bestandteile uns klar zu machen suchen. Nachdem die Anhänger des Muhamed im ersten Ansturm des heiligen Krieges weite und reiche Landschaften .ihrem .überlegenen Schwert unterworfen hatten, stürzten sie sich mit dem Wissensdurst und Lichthuugcr. die für aufstrebende Kulturen so bezeichnend sind, auf das geistige Erbe und die reichen Wissensschätze der Griechen, um sie in ihre Sprache auszunehmcn, .aufzusaugen und sie zu ihrem völligen Eigentum zu machen. Die Anhänger des Propheten beginnen abgöttische Verehrung zu zollen der Weisheit der Heiden, allen voran dem große» Lehrer von Stagira. Die Wirkung war, daß man die Lehren des Koran an der Hand J)ct philosophischen Ideen einer Prüfung unterzog, was sie in ihrem Bestände erschütterte. Innerhalb des religiösen Dogmas spalteten sich die Meinungen und es entstanden verschiedene (Setten. Von außen drangen die Philosophcnjünger stürmisch ein und rüttelten da und dort und zerrten bald an dem einen, bald an dem andern religiösen Ceremoniell, und machten da ganze Gc- . bäude positiven Glaubens hurch ihre Skepsis morsch und mürbe. Ate' ernsten Geister der Nation nahmen sich der gefährdeten Religion.mit allem Eifer an, und da sic die Philosophie, die nun einmal sich unaufhaltsam sich ausbreitenden nationalen Ideen nicht verdrängen konnten, zogen sie sie mit in den Kreis der Religion, machten sie gleichsam zu Mitverschworenen ihrer Sache, und suchten die Religion so viel als möglich durchzuphilosophieren, .den ueufewonnenen Ideen anzupasscn, anzubequemen, und o entstand die arabische Religiousphilo fo.p hie. (Fortsetzung folgt.) Aus der zionistischen Bewegung. Köl« a. Rh. Im hiesigen Literaturverein hielt in der diesjährigen Eröffnungssitzung der Vorsitzende Rabbiner Dr. Frank einen Nachruf auf Herzl. Die hiesige zionistische Ortsgruppe hat von jetzt ab an jedem Mittwoch und Samstag Mcnd Zusammenkunft im Casö Kaiser Rudolf. Alleuftei» (O.-Pr.). Herr Rabbiner Dr. Olitzki gedachte in der diesjährigen Generalversammlung des Litcraturvercins des Ablebens des leider so früh verstorbenen Dr. Theodor Herzl. Duisburg. Am 31. Oktober sprach in der hiesigen zionistischen Ortsgruppe Rechtsanwalt G roncmaun- Hann ober über „Die deutschen Juden u n d b i c Iud e n frag c." In seiner klaren und launigen Weise legte er dar, das; es auch für uns deutsche Juden eine Judenfrage gebe, erörterte sodann die Versuche, sie zu löse», und betonte eindringlich die Pflicht eines jeden Juden, zu dieser Frage Stellung zu nehmen und an ihrer Lösung, mitzuqrbciten. Die Versammlung spendete den trefflichen Ausführungen reichen und > herzlichen Beifall. Lefterreich-Ungarn. ->- Trie st. Die zionistische Ortsgruppe in Triest bestand laut Jahresbericht": im 30. September 1904 aus 121 Mitgliedern. Sie hat jetzt in der Via Nicolt Machiavclli 9 ein Klublokal errichtet. Im ersten Saal hängt dem Eingang gegenüber ein Bildnis Theodor H e r z l s und eine photographische Gruppenausnähme der Waisenkinde-r nach den Kischinew-Tägen. Eine große Menge zionistischer Zeitungen liegen daselbst auf. (Etat für Zeitungen beträgt au.120' Kronen.) Präsident her Ortsgruppe Triest ist Rabbiner Dante Lättes,.der Herausgeber des zionistischen „ll Oorriere israolitieo" in Triest. -e- Italien. Am 9- Oktober wurde der Rabbiner von Casale Monferrato Aldo Lattes in R a c c o n i g i in Audienz vom K ö u i g von Italien empfangen, dem er anläßlich der Geburt des Thronfolgers die Huldigung d e r I u d e n von Casale darbrachtc. Viktor Emanuel sprach über die Juden Italiens. Er nahm vom Rabbiner Informationen über den Aufschwung der jüdischen Studien in Italien durch die zwei Kollegien vo» Livorno und Florenz entgegen. Der König sprach von „seinem festen Glauben an eine schöne Zukunft Israels". Mit viel warmer Beivunderung sprach der König von Herzl, deni „uomo dal graude ingegno (einem Mann von großem Geist). Jaffa (Palästina). Eine Anzahl hiesiger jüdischer .Frauen hat den' Gebrauch cingeführt, beim Lichtanzünden am Freitag-Abend vor der Brocho eine N a t i o n a l s o n d s m a r k e an dem Sabbatlichte zu verbrennen. Die Zeitschrift „Haschkosoh" bringt svlgende statitische Zahlen über die Juden des türkischen Reiches: Europäische Türkei 184637, Inseln des Mittclmceres 2868, Kleinasieu 21 270, Syrien und Palästina 89 612 (Jerusalem 40 600, Jaffa 3260, Beirnth 3060, Damaskus 10 600, Liberias 7710, Sassed 6870. Hhebron 1130 .jüdische Kolonien 4200), Turkestan und Mesepotamien 23250, Arabien 23 629, West- Tripolis ' 17 600 jüdische Seele». — Die Gesamtzahl der Inden im türkischen Reiche beträgt 447 137. Personalien. Breslau. Anläßlich des 50 jährigen Jubiläums des Nabbincrseminars wurde dem Direktor desselben, Herrn D r. I s r a e l L e w y, der Titel Professor allerhöchst verliehen. Wien. Am 4. November starb hier der Herausgeber der „Sonn- und Montagszeitung", A l e x a n - >er Scharf. Er war ein integrer Charakter und als Journalist von den Antisemitenblättern geradezu gefürchtet, da er in die verborgensten Schlupfwinkel ihrer Praktiken hineinleuchtete. Auch demgemäß war er einer der bestgehaßten Männer Wiens. Mi 7. d. M. wurde er unter zahlreicher Teilnahme beerdigt. Wien. DerMinister des Aeußern, GrafGoluchowski, hat den Konzipisten zweiter Klasse Dr. phil. Arthur Goldman» zum Konzipisten.erster Klasse und den Konzeptspraktikante» Dr. jur. E nt a n u e l Schwab zum Konzipisten zweiter Klasse im H a n s -, Hof- und .Staatsarchiv ernannt. Budapest. Der Kommerzialrat JuliusJolesch, General-Direktor der Ungarisch - Amerikanischen Northrop" erhielt das Nittcrkreuz des Franz-Joseph- Ordcns. Basel. Die Professur der Irren Heilkunde an der Universität Basel ist dem Privatdozenten dieses Faches Dr. Gustav Wolfs übertragen worden. (3. v.) Konftantinopel. Tewfik Effendt Molho, der Sohn des S. E. Davoud Effendi Molho, der erste Sekretär des kaiserlichen Divan, ist zum dritten Sekretär der türkischen Gesandtschaft in Wien ernannt worden. Dieser intelligente junge Mann ist schon vor einiger Zeit mit dem Osmanieorden 4. Klasse ausgezeichnet toorden. JacquesBeyNahmias, erster Dolmetscher der kaiserlich türkischen Bank, ist zum Rang eines Oula erster Klasse befördert worden. Jacques Effendi Abrevalla, Attachee im Auswärtigen Amt, Professor des Französischen an bet Ingenieurschule und Zensor der jüdischen Presse, ist zum Range eines Mutemaiz erhoben worden. __ Aus der Lehrerwett. Potsdam, den 3. Novbr. Infolge eines Schlag» anfalls starb gestern im Mter von 78 Jahren der frühere Potsdamer Rabbiner, Herr D r. p h i l. Cohn. Der Verstorbene amtierte in Potsdam 39 Jahre. Seit seiner im April 1896 erfolgten Pensionierung wohnte er in Berlin. Aus deu Vereinen. Frankfurt a. M. (Verein Montefiore). Auf den am nächsten Mittwoch (Buß- und Bettag) stattsindendcn F a m i l i e n a b e u d, der Rezitationen aus modernen Dichtungen bringen soll, möchten wir an dieser Stelle noch ganz besonders Hinweisen. Programmmäßig werden die neuesten Erscheinungen der modernen Literatur, sowohl ernsten wie heiteren Charakters -zum, Vortrag gebracht werden. Es sollen u. a. Otto Ernste Claar, Avenarius, Holz, Presber, besonders aber auch Löwenberg und der jmigjüdische amerikanische Ghettodichter Rosenselb (in dev Fciwclschen Uebertragung) zu Horte komme». Der Beginn ist, mit Rücksicht .: auf - den - gesetzlichen Feiertag, pünktlich, auf 9 Uhr augesetz6 Königsberg i. Pr., 1- November. Wie bereits gemeldet, wird in kuvzer Zeit die hiesige C h e w'r a' Ka d i s ch a ihr 2 0 0 j n hrig es B e st ehe n. feiern.; Der Verein bildet gewissermaßen.die Grundlage, auf. welcher sich einige Jahrzehnte später die hiesige Synagogengemeinde aufgebaüt hat. 1704 erhielten einige chier ansässig gewesene Juden vom König Friedrich I. die Erlaubnis, am Trägheimer Tor eist. Geläude zu erwerben,-um auf demselben einen jüdischen Begräbnisplatz anzillegeii. Sie begrün-: deten hierauf die Chewra, welche es sich als Aufgabe stellt, kränken Glaube,isbrüdern, gleich, ob arni oderreich, in der Stunde des Todes beizustehen, und ihnen nach ihrem Ableben die rituellen Liebesdienste zu erweisen. Daneben gewährt sie den Bedürftigen ärztliche Behandlung, Medikamente und Geldunterstühungen. — Seitens der gesamten jüdischen Gemeinde werden Vorbereitungen getroffen, um den Gedenktag würdig zu begehen. Der jüdisch-deutsche Jargon und seine Literatur. Von A. S. (Fortsetzung.) Mit Mendelssohn aber fing eine neue Aera in dem Kulturleben der deutsche» Juden an, und eine Spaltung trat zwischen den Brüdern ein. Durch Mendelssohn in Sprache und Geistesleben ihres Landes cingeführt, lernten die deutschen Inden bald mit der den, Juden überhaupt eigenen Assimilationssähigkeit deutsch sprechen und denken. Die östlichen Juden aber hatten keinen Mendelssohn und lebten unter ganz andern sozialen Verhältnissen und so wurden sie ihren Glaubensgenossen in Deutsch-' land entftemdet und hörten auf, sich gegenseitig zu verstehen. Als mit der Emanzipation der Juden die Ghetto-Mauern fielen und der nun ungehindert, mit elementarer Gewalt hereinbrechende Strom europäischer Bildung und Kultur sich über die engen Gassen ergoß und das spezifisch - jüdische Leben in Deutschland völlig untergrub und mit sich sortriß, wurde hie Kluft noch größer und unübersteigbarer. Ans diese Weise sich selbst überlassen und ohne geistige Fühlung mit dem Volke, in dessen Mitte sie.saßen, begründeten die Juden in den slavischen Ländern ihre eigene Literatur in dem von ihnen gesprochenen Idiom. Und so entstand am Anfang des 19. Jahrhunderts die Jargonlkteratur. Das erste in Jargon gedruckte Buch war Lcwin's Uebersetznng der Psalmen, die in Odessa 1817 erschien. Ihr folgten zunächst die bekanntesten Erbauungsschriften, wie Menorath Hamaor, Techinoth usw., Volkssage» von Wundertaten großer Männer, genannt „Meisses", Anekdoten- Biichcr usw. Religiöse Innigkeit, Demut, Einfachheit und gemütliche Naivität, die dem Jargon überhaupt eigen sind, zeichnen diese Schriften aus. Wenige Proben werden genüge», um dieses zu beweisen. Die bekannte Stelle in Koheleth über die ewige Wiederkehr der irdischen Dinge lautet in Lewin's Uebersetznng: „Wos a mol is gcwen, dos eigene wet take wieder a mol sein; un' wos es slegt sich tun, dos wet sich wieder alle mol tun; es is gor als kein neies nischt unter der sunn! Oftmol wet sich a Sach' eingeben, wos man sogt: Oho! Dtdos is schon, jo spogel „ei, es is lo hojo (noch nicht dagewesen). Es is schoiu ech (auch) a mol gcwen, efscher (vielleicht) far Zeiten, as mir seinen noch af der Welt nit gcwen". Folgende Stelle entnehme ich Slboabs ethischem Werke „Menorath Hamaor", ein Buch von großer Popularität und mit den spezifisch-jüdischen Gleichnissen, „Moschelchen" genannt, stark gewürzt: „Auch lerne» mir in Baba kama: Rav Ame uu' Rav Asse seinen gesessen vor Rav Jizchok Napche, hot einer zu ihm gesogt, lern uns agodaus; un’ der andere hot gesogt zu ihm lern uns dinim. Reb Jizchok hot vngeheben (angefangen) "zu sogen dinim, Hot der, wos- Hot gewellt lernen agodaüs nit derlosen; Hot er ongeheben zu sogen agodaus Hot d:er wos Hot gewellt lernen dinim nit derlosen. Hot Reb Jizchok zu sei gesogt, ich well eich sogen a Moschel, zu wos die Sach' is gleich. Zu einem wos hot gehat zwei Weiber, eine a junge und eine au alte. Die junge Hot ihm die grok (graue) Hör aisgerissen, weill sie hot gewollt, ihr Manu soll oissehen jung; un' die alte Hot ihm die schwarze Hör oisgerissen, weill sie hot gewellt er soll oissehn alt, aso wie sie. Is nimzoh, as der Manu bleibt gor ohn' Hör. Aso is ech (auch) mit mir, der will nit leiden ich soll sogen agodaus, Nu' d e r will nit leiden ich soll sogen halochäus, aso lern' ich eich gor nit; uor ich well eich sogen a Sach'; was wet eich beiden gefallen^ denn es is drinnen halochans un' agodaus". . .