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Neue jüdische Presse · 1904-11-11 · Heft 43 (11.11.1904) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 43 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4L. Franffurter Israelitisches Familicnblatt. VeUr 11. / Bald aber sollte die Jargonliteratur einen gewaltigen Aufschwung nehmen. Ein schwacher Schimmer des im Westen Eurvpä's ausgebreiteten Lichts der Zivilisation und Freiheit drang auch in die düstere Nacht des slavischen Ostens und erleuchtete zuerst die höher gelegenen Punkte, die geistig höher stehenden Männer, die Gipfel der Nation. Durch Wessely und andere hebräisch schreibende Jünger Mendelssohn's beeinflußt, versuchten diese Männer zuerst durch hebräische Schriften auf ihre Landsleute aufklärend zu wirken. Um jedoch Line durchgreifende Reform in dem geistigen Leben der Nation herbeizusühren, mußte auf die breiten Volksschichten eingewirkt werden, zu.denen man nur im Jargon sprechen konnte. Und so wurde der Grundstein zu einer Jargonliteratnr profanen Inhalts gelegt, deren erste Autoren zum großen Teil bereits einen Ehrenplatz in der hebräischen Literatur einnahmen. Männer wie der verdienstvolle Publizist- I. B. Lewinsohn, wie der vortreffliche hebräische Dichter A. B. Göttlober, wie die Hebraisten Zweifel und Zederbaum stellten ihre Feder in den Dienst des Jargons. Tie erste Aussaat fiel auf fruchtbaren Boden. Die neuen Schöpsungen verschafften sich bald Eingang in die Häuser und Herzen des Volkes. Die Rabbiner und die Anhänger der guten alten Zeit nahmen zwar mit Entsetzen wahr, auf welche Weise man dem Volke neue, freie Ideen - einimpste und suchten die Bewegung durch die Wucht ihrer Autorität niederzudrücken. Doch ihr Protest fügte nur noch den Reiz des Verbotenen allen Reizen dieser Literatur hinzu, und steigerte auf diese Weise das Interesse für dieselbe.. Tie Frau, die früher nur den „Teitzchumesch" las und keine andere Liebesgeschichte kannte, als etwa diejenige des Erzvaters Jacob, wurde durch diese „Büchlech"> wie man sie nannte, mit Abenteuern und Erlebnissen aller Art bekannt gemacht, die in ihr den Sinn für weltliche Dinge weckten. Bald zögerte die jüngere Generation ganz zum „Teitz- ' chumesch" und seinesgleichen zu greisen, dessen Inhalt den Reiz der Neuheit schon längst für sie verloren hatte, und in ihrer Seele nicht den Widerhall fand, wie die Freuden und Leiden der Helden in ihren Romanen. Herzlich schlecht war die geistige Nahrung, die man dem Volke bot. Doch der russische Jude ist genügsam, genügsam auch im Genuß g e i st i g e r Speisen. Und so wuchs das Bedürfnis nach Lektüre immer mehr, und die Nachfrage nach Jargonliteratur steigerte sich. Dieses machte sich rin Heer von Winkelschreibern zunutze, und eine Schundliterätnr wurde iu's Leben gerufen, wie sie keine andere Sprache auszuwcisen hat. Schon die Titel zeugen von ihrer Sensationssucht. So gibt es neben einer trauerigen Geschichte von ,,A Chasscne oh» a Kalle", die noch trauerigere Geschichte von „A Kalle nun drei Chassanim". — „Die posseleHoscheiiic", ,,B»n toit lebendig", „Ter lebende Meß", „Der glückliche Mastir", „Zwei Kabzonim’ gehen tanzen" sind die Titel weiterer Meisterwerke. Ter Kuriosität halber sei hier der genäue Titel eines derartigen 1873 erschienenen Roman's reproduziert: A V e r d r e h e n e s. Dos is a wahre Geschichte, wos es Hot sichzugetragcn mit a Jahr achtzig zurück in a jideschc reiche Familie in Preßburg jn Ungarland. Sie Hot uit ihrgleichen in die bisherige Geschichte», sic känn dem Kummer selbst breiigen zum Lachen. Man muß ober ir lciencu mit Sinnen un' mit Kopp, denn sie is vull mit Trehenes und Wehe.ies, mit Schwindel un' Gebindcl, mit Witzen »».' Spitzen." Besonders produktiv an Schriften in diesem Genre war der unter dem Pseudonym „Schomer" schreibende N. M. Scheikewitz und Aron Meyer Dick, der nur die Anfangsbuchstaben seines Namens A. M. 11. ans seinen Büchern angab. Beide erfreuten sich einer großen Popularität, um die sic mancher deutsche Dichter beneiden könnte, und haben nahezu 203 Erzählungen hervorgebracht, deren einzige Tugend es ist, daß sie nicht von allzu großem U m s a n g e sind. Der Preis dieser Bücher ist der Zahlfähigkeit de- Publikums angemessen. Es gibt schon Romane für 3 und 5 Pfennig. Für die Verbreitung dieser Schriften sorgen fliegende Buchhändler, die von Dorf zu Dorf mit der kleinen Bibliothek am Rücken wandern, und solange an einem Orte verweilen, bis der Vorrat von allen Interessenten durchgelesen ist. Der Inhalt aller dieser Romane ist nach einem Muster zugeschnitten. Meistens figurieren darin als Hauptpersonen: ein Jude von altem Schlag, der nichts anders kennt und kennen will, als den Talmud und den Gottesdienst, und was nicht in diesen Kreis hineingehört, oder zur Förderung desselben dient, als „Tresposel" bezeichnet. Diesem wird ein Moderner ein ,,Heintiger" gegenübergestellt, dem Herz und Sinn für eitle irdische Dinge und Reize erschlossen sind. Die tragische Figur macht die Tochter des Hauses, die zwischen zwei Kreuzfeuern steht und in deren Herzen sich die Gesühle bekämpfen. Denn sie hat zwischen zwei Hebeln zu wählen; entweder Kindespflicht zu vergessen und das elterliche Haus verlassend zum Geliebten zu eilen, oder sich blutenden Herzens von ihm loszureißen. Ilm die Gegensätze noch zu verschärfen — hauptsächlich aber, um die Geschichte in die Länge zu ziehen — tritt noch gewöhnlich eine dritte Person, ein I n t r i - guant oder eine Jntriguantin hinzu; die mit allen möglichen und unmöglichen Untugenden und Lastern ausgestattet ist, und der die Aufgabe zufäUt die Leiden her Liebenden durch allerlei Ränke zu vermehren. Das Ende vom Lied hängt von der Gemütsart des Autors ab^ Der Eine ist unversöhnlich, und treibt den Spaß so weit, bis beide oder mindestens einer der Helden Hand an sich legt; der Andere hingegen ist friedfertiger und läßt noch zu guter Letzt eine Chassene feiern, zu der er den lieben Leser ebenso höflich wie dringend einladet. lieber dieses niedrige Niveau der Abgeschmacktheit und Flachheit erheben sich einige Talente, tief angelegte Naturen von wahrhaft poetischer Begabung und Bedeutung. Bon feiner Beobachtungsgabe und von einem Scharfblick, der bis in die Untiefen der menschlichen Seele zu dringen vermag, schufen sie Werke, die das Seelenleben des Volkes bis auf die feinsten Nuancierungen widerspiegeln. Solche Schriftsteller waren der unter dem Pseudonym „Schalem Alechem" bekannte S. Rabbinowitz, ferner M. I. Rabbinowitz, mit dem Pseudonym „Ben Ami", S. I, Abramowitz, unter dem Pseudonym „Mendele Mocher Ssorirn" bekannt, und M. Spector. Ein wahres Meisterstück an psychologischer Analyse ist Schalem Alechem's Erzählung vom schwindsüchtigen Klesmer Stempunjc. Trotz des engen Kreises der Empfindungen, die diese Erzählung umspannt, hält sie unsere Teilnahme bis der letzte Akkord verklungen ist in gleicher Weise gefesselt. Stempunjc war ein Klesmer.*) Um die ganze Tragik dieses Wortes klar zu machen, müssen einige Aufklärungen über die Bedeutung dieses eigentümlichen Berufs gegeben werden. Ein Klesm e r ist ein Fiedle r. Aber nicht etwa ein Violinvirtuose der von seiner Kunst lebt. Nein! Um dieses zu werden, fehlten ja unserm Stempunje die Mittel zur Ausbildung: zudem würde» sich ihm, als Juden, alle möglichen Hindernisse in den Weg gestellt habe». Ein Klesmer ist ein Autodidact, dem von Gott des Sanges Macht verliehen wurde, und der von Dorf zu Dorf wandern muß, um auf armseligen Hochzeiten für armseligen Lohn zu spielen. Die Hauptleistung ist dabei .die Kalle zu basetzen", d. h. durch traurige Weise» die Braut vor der Trauung aus den ernsten Grundton zu stimmen, der diesem feierlichen Momente angeuicsseii ist. Stempunje war also ein Klesmer und »och schwindsüchtig dazu. Doch er war nicht schwindsüchtig geboren und sein Beruf war ihm nicht an der Wiege gesungen. Als kräftiger, blühender Jüngling wuchs er in seinem kleinen Gebiirtsstädtchen heran. Auch galt er weit und breit als „Jluj", d. h. als Talmudgenie, in dem man eine zukünftige Leuchte des Gesetzes sah. Doch ei sollte anders kommen. Bald erwachte in ihm der mächtige Drang zum Wisse», zuin großen, uucrmeßlichen Meer des Wissens, von dessen Größe und Tiefe nur eine dunkle Ahnung in seiner Seele aufdämmerte. Mächtig und ungestüm zog es ihn hinaus aus der engen und beengenden Welt, die ihn umgab, hinaus um den brennenden, inneren Durst zu stillen. Seine Phantasie spiegelte ihm kühne Bilder von Glück und Glückseligkeit in der Fremde vor. Umsonst war Zurede von Eltern und Lehrern, zu bleiben. Nichts konnte ihn halten, nicht einmal die junge Liebe zu der schönen Rahcl, die er in der Tiefe seines Herzens gefaßt hatte. Er zog hinaus in die weite Welt, voll Sturm und Drang in der Brust und wenig Mittel» in der Tasche. Bald aber folgte Enttäuschung auf Enttäuschung. Die bitterste Not in ihrer furchtbarsten Gestalt trat ihm entgegen und vergällte ihin alle Freude an Wissen und Leben. Doch wenn das -bleiche Gespenst des Hungers seine Lebensgeister zu erlöschen drohte, hatte er ein Mittel, die bösen Geister zu beschwören. Er griff zur „Fiedel". Flugs war er sich selbst und der traurigen Wirklichkeit entrückt, die Augen strahlten seltsam, er war glücklich. Da sing die tückische Krankheit an ihm zu nagen an. Gebrochen an Leib und Seele, den Todeskeim in der Brust, zieht er nach der Heimat zurück, um dort als Klesmer ein kümmerliches Dasein zu fristen. Noch schöner und blühender findet er seine erste Liebe wieder. Doch weiß er wohl, daß.der arme Klesmer für sie schon längst gestorben ist: Bald soll auch Rahel standesgemäß verheiratet werden. Die Hochzeit wird gefeiert und — Ironie des Schicksals! — Stempunje fällt die Aufgabe *) Zusammengesetzt aus ttei feiner (Musikinstrumente). zu, die Braut zu „basetzen". Mit der Wollust eines Mannes, der seine eigene Wunden ausreißt und in seinem eigenem Schmerze herumwühlt, setzt ich Stempunje der Braut gegenüber, bohrt seine Augen in die ihrigen und fährt mit dem Bogen über die Saiten, klagende, schluchzende Töne durchzittern den Saal, ein Schauer ergreift die Frauen. „Alle Weiber varstehen gut dem Pschat (Bedeutung) vun der stumme» Drösche (Rede), alle Weiber fühlen es, ei.fühlen dos un' weinen druf mit bittere Tränen." Auch die Männer, die sich bis dahin an getrennten Tischen von Thora und Talmud unterhielten, horchen auf: „Alle, alle willen hören Stempunje. Iden werrn vartracht (nachdenklich), Jünglech, Mädlech klettern aruf af die Bänk' un' af Tischen. Sch—scha! Stiller, Olem (Welt, Leute, ähnlich d. franz. monde), laß fein stiller! Un! Stempunje zugießt sich af'n Fiedele, un' zugeht sich wie a Wachs: Tjoch, Tjoch, Tjioch, mehr hört anän nischt. Er arbeit mit alle' Kelim (hier — Sinne) und die Fiedele redt. . ." sFortsetzung folgt). Bucherfcharr. Sozial-Eudämonismus und sittliche Verpflichtung. Voir Dr. G. Bur k. Langensalza. Hermann Beyer u. Söhne. 190 i. Preis 1.20 Mark. Einen Beitrag zur modernen G e i st e s - und -Sozial-Re form will Burk in seiner Schrift geben. Er unterzieht den Begriff des Sozial-Eudämonismus einer eingehenden Prüfung und untersucht seine Existenzberechtigung von dem.Standpunkte der Verbindlichkeit des Sittlichen. Nach dem Verfasser hat nämlich nnr ein solches ethisches System, welches den Grund der sittlichen Verpflichtung sür das handelnde Jndividiium aufweist, Existenzberechtigung. Jn dem Sozial-Endamonismus, der aus dreierlei Art zu konstruieren wäre, nämlich erstens von dem Standpunkte des Individuum s iaus mit .Hilfe des Postulats von der Koinzidenz des Individual- und S o z i a l i n t c r e s s e s, zweitens vom Standpunkte der Gesellschaft, und drittens auf der Basis der Idee des Wohlwollens findet Verfasser diese sittliche Verpflichtung nicht. Jn der erste» Art schrumpft der Pslichtbegrifs aus einfache unverbindliche Klugheitsregeln zusammen; i» der zweiten sind die Pflichten der Individuen, wenn überhaupt von solchen gesprochen werden kann, nur äußere Zwangsverpslichtungen, schließlich in der dritten Art ist der verpflichtende Grund garnicht dem System selber entsprungen »ud zeigt so selbst, daß der Sozialendämonisiilus unfähig ist aus sich selber heraus den Pslichtbegrisf zu gründen. Aus die .soziale Frage" übergehend sieht er i» decjelbc» nicht eine „Magcufrage", sondern eine sittliche Frage. Er erkennt die Berechtigung der sozialistischen Forderungen nur nach der sozialen Gerechtigkeit und den Maßstab dafür , in der sittliche» Idee allein und der Idee des Rechts und der Billigkeit. Verfasser vertritt daher im Gegensatz zum Sozialendämonismils, den ethischen Sozialismus, der auch der Würde des Einzelnen gerecht werde, der das Pflichtgefühl und den Opfermut verleihe und den Glauben an eine göttliche sittliche Weltorduiing begründe. Was Verfasser da erstrebt, nämlich eine Sozial« reform auf Grund der Sittlichkeit, das sinden wir schon längst in »ilserer Thora ausgesprochen, wo im Mittelpunkt der Sozialgesetze, die, wie kein moderner Versuch, die soziale Frage lösen, immer die Ur« quelle der Sittlichkeit, nämlich Gott, gestellt wird. Allerdings schließt diese Begründung die Rücksicht auf das Gesanitwohl nicht ans, vielmehr — wie der Hinweis „damit es dir wohlcrgehe in dem Lande, das Ich dir gebe" zeigt — ist dasselbe inbegriffen, weil dieses Wohlergehen nnr im Geiste der Sittlichkeit gemeint ist. B. P. E i» p r ä ch t i g e s G e s ch e n k f ü r B a r in i z - wohs u n b Geburtstage ist das bereits in 8. Auflage erschienene Werk: Bibel und Talmudschatz von I. Kohn, neubenrbeitet von .Rabb. Tr. S. B a m b e r g e r, elegant gebunden 5 Jk, Prachtband mit echt Goldpressung 5.50 Jk, Verlag George Kramer, Hamburg. Jüdischen Kindern sollte man zu dem Tage, an dem sie als selbstverantwortliche, vollwertige Glieder in die Judenheit ausgenommen werden, nicht einen deutschen Klassiker — den sie, wenn sie ihn nicht geschenkt erhalten, .sich dennoch anschasfen —, sonder» ein Buch verehren, das im Stande ist, ihr jüdisches Wissen zu erweitern und damit ihr jüdisches Bewußtsein zu vertiefen. _ Kunst. Tie neu arrangierte November-Ausstellung des Kunstsalon Hermes, Goethestraße 37, beim Opernplatz, enthält Sonderausstellungen von Max Schlichting-Berlin, Rene Janssens-Brüssel und Alois Penz- Frankfurt a. M. Außerdem das Original-Oelgemälde „Verlobung der heiligen Katharina" von Tizian, das im Jahre 1898 in Berlin im Akademie-Gebäude ausgestellt war und großes Aufsehen erregte. Ferner wird die Ausstellung vervollständigt durch hervor-

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