Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 43 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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/VI 1 rv e Ä Al <• . /V » A) **♦ , . f f II .a KUlUUUk \U Vit« W UlV MUUUIUUU *^UIIUWI|M|UI IlttWlUWMHWUVV« Inhalt Ser Beilage: Artikel: Schriftsteller S. Kobn. — Ein jüdischer General in der Arniee Oesterreich-Ungarns. — Zum 700jährigen Geburtstag des Maimonides. — AuS der zionistischenBewegung. — Personalien. Aus der Lehrerwelt. — Aus den Berit inen. — Der jüdisch-deutsche Jargon und seine . Literatur. — Bücherschau. — Kunst. — Da» ganzen. Schriftsteller S. Kohn. Die deutsche jüdische Belletristik ist im allgemeinen quantitativ und qualitativ ziemlich armselig, und ' ihre besten Werke überschreiten nicht das Maß einer ‘ guten mittelmäßigen Leistung. N'och trauriger wird das Ergebnis, wenn man sie auf ihre jüdische Tendenz untersucht, denn ihre meisten Werke —- wir erinnern an Karl Emil Franzos, Herzberg-Fränkel, Bernstein — sind nicht int Geiste des Judentums geschrieben, sie haben nicht die Msicht, ihre Leser für das Judentum zu erwärmen und zu begeistern, sondern ein kalter Hauch der Lieblosigkeit, ja häufig sogar des Hasses gegen alles Jüdische weht fröstelnd; ans den Zeilen heraus. Jit diesem Milieit mußte ein Mann wie S. Kohn, der ein begeisterter, frommer Jude war und in fesselnder Weise eine flotte Feder schrieb, eine erste Stelle einnehmen. — Dem Kaufmannsstande angehörend, hatte er ein viel Sinn für das jüdische Milieu verratendes Erzählertalent in jüngeren Jahren , als Nebenberuf betätigt, bis ihn der ungewöhnliche Erfolg seiner Novelle „G abriel" auf die schriftstellerische Laufbahn verwies. Diese in Prag spie- , lende Geschichte,. die spannend geschrieben ist, hatte S. Kohn anonym erscheinen lassen; sie war ohne -Wissen des Autors jns Englische übersetzt worden -und hatte den Weg durch die internationale Leser- 'Welt gemacht. Erst als sie aus dem Englischen zurückübersetzt würde, ward der Verfasser auf fein ihm entfremdetes Werk wieder aufmerksam und wahrte seine Rechte. Seitdem bekannte er sich mit Stolz als den „Verfasser von Gabriel" und behielt dieses Epitheton bis an sein Lebensende bei. Viel Beachtung fanden auch die „Prager Ghettobilder", die er in Reklams llniversalbibliothek erscheinen ließ. Sie zeichnen ■ sich durch originelle Motive und einen behaglichen Witz aus, der aus der eigentümlichen, getreu nachempfundenen Ghettostimmung heraus geboren ist. Auch die Romane „F ü r st e n g u n st", „D e r S p i e - gel der Gegenwart" und „Silberne Hochzeit" fanden weite Leserkreise und befestigten den Ruf des fruchtbaren Schriftstellers. Auch im vorgerückten Lebensalter entfaltete der Verstorbene eine immer regere Tätigkeit, da ungünstige materielle Verhältnisse ihn zu einem intensivem Erwerb nötigten. L. Salvmon Kvhn ist in Prag, seinent Wohnorte, am letzten Sonntag an deir Folgen eines Rippenbruches gestorben. Als er nämlich vergangenen Dienstag Früh zum Gottesdienst gehen wollte, bekam er plötzlich einen Schwinbelanfall, sank um und schlug im Falle so unglücklich gegen eine Tischkante, daß er eine Rippe brach. Zu diesem Rippenbruch gesellte sich noch eine Lungenentzündung, in deren Verlauf er gestern, den 6. November, abends 6 Uhr sanft verschied. Kohn war' in Prag im Jahre 1825 als Sohn eines angesehenen Kaufmannes geboren. Seine Mutter entstammte einer der angesehensten Prager jüdischen Patrizerfamilien, der Familie Neustadtl. Kohn war ursprünglich Kaufmanir, brachte es zu großem Wohlstände, kam aber bei dem großen Börsenkrach im Jahre 1873 um sein ganzes Vermögen. So lebte Kohn schlecht und recht, was seine materielle Lage anbelangt, aber in wunderbar harmonischem Verhältnis mit seiner.Frau. Ms Kohn vor nunmehr 10 Jahren seinen 70. Geburtstag feierte, sandte ihm Philipp Reclam in Leipzig als bestes Geschenk, das er bieten könnte, ein schön gebundenes Exemplar seiner in diesem Verlag erscheinende» „Prager Ghettobilder". Kohn war ein wahrhaft frommer Jude, ein großer Talmudgelehrter. Er war lange Jahre Mitglied der Kültusgemeinderepräsentanz, wo er sehr segensreich wirkte. Er war Ehrenmitglied vieler jüdischer Vereine und auch der „Concordia", des Vereines deutscher Schriftsteller in Böhmen. Seine Frau ist ihm vor mehreren Jahren nach vieljähriger glücklicher Ehe im Tode vorausgegangen- Am 18. Adar sollte er seinen 80. Geburtstag feiern. Sein Leichenbegräbnis findet auf Kosten der jüdischen Gemeinde statt, wie ihm auch dieselbe ein Chrengrab bewilligt hat. Ueber das Leichenbegängnis berichtet das Prager „Deutsche Abendblatt": „Ein imposanter Leichenzng, wie er in seiner Art schon seit vielen Jahren nicht gesehen wurde, bewegte sich beute nachmittags um 3 Uhr vom isr. Badhofe aus nach dem neuen isr. Friedhofe in Straschnitz. Es wurde ein Maitn zu Grabe getragen, der sich durch seine Begabung und seinen Geist, durch die Frömmigkeit und Wohltätigkeit, die die Triebfedern seines segensreichen Wirkens bildeten, allgemein Achtung und Anerkennung erworben: der Schriftsteller S. Kohn. Tie Leiche ruhte im vierspännigen Galaleichenwagen. Hinter demselben schritt Oberrabbiner Dr. R. Ehrenfeld mit Allen .Prager und vielen auswärtigen Rabbinern, ferner sah man fast die gesamte Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde mit dem Präses Herrn Dr. Arnold Rosenbacher, den Vorstand des israelitischen Nächstenliebevereins mit seinem Direktor Herrn Dr. Bendiener, Vorstandsmitglieder des Wohltätigkeitsvereins Bohemia B'nai Brith, des Vereins zur Verbreitung und Förderung der Wissenschaft des Judentums und anderer isr. gemeinnütziger und humanitärer Vereine, eilte Deputation des deutschen Schriftsteller- und Künstlervereins „Konkordia" und des zionistisch-akademischen Vereins „Bar Kochba", dann die Univ.-Professoren Dr. PH. I. Pick, Dr. Epstein ttnd Dr. Weil, den Dozenten Dr. Friedl Pick u. a., deit Obmann des deutschen Kasinos Otto Forchheimer, Finanzrat Dr. Wiener, kais. Räte, Industrielle, Advokaten, Aerzte, Großkausleute und viele andere Trauergäste. Am offenen Grabe hielt der Präses der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Rosenbacher dem Verblichenen, mit dem ihn eine langjährige, treue Freundschaft verbunden, einen innigen Nachruf, der allen Verdiensten des Heimgegangenen vollauf gerecht wurde und die Anwesenden tief ergriff. Auch ein Mitglied des zionistisch-akademischen Vereins Bar Kochba widmete dem entschlafenen Ehrenmitgliede warme Worte des Abschieds." Ei« jüdischer General in der Armee Oesterreich-Ungarns. G.-M. Eduard Ritter von Schweitzer. Im April dieses Jahres wurde Generalmajor von Schweitzer als erster Jude General von Linientruppen in Oesterreich. Vom Geniestab aus war fteilich vorher F.-M.-L. v. Porges technisches Haupt der größten und wichtigsten Festung Oesterreichs Przemysl geworden. Aber allgemein galt doch Schweitzer als der erste Jude, der „wirklicher" General geworden sei. Ueber den Lebenslauf dieses Mannes können wir unsern Lesern mitteilen: Geboren wurde Schweitzer 1844 zu Gyöngyös im Steveser Komitat in Ungarn. Er trat am 10. April 1865 beim Infanterie-Regiment Erzherzog Franz Ferdinand d'Este, Herzog von Modena Nr. 32 freiwillig in das Heer, machte in den Reihen desselben den Feldzug 1866 bei der Nordarmee mit und wurde mit 1. November 1870 zum Leutnant im Regiment ernannt. Genau sechs Jahre später wurde er Oberleutnant. Ms solcher zeichnete er sich durch, bravouröse Tapferkeit während der Okkupation Bosniens und der Herzegowina in so hohem Grade aus, daß er vom Oberkommandierenden General Philippovich sür den Maria-Theresienorden vorgeschlagen wurde. Da dieser höchste militärischeOrdeit statutengemäß jedoch nur an Katholiken verliehen werden kann, verzichtete Schweitzer in einer besonderen Eingabe auf diese Auszeichnung und erhielt statt dessen den Ordeit der eisernen Krone 3. Klasse mit der Kriegsdekoration. Im November 1883 erhielt Schweitzer das Patent als Hauptmann im 44. Infanterie-Regiment, Erzherzog Albrecht, im Mai 1892 wurde er zum Major im Infanterie-Regiment Nr. 101 und im Mai 1895 außertourltch zum Oberstleutnant im Jnf.-Reg. Nt. 82 befördert: 1895 erfolgte seine Vorrückung zum Oberst und tnit Mlerhöchster Eittschließung vom 24. Juni 1898 seine Ernennung zum Kommandanten des Infanterie-Regiments Michael, Großfürst von Rußland Nr. 26. Für seine vorzüglichen Dien st lei stungen als Truppenkommandant wurde er 1903 durch Verleihung des Ossizierskreuzes des Franz- Josef-Ordens ausgezeichnet. Seit einem Jahr befehligt Schweitzer die 53. k. u. k. Jnfanterie-Brigado zu Kaschau. Außer den hohen militärischen österreichischen Orden besitzt Schweitzer den russischen ÄNnen-Orden 2. Kl. in Brillanten, den fürstlich-bulgarischen Mexanderorden in Brillanten und den persischen Sonnen- und Löwenorden 2. Klasse. Zum 7ü«jährigeuTodestag desMaimonides. Vortrag von Stiftsrabbiner Blumgrund, Karlsruhe, gehalten am Mittwoch, den 9. November, im Verein Nachlaß Zwi, Frankfurt a. M. Das Mißverhältnis zwischen der mir zur Verfügung stehenden Zeit und der gewaltigen Erscheinung, die sich der Betrachtung anschließt, gebietet gleich im Vornherein eine straffe Zusammenfassung der ausschließlich zu unserem Thema gehörenden Momente. Darin liegt aber zugleich auch eine Gefahr. Wie leicht kann die Vorstellung der Erhabenheit, welche der Klang des Namens Maimonides mit Recht erweckt, dadurch getrübt und gestört werden, haß ich nur jene Teile seiner vielseitigen Wirksamkeit Ihrer Betrachtung vorlege, die mehr oder minder Anfechtungen erfahren haben. Der historische Rückblick kann die geistigen Kämpfe einer vergangenen Zeit ohne bestimmte Parteinahme verstehen und begreifen, wenn es sich um Dinge handelt, die von der'geschichtlichen Entwicklung bereits überholt und gelöst sind. Es gibt aber in der literarischen Wirksamkeit des Maimonides einen Punkt, bei dessen Beurteilung wir, trotz Aufrechterhaltung der Respekts- und Distanz- Gefühle, die wir diesem großen Manne schuldig sind, uns werden sagen müssen, daß wir nicht immer auf die Worte dessen schwören dürfen, den wir mit überzeugungsvoller Verehrung unseren Lehrer nennen. Die moderne Betrachtungsweise pflegt die bcsondern Erscheinungsformen der Leistungen großer geschichtlicher Persönlichkeiten picht nur aus ihrem inneren Wesen und der besonderen Eigenart ihrer Größe zu erfassen und zu erklären, sondern auch, aus den Eindrücken und Einwirkungen, welche sie aus dem Kulturzustand ihrer Zeit in der Geistesrichtung ihrer Umwelt ausgenommen. Vielleicht kommen wir auf diesem Wege dem Problem Maimonides am Leichtesten bei. Das Wort unseres Urahns Jakob: „Wenn Esau kommt zit dem eine» Lager und es schlägt, dann soll das andere Lager zur Errettung sein," hat im Wechsel der Jahrtausende epochenbildend seine geschichtliche Erfüllung gefunden, nicht nur im äußeren Geschickesgang des jüdischen Volkes, sondern auch in Beziehung der.elementarsten Bedingung seiner Fortexistenz, die Erhaltung seines heiligen Erbgutes. Noch Jahrhunderte nach Abschluß .des Talmuds bildeten die babylonischen Hochschulen' den geistigen Mittelpunkt für die jüdische Diaspora. Gesuche um Auskunft wunderten von allüberall zu deir Sitzen der Geonim, und .die Gutachten, die von dort eintrasen,-bildeten die Richtschnur für die religiöse Praxis. Ten Juden im Westen gebrach es nämlich an jedem Hifsmittel, durch eigene Geistesarbeit bis zu den Quellen der mündlichen Lehre hinabzusteigen, geschweige die Ergebnisse talmudischer Diskussionen feftzustellen. Bevor in Babylon die hohen Schulen ihrem Verfall entgegengingen, hat die göttlich« Vorsehung, die so wunderbar über die Geschicke Israels wallet, durch ein wie ein Zufall erscheinendes Geschehnises bewirkt, daß der BlütenstauL talmudischer Geistesbefruch»