Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 43 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 43. Rußland. - Warschau. Unter den hiesigen C h a s s i d i m ist eine Bewegung iin Gange, auf eigene Kosten nach demfernenOsten eineSanitätskolonne zu schicken, die sich speziell mit den jüdischen Verwundeten befassen, ihnen koschere Speisen verabreichen und Chewro-kadischoh-Dienste bei Sterbenden verrichten soll. Auch ein Vorbeter soll mitgenommen werden. U- Homel, 30. Okt. Die Gerichtsverhandlung über die Judenexzesse in Homel. Wider Erwarten ist in letzter Stunde eine Anordnung des Justizministers eingetrosfen, die Gerichtsverhandlung über die vorjährigen -Exzesse bei offenen Türen abzuhalten. Die Anklageschrift (siehe Nr. 41 unseres Bl. Beil.), die früher von den Behörden geheimgeh alten wurde, ist nun nach ihrer öffentlichen Verlesung fast in allen russischen Zeitungen erschienen. Beim Zen genverhör inachte der P o l i z eiin e i st e r Ii a s.o w s k i Aussagen, die den Hauptpunkten der Anklageschristt, namentlich was die famose Verwandlung der Opfer der Exzesse in Urheber derselben anbetrifst, widersprachen. Er führte aus' daß das organisierte Vorgehen der Inden durchaus den Charakter einer notwendigen Selb st wehr trug und keineswegs als ein lleberfall der Juden auf die christliche Bevölkerung, wie der Staatsanwaltschaft angibt, betrachtet werden dürfe. Rechtsanwalt Zarudni verlangte die Abführung zweier Zeugeir, eines Schutzmannes und eines Polizeileutnants, gegen die auf Grund esnes isußerst belastenden Materials eine Beschuldigung, sich an den.Plünderungen und Mißhandlungen beteiligt zu haben, vorliegt. Der Gerichtshof lehnte aber seine Forderung ab. -II- Lodz, l. Nov. Das Komitö der sozialdemokratischen Partei in Lodz hat einen Aufruf veröffentlicht, in welchem die Arbeiter darauf aufmcrkfain gemacht werden, daß die L o k a l b e - Hörden bestrebt seien, die Arbeiter n n d Rekruten zu an tis.emitis ch e n Exzessen zu verleiten. Die Arbeiter mögen sich.hüten, diesen nichtswürdigen und verbrecherischen Umtrieben Vorschub zu leisten. Und die Polizei, welche gegen die Juden hetzt, möge nicht vergessen, daß statt der Wohnungen und Kaufläden armer Inden einmal vielleicht die Regierungskassen erbrochen werden könnten. In Lithauen waren in der Stadt Oszmiana 800 Stellungspflichtige cinberufcn worden, .davon blieben 3 zurück. L)ie übrigen ergriffen die Flucht. JA Suwalki blieben 10 Prozent, der Rest — 90 Prozent — befindet sich schon in Anicrika. Italien. -o- Rom. Bei den jüngsten Wahlen zum italienischen Parlament wurden 11 Juden gewählt, darunter 9 bisherige Abgeordnete »nd 2 neue. M e l l i ist bis j e tz t n o ch n i ch t geprahlt worden. Die 9 bisherigen wiedcrgewähltcn Mitglieder sind Weil-Weiß (cost. usc.): Rho (Prov. Lombardia); W o l l e m b o r g (min.): Citadella (Prov. Padova); Lnigi Luzzatti, Schatzminister Abano (Prov. Padova); Morpurgo (cost. usc.): Cividale ' bet Friuli (Prov. Udine); Riccardo Luzzatto (räd. usc.): San Daniele (Pröv. Udine); Artnro Luzzatto (rad.): Montevarchi (Prov. Arezzo); Barzilai (rep.): (Rom 5. Bezirk); Orlando (min.): Partinico (Prov. Palermo, Sicilicn); Sorani (min.): Scansano; ferner ist gewählt: Lichel (soz.): Gnastalla (Prov. Ferrara); in Stichwahl mit beinahe sicherer Aussicht auf definitive Wahl steht in Treviglo der Radikale E n g e l l. Danach sind unter den jüdischen Parlamentariern ministeriell 4, in konstitutioneller Opposition 2, radikal 3, sozialistisch 1 und republikanisch 1. -e- Mailand. Der Gemeinderat Umberto Ottolenghi wurde vom König.von Italien in den Grafenstand erhoben, ebenso sein Bruder Alfreds Ottolenghi. Amerika. (J.V.) New-Aork. Jüdische Einwanderer in Ameri ka. Im Monate S e p t e inb e r d. I. sind im Newyorker Hafen insgesamt 8694 jüdische Einwanderer gelandet. Davon ivaren 3881 Männer, 2476 Frauen und 2337 Kinder. Es kamen aus Rußland 6705, aus Oesterreich 814, aus Ungarn 458, aus R u m ä n i e n 479, aus Deutschland 93, aus England 7l, aus der Türkei 31, ans Schwede n 4. Bon den Einwanderern haben sich 6070 (— 70°/o) in N e w - Jork niedergelassen. New-Nork. Ein phänomenaler Sänger ist unter den Juden Netv-Iork's entdeckt worden: er ist zugleich Tenor, Bariton und B a s - s ist und ist in allen diesen Stiuunlagen gleich unübertrefflich. Schlößberg — so lautet der Name dieses Weltwunders — erklimmt spielend das höchste hohe G eines Soprans der großen Oper, um gleich darauf und unvermittelt in die tiefsten Abgründe des unterirdischen Basses hinabznsteigen. Tie glänzendsten Anerbieten der Jmpressarii haben bis jetzt bei Schloßberg verschlossene Tür gesunden, denn er kennt als strengs. religiöser Jude Frankfurter Israelitisches Familienblatt. nur den einen Stotz, zur Ehre GotteS in! der Synagoge zu singen, und so strömt seit kurzem) ganz »• Jork in die Tempel, in denen er singt. Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution Bon. R. (Fortsetzung). Auch der längste Tag — selbst wenn er ein Fasttag ist — geht zu Ende. Der Abend senkte allmählich seine Schatten über die Gassen, und bald leuchtete in den kleinen, bescheidenen Zimmern der Juden des Dochtes Flamme. Die dienenden Geister der Familien hatten während der Dämmerung den Tisch gedeckt und brachten nun Kannen mit dampfendem Kaffee herbei, der mit Häring und Bntterbrödchen die erste Mahlzeit nach fünfundzwanzig Stunden der Enthaltung von Speis' und Trank bildete. Ter Oberst verbrachte den Abend am Tische seines väterlichen Freundes und Lehrers, bei lebhafter Unterhaltung. In seiner anregenden Weise erzählte er von seinen ferneren Erlebnissen; geschickt flocht er in die Kriegsgeschichte die Politik im Lichte seines von einem scharfen hellen Auge zeugenden Urteils hinein und vergas; auch nicht, seine jüdischen Brüder zu erwähnen, denn den Verkehr mit ihnen hatte er — wohin er auch kam — zusammen mit seiner Treue dem Kaiser Napoleon gegenüber als seine erste und heiligste Pflicht bewahrt. Wohl war er bei seinem wechselreichen Schicksal nicht mehr der sroinme Talmud-Bochur geblieben; neben den Zellen des vernichtenden Krieges, kann das friedliche Zelt Jakobs nicht bestehen, und gar manches Gesetz und gar mancher Brauch, die ihm als heilig gelehrt, waren den wilden Stürmen des jahrelangen Krieges zum Opfer gefallen: — aber wer da sah, mit welcher Innigkeit und mit welchem Verständnisse er jetzt im Hause seines verehrten Rabbi die kleinste Zeremonie übte, wer da hörte, mit welcher Andacht und Geübtheit er das Tischgebet sprach, der mochte unmöglich glaube», daß in diesem Manne die Zerstörungswut des Krieges ein Stink jüdischeil Pflichtlebens vernichtet habe. In Wirklichkeit hatte auch er, wie viele Tausende seiner jüdischen Zeitgenossen, dem überftrömenden Gefühle der Dankbarkeit für die Befreiung aus dem Ghetto und die Verleihung der eigentlich selbstverständlichen Menschenrechte einen Tribut gezollt, der dem Judentume den größten Schaden zugefügt hat, denn die Assimilation, das Entfernen von der Welt- und Lebensanschauung des Judentums zu Gunsten der in der großen nicht-- jüdischen Welt herrschenden G:istesströiuungen waren die traurigen Folgen dieses Tributes. Es war bereits kurz vor Akitternacht, als sich der Oberst mit dem frohen Beivnßtsein in sein Quartier begab, au der Stätte seiner Jünglingsjahre, im Kreise geliebter Menschen, einige angenehme Tage verleben zil dürfe». Doch er sollte nicht lauge der Ruhe pflegen. Er mochte wohl zwei Stunden geschlafen haben, als er geweckt wurde. Eine Ordonanz brachte ihm den Befehl vom .Hauptquartier, sofort aufzubrcchen. Befehl ist Befehl, wenn er auch unbarmherzig ein heiteres Idyll zerstört, und nach weiteren zwei Stunde» befand sich unser Oberst an der Spitze seiner Soldaten wieder auf der staubigen Landstraße. Gemächlich saß er ans /einem Rappen, ihm ahnte nicht, daß er die Freunde nicht wieder sehe» würde. Eng war sein Geschick mit dem seines Kaisers verknüpft, das Schicksal hatte seinen Kaiser jetzt auf den Höhepunkt seiner Macht gebracht, um ihn dann so schnell wie aufwärts wieder abwärts zu führe». Auf Rußlands Eisfeldern sollte der Koloß seiner Größe zertrümmert iverden und ivie sein Tnrifcr, so kehrte auch der Oberst als müder Mann zurück. Einsam und unverheiratet beschloß er in Paris sein Lebe». Was er in Rußland erlebt hatte, das hatte er noch vor seinem Tode ausgezeichnet und es sei Euch als Beschluß der Erzählung initgcteilt. Hier die Niederschrift: „Bis hierher und nicht weiter!" Tie Erfüllung dieses Spruches Labe ich bereits bei dem glänzendsten und blendendsten Stern unserer Zeit erlebt. Ein Bourbon, und zwar Bruder des unglücklichen Königs Ludwig XVI. sitzt wieder auf dem französischen Thron; Frankreich ist wieder in seinen alten Grenzen und zwar, wie vor dem Ausbruch der Staatsumwälzung, eingeschlossen. Welch' ei» lehrreicher Wechsel des Geschicks! — Die Umstände, welche den Sturz Napoleons herbciführten, genau anzugeben, ist nicht meine Aufgabe, sondern die eines Geschichtschreibers: ich beschränke mich einzig und allein auf den Bericht von Begebenheiten, wobei meine Wenigkeit mitwirkende Person war. Im Jahre 1812 stand Napoleon aus dem höchsten Ruhmesgipfel, den noch je ein Sterblicher erstiegen hatte. Oesterreich, Preußen, das übrige Deutschland, Spanien, Portugal, Italien lagen gedemütigt zu seinen Füßen. Der Beherrscher des Erstern mußte sogar den künftigen Frieden mir Verheiratung seiner Seite 5. Tochter an den hochgestiegenen Emporkömmling erkaufen. Ganz Europa blickte mit stummer Bewunderung zum Helden des Jahrhunderts hinauf; nur zwei Mächte standen noch unerschüttert da: das Land der höchsten Freiheit und das der niedrigsten Knechtschaft, England und Rußland: das Uebermaß der Knechtschaft kann eben so gut Helden erziehen, als das der Freiheit. Napoleon, der keinen Staat in Europa von sich unabhängig wissen wollte, verfiel ans einen höchst eigentümlichen Gedanken das stolze Jnsclvolk zu demütigen und dieser war: die sogenannte Festlandssperre (Kontinental - System), daß nämlich alle von Frankreich abhängigen oder mit diesem befreundeten Staaten allen Handelsverkehr mit England abbrechen und keine englischen Schiffe oder Waren in ihren Ländern aufnehmen sollten. In alle» jenen Ländern waren französische Zollbeamte ausgestellt, welche die aus England kommenden Ware» vernichteten. Die Völker sügten sich senszend jenem Befehle, welcher den größte» Teil deS europäischen Handels in's Stocken brachte; die Kasfeeschwestern trauerte,: herzlich über den Verlust ihrer liebgewordeue» Nahrungsgegenstände, des Zuckers und des Kaffees, und es mußten künstliche Ersatzmittel, sogcuannle Surrogate erfunden werden, die ftir den herben Verlust nur einigermaßen entschädigen sollten. Alles mußte sich in diesen harten Befehl schicken; mir Rußland fühlte sich »och selbständig genug, um dieser herben Zumutung mit männlichster Würde sich zu widersetzen und seine Häfen »ach wie vor den englische» Schiffen offen zu halten. Diesen Widerstand konnte Napoleons stolze Seele nicht ertragen; und es folgte bald von ihm die Kriegserklärung an Rußland. Am 9. Mai 1812 reiste Napoleon nach Dresden, wo ihn alle seine Basallenkönige und Fürsten des deutschen Rheinbundes mit ihren Hülsshceren erwarteten. Von Dresden bis zur Weichsel reiste er durch eine Heeresreihe von 620000 Mann, den verschiedensten Völkern und Sprachstämmen angehörio, welche sämtlich, teils freiwillig, teils notgedrungen zu folge» bestiinmt waren, unter seinem Oberbefehl das große russische Reich zu nnterwe'iei, Im neuerrichteten Herzogtum Warschau angelangt, welches erst unlängst teils von der russischen, teils von der preußischen Oberherrschaft abgelöst und zu einem selbständigen Reiche unter französische», Schutze gemacht worden war, gesellte sich noch eine ansehnliche Trnppciiinacht, begierig zum Rachckampf gegen seinen ehemaligen Unterdrücker, zu seinem Heere, welches dadurch zu einer Menge von nahezu 800000 Mann anwuchs. Kaiser Alexander von Rußland, als er den raschen Uebergaug unseres Heeres vernommen hatte, wollte sich ihm mit einem Heere von 450000 Mann widersetzen; sei» Oberseldherr aber, Barclay de Tolly, unterstützt von mehreren deutschen Freiheitsmännern, darunter vorzüglich Freiherr von Stein, sprach: „Herr, sparen Sie das Leben Ihrer Krieger! Sie haben drei mächtige Verbündete, welche Sie nicht gehörig zu würdigen wissen: die Zeit, den Raum und das Wetter: diese lassen Sie für sich käinpsen! Haben nun diese deu Feind gehörig geschwächt, dann können Ihre Krieger das Ihrige tun!" — Alexander, wiewohl jung, ruhmsüchtig und begierig, mit dem Helden des Jahrhunderts eine Lanze zu breche», gab dennoch der Vernunft Gehör; und so wurde beschlossen, dem kühnen Eindringling nichts als nackte Steppen, Asche und Eis entgegenzusetzen. Unser Heer rückte ungehindert und ohne eine menschliche Seele anzutresfen bis Wilna vor. Tort angelangt, war Napoleon höchst erstaunt über die Totenstille, die in der Stadt herrschte. Ihm, dem sonst bei Annäherung einer größer» Stadt die Gemeindebehörden zitternd entgegenkamen und ihn demütigst um schonende Behandlung baten, ihm sollte nun in einer der größte» Städte Rußlands ein so kalter Empfang zu Teil werden! — Er ergoß sich nun in die heftigste» Schimpfrcden gegen die angebliche Feigheit Alexanders, welcher keine Schlacht aus so günstigen» Bode» annchmcil wollte. „Er hat nur drei Feldherr»," sprach er, „die sämtlich unfähig sind, sich mit uns zu messen: Bennigsen, welcher schon zu alt für den Feldzug im Jahre 4806 war; Kutusosf, dem Alexander mißtraut, weil er der rohen altrussischen Partei «»gehört, und endlich Barclay de Tolly. ein geschickter Rückzugsaber schlechter Angrisssseldherr." Schon im dunklen Vorgefühl dessen, was da kommen sollte, schickte er von Wilna einen Gesandten an Alexander, uni mit ihm über den Frieden zu unterhandeln; schon dieser Antrag war eine Niederlage. Tie Wüste, die sich vor ihm ansdehnte, schüchterte ihn mehr als das russische .Heer ei». Nachdem er vergeblich zwanzig Tage laug zu Wilna die Rückkehr des Boten erwartet hatte, und nur die öde Stille und die Einsamkeit aus seine Fragen antwortete», entschloß er sich endlich, Wilna zu verlassen und gegen Witepsk loszurücken. Vom Gipfel der Anhöhen, welche diese Stadl beherrschen, und dem Flußbett der Dwina hinter - der Stadt hatte er die Freude, die unzähligen Wachtfeuer des russischen Heeres zu erblicken, welches auf den Hügeln hinter der Stadt in Stockwerken gelagert war. „Bis morgen uni fünf Uhr Morgens," rief Napoleon freudig aus, j.das soll uns die Sonne von Austerlitz sein!"