Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 43 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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. Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 4K. Auch in anderen Gemeinden Westpreußens ünd Posens ist das Interesse für den Hilfsverein ein sehr reges. So finden unter Anderem am 30.^ November in B r o m b e r g, am 1. Dezember in P o s e n öffentliche Propagaiidavcrsammlungeii für den Hilfsvercin statt. In diesen Versammlungen werden voraussichtlich die beiden ersten Präsidenten des Hilssvcreins der Deutschen Juden, die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan, als Ncdncr fungieren. Königsberg. Besondere Kennzeichen: Jude. Hinter dem flüchtig gewordenen Kassenboten Cohn ist seitens der Königsberger Staatsanwaltschaft ein Steckbrief erlassen worden. In diesem Steckbrief, der im Amtsblatt der. königlichen Regierung zu Königsberg vom 27. Oktober d. I. abgedruckt ist, heißt es nach der Personalbeschreibung: Besondere Kennzeichen: Jude. Die „Königsb. Hartg. ZtgT bemerkt dazu: „Es geschieht unseres Wissens zum ersten Mal, daß seitens einer preußischen Behörde die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion amtlich als besonderes Kennzeichen erklärt wird. Unsere jüdischen Mitbürger dürften sich einen derartigen Mißgriff energisch verbitten. Was sagt der Justizminister zu dieser schönen Blüte am Baume der Rechtspflege?" Oesterreich-Uugarn. E. Wie«. Der Baron N a t h a n i e l v. Rothschild hat, von dem Wunsche geleitet, das von seinem Baker erbaute und von ihm und seinen Brüdern erweiterte Rothschild-Spital in Wien seiner edlen Bestimmung ini erhöhten Maße zuzuführen und die Möglichkeit zu bieten, einer größeren Anzahl unbemittelter Kranker Aufnahme zu gewähren, sich bewogen gefühlt, für diese humanitäre Anstalt neuerlich zum Zwecke einer möglichst vollständigen Ausnützung des vorhandenen Belcgraumcs und insbesondere zur dauernden Erhaltung von 50 F reibe t t c n ein Kapital von 2,000,000 Kronen zu spenden. Der Baron hat erst im vergangenen Jahre für Zwecke der A l l g e m e i n e »Poliklinik in Wien cjne Million Kronen gespendet und im Jahre 1901 sein Schloß stci Rezchenau in Niedcröfterrcich für invalide Offiziere zur Verfügung gestellt. Das Rothschild-Spital liegt auf dem Währinger Gürtel und ist eine Stiftung des sel. Ans elkn^Frei Herr von Rothschild. Erbaut wurde es 18,0—1873 und in den Jahren 1899 bis 1901 durch Stiftungen der drei Brüder Albert (Wien), Ferdinand (London) und Rathaniel (Wien) um eine chirurgische und gynäkologische Abteilung vergrößert. Trotz seiner 150 Betten erwies sich der Belegraum als unzureichend. Der Leiter des Spitals Hof rat Professor Oser erstattete dem Baron Rathaniel Bericht darüber, und da sich derselbe darüber klar loar, daß nur eine ausgiebige materielle Hilfe dem Nebel abhelsen könne, hat er nun die Zahl der Betten um fünfzig durch seine Spende vermehrt. L. Wien. Neue Redeblüten der Antisemit e n i m n i e d c r ö st e r r e i ch i sch e n L a n dt a g: Abg. B i c l o h l a w e k (von den Kindern in den Armenhäusern).: „Na, Philosophie lverden wir's studieren lassen!" Derselbe: „Aber hören's ans! Der hat in der kleinen Zehe mehr Verstand, als Sie in Ihrer ganzen Glatze!" L a n d m a r s ch a l l: „Ich ersuche den Rednxr sortzufahren." Abg. Seitz: „Ich werde warten, bis . . ." Abg. Biclohlawek: „Bis ihm wieder was Dummes einsällt." Abg. Strobl: „Das ist kein Landtag, das ist eine Ranfbudc." Abg. Schneider: „Pfui, Judenknecht!" Abg. Strobl: „Achten Sie mein graues Haar!" Abg. Ritter von Troll: „Grau kan» jeder alte Esel werden." — Abg. Strobl: „Sie sind ein Wurstel" (zum Abg. Bielohlaivck). Abg. B i e l o h l a m e k (zu Strobl): „Sic sind ein ganz gewöhnlicher S c i f c n s i e d c r a g e n t." K. Budapest, 8. November. Die Mischehe blüht. Vorige Woche meldeten wir, daß in Budapest jährlich im Durchschnitt 150 Mischehen zwischen Inden und -Christen geschlossen werden, Wir müssen uns selbst berichtigen. Wenn es so weiter geht, kann man ruhig die doppelte Zahl ansctzcn. In der vergangenen Woche wurden von den Standesämtern iviedcrum vier Mischehen aufgebotcn. Wiederum war in zwei Fällen der Manu, in zwei Fällen die Braut jüdisch. Budapest. Macht geht vor Recht! Die hiesige neologe Gemeinde hat ihre Statuten in J>cm Sinne geändert, daß nur dasjenige Mitglied das Wahlrecht erhält, welches utn die Aufnahme in den Verband der Gemeinde nachsucht und nebst der Knltussteuer eine Einschreibe-Gebühr von 30 bis 500 Krönemzablt. . i Diese Aenderung geschah zu dem Zwecke, »in die iniiidcrbemittcltcn, zum Teil noch einigermaßen religiösen Mitglieder des Wahlrechtes verlustig zu ni a chcn. Die Gemeindegewaltigen verheimlichten es gar nicht, daß sie die ungerechte Steigerung darum einsühren, steil sie sich fürchten, die nutercn Schichten (im ncologen Jargon: das polnische Element) könnten gelegentlich einer Neuwahl die erbgcsesscne Repräsentanz, aus dem Sattel schlendern. Sic haben also die neue Bestimmung geschaffen und mit derselben erreicht, daß von 18 000 Kultussteuer zahlenden Mitgliedern ihrer Gemeinde nur etwa 8000 das Wahlrecht besitzen. Die übrigen 10000 haben sich teils aus Gleichgültigkeit, zumeist aber wegen der ihnen schwer fallenden oder aber sogar unmöglichen Einschreibe-Gebühr nicht als Gcmeindemitglieder aufnehmen lassen. Gegxn diese Vergewaltigung wurde an den Kultusminister ein Protest cingereicht. Wie die Allg Jüd. Ztg. berichtet, wußten die hochstehenden Gemeindemitglicder cs jedoch durchzusetzen, daß der Minister den Protest abgewiesen hat. Der abweisende Bescheid ist jetzt an die Stadtbehörde zurückgclangt' und enthält eine Begründung, die alles andere, nur keine Begründung genannt zu werden verdient. Es ist natürlich kein Wunder, daß zu der am 30. Oktober stattgehabten Rcpräsentantenwahl — cs kommen 147 zu wählende Repräsentanten in Frage — sich nur 1006 Wähler einfanden; auf die offizielle Liste sielen davon 969 und auf die konservative L i st e nur 37 Stimmen. ' Es ^ind grade die ncologen Juden, die sich über jede Vergewaltigung des Rechtes im allgeinein politischen Leben und ganz besonders, wenn es sie wegen ihrer jüdischen Wstammung betrifft, 'furchtbar ausregen. Sie sollten doch erst lernen, in ihrem ejgcnen Wirkungskreise die Rechte ihrer Rebcumenschen zu achten, ehe sie sich über das Unrecht anderer beschweren. Prag. In Prag sind dieser Tage vorbereitende Schritte getan worden, um ein jüdisches A u s - w a u d e r e r b ü r e a u zu gründen. Die hier Ankommenden sollen Rat und Hilfe sindcn. Tie russischen Auswanderer nehmen ihren Weg entweder über Wien oder Prag; in Prag machte sich der Mangel einer solchen Einrichtung fühlbar. R. Lemberg, den 6. November. In der gestrigen Sitzung des gafizischcn Landtags wurde der Antrag, auch einem Vertreter der Juden Sitz und S t i in m c' i m Landesschulrat zu geben, in zweiter und dritter Lesung a n g e n o m in e n. K. Lemberg, 8. Nov. (Toleranz). In der heutigen Sitzung des galizischen Landtags verlas Erzbischof Tcodorowicz namens des galizischen Episkopats eine Erklärung gegen das vom Landtag am vergangenen Samstag beschlossene Gesetz über die Organisation des galizischen Landesschulrats (siehe oben!), welchem fortan außer den Vertretern der katholischen Kirche, auch Vertreter der anderen G l a u b c n s g e n o s s c n s ch a f t e n als Mitglieder aiigehörcii sollen, jind gab seinem Bedenken über die aus diesem Gesetze entspringenden Gefahren Ausdruck. K. Trieft, 4. November. Morgen werden mit dem Dampser „Juli a" der llnionc Austriaca di N a v i g a z i o n e (F r a t e l l i C o s u l i ch), der 6500 Tons faßt, 1200 jüdische Auswanderer nach Ncw- Ijork fahren. Tie Schiffahrts-Gesellschaft lud ein Mitsglied der jüdischen Gemeinde ein, zum Teil an der Fahrt teilzuiiehmen und die Verpflegung der Volksbriwer persönlich zu kontrollieren. Auf den Schiffen der Gesellschaft sind jüdische Schlächter und jüdisches Kochpersonal eingestellt. Selbstverständlich ist die ganze Verpflegung rituell. Czernowit;. Der Selbst m ord ein es Einjährig-Freiwilligen. Zu dem von nnA in letzter Nummer initgctcilten traurigen Vorfall erfahren wir noch folgendes: In der Sitzung des Bukowinaer Landtages vom 26. Oktober wurde in einer Interpellation der Selbstmord zur" Sprache gebracht. Die „Bukowinaer Rundschau" schreibt: „Montag, 24. Oktober, fanden, wie täglich, am Nachmittage Exerzicrübungen der Rekruten statt. Gegen 3 Uhr kamen die dem Regimente zugcteiltcn Einjährig-Freiwilligen unter der Führung eines Kadctt-Ossiziersstellvertreters von der Kaserne her über die Stnrmwiese heranmarschiert und mußten, um aus den ihnen zngewicseneii Exerzierplatz, der sich in dem Raume zwischen dem botanischen Garten und der Schützenhöhc befindet, zu gelangen, einen inindestens anderthalb Meter breiten und einen halben Meter tiefen Graben einzelwcise übersetzen. Während nun die Einzelnen recht und schlecht, wie es eben ging, hinüberkamen, vermochte jedoch der Einjährig-Freiwillige Teitelbanm trotz alter Anstrengung nicht dem Befehle iiachziikommen. Indessen die klebrigen aus den Uebungsplatz ciltcii, blieb auf Befehl des Kadetten ein Korporal bei Teitelbanm, um die Turchsührung des Befehles zu überwachen. Teitelbaum versuchte ungezählte Mal, die llebung ausziiführen, siel jedoch, da er wegen seiner kleinen, das Miniinalmaß kaum überschreitenden Statur und seiner Schwächlichkeit dies nicht konnte, immer wieder in den Graben, wobei er sich bald die Beine, bald die Hände, auf die er fiel, mehrfach verletzte. Nstn kam ein Leutnant' vorbei und blieb, als er Teitelbaum ansichtig wurde, eine Weile stehen, u m d e n v e r g e b l i ch e n B e in ii h u n g e n des Einjährig-Freiwilligen z uz u sehe n. Er herrschtcTcitelbaumanuiidgabschließ» lich d em Korporal den Befehl, er solle in i t d e in „K c r l" f o l a ii g e ü b e ii, b i s e r über d c n G r a b e n werde springen können. Nach abermaligen ersolglosen Versuchen wandte sich der Einjährig-Freiwillige, in Schweiß gebadet und die Hände ringend, mit tränenerstickter Stimme an den Korporal: „Herr Korporal, ich bitte Sie, erlassen Sie mir den Sprung, ichwerdcmirnocheinen Fuß breche n." Darauf hatte der Korporal nur die Antwort: „Brechrn Sie beide FüHevaber springen müssen Sie. Im Spital werden. <5fc dann Ruhe haben..." Bald wurde der Korporal auf den Exerzierplatz'- kominandiert und durch einen Einjährigen abgelöst.. Und.nun begann die Tortur von neuem. Teitelbaum vermochte jetzt kaum mehr zu stehen, geschweige denn einen Anlauf zu nehmen und einen Sprung auszusühren, denn er hatte sich den rechten Fuß arg verstaucht. Aber springen mußte er! Eine volle Stunde wurde er gemartert. Ter ihn beaufsichtigende Einjährige sah schließlich ein, daß der Manu in einem solchen Zustande den Sprung nicht ausführen werde und führte ihn daher zu dem vorerwähnten Leutnant. Dieser aber sagte zu.Teitelbaum: „E n t-- wed'er Sie springen, oder Sie kommen in beit Sitte.)!!"' Teitelbaum, in die Kaserne gebracht, erkrankte. Bei der Visite wurde er pon einem Regiinentsarzte untersucht, der aus den Marodeschein schrieb: „Starke Herzschwäche, 124 Pulsschläge in - der Minute, sonst gesund, schonend zu behandeln." Ter Einjährige wurde: in den Arrest gesteckt und zum Rapport vorgelaörn.- Während er sich für denselben unilleidete, da inckw in tadelloser Kleidung erscheinen muß, benützte er' einen unbewachten Augenblick und brachte sich. in seiner Verzweiflung mit einem kleinen Taschenmesser drei 4 Zentimeter tiefe Stichwunden in der Herzgegend bei, die den sofortigen Tod zur Folge hatten. Frankreich. -r- Paris. Kriegsminister Andrö über die Behandlung der jüdischen Offiziere' in d e r. fran z ö lisch cn Armee. Im Gegensatz: zu seinem deutschen Kollegen, Herrn v.. Einem, hat General Andre kein Blatt vor den Mund genommen, als er von den Jntrigllen klerikaler Offiziere gegen ihre j ii d. K a m e r a d e n sprach. Die Ursache zu diesen Auslassungen gab eine Fntcr-- pellation von nationalistischer Seite über angebliche: Deniinziatioiieii im Heere. General Andre sagte an der betreffenden Stelle: „Wenn cs sich um israelitische Offiziere handelt, so geschehen unerhörte Dinge. In gewissen Regimentern bestehen wahre Jnquisitionsgerichte. Man zwingt die Offiziere ihren Taufschein vorzulegcn und schließt sie von jedem kameradschaftlichen Verkehr aus, solange sie dies nicht tun. Selbst an der Schwelle der Schule macht die Intoleranz nicht Halt. Ein Examinator gibt einem israelitischen Prüfling die ausgezeichnete Note vierzehn. Der Oberst aber erklärt, er wolle keinen Juden im Regiment haben, und setzt die Note willkürlich auf zwei herab. Ein Leutnant habe einem Kameraden Vorwürfe gemacht, weil dieser zum Begräbnis der (jüdischen) Frau des Präfekten gegangen sei. In Orleans hat der diplomierte Kapitän Picard, ein Jude, einen Kameraden gegrüßt, welcher den Gruß nicht erwiderte. Er sagte: „Ich grüße keinen Juden." Kapitän Picard forderte ihn. Er antwortet den Zeugen: „Ich schlage mich mit keinem Inden." Kapitän Picard beklagte sich bei seinem Obersten, dieser aber bat ihn, keinen Lärm zu machen', und schlug die Affäre nieder. Der jüdische Offizier wird dann- „in Onarantaine gelegt". Es werden verschiedene Anklagen gegen ihn erhoben, welche er nicht kennt. Der Minister erhält von diesem Falle aus indirektem Wege Kenntnis. Er fordert, daß man ihm das Resultat der Uiitersuchniig mitteile. Der Tivisionsgeneral anerkennt, daß die gegen den Offizier erhobenen Anklagen falsch sind und drückt demselben seine Achtung aus. So mußte man, sagt Andre, Vorgehen, um den verdächtigten Offizier zu rehabilitieren. Noch ein Faktum. In M ans steht Leutnant Glück im Verdacht, Israelit zu sein. Er wird boykottiert. Da wird ein preußischer Helm aus dem Waffensaal gestohlen. Man beschuldigt den Offizier dieses Diebstahls. Ter Oberst, bei welchem Beschwerde geführt wird, antwortet: „Sympathien lassen sich nicht kommandieren." Man versetzt den Offizier, aber in Maus bleiben jene Offiziere in Qiiarantaiiic, welche gute Beziehungen zu Glück unterhalten haben. Ich habe es, fügt General Andre hinzu, ungeachtet vierjähriger unausgesetzter Anstrengungen noch nicht erreicht, die Einigkeit in der Armee herziistellen und jene toleranten und herzlichen Beziehungen zu schaffen, welche so sehr wünschenswert sind." — r. Paris. Der Großrabbkner von Frankr eich Zadok Kahn hat an die Redaktion des „Signal" ein Schreiben gerichtet, worin er seine Ansichten über Trennung von Staat und Kirche, soweit sie den jüdischen Kultus berührt, ausspricht. Er sagt darin, er wäre förmlich erschrocken, als er den Artikel 8 des Gesetzentwurfes gelesen hätte. Denn die kleinen Gemeinden, die sich nicht selbst erhalte» könnten, .würden darin ihren Untergang besiegelt sehen. In Frankreich sei der jüdische Kultus vornehmlich in Paris konzentriert und verteile sich auch auf einige Hauptgemeinden wie Nancy, L Y o n, M a r s e i l l e, Bordeaux usw. Aber wie viele Departemenls gebe es in Frankreich, wo nur eine oder zwei ganz kleine Gemeinden existieren, welche entweder, um ihr Budget bestreiten zu können, von den reicheren Gemeinden oder gar direkt vom großen Konsistorium unterstützt werden müssen. Diese wären dann genötigt ihre bescheidenen Synagogen und Bethäuser zu schließen. .