Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 43 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42. t»n' 5n Bände und zeigt»» d«n, d»r dar'Gelb genommen, der Polizei an; es war kein Reservist, sondern ein kleiner Beamter. Man fand bei ihm 175 Rubel, die er geraubt hatte; die Polizei ließ ihn wieder laufen. Gegen 4 Uhr nachmittags nahm derselbe Haufen seinen Weg nach dem Gefängnis. Er wählte das elendste Gäßchen, zerstörte das Mobiliar in den Wohnungen, zerschlug die. Fensterscheiben und begab sich sodann nach der Tebrianskastraße. Die Einwohner dieser Straße erkannten unter den Räubern mehrere ihrer. Nachbarn wieder. Unter den 50—70 Mann, die die Bande noch zählte, gab es nur wenige oder gar keine Reservisten. Auch hier wurden die armseligsten Häuser verwüstet und 6 Läden ausgeplündert. Ein vorübergehender Jude erhielt einen Gewichtstein an den Kopf und erlitt einen Schädelbruch; er liegt sterbend im Hospital. Einige, die ihre Güter verteidigten, tourden seicht verwundet. Um 5 Uhr abends begab sich eine jüdische Deputation zum Gouverneur. Dieser versprach, daß im oberen Stadtteil alles ruhig sein solle, den Einwohnern der unteren Straßen sei er nicht günstig, weil es dort verdächtige junge Leute gäbe. Auf der Rückkehr sah die Deputation einen kleinen Haufen, verschieden, wie es scheint, von dem größeren, wie er ruhig, ohne daran gehindert zu werden, den Konfektionsladen von Charai im Theatergebäude ausplünderte. Um 9 Uhr abends sahen mehrere Einlvohner der oberen Stockwerke in den Häusern der Wietranaiastraße, wie man in dem Laden des Efros bei Licht arbeitete, und Stücke Tuch in den Hof einer Kirche warf; als man die Plünderer störte, ergriffen sie die .Flucht. In dem genannten Hofe wurde Vom Sonntag bis Mittwoch trotz aller Bitten keinerlei Untersuchung vorgenommen. Montag Morgen autorisierte die . Polizei die Kanfleute, die Läden zu öffnen; alles würde ruhig sein, da man entsprechende Befehle bekommen hätte. Als die Händler erwiderten, daß die Plünderung am Abend vorher in den äußere» Quartieren fortgedauert habe trotz des Versprechens, das der Gouverneur der Deputation gegeben hatte, antworteten die Polizeibeamten, daß. sie damals noch keine Instruktionen erhalten hatten. Die Läden wurden am Montag nicht geöffnet. Die Kaufleute versichern, daß der Polizeichef ihnen vorgeschlagen habe, ihm eine Gratifikation sür sein Eintreten zu beloillige». Sie hätten es alte abgelehnt. Montag und Dienstag ereigneten sich keinerlei Unruhen, obwohl gerade an diesen Tagen die Reservisten der umliegenden Districkte in der Stadt anlangten: nur in einigen, vereinzelten Fällen wurden noch Fenster eingeworfen." Am 22. Oktober und de» folgenden Tagen fanden gleichfalls Ausschreitungen statt in B o g u s - nawka, Bychow, Gor y- Gorki und M st i s - l a w l. Die russischen Zeitungen hüllen sich bis jetzt in tiefstes Schweigen über diese Krawalle. lieber den Judenkrawall in Alexandria, der am Versöhnungstage stattfand, bringen die „Petersburger Wjedomosti" erst jetzt einen ausführlichen Bericht. Es heißt darin wörtlich: „Aus Anlaß des Versöhnungstages verbrachten die in Alexandria lebenden Juden den ganzen Tag in der' Synagoge, sie konnten also gar keinen Anlaß zu irgendwelchen gegen sie gerichteten Ausschreitungen geben. Trotzdem brach an diesem Tage über die Juden ein entsetzliches Unglück herein. Ein Haufe Stratzenrowdies, verstärkt durch mobilisierte Reservisten, warf sich aus die jüdischen Läden und Buden und demolierte sie. Im Laufe einer Stunde waren mehr als zehn Handlungen demoliert, wobei man charakteristische Metamorphosen beobachten konnte: auf den Köpfen der Weiber sah man neue Tücher und an ihren Füßen neue Schuhe, während die Männer die Waren aus den Läden in Haufen hinanstrugen, sie auf Fuhren legten und sich mit ihnen cirtfernten. Der Raub wurde am Hellen lichten Tage vor den Augen aller vollführt. Das Gejohle und Pfeifen der Banditen erfüllte die Luft. Ein anderer Haufe wiederum plünderte in aller Ruhe ohne Geschrei die jüdische» Magazine. Als der Haufe sich aus deni Zuge durch die Stadt der Synagoge näherte, geschah etwas Fürchterliches. Wie es heißt, war die Menge durch abgegebene Revolverschüsse in die größte Aufregung versetzt worden. Sie stürzte sich in die Synagoge und drang auf die Betenden ein. Mehr als 20 Juden wurden verwundet, ein Frankfurter Israelitisch^ FamMenblatt. Jude ist bereits seinen Verletzungen erlegen. Im Moment der höchsten Gefahr kam der Priester Alexei Mexandrow den Juden zu Hilfe. Er erschien auf dem Platze vor der Synagoge mit den Kirchenbannern und begann einen Gottesdienst zu zelebrieren. Während des Gottesdienstes hielt die Menge mit dem Schlagen, Rauben und Plündern inne. Hiernach jedoch setzte der Haufe sein Zerstörungswerk sort. Weitere jüdische Geschäfte wurden erbrochen und geplündert, während andere die geraubten Waren fortführten. Erst in der Nacht hörte das Plündern auf. Am nächsten Morgen (wie gewöhnlich nach vollendeter Plünderung!) traf eine Sotnie Kosaken ein und stellte endgiltig die Ordnung und Ruhe wieder.her." Tie anderen nationalrnssischen Zeitungen, wie „Russj" und „Swjet" drucken ebenfalls Berichte über die Vorgänge in Alexandria ab, welche die Schilderungen der „Petersburger Wjedomosti" vollauf bestätigen. — Wie übrigens die „Jelisawetpredskija Nowosti" meldeten, ist die Notlage der durch die Reservistenplünderungen ruinierten jüdischen Familien in Alexandria unbeschreiblich, „Tausende von Personen sind buchstäblich ohne Brot und Obdach". Aus aller Welt. Deutsches Reich. Mainz. Das neuerbaute israelitische Hospital mit Pfründnerhaus ist mit einem Kostenaufwand von 170 000 JL, einschließlich der Einrichtung, vollendet und wird am 15. November in Anwesenheit der staatlichen und städtischen. Behörden eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben., Das Krankenhaus nimmt Kranke jeder Konfession auf.und gewährt die freie Aerztewahl; jeder -Kranke kann sich den Arzt seines Vertrauens nehmen. Die beiden Häuser liegen an der Gonsenheimer Hohl und sind von einem terrassenförmig angelegten herrlichen Garten umgeben. Ten Grundstock zu dem (Bau hat Herr D. E. Levinger gestiftet. Als 'Chefarzt wird Herr Tr. Hesdörffer tätig sein, i Aschaffenburg i. Bayern. Fällige Braut- : a u s st e u e r - S t i s t u n g. . Bewerbungen NM die Ende 1903 fällig gewordene Braiitaussteuer 1901/3 'aus der Wolf Goldnerschen Gutes-Stiftung sind im Laufe des November an Herrn Tistriktsrabbiner Dr. Wachenheimer einzureichen mit Beifügung: 1) eines Geburtsscheines, 2) eines Ausweises über den Grad der Verwandtschaft mit dem Stifter, 3) eines legalen Zeugnisses, daß. Bewerberin ' verlobt aber noch nicht verehelicht, eventuell des Nachweises der Genehmigung zu der schon erfolgten Verehelichung. '! Berlin. So sehr der bekannte Dresch-Gr'af P ü ck l c r die Prügel, die er unaufhörlich den Juden iu seinen aushetzenden Reden, zusagte, selbst einmal verdiente; so sehr ist es zu bedauern, daß er sie nun von einem Juden bekonunen hat. Tie Szene spielte sich, gestern Abend in: Vestibül des „Hotel de Rome" ab. Im Speisesaal des Hotels saß unser Freund Graf Pückler. Als der Graf nachher das Vestibül betrat, stellte sich ihm ein Juwelier L. aus einer größeren Provinz stadt entgegen und hieb mit. seinem Schirm auf ihn .ein. Das Hotelpersonal sprang hinzu und verhinderte so einen Kampf. Ter Angreifer erklärte, er als Jude sei, als er erfuhr, daß der sich entfernende Gast Graf Pückler wäre, von Wut ersaßt worden und habe so zugeschlagen. Der Graf trug eine blutige Stirnwunde davon. Neuere Berichte dementieren diese Darstellung; Gras Pückler war der Angreifer und Juwelier L. der Angegriffene. —1—. Berlin. Mischehen, die im Himmel geschlossen werden. Diese Woche wurde ein interessanter Prozeß hier verhandelt. Auf der Anklagebank saß wegen der Beschuldigung des Wuchers eine Frauensperson, die eine scharfe Psychologin zu sein scheint. Zu ihr kamen verschuldete Offiziere. Sie verstand es wohl, sie an sich zu ziehen, wenn sie wußte, daß sie in Geldverlegenheiten waren. Sic ließ sich die Adressen jüdischer Heiratskandidatinnen, die gern christlich heiraten möchten, so teuer von den Offizieren bezahlen, daß, wie cs in der Anklageschrift heißt, ein „auffallendes Mißverhältnis" zwischen ihren Leistungen und den daraus gezogeue» Vorteilen bestand. Drei Fälle standen zur Anklage. Der krasseste war der: Der damals noch aktive Premierleutnant Freiherr von Maltzahn machte im Herbst 1895 durch eine Dame die Bekanntschaft der Angeklagten, v. M. befand sich damals in größter Geldverlegenheit und hatte an 60.000 Mark Schulde». Sie riet ihm zu einer reichen, jüdischen Heirat und bewirkte seine Einführung in das Haus des Generalkonsuls Landau durch den Grasen v. Königsdorss. Dort lernte v. M. seine jetzige Frau, das damalige Fräulein Rosenfeld kennen. Die Angeklagte erhielt von Herrn v. M. einen Revers in der Höhe von 100,000 Seite 8. Mark, zahlbar vier Wochen nach der standesamtlichen Trauung. Nach Ansicht des Herr» v. M. hat die Angeklagte, außer einigen Darlehen von 500 Mark, im ganzen etwa 16,000 Mark für ihn zur Bezahlung von Schulden aufgewendet. Der glückliche Schwiegervater des Herrn v. M. schätzt die Summe auf 18—19,000 Mk., sie selbst spricht vv» 46,500 Mark. Der Revers ist später zurückgegeben worden. Zuletzt bekam sie 20,000 Mark ausbezahlt und für 4432 Mark Wein. Wie der Verteidiger richtig bemerkte, habe der Vorteil ganz auf Seiten des Herrn v. M. gestanden. Sein Schwiegervater, der Bankier Rosenfeld, ein Talermillionär habe seine Schulden gezahlt, sodaß letzter heute ganz schuldenfrei dastehe und ein Rittergut bei Stkaßburg besitze. — Ob Herr Rosenfeld ei» gutes Geschäst gemacht hat, wollen wir unerörtert lassen. Wir wollen nur die Bilanz ziehen. Allo: Vorteile: Ein christlicher Schwiegersohn, ein adeliger Schwiegersohn, ein Offizier als Schwiegersohn. Demgegenüber kommen einem Talermillionär die lumpigen paar tausend Mark nicht in Betracht. Und wenn einmal die jungen v. Maltzahns ihre Ahnengalerie betrachten werden, werden sie sich doch sagen müssen, daß der Rosenseldsche Einschlag ihrer Familie absolut keinen Abbruch getan hat. Und übrigens — an der Nase wird man das Rosenseldsche Element -en jungen Adeligen hoffentlich nicht ansehen. Berlin. Zur jüdischen Gemeindesteuer konnten bisher nicht alle steuerpflichtigen Juden in Berlin herangezogen werden, weil die Gemeinde keine Handhabe hatte, die Steuerpflicht der in Berlin wohnhaften Juden im einzelnen festzustellen. Der Polizeipräsident hat nun die Polizeireviere angewiesen, von den ihnen durch den geschäftssührenden Ausschuß der Berliner Stadtsynode zur Eintragung des Religionsstandes zugestellten Auszügen aus der Liste der Steuerpflichtigen Berlins eine Liste derjenigen Personen zusammenzustellen, die als Juden gemeldet sind; diese Listen werden von den einzelnen Polizeirevieren dem Vorstande der jüdischen Gemeinde direkt zugestellt. Infolge dieser Maßnahme dürste die Zahl der Steuerzahler in der Berliner jüdischen Gemeinde erheblich wachsen. R. Berlin. Die letzte Sitzung der Repräsentanten wurde durch die Mitteilung eingeleitet, daß die Staatsanwaltschaft auf den Antrag des Vorstandes um strafrechtliches Vorgehen gegen den Grafen Pückler- Kleintschirna weLen der in der Berliner Presse genügend charakterisierten Flugblätter umgehend dahin beantwortet habe, die Verfolgung sei schon vorher von Amtswegen eingeleitet worden. Der Ton dieses behördlichen Schreibens läßt durchklingen, daß der Staatsanwalt eine Aufforderung zmn Einschreiten gegen den Dreschgrasen von Seiten der jüdischen Gemeinde fiir überflüssig hält. Demgegenüber möchten wir betonen, daß die Vertretung der Berliner Judenschaft sehr wohl das Recht hatte, den Staatsanwalt an seine Pflicht zu mahnen, da jahrelang dieser vielleicht unzurechnungsfähige Graf und Edle sein Hetzwerk ungehindert fortsetzen konnte, als ob keine Staatsgewalt da gewesen wäre, die die Inden vor den Insulten dieses Menschen schützen sollte. Die Gemeinderepräfentanz hat ». E. nur ihre Pflicht getan, denn sie konnte nicht ahnen, daß jetzt auf einmal, entgegen der bisherigen Gepflogenheit, die Staatsanwaltschaft einen Grnnd zum Einschreiten gegen den gräflichen 'Antisemiten sehen würde. Berlin. Bekanntlich hat der Hilfsverein der Deutschen Juden mit der Durchführung der von ihm vorgeschlagenen Organisation der jüdischen Auswanderung a n S Ost-Europa bereits begonnen. Zu den iit_ Ostpreußen bestehende» Schutzkomitees des .Hilfsvereins sür durchreisende russische Juden, welche eine überaus rege und segensvolle Tätigkeit entfalten, sind in de» letzten Tagen neue Komitees dieser Art hinzngekommen. Um die gegenwärtige Lage auch an der Grenze in den Provinzen Westpreußen und Posen kennen zu lernen, .sandte der Hilssvexein der Deutschen Juden den Sekretär, Herrn A Meyerowitz, dorthin, und es wurden in vergangener Woche auch in den Städten T.horn, Gollub und Jnowrazlaw Schutzkomitees für durchreisende russische Inden gebildet. Tiefe Schutzkomitees, welche gleichzeitig als Lokalkomitees für den Hilfsverein der Deutschen Juden zu Propagaudazwecken sich konstituierten, sind seit einigen Tagen bereits in Aktion getreten. Eine große Anzahl von auswandernde» Glaubensgenossen sind durch diese Komitees befördert worden. Die Vorsitzenden dieser Schutzkomitees sind: In T h o r n: Herr D. Wolfs, in Gollub: Herr dlpotheker A. Riesenfeld, in Jnowrazlaw: Herr Leo D a v 1 d s o h n. In letztgenannter Genieindc fand auch eine öffentliche Propaganda Versammlung für den Hilfsverein unter dem Vorsitz des Herr» Stadtrat S a l o m o n s o h n statt. Nach einem Referat des Herrn Meyerowitz über Ziele und Bestrebungen des Hilfsvereins, wurde die Begründung eines Lokalkomitees für denselben einstimmig beschlossen. Es traten. auch eine große Anzahl von Herren dem Hilfsverein als Mitglieder sofort bei.