Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1904-11-11 · Heft 43 (11.11.1904) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 43 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692358-2692401--01213-2695701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. sichten. Der Mensch darf also nicht als Maschine aufgefaßt werden. Er ist — Wie Kant verkündete — das Reich der Zwecke. Das ist das Prinzip des Sozialismus. Seine Aufgabe ist: die Idee der Menschen als Selbstzweck; als Idee der Menschheit. Hier entsteht eine Reihe '-tum Fragen, die eigentlich eine Frage ist: Wie verhält sich die Wirklichkeit zu dieser Aufgabe, zu dieser Idee? Bleibt etwa die Ausgabe nur ein frommer Wunsch, die Idee — bloß ein schöner Gedanke? Fordert doch die idealistische Geschichtsaufsassung, daß der Idee der Menschheit die Wirklichkeit der Geschichte gehöre. Wo, ist aber die Garantie für diese Forderung? ■ ’ Es hieß eben: die sittlichen Ideen müssen als Ursachen der Geschichte und Kultur aufgefaßt werden, sonst müßte man ja auf den Fortschritt der Menschheit verzichten. Gibt es aber einen solchen Fortschritt? ' Wir sagten im vorigen Kapitel: Die Kultur setzt sich Zwecke; sie ist auf die Zukunft gerichtet; , ihr Zweck in' der Zukunft ist und bleibt: die Idee des Guten. Aber gehört ihr wirklich die Zukunst? -Es wurde oben die Unterscheidung der Logik Von der Ethik in dem Unterschiede der zwei Seiensarten fixiert: Sein der Natur und Sein des Sittlichen. Gibt.es nun eine Korrespondenz zwischen Natur und Sittlichkeit? Das Sein des Sittlichen wurde als das Sollen erkannt, als das Sein des Willens. Ist diesem Willen das Sein der Natur versagt? Ja, bilden sie vielleicht gar einen Unversöhnlichen Gegensatz zu einander? Wir haben das -Primatum der Ethik ^verkündet: es soll eine Ethik-geben. Waren wir dazu berechtigt? Ist nicht die Ethik — wie gar viele in unserer Zeit sägen — bloß eine Erfindung unseres Gehirns, eine Erdichtung unserer Phantasie? Welche > Kompetenz haben wir nun, daß . das Lehrgebäude der Ethik kein Lustschloß ist? All diese Fragen bllden-daher eine Frage/ nämlich:' die Lebensftage der Ethik. Micht etwa: ob sie -existieren soll — darauf ^antwortete per-Primat; - aber: ob sie existiert, ob siesich -realisiert: Jenes * Sollen hätte keine Berechtigung, wenn ihm^ der Seinswert abgesprochen werden muß. "Da muß sich ein neuer Begriff einstellen, der die Garantie für die Realität-der Sittlichkeit zu leisten habe. Und dieser ist': die Gottesidee der Propheten. > $ * * Pessimisten und Quietisten sagen: das Sein des Sittlichen sei ein ewiges Einerlei.. Der Gang der -Kultur sei ein Schneckengang oder, gar ein Krebsgang : ein Schritt vorwärts . und. zwei - rückwärts. Hcraklit lehrt: Alles fließt in einem ewigen Kreislauf, in einem ewigen. -Wechsel. von - Wetterbranir und Wetterentstehung. Die...prophetische-.Gottesidee, die in der Messiasidee erläutert.wird, besagt:; es gibt einen Fortschritt der Sittlichkeit. Gott ist der Bürge für ihre Realität. Die Natur, ist ftellich keine Sittlichkeit. Der Wille, darf, nicht — wie es Schopenhauer tat — in die Natur verlegt werden...Aber - dem Willen muß das Sein der-Natur korrespondicrbar gemacht werden. Das will, sagen: die Sittlichkeit realisiert sich, sie wird Natur. - Die -Gotiesidce bedeutet so die '.Realisierung (des -Sittlichen. - Wenn daherder-, Primatder - Ethik .den ' Grundstein -ihres Lehrgebäudes bildete, soist: die - Gottesidee — der-SchdiUtein.il'DUrch diese wird: die Existenz < des -Sittlichen -rgewährleistet. p-rSoll? die - -Entropie- -bevorstehen, -darf sie — , fragt-Eohen- — - als--gleichbedeutend -gedacht-werden mitdem-Metterbrand, -dem-Wellenuntergang?.' Darf die.Ethik t bei - diesem-Verdikte - es? bewenden .,lassen?- oder;chat: sie auf -die-Forderung zu i-bestthenp-daß-daK Seini des Ideals' die-Ewigkeit zu:dedentenhabe? Die--Gottesidee ist-t; die'.Antwort: "Gott-istrewig; diär-Jdee r des. -Guten-wird mie aushören—und nnagauch, diL Well imtergehen.^DiemEwigkeitudes -Idealer -iste-gPchert v.durch^die-Vorsehung Gottesine der? NatursürdieSitllichkeit. ' Wir sahen bereitsin unsereniworigen-Kapitel, - - - daß diä-A est h e t i k-nicht nur» keinen Gegensatz! zur ' Ethik, - sondern ' "sogar - «eine ^"Korrelation -'unter-' ""einanderbildet: denn Wahre-Kunstist sittlich:-.Jetzt " können wir darin'die Korrespondenz von Matur und Sittlichkeit erblicken:..Eine-malerische, Landschaft ruft in uns erhabene Gefühle hervor. TaS^ Erhübe ne vereinigt das Schöne mit dem Guten. Es besteht eine innere Wechselwirkung zwischen dem Ethischen und Acsthetischen. Und so ist hiermit eine der Verbindungslinien zwischen dem Sein der Natur und dem Sollen des Wollen» bezeichnet. Wer dies kann doch nicht als Antwort auf die Frage nach der Realisierung des Sittlichen gelten: es wurde hier bloß der Moment des Zusammenhanges .zwischen Natur und Sittlichkeit angezeigt, damit ist aber die Garantie für die Realisierung der -Sittlichkeit in der Natur noch nicht gegeben. Erst die G o t t e s i d e'e kann diese Gewährleistung erbringen. 0 So besteht in der Gottesidee nicht blon ein methodischer Zusammenhang zwischen Logik und Ethik — der ja bereits in dem Postulat der Reinheit, im wissenschaftlichen Idealismus und in der Anwendung der Ethik als Logik der Geisteswissenschafteii erkannt wurde — sondern auch ein Zusammenhang inbezug auf die zwei selbständigen Inhalte der Probleme: Sein der Natur und Sein des Sittlichen. Denn die Gottesidee besagt doch: das Sein des -Sittlichen bleibt kein Phantom, sondern es realisiert sich im "Sein der Nätnr. So besteht eine doppelte Korrelation des-Seins: zum Denken und zum Wollen. Die Gottesidee sichert für die Ewigkeit des Ideals die analoge Ewigkeit der Natur. Diese in der Gottesidee begründete Korrelation zu Logik und Ethik ergibt den-Begriff der Wahrheit. Wir sagten im vorvorigen Kapitel: in der Logik wird die Wahrheit begründet; im vorigen Kapitel heißt es hingegen: in der Ethik wird die Wahrheit ergründet. Gibt es also zwei Wahrheiten — und der Satz des Widerspruches? Wer wir wissen bereits: die Naturerkenntnis, allein ist nicht Wahrheit und ebensowenig die sittliche Erkenntnis alein. So eng ist der Zusammenhang dieser zwei Erkenntnisarten. Freilich ist der Ausgangspunkt der-Logik in den mathemattschen Naturwissenschaften, als Prototyp der reinen Erkenntnisse, aber sie erstreckt sich, auch auf die Geisteswissenschasten — z. B. Rechts- und Geschichtsphilosophie — deren Logik die Ethik bildet. Es muß also einen sie verbindenden Begriff geben. Und so besteht in der Gottesidee die innere Korrelation von: Sein und Sollen, Natur und Sitllichkeit, Logik und Ethik. Das will.sagen: das Sollen hat ein Seinswert, die Sittlichkeit realisiert sich. Im nächsten Kapitel wollen wir die Wertschätzung der M e s s i a s i d e e in der Ethik Cohens untersuchen, wobei der ethische Wert des Judentums und dessen Fruchtbarkett für die Kultur. behandelt -werden soll. Nach der Darlegung-halten wir uns eine Kritik vor.*)) -\C Die^jwgstenAusschrettttVgett gegen die Inden. Brief ans Rußland. Gegenüber den .Misstreuungen der russischen Regierung, .als seien die gegenwärtig von,,, ollen Setten, gemeldeten Ausschreidingen gegen die Juden hauptsächlich bas Werk der für den. Krieg eingezogenen Reservisten, die abwechselnd, über die. jüdischen Händler, die..jüdischen Revolutionäre oder die jüdischen Deserteure, in - Wut.- geraten, perdient ein Privatbericht -.über „hie. Unruhen in, Mohilew besondere Be« -Achtung. Man. erfährt,..aus.Mm,...daß es.jn,Wirklichkeit >ber .Pöbel der.Städtz ist, - der, geringe, pnd dervornehme,,-der im. ..Bunde Mt. den ^Behörden seine längst gehegten Gelüste hesrjedigs, Die.M.obilmachnng d i.e n.t .a l s. ,s ch ö-n st e. Gel e g e n h e it z n- .P lLnLeru.n ge n u.n d^ .E rp ress u n g e tu. Die -L e greif siche; Erreg.«ng.de r. Re servisten so ll n ach.d em.^Wunsch der Obepen *) Berichtigun g..Es.sind.f.olgende.irresührende Druckfehler zu verbessern: In Kapitel I dieses Aufsatzes» ist-änstatt ,,terribils-ckietu": ,/borribiIs ckietn"' zn lesen; in Win. 3) desselben Kap: niußes,,heißen: ^das.LPLoblem^derLjüd<-.S.ittenlehr<, in,dep. Monatsschrift für Geschichte.und Wissensch. d. I.- 1899. Api Kapitel' II ist anstatt '„Genieschwänge" —;,Genieschwünge"-zu lesenibid. inder-Anm: 2) Z.-22—23-soll es-lheißentrj/Damnchatr'Cohew-nochrsirlgende-.Schristen und.. Aussätze. philosophischer Natur (von "denjenigen phllosophischen Werken undWfs ätzen, die ausschließlich -jüdischen Inhalts sind, wird hier abgesehen) versaßt" usw. — Nr. 48. aus die Juden ab gelenkt werden, damit He nicht,politisch zum Slusbrnch kamnpe. Dieser Privatbericht meldet aus Mohilew wie folgt: „In der Rächt zum Samstag, 22. Oktober, kam der Befehl zur Mobilisierung. Am Samstag gingen junge Leute von verdächtigem 'Aussehen, die ihrem Alter nach, keine Reservisten zu sein schienen, in kleinen Gruppen in den Straßen Wietrenaja und Solowskaja auf und ab, warfen ans die vorübergehenden Juden Steine und traktierten fie'init Stockhiebe». Mau versichert positiv, daß die Gehülfen der Kommissare die Juden, die slüchten wollten, sesthielten, damit die Angreifer sie besser erreichen konnten. Diejenigen, die sich an den Polizeichef wandten, erhielten zur Antwort, er betrachte diese Ereignisse als gerechte Strafe dafür, daß die Juden der Regierung gegenüber eine unsichere Haltung einnähmen und sich dem Militärdienst entzögen; er rate allen, sich zu verstecken. — Währenddessen, war auch noch das Gerücht verbreitet worden, daß die Juden einen Reservisten getötet und daß sie in der Vorstadt Karabanowka 68 Männer niedergemetzelt und deren Habe fortgeschleppt hätten. Es war nun für Jeden augenscheinlich, haß diese Gerüchte den Zweck hatten, den Pogrom (Krawall) vorzubereiten. Die geängstigten Inden wandten sich wiederum an den Polizeich.es, und man versichert, daß ihm hierbei ein Geldgeschenk gereicht, nach andern bedingungsweise zugesagt wurde. Sonntag früh erschien-folgender Anschlag: B e k a n n t m a ch. u n g! Da in der Stadt Gerüchte verbreitet sind, daß während der Unruhen einige Personen schwer verwundet wurden, so erkläre ich, daß diese Gerüchte falsch sind. Es fand gestern nur eine gewöhnliche, ganz unbedeutende Schlägerei statt. Der Polizeichef von Mohilew R o d i o n o w. Dennoch erhielt man Sonntag Morgen die Kunde, daß ein kleiner Haufen von etwa 50 Leuten im Zuge sei, -Unruhen zu. provozieren; all?» junge Männer, daruister. besonders Journalisten,-, .die Jeder hier kennt, Beamte mit ihren Abzeichen, Schüler der städtischen ^Schule, auch einige -Schüler des Gymnasiums upd - der Realschule,-, die. der.-Spektakel vielleicht interessierte; nur ävenig Peseäwisten. Diese Bande erbrach einige Läden-des Bazars-und raubte die Waren. Eine .Soldatenabteilung, .die herbeigerufen wurde, blieb nntättg. Tie Polizei.beschränkte sich darauf, die erbrochenen Läden.wieder zu schließen, - um die Spuren.der Plünderung zu.verwischen. (Die Eigentümer hatten die Läden vorher,in Erwartung des Pogroms , geschlossen.) Die Bande verließ nun den Bazar, und wandte sich( nebenan zur Straße Krasnopolskaja. In der-Straße Krasnopolskaja zerschlug die B.ande, die Fensterscheiben und zerstörte alles Mobiliar auch in den .Wohnungen der Aermsten. Den Polizeichef Rodionow, der nunmehr a u f d e m P l a tz e erschien, führte die Bande im-Triumph mit sich, Man erzählt, daß er ihr ein Trinkgeld gegeben habe, die einen sprechen von 15, die andern von 75 Rubeln. Den Juden, die ihn um Hilfe anslehten, antwortete er: „Verteidigt Euch selbst." Ter Bande rief er zu: „Amüsiert Euch gut, Ihr-Gassenbuben!"-In diesem Augenblicke näherten sich etliche jüdische, junge-Leute, bewaffnet mit Gewichten, Stößeln und Pflöcken und nur wenig Feuerwaffen.:Die Polizei, die die Plünderer gewähren ließ, nahm alle jungen Israeliten auf den Straßen fest und fieß jeden abführen, bei dem sie etwas-Waffen ähnlich es fand. Von „der Straße Krasnopolskaia aus erreichte der Haufen — es. waren, soweit ich erfuhr, immer dieselben Leute — den Bazar Bychowski, wo wiederum auch die ärmsten -Läden ausgeraubt-wurden.' Sodann wurde eine regelrechte-Plünderung in-Szene gesetzt in der-Straße T-ubrowenka, die von einer außerordentlich armen Bevölkerung bewohnt svird, und-Jeder, der sich zur Wehr setzte,, wurde mißhandelt; doch waren das nur wenige. Hingegen leisteten die Juden in der- Schumlowkagasse energischen Widerstand, und die Plünderer zogen sich .zurück, ohne etwas, zu berühren. Auf dem: Wege...nach.-dev uWilenskaiastraße , erbrachen..sie. die .Konfektionsläden und eigneten sich . auch. bas Vorgefundene .Geld an. Einige jüdische Augenzeugen folg-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.