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Neue jüdische Presse · 1904-11-11 · Heft 43 (11.11.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 43 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Sitantynztex- Israelitisches Famlieatlatt. Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In-und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise stehe Schluß des redaktionellen Teiles). Hed-Kttorl wrt Geschäftsstelle: Frankfurt a. nr„ LeiligKeuzgaße 52, Lcke Llaxperfeldstraße (gegenüber der Urnen Zeit). -!-äg-Serausgeöer: Salr; G>eis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, Len 3. Ll88lev L66ö (11: November 1904). No. 43. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Hermann Cohen, von Jacob ben Elijah. — Die jüngsten Ausschreitungen gegen die Juden. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus bewegter Zeit, Erzählung von R. — Briefkasten. Hermann Cohen. Die prophetische Gottesidec. Bon Jacob ben Elijah. Wir waren bereits darauf aufmerksam: das philosophische System Cohens fordert und begründet die Selbständigkeit der Ethik gegenüber Logik und Psychologie. Geheimrat Professor Hermann Cohen. .Freilich ist der Wille sowohl mit dem Denken' als mit dem Affekt verwandt, aber er wird in diesen 1 zwei Momenten keineswegs erschöpft. Der Grundfehler der spinozistischen Ethik besteht eben in ihrer Jdentitätslehre von latsllsotus und Voluntas: Niemand fehle freiwillig; das Verbrechen sei ein logischer Irrtum. Der Wille konnte daher kein selbständiges Problem bilden, da er bereits im Problem des Denkens enthalten sein sollte. Durch diese Gleichsetzung der theoretischen und prak- '.tischen Vernunft wurde das Interesse der Logik ebenso wie das der Ethik verletzt und geschädigt. Dieser Verlust der Selbständigkeit und somit der Ursprünglichkeit bedeutet den Verlust der Erzcugungskraft und somit der Fruchtbarkeit. So mutzte die Logik durch Aufhebung der Metaphysik in Ethik — wie unser zweites Kapitel hervorgehoben hat — der romantischen Philosophie der Intuition preisgegeben werden. Die Ethik konnte dabei auch nichts gewinnen; vielmehr erwies sich in diesem Identitäts-System die Sterilität der Ethik für die Geisteswissenschaften. Denn ist die Erkenntnis des Guten (oognitio boni) ein Affekt,, so konnte die Parole Hobbes «ine berechtigte Anwendung finden: Recht ist Macht. Daher muß. die, Ethik. als Ethik des reinen Willens verkündet werden. Wille ist weder Denken noch Begehren. Er darf nicht in die Gesinnung . verlegt werden: hiermit wird er zum Denken irivilliert. Der Wille darf nicht in: Triebe gesunden werden; der Affekt ist bloß der'Motor, nicht aber der Faktor des Willens; also nicht Inhalt des Wollens. Der Wille ist rein: er ist Ursprungswille. Nichts Gegebenes hat er zu seinem Inhalt, sondern der Wille mutz seinen Inhalt erzeugen. Diese Tendenz ist daher als Aufgabe zu bezeichnen. Nicht etwaige Gaben seitens des Denkens oder des Affektes, sondern — Aufgaben bilden den Inhalt des Willens. Die Aufgabe ist auf die Zukunst gerichtet; also ist der Wille rein vom Gegebenen, frei von Vormundschaft. Dieses Motiv der Reinheit, der Freiheit, ist das Motiv der Selbständigkeit, der Unabhängigkeit. Denn diese Selbständigkeit der Ethik besteht in der Selbständigkeit ihres Inhalts: das Objekt der Logik ist das Sein der Natur, das Objekt der Ethik — das Sein des Sittlichen. Diesen zwei Seiensarten müssen zwei selbständige Probleme entsprechen. Daher hat Kant das Sein des Sittlichen als das Dollen von dem Sein der Natur streng unterschieden- Schon die Identität von Sein und Denken läßt die Jdentitätslehre von Sein und Sollen nicht zu; sonst müßte das Denken gleich Sollen gesetzt werden. Und so ist der Gegenstand der Logik: die Natur; der der Ethik: der Mensch. Die Menschen sind keine Naturkörper, keine mathematischen Figuren — wie sie etwa in Spinozas Ethik ausrehei^ die mors gsomstrieo verrät diesen methodischen Fehler. In der Ethik des reinen Willens handelt es sich aber nicht um den gegebenen,isolierten Menschen; dieser gehört der Psychologie an, sondern um den sollenden, sozialen Menschen. 'Der leibhaftige Mensch der Psychologie ist isoliert; bas Individuum der Ethik bedeutet die Korrelation zur Gemeinschaft. Denn es entsteht in der Wlheit: der Begriff des Menschen entsteht im Begriffe der Menschheit. Und so entdeckt die Ethik in der Idee der Menschheit, der Allheit — die Idee des Menschen, des Individuums. Denn in den Handlungen offenbart sich der Mensch, in ihnen vollzieht sich die Selbstentäutzerung des Willens. Also hat die Ethik als Kritik der praktischen, der handelnden Vernunft die Idee des Menschen als das Subjekt der Handlung zu erzeugen. Man dürfte vielleicht daher die Formel prägen: Logik ist Logik des ObjMs, Ethik ist Logik des Subjekts. Hiermit würde auch die Verbindungslinie zwischen Ethik und Rechtsphilosophie präzisiert: Ethik ist Logik des Rechtes. Kommt es doch ja in der Jurisprudenz auf die Handlung an, in der die Einheit des Rechtssubjekts und des Rechtsobjekts besteht. So muß die Selbständigkeit der Ethik gegenüber Logik und Psychologie anerkannt werden: das Sein der Ethik ist nicht das Natursein der Logik, der Mensch der Ethik ist nicht der Naturmensch der Psychologie. Soll nun diese Selbständigkeit der Probleme eine gegenseitige Relation ausschließen? Fordert doch vielmehr die Einheit des Kulturbewußtseins einen Zusammenhang unter den verschiedenen Arten der Erkenntnisse. Und operiert denn nicht die Ethik mit Begriffen — also: mit Instrumenten der Logik? Ist doch ja die Ethik — Logik der Geisteswissenschaften; sie ist moralisches Erkennen, praktische Vernunft; sie ist also nicht etwas S e l b stverst ä n d l i ch e s, sonder» bedarf der Begründung. Und wie soll diese nun ohne Logik von statten gehen? Wir sagten oben: das Motiv der Reinheit der Ethik ist das Motiv ihrer Selbständigkeit. Diese Verbindung weist bereits auf den Zusammenhang der Ethik mit der Logik. Denn das Denken wurde als reines Denken, als Ursprungsdenken siriert, >vie der Wille als reiner Wille, als Ursprungswille gelordert wird. Also ist das Postulat der Selbständ i g k e i t gleichzeitig das Postulat des Z u s a m m e n- Hanges: Selbständigkeit inbezug auf Inhalt, Zusammenhang inbezug auf M e t h o d e. Dieser methodische Zusammenhang hat sich — wie wir ini vorigen Kapitel ausführten — als Leitung vom erkenntnistheoretischen Idealismus zun: ethischen Idealismus bewährt: Das Denken als Erzeugung des Seins legitimiert die Idee als Ursprung des Denkens und somit den wissenschastliche» Idealismus der Ethik. Es ist nicht von ungefähr, daß Plato» der Urheber der klassischen Logik und auch der Schöpser der Ethik ist. Denn die Ethik ist die Logik der Menschenwelt. - So ist die Verbindung von Logik und Ethik neben der Bewahrung ihrer Selbständigkeit durchgeführt worden. Aber soll dieser Zusammenhang bloß in der Methode bestehen? Dars es dabei sein Bewenden haben? ' Wir sahen ja, daß der erkenntnistheoretische Idealismus zum ethischen führt. Und dieser wiederum — muß er denn nicht zu der idealistischen Geschichtsauffassung leiten? ' Die Materialisten sagen: der Mensch sei eine Maschine; er sei W i r k u n g der Wirtschaft, nicht ihre Ursache. Societe als Wirtschastsgesellschaft (nicht Societas) bedeute also Kausalität. Der Wille des Individuums sei durch die Gemeinschaft bedingt. Und so hebt Rousseau die Verantwortlichkeit des Jndivr. duums auf; denn das Milieu habe an Allem schuld: Der Mensch sei von Natur aus gut, die Gesellschaft mache ihn schlecht. Diese Theorie stützt sich nun auf die Moral-Statistik, die sogar als „göttliche -Ordnung" verherrlicht wird. Diese Statistik — meint man — beweise doch klipp und klar, daß auch die Willenshandlungen im Causalnexns stehen: der Wille wird durch die sozialen Verhältnisse bestimmt und geleitet. Also: keine Willensfteiheit. Durch diese Bedingtheit wird der Mensch gedingt. So ist hiermit die Kulturgeschichte zur Naturgeschichte degradiert. Das ist die Materialist i s ch e Geschichtsauffassung, die i d e a l i st i s ch e aber hat als ihr Prinzip: Freiheit des Willens. Tie Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der fteien Willenshandlungen. Freilich ist der Mensch von der Wirtschaft nicht zu isolieren, aber seine sittliche Freiheit braucht deshalb noch nicht geleugnet werden. Die Moral-Statistik ist doch ja keine Maschinen- Statistik; sie will die Moral verbessern; sie kann es doch nur durch die Voraussetzung der Willensfreiheit. Die sittlichen Ideen müssen als die Ursachen der Geschichte und Kultur aufgefaßt werden, sonst müßte man ja auf den Fortschritt der Menschheit ver»

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