Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1904-11-04 · Heft 42 (4.11.1904) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 42 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692358-2692400--01196-2695682
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 42. Frankfurter JsraeMschÄ Familienblatt. Seite 3. Ausnahme, als speziell für diese Gebiete der Detail- Handel in Branntwein usw. unter die konzessionierten Gewerbe eingereiht wird. Tie Konzession berechtigt den Besitzer lediglich zum Handel mit den aufgezähkten geistigen Getränken, und zwar in handelsüblich verschlossenen Flaschen. K. Czernowitz» 25. Oktober. Selbstmord eines Einjahrig-Freiwilligen. In der Erzherzog Eugen-Kaserne hat sich heute der ans Lemberg gebürtige Einj.-Freiw. Heinrich Teitelb a u m vom 55. Jnf.-Reg., der dem 41. Jnf.-Reg. zur Ablichtung zugeteilt war, mit seinem Bajonett erstochen. Teitelbaum gab wiederholt an, daß die Vorgesetzten es offenbar auf ihn abgesehen hätten und ihn mehr als die anderen sekkierten. Er wurde wegen Simulierens bestraft. In der Abgeschlossenheit dürften die Selbstmordgedanken in ihm aufgetaucht sein. Es gelang ihm nämlich auf bisher unaufgeklärte Weise aus dem Arrest zu entkominen. Er ergriff unbemerkt ein Bajonett, stützte es an die Wand und stürzte sich dreimal ans dasselbe, wodurch er sich Stiche in der Brustgegend beibrachtc. Nach dem dritten Stich siel er entseelt zu Boden. Der Vorfall hat in Czernowitz große Bewegung hervorgerufen und wird in der dortigen Presse lebhaft besprochen, lieber den Vorfall berichtet das „Czernowitzer Tagbl.": Teitelbaum war von auffällig kleiner, schwächlicher Statur, svdaß ihm der Gewehrkolben bis zu den Knöcheln herabging. Er wurde deswegen auch vor eine Neberprüfungskommission am 19. d. gestellt, die ihm jedoch das Kalkül „fortdiencnd" gab. Er rückte hieher am 23. ein und Montag, den 24. d. früh begann seine Abrichtung. Man wollte diese Verspätung einholcn und verlangte von Teitelbaum physische Leistuugeu, denen er nicht Nachkommen konnte. Er soll wiederholt vor Erschöpfung zusammengestürzt sein und mit Tränen in den Augen um Schonung gebeten haben. Gleich am ersten Tage soll ein Unteroffizier mit dem schwächlichen Einjährigen bis 9 Uhr abends schwere GelenksHbunge» vorgenommen haben, sodaß er dann völlig zusammenbrach. Als er am folgenden Tag vom Jnstruktionsofsizier wegen angeblichen Simulierens zum Regimentsrapport bestimmt wurde, von dem er als.junger Soldat die härtesten Strafen befürchtete, geriet er in Bcrzweiflung und Verwirrung und entleibte sich. Teitelbanni tvar der Sohn des Regimentsarztcs a. D. Tr. Teitclbanin' in Brzezany. Er hatte sämtliche Studien von der -1. Nornialklasse angesange», sowie drei juristische Staatsprüfungen und zlvei Rigorosen mit Anszeichnung absorbiert und die Lcinberger Fakultät stellte ihm die Promotion sub auspiciis imperatoris in Aussicht." Donnerstag nachmittag fand vom Truppenspital in Czernowitz aus das Leichenbegängnis Teitelbaums statt. An demselben nahmen Oberst Dworzak mit den übrigen Offizieren, ein Ehrenzng, die Einjährig- Freiwilligen, Oberrabbiner Dr. Rosenfeld, sowie zahlreiche Traucrgäste teil. Das genannte Czernowitzer Blatt berichtet darüber: „Es gewährte ini Hofe des Truppenspitals einen geradezu herzzerreißenden Anblick, als der greise Vater des Selbstmörders, der Regimentsarzt a. D. Tr. Teitelbanni vor der Front der anwesenden Offiziere die klagende Stimme erhob und dem Oberst znrief: „Herr Oberst, ich bin Soldat gewesen und habe vielleicht niehr davon Kenntnis (ans die Ossizicre hinweisend) als jene Herren dort. Wenn man dem Marodebuch gemäß, einen Freiwilligen behandelt hätte, Sie hätten mir den Sohn erhalten! Wenn mein Sohn den ersten Tag nach seinem Einrückeu der Vorschrift des Marodebuches gemäß behandelt worden wäre, so wäre er einen Tag marod, ich hätte meinen Sohn, das Vaterland wäre reicher um einen treuen Diener und nur ärmer um den Dienst eines Tages, den der junge Rekrut hätte leisten können! So ungefähr sprach der Greis und fügte hinzu: „Ich bin kein Mensch, der sich mit Kleinigkeiten äbspcise» lasse» wird, ich drohe nicht, ich werde den Weg des Rechtes finden." Oberst D w o r z a k erwiderte, daß er die st r e n g st e B e st r a f u n g der Schuldigen verfügen werde. Rußland. K. Odessa, 18. Oktober. Gestem früh um 7 Uhr fand vor dem Abmarsch des 60. Zamockischen Infanterie-Regiments auf den Kriegsschauplatz mit besonderer Bcwilliguug des Regimentskommandos ein vom Stadtrabbiner D r. K r e p s für die j ü d i s ch e Mannschaft abgehaltener Feldgottesdienst statt. An diese», Gottesdienste, der vor dem ganzen, mit der Reginientsfahne in Marschformationen aufgestellten Regimente abgehalten wurde, nahmen der kommandierende Generalleutnant Baron Kaulbars, die Stabs- und Oberoffiziere und Vertreter der jüdischen Gemeinde teil. Nach Absinguug einiger Psalmen durch den Tempelchor, trat Stadtrabbiner D r. K r c p s mit der dem Regimente gespendeten, in einer goldgestickten Hülle befindlichen Thorarolle vor die Front, verrichtete das Gebet für den Zaren, segnete die abgehende Mannschaft und hielt eine Ansprache, die er mit folgenden Worten schloß: „Diese alte Thora, die schon einmal unversehrt aus der Mandschurei zurückgebracht wurde, übergebe ich Guch mit der Bitte zu . dem Allmächtigen, daß Ihr, geliebte Brüder, mit diesem Zeichen des Glaubens in Bälde als Sieger zu den Eurigen wohlbehalten heimkehreu und von allen als Helfer zur Errettung und Beschützung des uns so teuren Vaterlandes angesehen werden sollet. Das walte Gott! Amen!" Nachdem sodann ein Soldat Kaddisch gesagt hatte, küßten sämtliche jüdischen Soldaten tränenden Auges die Thora, welche in einem Metallbehätter verwahrt, dem Regiment übergeben wurde. Bei der Einwaggonierung wurde jeder jüdische Soldat mit drei Rubeln und einem Gebetbuch bedacht. Ter Stand der jüdischen Soldaten im 60. Jnf.- Regt. beträgt über 40 Prozent des Gesamtbestandes. Bialyftok. Wieder ein russischer Gewaltakt. Eine, neue Heldentat der russischen Polizeiorgane melden die „Letzten Nachrichten". Ms am zweiten Laubhüttensesttag eine etwa 300 Köpfe zählende Schar indischer A r beiter, nach einer im Freien abgehaltenen (sozialistischen) Versammlung, nach der Stadt zurückkehrte, wurde sie in der Dunkelheit im Walde von einer starken Polizei-Mteilung plötzlich überfallen.. Die Schutzleute haben sich vorher versteckt gehalten und waren alle in dunkler Kleidung, um nicht Lurch die blanken Teile der Uniform vorzeitig verraten zu werden. Auf den Befehl, zu halten, blieb die Arbeirermenge ruhig stehen, ohne etwas Arges außer den in diesen Fällen üblichen Verhaftungen zu ahnen. Es vergingen einige Augenblicke in Stillschweigen, und auf einmal siel eine Salve, ohne irgend welche vorherige Ausforoernng seitens der Polizei, die wie auf .Kommando ihre scharf geladenen Revolver auf die Menge abfeuerte. Herzzerreißende Schreie der in der Menge zahlreichen Frauen ertönten im Wald, es entstand ein panischer Schrecken, die Arbeiter flohen, die Polizisten hinterdrein, immerfort schießend und mit den Säbeln auf die Flüchtenden wütend einhauend. Tie Zahl der Verwundeten soll sehr beträchtlich sein. Die meiste» müssen aber ihre Verletzungen verheimlichen, um nicht nachträglich wegen Teilnahme an der Versammlung verhaftet zu werden; vonden drei, die man nach dem Spital brachte, hat einem eine Kugel die Schulter durchbohrt und zwei Mädchen sind von mehreren Kugeln getroffen und in der Brustgegend verwundet worden. Besonders haben die Arbeiterinnen unter der hinterlistigen Attacke der ordnungsschützenden Mörder gelitten und charakteristisch ist dabei, daß fast bei allen Verivundete» die Kugeln durch den Rücken in den Körper eingedruugcn sind — ein Beweis, daß die Polizei an einer flüchtenden, wehrlosen Menge ihre Tapferkeit bekundete. Es kann angesichts aller Umstände keinem Zweifel unterliegen, daß das Blutbad sorgfältig von der Polizei vorbereitet >var und nur auf Befehl der höheren Obrigkeit erfolgen konnte. Bialystok gehört zum Wilnaer Generalgouvernement, das bis vor kurzem von dem „liberalen" Swiatopolk-Mirski verwaltet wurde. Die nicht minder „liberale" Metzelei, die bereits unter der Ministerschaft des liberalen Mannes erfolgt ist, gibt nun allerdings einen respektablen Vorgeschmack dessen, was man sich von dem neuen Kurs im zarischen Ministerium des Innern versprechen kann. -11- Wirballen. MilGewalt nach demKriegss ch a u p l a tz. Dr. I u n o w i tz, der langjährige Praktische Arzt in W i r b a l l e n, wurde Mittwoch F r ü h 3 Uhr durch zwei Polizisten ans dem Bette geholt und nach M a r y a m p o l geschasst mit dem Befehl, nach dem Kriegsschauplatz zu gehe». Dr. Junowitz hatte bereits Befehl für die Mandschurei, er meldete sich aber krank und wurde jo dispensiert. Seine Abführung scheint a u f Grund einer Denunziation erfolgt zu sein. Nach einer anderen Meldung werden jetzt sogar die Spezial ärztc für — Frauenleiden zur Armee ausgchoben. Es halten sich in der Tat bei der Armee,besonders im Stabe von gewissen Herren, zahlreiche — sagen wir — Kr i e g s a m a z o n e n auf. Jekaterinoslaw. Die letzten Judenauss ch r e i t u n g e ii. lieber die neuerdings stattgefundcuen Meutereien der Reservisten in Jekaterinoslaw berichtet ein Augenzeuge in der „O s; w o b o s ch - denje" folgendes: „Am zweiten oder dritten Tage mich der Ankündigung der Mobilisation in Jekaterinoslaw wurde von einer Reservistennienge ein Schutzmann unter folgenden Umständen getötet: Tic Reservisten wurden in Erwartung ihrer weitere» Verfügung in eine Manege gesperrt, deren Eingänge von berittenen Schutzleuten bewacht wurden. Die Frau eines Reservisten, welche ihrem Manne noch etwas zu überreichen hatte, wollte zu ihm und als ein Schutzmann sie zurückzudrängen suchte, stieß sie sich mit Getvalt durch. Ter Schutzmann eilte ihr nach und versetzte ihr einen Schlag mit dem Säbel. Kaum war das geschehe», so - stürzten die Reservisten auf ihn los, rissen ihn vom Pferde und schlugen ihn dermaßen, daß er nach einigen Stunden seinen Geist aufgab. Ms man in der Stadt von dieser Gewalttat erfuhr, befürchtete man sofort ernste Unruhen. Die Polizei hatte offenbar den Kopf verloren, da sie keine „Vorbeugungsmaßregeln" getroffen hatte. Tie armen Reservisten schlenderten geplagt von Hunger und Langeweile, durch die Straßen und die Unmöglichkeit, sich selbst für Geld ein wenig Brot und Schnaps kaufen zu können, erbitterte sie noch mehr. Auf der Kosakenftraßc traf ich eine Menge Reservisten und man hörte, wie sie einander zuriefen: „Sie sind schon dabei! sie schlagen schon die Juden!" Auf der Fasarnajastraße stand ein Betrunkener, der mit heiserer Stimme und heftiger Gestikulation zu der ihn umgebenden Menge sprach: „Mir ist alles Wurst! Ich brauche nichts, gar nichts! In Scherben schlagen möchte ich alles! Laß alles zum Teufel gehen! Aber die Juden sollen heran! Denen muß man an de» Kragen! Wir werden in den Tod geschickt, und sie kaufen sich mit ihrem Gelde los!" Obgleich die Menge diese Worte ironisch aufnahm, hatte doch der Vorschlag, die Juden zu chlagen, ein williges Echo gefunden. Auf einmal hörte ich ein Gekreisch, ein Johleu und Lachen. Als ich. mich umdrehte, erblickte ich einen einzelnen Juden, welchen die nach Tausenden zählende Menge verfolgte. Noch ein Augenblick, und sie schlugen mit der ganzen Wut ihrer angesammelten Erbitterung auf ihn los. Es gelang dem Unglücklichen, sich endlich loszuwinden, aber zehn Schritte weiter, wurde ein anderer ergriffen und so fort. An der Ecke dieser Straße spielte sich eine andere Szene ab. Einen berittenen Polizeiwachtmeister, der vo» sechs Schutzleuten begleitet wurde, hatte eine große Reservistenmenge umzingelt; ein riesengroßer, starker Mann trat aus der Menge als ihr Deputierter hervor, und bat den Polizeiwachtmeister, die Schnapslüden aufzntun. „Erlauben, Wohlgeboren, gütigst, daß die Schnapsläden aufgetan werden; sonst nehmen uns die Juden für den Branntwein bas ganze Geld ab!" „Warum laßt Ihr Euch das Geld a b n e h m e n?" erkviderte der Polizeiwachtincister, „n e h m t ihnen lieber m i t Gewalt den Branntwein ab! Die Monopolläden kann ich Ihnen nicht aufmachen, denn wenn Ihr getrunken habt, dann Iverden die Jude» und wir Polizisten es zu spüren bekommen." Ta der Deputierte nicht nachgab und die Menge ihn durch Zurufe energisch unterstützte, versprach ihnen der Polizeiwachtmeister, die Erlaubnis voni Polizeichef zu erbitten, und die Menge iing an, sich ruhig zu zerstreuen. In diesem Augenblicke passierte ein Jude mit einem zehnjährigen Knaben die Straße. Tie Menge stürzte ihm sofort nach und als der Jude Hinsiel, wurde er unbarmherzig geschlagen. Ich war Augenzeuge noch mehrerer solcher Fälle, wo einzelne jüdische Passanten in gleicher Weise überfallen wurden, wobei die Polizisten teilnahmslose Zuschauer bildeten. Tie judenfeindliche Stimmung wuchs niit elementarer Gewalt. Um 4 Uhr Nachmittags waren die Judenexzesse auf der Fasarnajastraße in vollem Gange. Es wurde geplündert, geraubt. Juden wurden halb zu Tode geschlagen, und umsonst erscholl der herzzerreißende Hilfeschrei der Opfer — die Polizei war nirgends zu erblicken. Erst auf der dritten Straße stieß ich auf einen Schutzmann und einen Kosaken; sie lasen ruhig Depeschen und sahen so aus, als ob in der Stadt der tiefste Frieden herrschte. . . . Etwas weiter waren zwei Reihen von Kosaken aufgestellt, mit dem Rücken gegen die Plünderer, die ruhig ihr Zerstörungswerk fortsetzten; offenbar hatte man den Plünderern Schutz vor der eventuellen Einmischung der Selbstwehr gewähren wollen. Nur spät Abends, als die ganze Straße bereits verwüstet dalag, als die durch ihre Greueltatcn trunken gewordene Menge kein Zerstörungsobjekt mehr unter der Hand hatte und alsderPolizeichef durch einen Stein am Kopf schwer verletzt wurde, hatten die Kosaken die Plünderer auseiiianderzutreiben begonnen." Italien. — r. Rom. In der jetzt aufgelösten italienischen Kammer saßen 10 jüdische Abgeordnete und zwar: Barzilai (5. röm. Bezirk), Franchetti (Citta di Castello), Ludwig Luzzati (Abano), Arthur Luzzatto (Moutevarchi), Richard Luzzatto (S. Daniele), Melli (Cornacchio), M o r p u r g o (Friaulische Städte), Romanin- I a c u r (Piave), Sotaiii (Scansano) und Wollemborg (Cittadella). In Modena wird gegenwärtig das affe Ghetto niedergerissen, da der ganze betreffende Stadtteil assaniert wird. Aus diesem Anlaß wurde eine neue Synagoge gebaut, die mit der Front in die Hauptstraße Via Principale zeigt und, wie die dortige» Blätter berichten, eine neue Zierde der Stadt bedeutet. In Neapel langten am 14. v. M. 270 jüdische Auswanderer aus Rußland per Schiff an. Sie kamen von Triest und benutzten die „U n i o n e a u st r i a c a di n a v i g a z i o n e". Sie hielten sich kurze Zeit in Neapel auf und wurden durch Fürsorge des Neapolitanischen Rabbiners rituell verpflegt. Auf der Weltausstellung zu St. Louis wurde dem Minister Luzzati der Grand Prix für Nationalökonomie verliehen. Aus Anlaß der Geburt des italienischen Thronfolgers spendete in Venedig unser GlaubensgenosfeBaronAlbertTrevesde'Bonfili 2500 Lire für barmherzige Werke und 500 Lire, für die jüdische» Armen Venedigs. Rumänien. (Bl. Wchschft.) Jaffy. Der Besuch der königlichen Familie hat auch die j ü d i s ch e B e v ö l k e r u n g in Atem gehalten. Leider wurde k e i u c j ü d i f ch e I »-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.